Siedlungen im Emsland

Dr. Helmut Lensing

Doch dann setzte im Emsland ebenfalls die Siedlung ein. Insbesondere schuf die Siedlungsgenossenschaft neue Bauernhöfe im nördlichen Emsland, wie der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen ist. 1930 entfielen von den 199 Neusiedlerstellen im Emsland auf den

Kreis Aschendorf                   83

Kreis Meppen                         59

Kreis Hümmling                     46

Kreis Grafschaft Bentheim    6

Kreis Lingen                          5.

In der Grafschaft Bentheim sollten zwar weitaus mehr Siedlerstellen geschaffen werden, doch wehrten sich hier die Grundbesitzer mit Hilfe der DVP und der DNVP mit aller Macht gegen eine Enteignung oder auch nur den erzwungenen Verkauf von Ödland, das freiwillig niemand hergeben wollte[i].

Tab. 5: Ankauf und Besiedlung von Ödlandflächen durch die Siedlungsgenossenschaft Emsland bis Ende 1930[ii]

 

Größe in ha Kulturland in ha Ödland

in ha

Siedler Neubauten
Lohe, Meppen 86 86 8 8
Apeldorn 92 92 8 8
Andrup 20 20 2 2
Lehrte 12 12 1 1
Bramsche 12 12 *
Dalum 136 136 9 9
Kl. Berßen 42 42 4 4
Lähden 14 14 1 1
Verßen 64 64 5 5
Bawinkel 43 43 4 4
Bookholt 46 46 4 4
Gr. Berßen 349 6 343 30 30
Kathen 135 2 133 10 10
Lastrup 71 10 61 6 6
Eisten 24 1 23 2 2
Wehm 27 10 17 2 2
Altharen 73 73 7 7
Bimolten 23 23 3 3
Bramhar, Meppen 14 14 2 2
Bückelte 22 22 2 2
Hüven 13 13 1 1
Lotten 31 31 3 3
Tinnen-Emmeln 470 470 35 35
Kluse 487 2 485 38 38
Sandheim, Meppen 125 105 20 10 9
Gersten 8 1 7 1 1
Schwefingen 17 17 2 2
Gesamt 2456 137 2319 199 197**

* Anliegerstelle. ** In Bramsche und Sandheim war jeweils schon ein Gebäude vorhanden.

Trotz aller Klarstellungen und diesbezüglichen Veröffentlichungen warfen die Verpächter dem VCH und der Siedlungsgenossenschaft unverdrossen vor, sie würden sich dafür einsetzen, ihr Land entschädigungslos enteignen zu lassen. Dem trat Heinrich Kuhr Anfang 1929 in der Presse mit folgenden Zeilen öffentlich entgegen:

Als ich im Dezember 1919 zum erstenmale im Reichsarbeitsministerium mit dem Referenten des Herrn Reichsarbeitsministers (Sozialdemokrat) eine Besprechung über die kommende Pachtschutzordnung hatte, wurde mir die Frage vorgelegt: „Ob wir nicht eine Bewegung einleiten wollten, die darauf hinauslief, das Heuerlingsverhältnis in ein Eigentumsverhältnis auf dem Wege der Enteignung zu überführen“. Diese unvermutete Frage ließ mich nach einigen Augenblicken Bedenken mit einem absoluten Nein antworten. Zur Begründung habe ich damals ausgeführt, daß ich es allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht vertreten werden könne, generell alle Heuern auf diesem Wege in Eigentum zu überführen, da die zum größten Teil parzellierten und viel zu kleinen Heuerstellen keine angemessene Existenzbasis darstellten, um allein aus dem Ertrage dieser Stellen eine Familie ernähren zu können. Des weiteren wies ich darauf hin, daß nach der Reichsverfassung eine Enteignung nur gegen Entschädigung in Frage käme. Es wäre aber nicht vertretbar, aus einem Heuermann einen Schuldner des Verpächters zu machen[iii].

[i] Siehe beispielhaft den Kampf in Bookholt, wo 1000 Morgen Ödland enteignet werden sollten (ZuA Nr. 15 vom 18.01.1929, ZuA Nr. 224 vom 23.09.1929 oder Bentheimer Zeitung (weiterhin BZ) Nr. 116 vom 18.05.1928 mit einem beigebundenen Flugblatt der DVP gegen die Siedlungsgenossenschaft „Emsland“).

[ii] Geschäftsbericht der Siedlungsgenossenschaft „Emsland“, Lingen, bis zum 31. Dezember 1930, in: LVB Nr. 181 vom 11.08.1931.

[iii] Kuhr, Untergang.

Siedlungen im Osten

Doch bis endlich die ersten konkreten Siedlungsmaßnahmen im Emsland in Angriff genommen werden konnten, verging Zeit – zuviel Zeit für die landhungrigen Heuerleute. So vermittelte die Dachorganisation der Kleinbauernverbände, der „Reichsverband landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe“, alsbald Siedlungen im Osten, wo Güter aufgekauft wurden. In Giesenbrügge im Kreis Soldin in Ostbrandenburg siedelten 18 Familien aus dem Kirchspiel Lengerich, sieben aus dem Kirchspiel Bawinkel und fünf aus dem Kirchspiel Herzlake. Weitere Heuerleute aus dem Emsland ließen sich im unweit gelegenen Schönow im hinterpommerschen Kreis Pyritz und im nahe liegenden Hohengrape im Kreis Soldin/Neumark nieder. Einzelne Familien gingen nach Tempelhof oder nach Mecklenburg. Infolge des großen Kinderreichtums der Heuerleute waren es ansehnliche Gruppen, die damit das Emsland verließen. So fuhren am 2. Oktober 1929 aus dem Raum Lengerich vom Bahnhof Freren aus 80 Menschen nach Schönow. Die Ostsiedler bekamen Höfe von 15 bis 16 Hektar, wobei der Boden weitaus besser war als im Emsland. Die Neusiedler unternahmen sogleich beträchtliche Anstrengungen, um für eine Kirche und seelsorgliche Betreuung zu sorgen, denn Katholiken waren – mit Ausnahme von polnischen Saisonarbeitern – in der neuen Heimat unbekannt. 1945/46 mussten die ehemaligen Heuerleute die nun polnisch gewordenen Gebiete verlassen. Als sogenannte Rückwanderer fanden bis 1953 im Bourtanger Moor, etwa in der Bauerschaft Sustrumer Moor, 56 Familien neue Siedlerstellen[i].

[i] Siehe dazu ausführlich: Josef Grave, Heuerleute – West-Ostsiedler – Rückwanderer. Auf den Spuren emsländischer Familien in Hinterpommern und Ostbrandenburg, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 41/1995, Sögel 1994, S. 330-342, sowie zu der Auswanderung in der Presse: LVB Nr. 244 vom 19.10.1929 (aus Wettrup gehen zehn Heuerlingsfamilien nach Pommern, eine Familie siedelt in Handrup, zwei in Oldenburg und drei Heuerleute haben im Ort einen Hof bekommen), LVB Nr. 250 vom 26.10.1929 (Lengericher VCH-Vorsitzender Gräber wandert nach Pommern aus), FVB Nr. 19 vom 12.02.1930 oder FVB Nr. 87 vom 20.07.1932.

Siedlertagung 1926

Am 28. Oktober 1926 veranstaltete der „Verein Christlicher Heuerleute“ in Lingen eine große Siedlertagung, auf der Josef Hagemann, ein Vertreter der Landtagsfraktion der siedlungsfreundlichen linksliberalen „Deutschen Demokratischen Partei“ und der Geschäftsführer des „Reichsverbandes landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe“, Kulturingenieur Heinrich Lübke, sprachen. Die mit rund 2000 Menschen stark besuchte Versammlung beschloss, entweder selbst eine Siedlungsgenossenschaft zu gründen oder sich einer bestehenden anzuschließen[i]. Schon wenig später machte der „Verein Christlicher Heuerleute“ Nägel mit Köpfen, da eine geeignete Gesellschaft nicht zur Verfügung stand. Auf einer Generalversammlung am 9. Dezember 1926 in Lingen gründete der VCH die „Siedlungsgenossenschaft Emsland“ mit Sitz in der Emsstadt. Vorsitzender wurde der VCH-Leiter Heinrich Kuhr. In den Vorstand wurde wegen seiner Verdienste um die Siedlung auch der Zentrumspolitiker Josef Hagemann gewählt[ii]. Heinrich Kuhr berichtete über den Beginn der Tätigkeit: „Mit 20.000,- Mark Darlehen wurden die ersten Flächen in Lohe, Kreis Meppen, angekauft. Unter ihrem nimmermüden Geschäftsführer Dr. Schulte gelang es der Genossenschaft, bis 1933 = 261 Bauern anzusetzen[iii]. Mit Dr. Schulte war ihr Geschäftsführer Georg Schulte gemeint, der nach dem Zweiten Weltkrieg Leiter der Lingener Zweigstelle der „Hannoverschen Siedlungsgesellschaft“ wurde.

[i] LVB Nr. 125 vom 25.10.1926, LT vom 03.11.1926, KVB Nr. 128 vom 03.11.1926.

[ii] LT vom 14.12.1926, Haverkamp (wie Anm. 2), S. 93.

[iii] Kuhr (wie Anm. 4), S. 69. Zu Schulte: Haverkamp (wie Anm. 2), S. 93.

Die Siedlungsanstrengungen

Dr. Helmut Lensing

Ab 1925 rückte der Kampf um den Pachtschutz, der immer nur befristet galt, in der öffentlichen Tätigkeit des VCH etwas in den Hintergrund. Nun konzentrierte sich die politische Arbeit des Verbands auf die Förderung der Siedlung. Der Landhunger der Heuerleute und ihr Wille, durch die Siedlung als selbstständige Landwirte finanziell und sozial aufzusteigen, war groß. Auch Heinrich Kuhr hatte 1923 seine Heuerstelle in Bramhar verlassen und im Bienerfeld gesiedelt. Das emsländische Zentrum, das die Brisanz dieser Frage erkannt hatte, lud deshalb für den 26. Mai 1926 zu einer Sitzung des Vorstands der „Zentrumsvereinigung Emsland“ mit Repräsentanten der Bauern, Pächter und Heuerleute ein. Anwesend waren außerdem Zentrumsabgeordnete, so der Landtagsabgeordnete Josef Hagemann als Mitglied des landwirtschaftlichen Ausschusses. Dieser berichtete über seine Bemühungen zur Emslandkultivierung und über die Arbeit der dazu eingesetzten „Deutschen Ödlandkultivierungsgesellschaft“ (Dökult). Die Partei versuchte, zwischen den Kontrahenten zu vermitteln. Einerseits unterstützte sie die Kultivierungsforderungen der Heuerlinge, da angesichts der riesigen Brachflächen im Emsland die Eigentümer den Aufwand nicht allein tragen könnten, dies also eine staatliche Aufgabe sei. Andererseits setzte sie sich aber auch für die finanzielle Unterstützung der bäuerlichen „Siedlung vom Hofe“ ein, bei der die Eigentümer Ödlandflächen zur Hoferweiterung bzw. zur Siedlung für nachgeborene Kinder schaffen wollten. Allerdings sollten staatliche Kultivierungsarbeiten nur nach einer Verständigung mit den bäuerlichen Eigentümern erfolgen[i]. So beschäftigte sich auch der Arbeitsminister Dr. Heinrich Brauns auf dem 2. emsländischen Zentrumsparteitag im Oktober 1926 in Lingen, bei dem die Landwirtschaftspolitik im Mittelpunkt stand, mit der Siedlungsfrage. Der VCH hatte deshalb seine Mitglieder, soweit sie Zentrumsanhänger waren, eigens zu einer Teilnahme aufgerufen, da Brauns einer der eifrigsten Förderer der Siedlung sei[ii]. Die regionale Presse berichtete nun verstärkt über Siedlungsfragen und Aktivitäten der Zentrumspartei zur Erleichterung der Ödlandkultivierung in der Region, so beispielsweise im November 1926 über einen parlamentarischen Vorstoß zur Melioration in Wietmarschen entlang des Süd-Nord-Kanals oder von einem Urantrag der Partei zur planmäßigen Besiedlung der Emslandmoore[iii].

[i] LVB Nr. 63 vom 01.06.1926, KVB Nr. 63 vom 03.06.1926. Die Generalversammlung des EBV forderte 1926, für jede Mark, die die Dökult zur Ödlandkultivierung vom Staat bekäme, müssten im Gegenzug die Bauern ebenfalls eine Mark für die Siedlung vom Hofe erhalten (Herzlake-Holter Zeitung, Haselünne, Nr. 44 vom 02.06.1926).

[ii] LVB Nr. 122 vom 19.10.1926, LVB Nr. 126 vom 28.10.1926.

[iii] LVB Nr. 132 vom 11.11.1926, LVB Nr. 130 vom 06.11.1926, LVB Nr. 131 vom 09.11.1926, LVB Nr. 136 vom 20.11.1926 , LVB Nr. 143 vom 07.12.1926 oder LVB Nr. 148 vom 18.12.1926.

Grandioser Erfolg 1924

Nach diesem grandiosen Erfolg im Emsland machte sich die CSVG daran, ihre Organisation in der Region zu festigen. Im Juni 1924 fand in Lingen ein Delegiertentag der „Christlich-Sozialen Volksgemeinschaft“ für den Wahlkreis Weser-Ems statt. Es nahmen ca. 120 Delegierte teil. Spitzenkandidat Elberg hob den großen Gewinn trotz der geringen Anzahl von Parteirednern und des scharfen Kampfs des Zentrums und der Presse gegen die Christlich-Sozialen hervor. Im Wahlkreis habe die Partei ca. 130 kommunale Mandate errungen, im Emsland sei sie die zweitstärkste Partei geworden. Im neu konstituierten Wahlkreisvorstand engagierten sich führende Vertreter des VCH. So wurde der Heuermann Bernhard Voß aus Hebeln bei Haren zum 2. Wahlkreisvorsitzenden gewählt, der VCH-Rechnungsführer Franz Speller zum 2. Kassierer der Partei. Als Beisitzer fungierten u.a. der Heuermann Dulle aus Dohren und VCH-Geschäftsführer Josef Deters[i].

Dies zwang die Zentrumspartei zum Handeln. Was genau geschah, ist mangels Quellen unklar. Allerdings scheint es zu einer Verständigung zwischen emsländischer Zentrumsführung und dem VCH gekommen zu sein. Der Inhalt der Vereinbarung sah wohl folgendermaßen aus: Der VCH verzichtete darauf, weiterhin die CSVG oder eine andere Partei organisatorisch, finanziell oder ideell zu unterstützen. Im Gegenzug sicherte die Zentrumspartei zu, sich verstärkt für die Ödlandkultivierung und die Belange der Heuerleute einzusetzen und einem VCH-Vertreter ein parlamentarisches Mandat zu verschaffen. Ein derartiges Arrangement war für den Heuerleuteverband weitaus attraktiver als eine nochmalige Unterstützung der CSVG, deren Chancen auf Reichs- und Landtagsmandate gering waren. Das Zentrum war demgegenüber eine einflussreiche, stabile Partei mit Regierungsverantwortung im Reich und in Preußen. Erahnen lässt sich dieser Kompromiss aus dem Dank des Reichstagsabgeordneten Dr. Heinrich Brauns an seine Wähler im Emsland zur Reichstagswahl vom Dezember 1924, die einen massiven Rückgang der CSVG-Stimmen in der Region brachte. Auf Wahlkreisebene sank die CSVG von 2,8% auf 0,8%. Die katholischen Heuerleute waren in großer Zahl wieder zum Zentrum zurückgekehrt. In seinem Dankschreiben wandte sich der Reichstagsabgeordnete Dr. Heinrich Brauns ausdrücklich an die Heuerleute, die im Mai dem Zentrum dem Rücken gekehrt hatten: „Ein besonderes Wort des Dankes gebührt in diesem Zusammenhang den tausenden von Heuerleuten, die bei dieser Wahl wieder zur Zentrumspartei zurückgekehrt sind. Dessen wird sich nicht bloß die Zentrumspartei des Wahlkreises Weser-Ems freuen, auch die Zentrumsfraktion des ganzen Reiches wird diese Tat der Heuerleute dankbarst anerkennen. Wir glauben, daß die von der christlich-sozialen Volksgemeinschaft zur Zentrumspartei zurückgekehrten Heuerleute schon ihrer ganzen religiösen Einstellung nach zur Zentrumspartei gehören. Sie können aber versichert sein, daß auch ihre wirtschaftlichen Interessen, genau wie die der übrigen Erwerbsstände und Gruppen, bei der Zentrumspartei gerechte Würdigung finden werden und daß auch diese wirtschaftlichen Interessen bei einer großen Partei besser geborgen sind, wie bei einer Splitterpartei, die im Reichstag keine Bedeutung hat[ii].

 

Seitdem unterstützte der „Verein Christlicher Heuerleute“ die Zentrumspartei und mischte sich mit Nachdruck in deren innerparteiliche Diskussion ein, um seine Auffassungen durchzusetzen. Anfang März 1925 etwa beschäftigten sich VCH-Versammlungen in Haselünne und Holte mit dem Thema „Zentrum und Pachtschutz im preußischen Landtag“. Dabei verabschiedeten die Heuerleute eine Resolution, in der sie sich gegen den von Franz von Papen gewünschten Rechtsruck der Partei aussprachen und seinen Ausschluss aus der Partei forderten, da er auf sozialem und wirtschaftspolitischem Gebiet nicht mehr auf dem Boden der Zentrumspartei stehe[iii]. Ebenso meldeten sich die Verbandsvertreter bei emsländischen Zentrumsparteitagen oder ähnlichen Gelegenheiten zu Wort.

Zur Provinziallandtagswahl und den Kreistagswahlen vom November 1925 wurde der „Verein Christlicher Heuerleute“ wiederum aktiv. Bei den Kreistagswahlen trat er in mehreren Kreisen mit eigenen Listen an. Zur Provinziallandtagswahl unterstützte er die Zentrumspartei, die dem Verbandsvorsitzenden Heinrich Kuhr einen sicheren Listenplatz eingeräumt hatte. Kuhr hatte sich im Gegensatz zu Deters nicht in der CSVG engagiert, so dass er unbelastet dieses Angebot annehmen konnte. Er war 1921 auf der Zentrumsliste in den Lingener Kreistag gewählt worden, hatte aber auf Parteiversammlungen immer wieder die Ausführungen verschiedener Reichstagsabgeordneter seiner Partei zur Siedlung kritisiert[iv]. Kuhr wurde gewählt und trat seitdem als Zentrumswahlredner in den nachfolgenden Wahlkämpfen auf[v]. Überdies rückte er in den Vorstand der „Zentrumsvereinigung Emsland“ und 1930 in die Landesleitung der preußischen Zentrumspartei ein. Seit 1928 betätigte sich der Heuerlingsvertreter überdies im Reichsvorstand des „Volksvereins für das katholische Deutschland“. Überall konnte er großen Einfluss für die Belange der Heuerleute ausüben.

Um die Interessen der Kleinlandwirte besser politisch durchsetzen zu können, schufen 1927 u.a. der „Reichsverband landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe“, der „Deutsche Bauernbund“, der im Bentheimer Land aktiv war, und der mitgliederstarke „Bayerische Bauernbund“, eine Dachorganisation mit dem Namen „Deutsche Bauernschaft“. Die neue Organisation umfasste 17 relativ selbstständige Verbände mit rund 100.000 Mitgliedern. Im sechsköpfigen Vorstand vertrat Heinrich Kuhr den emsländischen Heuerlingsverband. Im Gegensatz zum weit mitgliederstärkeren Reichslandbund bekannte sich die „Deutsche Bauernschaft“ zur Republik von Weimar[vi].

 

 

[i] VG Nr. 60 vom 18.06.1924.

[ii] KVB Nr. 99 vom 13.12.1924.

[iii] LT vom 06.03.1925.

[iv] Siehe: LVB Nr. 16 vom 23.02.1921, LVB Nr. 26 vom 31.03.1923, LVB Nr. 35 vom 30.04.1924.

[v] LVB Nr. 142 vom 03.12.1925, siehe auch: LVB Nr. 52 vom 01.05.1928, EZ Nr. 273 vom 23.11.1928, LVB Nr. 173 vom 23.11.1928 (Teilnahme am Kölner Reichsparteitag des Zentrums).

[vi] Werner Fritsch, Deutsche Bauernschaft (DBs) 1927-1933, in: Dieter Fricke (Hrsg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland 1789-1945, Bd. 1, Leipzig/Köln 1983 (weiterhin Fricke), 570-573 (weiterhin Fritsch), S. 570-571.

Konflikt eskaliert

1924 eskalierte der Konflikt zwischen Bauern und Heuerleuten. Die Heuerlinge drangen mit Macht auf eine Freigabe der Ödländereien zu Siedlungszwecken und einem entsprechenden Einsatz des Staates. Die Bauern – und hier vornehmlich der Verpächterverband – bekämpften diese Forderung mit Nachdruck. Nachdem die Heuerleute 1921 bei der Provinziallandtagswahl dem Zentrum bereits empfindliche Verluste beigebracht hatten, sorgte die Parteiführung zur Reichstagswahl vom Mai 1924 für die Nominierung des Arbeitsministers Dr. Heinrich Brauns (1868-1939) auf die vakante Spitzenkandidatur im Wahlkreis Weser-Ems. Der Geistliche hatte lange Jahre den „Volksverein für das katholische Deutschland“ geleitet, der im Emsland bereits im Kaiserreich stark verankert gewesen war. Als Vorsitzender des Volksvereins lernte Brauns die Region und ihre Probleme bei Besuchen emsländischer Ortsgruppen kennen. Zahlreiche Bauern lehnten die Kandidatur des Sozialpolitikers, unterstützt von der DNVP, ab, da er – so die Osnabrücker Ausgabe des hannoverschen DNVP-Parteiblatts „Niederdeutsche Zeitung“ – gegen den Willen der örtlichen Partei auf Diktat der Reichsleitung aufgestellt worden sei, ganz einseitig auf seiten der Heuerleute und Pächter stehe und die Ödlandenteignung unterstütze[i]. Weiterhin wurde Brauns, der wegweisende Sozialreformen auch für die Knechte und Mägde durchsetzte, als nicht wählbar für die Landwirte bezeichnet[ii].

Weitere Unzufriedenheit

Trotzdem – die Heuerleute waren unzufrieden mit ihrer Lage und sahen ihren Wunsch nach Siedlung durch die Ödlandkultivierung allein durch einen neuen Zentrumskandidaten nicht genügend unterstützt. Daraufhin fasste ihr Verband einen folgenschweren Beschluss. Der Vorstand entschied, zur anstehenden Reichstagswahl eine Linksabsplitterung der Zentrumspartei zu unterstützten, die sich in Westfalen und im Ruhrgebiet gebildet hatte. Diese „Christlich-Soziale Volksgemeinschaft“ (CSVG) trat zur Reichstagswahl von 1924 in zehn Wahlkreisen an, darunter auch im Wahlkreis Weser-Ems. Die emsländische Zentrumsabsplitterung von 1920, die „Christlich-Soziale Volkspartei“, die 1921 zwei Mandate für christliche Gewerkschafter im Lingener Kreistag errungen hatte, schloss sich dieser neuen Partei an.

Josef Deters, bekanntlich schon Provinziallandtagsmitglied, wurde auf Platz 2 der Wahlkreisliste Weser-Ems der CSVG nominiert. Spitzenkandidat war der aus Lingen stammende und in Hannover wohnende Ingenieur Hans Elberg[iii]. Die regionale Presse berichtete wenig von der Partei. Allerdings veröffentlichte sie regelmäßig Artikel, dass regionale Zentrumsführer, insbesondere Dr. Stuke, der viel Sympathie für die Anliegen der Heuerleute zeigte, bei Aussprachen in den emsländischen Dörfern zahlreiche Heuerleute und Unzufriedene wieder zur Partei zurückgeführt hätten oder dass in anderen Regionen CSVG-Gruppen zum Zentrum zurückgekehrt seien[iv]. Obwohl die CSVG keinerlei Presseunterstützung im Emsland erhielt und auch noch keine Organisationsstruktur aufgebaut hatte, wurde sie dennoch zweitstärkste Partei des Emslands und zog in vielen Kommunalparlamenten ein. Während in Meppen und Lingen christliche Gewerkschafter die Partei trugen, sorgte der VCH auf dem Lande für eine Propagierung der Christlich-Sozialen.

 

Tab. 3: Die regionalen Wahlergebnisse der Christlich-Sozialen Volksgemeinschaft im Mai 1924[v]

 

 

Gebiet Aschendorf Hümmling Lingen Meppen Bentheim
CSVG 1152 1375 3830 3429 1041
in Prozent 9,8% 13,0% 19,2% 25,0% 5,5%

 

Gebiet Bersenbrück Emsland* Weser-Ems
CSVG 1289 9786 18.190
in Prozent 4,9% 17,5% 2,8%

*ohne Grafschaft Bentheim

 

Das Zentrum war im Emsland von den 83,2%, die es 1920 erzielt hatte, auf 68,0% zurückgefallen. Die Hauptmasse der Verluste ging an die CSVG, doch hatten die großbäuerliche DNVP sowie die gegen Preußen kämpfende „Deutsch-Hannoversche Partei“ ihm gleichfalls Wähler abspenstig gemacht. Die CSVG drängte in nicht wenigen emsländischen Dörfern sogar die Zentrumspartei zum ersten Mal in ihrer Geschichte unter 50%. In einigen Orten votierte mehr als die Hälfte aller Urnengänger für die Partei der organisierten Heuerleute.

 

Tab. 4: Die emsländischen Hochburgen der Christlich-Sozialen Volkgemeinschaft[vi]

CSVG                        Zentrum

Groß Dohren                          62,9%             26,5%

Flechum                                 58,1%             35,8%

Bramhar/Meppen                   54,0%             46,0%

Gersten                                   53,4%             25,0%

Lähden                                   51,9%             45,5%

Andervenne-Oberdorf           51,2%             31,8%

 

Selbst in einigen protestantischen Grafschafter Gemeinden errang die linkskatholische Partei aufgrund des Einsatzes des Heuerleuteverbandes bedeutende Stimmenzahlen. Die Hochburg der CSVG im Bentheimer Land war das protestantische Georgsdorf (53,1%), wo viele fürstliche Heuerleute wohnten, gefolgt von Bimolten, dem Wohnort des Grafschafter VCH-Kreisvorsitzenden Schnieders. Mit 45,8% wurde sie hier ebenfalls stärkste Partei. Beachtliche Resultate erzielte die CSVG ferner in der Alten Piccardie (24,5%), in Brandlecht-Gut (26,7%), Frenswegen (26,9%), Hestrup (23,3%), Hohenkörben-Veldhausen (29,6%) und im katholischen Wietmarschen (27,2%)[vii]. Im Westen des Kreises Bersenbrück, in dem viele katholische Heuerleute lebten, konnte die CSVG dem Zentrum ebenfalls empfindliche Verluste zufügen, so in Grafeld (Zentrum 48,2%, CSVG 43,3%), Hollenstede (CSVG 49,5%, Zentrum 40,1%) oder Höckel (CSVG 50,5%, Zentrum 37,0%). Wie in der Grafschaft Bentheim reüssierte die Partei der Heuerleute gleichfalls in einigen wenigen evangelischen Ortschaften des Kreises Bersenbrück, beispielsweise in Ohrtermersch (50,7%)[viii]. In keinem Wahlkreis des Reiches entfielen jedoch die erforderlichen 60.000 Grundstimmen auf die Christlich-Sozialen, so dass sie mit ihren 124.451 Wählern keinen Reichstagsabgeordneten stellten, ihr Antreten das Zentrum jedoch zwei Mandate kostete.

[i] Niederdeutsche Zeitung. Ausgabe Osnabrück. Nationales Tageblatt für Nordwestdeutschland (weiterhin NDZ) Nr. 31 vom 24.04.1924. Brauns war als Arbeitsminister u.a. für die von den Bauern abgelehnte Pachtschutzordnung zuständig.

[ii] NDZ Nr. 26 vom 15.04.1924.

[iii] KVB Nr. 34 vom 30.04.1924. Siehe dazu auch: Die Volksgemeinschaft. Mitteilungsblatt der Christlich-Sozialen Volksgemeinschaft. Tageszeitung für Westfalen und Rheinland, Dortmund (weiterhin VG), Nr. 2 vom 03.04.1924. Deters kam zugleich auf Platz 7 der Wahlkreisliste in Osthannover (VG Nr. 17 vom 23.04.1924).

[iv] LVB Nr. 36 vom 03.05.1924 (hier: Einigung zwischen CSVG und Zentrum in Groß Hesepe, Christlich-Soziale in Höxter kehren zum Zentrum zurück).

[v] Eigene Berechnungen aus: Statistik des Deutschen Reichs Bd. 315,II, 2. Heft, 2. Teil, Berlin 1925, S. II.29 (weiterhin StDR Bd. 315) und Zeitungsberichten.

[vi] Eigene Berechnungen aus: LVB Nr. 37 vom 06.05.1924, Staatsarchiv Osnabrück (weiterhin StAOS) Rep 450 Mep I L.A. Meppen Nr. 7 und Rep 450 Bent I L.A. Bentheim Nr. 39 sowie Hamacher (wie Anm. 46), S. 172, für Lähden.

[vii] Eigene Berechnungen aus: StAOS Rep 450 Bent I L.A. Bentheim Nr. 39. Die Wahlerfolge der CSVG im Emsland waren weit bedeutender als in den bislang als ihre Hochburgen geltenden Städte im Ruhrgebiet und in Westfalen. So errang die CSVG im gesamten Ruhrgebiet 2,4%, wobei sie in Bottrop (9,4%), Osterfeld (9,0%) und Buer (7,0%) ihre besten Ergebnisse erzielte, also beträchtlich weniger als in einer Vielzahl emsländischer Dörfer. Selbst in den emsländischen Städten waren ihre Wahlresultate infolge der Unterstützung christlicher Gewerkschafter wesentlich besser. In Freren gewann die CSVG 21,8%, in Haselünne 17,4%, in Meppen 15,9%, in Lingen 13,2% und in Aschendorf 20,9%. Aufgrund der weit höheren Einwohnerzahlen verzeichnete die CSVG allerdings im Ruhrgebiet in absoluten Zahlen deutlich mehr Stimmen als im Emsland.

[viii] Bramscher Nachrichten Nr. 289 vom 08.12.1924 (mit Vergleich der Ergebnisse zur Maiwahl), zu dieser Wahl siehe auch: Bersenbrücker Zeitung Nr. 36 vom 06.05.1924. Zu den Wahlen im Kreis Bersenbrück: Norbert Wefer, Der Aufstieg der NSDAP im Kreise Bersenbrück. Wahlen und Analysen 1919-1933, Alfhausen-Thiene o.J., S. 61. Wefer kennt die CSVG und ihre Hintergründe nicht und bezeichnet sie darum unkorrekt als Vorläuferpartei des späteren streng evangelischen „Christlich-Sozialen Volksdienstes“ (S. 47). Das Gesamtergebnis der Partei ist in der Presse anscheinend nicht korrekt wiedergegeben, da sie für die CSVG 1390 Stimmen ausweist (= 5,2%), in der StDR Bd. 315 (wie Anm. 66), S. II.29, aber nur 1338 Voten für Splitterparteien genannt werden. Von diesen Stimmen müssen noch die 49 Stimmen für Kleinparteien, die diese laut Presse erhalten haben, abgezogen werden, so dass die CSVG wohl lediglich auf 1289 Wähler kommt.

Erfolge desVerbandes

Über die Erfolge des Verbandes und geänderte gesetzliche Bestimmungen informierten die Verbandsführer Josef Deters und Heinrich Kuhr darüber hinaus die Bevölkerung durch Zeitungsartikel[i]. Innerhalb des Zentrums setzte sich vor allem Josef Hagemann für die Belange der Heuerleute ein, die dessen Verdienste etwa um die Durchsetzung der Pachtschutzordnung durchaus anerkannten[ii]. In Anbetracht der vielfach baufälligen Wohngebäude der Heuerleute fand sich auf diesem Gebiet ebenfalls ein reiches Betätigungsfeld des Vereins. Zum einen drang er darauf, dass die bäuerlichen Verpächter ihren Pflichten zur Instandhaltung der Häuser nachkamen und prangerte dazu in der Öffentlichkeit besonders eklatante Missstände an[iii], zum anderen gründete der VCH – etwa in Freren – Hausbaugenossenschaften[iv]. Laut Johannes Drees besaß der VCH Ende 1923/Anfang 1924 rund 3000 Mitglieder[v], womit er im Emsland seinerzeit nach dem EBV die mitgliederstärkste wirtschaftspolitische Organisation gewesen ist.

[i] Siehe z.B. J. Deters, Die neue Pachtschutzordnung, in: LVB Nr. 52 vom 01.07.1922, oder H. Kuhr, Die Ödlandsiedlung, in: LVB Nr. 61 vom 02.08.1922.

[ii] FVB Nr. 38 vom 16.09.1922.

[iii] Siehe z.B. FVB Nr. 37 vom 27.03.1926.

[iv] FVB Nr. 16 vom 22.04.1923.

[v] Drees (wie Anm. 5), S. 121.

Heinrich Kuhr

Beitrag von Dr. Helmut Lensing

Heinrich Kuhr forderte noch 1929 eine zeitlich unbegrenzte Pachtschutzordnung u.a. deshalb, damit die Bauern ihren Heuerleuten nicht wegen deren kommunalpolitischen oder verbandlichen Engagements plötzlich die Heuer kündigen konnten. Dies war immer noch nötig, wie die Wahlen zur Landwirtschaftkammer vom Februar 1927 gezeigt hatten. Zwar vermochte der VCH seinen Vorsitzenden Kuhr durchzubringen, doch war die Stimmenzahl für den Heuerleutekandidaten erstaunlich gering. Die sozialdemokratische „Freie Presse“ aus Osnabrück begründete dies mit der Tatsache, dass sich die Heuerleute in der Region – nicht zuletzt aus wirtschaftlichem Druck – wenig an der Wahl beteiligt und z.T. sogar für die gegnerische EBV-Liste votiert hätten[i].

Die VCH-Vertreter engagierten sich in Berlin sehr für die Belange ihrer Mitglieder und bemühten sich, die betreffenden Behörden und Ministerien über die Verhältnisse in der Region und die Besonderheiten des nordwestdeutschen Heuerlingswesens aufzuklären. Das Reichsarbeitsministerium, das für die Pachtschutzordnung zuständig war, geriet deshalb besonders in die Schusslinie des Verpächterverbandes. So beklagte sich der Verpächterverbands-Vorsitzende Eduard zur Horst in einer Rede zur Geschichte des Pachtschutzgesetzes: „Mit der Revolution war die Macht in die Hände der Besitzlosen übergegangen und deren Tätigkeit richtete sich vornehmlich gegen Besitz und Eigentum. Naturgemäss suchte sie deshalb auch die Pächter und namentlich die Heuerleute zu sich hinüber zu ziehen, indem sie den Gegensatz zum Besitz in den Vordergrund stellte … Bei der Vorbereitung der Pachtschutzordnung haben unsere Gegner, die sich mittlerweile in den Heuerleute-Verbänden organisiert hatten, massgebend mitgewirkt. Ihre Führer, Helling und Deters, gingen im Reichsarbeitsministerium, das in der Angelegenheit federführend war, ein und aus“[ii]. Über seine Verhandlungen im Reichsarbeitsministerium sowie über seinen Auftritt als Sachverständiger vor dem Reichswirtschaftsrat erstattete Geschäftsführer Deters den Mitgliedern Bericht, so im Juni 1922 im Bentheimer Land auf einer VCH-Versammlung zum Pachtschutz[iii]. Daneben vergaß der Verband aber nicht den Einsatz für die ländlichen Dienstboten und „kleinen Leute“. So veranstaltete er etwa im Frühjahr 1922 in Lingen eine Versammlung mit einem bekannten Bodenreformer, um die Eigenheimbildung dieser Schichten voranzutreiben[iv]. Dabei sollte vor allem das Ödland am Stadtrand für die Siedlung freigegeben werden[v].

[i] Heinrich Kuhr, Ist das Heuerlingswesen dem Untergang geweiht II?, in: LVB Nr. 10 vom 12.01.1929 (weiterhin Kuhr, Untergang), Freie Presse, Osnabrück, Nr. 2126 vom 22.03.1927.

[ii] StALIN Dep 3 Haus Beversundern Nr. 120: Die Pachtschutzordnung. Vortrag des Verbandsvorsitzenden Ed. zur Horst, Epe (wohl von 1925).

[iii] ZuA Nr. 86 vom 09.06.1922.

[iv] LVB Nr. 20 vom 11.03.1922.

[v] LVB Nr. 26 vom 29.03.1922. Im folgenden Jahr lud der VCH mit anderen Verbänden den Bodenreformer Adolf Damaschke nach Lingen ein, nach dem schließlich eine Siedlung in der Emsstadt benannt wurde (LVB Nr. 86 vom 27.10.1923, LVB Nr. 88 vom 03.11.1923).

Ödlandsiedlung als Streitpunkt

Neben dem Pachtschutz wurde bald die Ödlandsiedlung der große Streitpunkt zwischen Heuerlingen und Landwirten. Die Heuerleute und Knechte wollten einen sozialen Aufstieg zum selbstständigen Landwirt durch die Siedlung auf den großen Ödländereien der Region erreichen. Da die Landwirte mit ihren bescheidenen Eigenmitteln die großflächige Urbarmachung nicht leisten konnten und folglich mit ihrem Projekt einer „Siedlung vom Hofe“, die von ihren Standesorganisationen favorisiert wurde, nur geringe Flächen zu kultivieren vermochten, forderten die Heuerleute den massiven Einsatz des Staates. Der Staat sollte großflächig Ödland urbar machen und dazu notfalls Landwirte gegen Entschädigung enteignen. Dagegen wehrten sie sich heftig. Um diese wie weitere Forderungen besser durchsetzen zu können, schlossen sich mehrere Heuerleute- und Kleinbauernorganisationen am 25. Juni 1922 in Hannover zum „Reichsverband landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe“ zusammen, darunter der VCH und sein Verbündeter, der „Nordwestdeutsche Heuerlings-Verband“. Zum Geschäftsführer bestimmte der neue Verband auf Vorschlag Heinrich Kuhrs den Kulturingenieur Heinrich Lübke (1894-1972)[i], den späteren Bundespräsidenten[ii].

 

Die zunehmenden Kündigungen von Heuerstellen beschäftigten sogar im Juli 1921 den Preußischen Landtag. Der SPD-Abgeordnete und Gewerkschaftssekretär Walter Bubert (1886-1950) aus Osnabrück zitierte in seiner Rede ein Schreiben des Verpächterverbandes an seine Mitglieder, in dem dazu aufgefordert wurde, die Pachtverhältnisse zu kündigen, um höhere Preise nehmen zu können. Dabei warf er dem Verpächterverband vor, nicht nur möglichst viel Geld und Arbeitsleistung von den Heuerleuten herauspressen, sondern vor allem „mißliebige Elemente“ aus dem Pachtvertrag herausdrängen zu wollen, vornehmlich also Aktivisten der Heuerleuteorganisationen. Insbesondere griff Bubert den Fürsten von Bentheim deswegen an[iii]. Ein Regierungsvertreter antwortete auf die SPD-Vorwürfe und behauptete, soweit bekannt seien Verpächtervereinigungen im Regierungsbezirk Osnabrück nicht gegründet worden. Ebenso lägen über Massenkündigungen von Heuerverträgen keine Erkenntnisse vor. Ministerialdirektor Articus wies darauf hin, dass Preußen die Pachtschutzordnung auch auf die Heuerverträge ausgedehnt habe und sie deshalb vor plötzlichen „Kündigungen und ungerechtfertigte(n) Erhöhungen ihrer Leistungen geschützt“ seien[iv]. Der regionale DVP-Abgeordnete Ernst Stendel (1879-1951), ein Jurist aus Leer, ging sogar noch weiter. Nachdem er den Fürsten von Bentheim als höchst sozialen Mann dargestellt hatte, der sehr geringe Pachtsätze nehme, erklärte er, die fürstlichen Pächter seien überhaupt keine Heuerleute, selbst wenn sie zum Forstdienst oder ähnlichen Leistungen verpflichtet seien. Dazu sei ihr Pachtland viel zu groß. Er verstieg sich sogar zu der unwidersprochenen Behauptung: „Sie können mit der Laterne suchen, wenn Sie Heuerlingsverhältnisse in der Ober- und Niedergrafschaft Bentheim finden wollen; soweit ich unterrichtet bin, kennt man dort das Heuerlingswesen nicht[v]. Dies illustriert, wie wenig bekannt das Heuerlingswesen und die Verhältnisse der Heuerleute außerhalb Nordwestdeutschlands waren, so dass widerspruchslos mit faustdicken Tatsachenverdrehungen gearbeitet werden konnte.

Heinrich Kuhr forderte noch 1929 eine zeitlich unbegrenzte Pachtschutzordnung u.a. deshalb, damit die Bauern ihren Heuerleuten nicht wegen deren kommunalpolitischen oder verbandlichen Engagements plötzlich die Heuer kündigen konnten. Dies war immer noch nötig, wie die Wahlen zur Landwirtschaftkammer vom Februar 1927 gezeigt hatten. Zwar vermochte der VCH seinen Vorsitzenden Kuhr durchzubringen, doch war die Stimmenzahl für den Heuerleutekandidaten erstaunlich gering. Die sozialdemokratische „Freie Presse“ aus Osnabrück begründete dies mit der Tatsache, dass sich die Heuerleute in der Region – nicht zuletzt aus wirtschaftlichem Druck – wenig an der Wahl beteiligt und z.T. sogar für die gegnerische EBV-Liste votiert hätten[vi].

 

Die VCH-Vertreter engagierten sich in Berlin sehr für die Belange ihrer Mitglieder und bemühten sich, die betreffenden Behörden und Ministerien über die Verhältnisse in der Region und die Besonderheiten des nordwestdeutschen Heuerlingswesens aufzuklären. Das Reichsarbeitsministerium, das für die Pachtschutzordnung zuständig war, geriet deshalb besonders in die Schusslinie des Verpächterverbandes. So beklagte sich der Verpächterverbands-Vorsitzende Eduard zur Horst in einer Rede zur Geschichte des Pachtschutzgesetzes: „Mit der Revolution war die Macht in die Hände der Besitzlosen übergegangen und deren Tätigkeit richtete sich vornehmlich gegen Besitz und Eigentum. Naturgemäss suchte sie deshalb auch die Pächter und namentlich die Heuerleute zu sich hinüber zu ziehen, indem sie den Gegensatz zum Besitz in den Vordergrund stellte … Bei der Vorbereitung der Pachtschutzordnung haben unsere Gegner, die sich mittlerweile in den Heuerleute-Verbänden organisiert hatten, massgebend mitgewirkt. Ihre Führer, Helling und Deters, gingen im Reichsarbeitsministerium, das in der Angelegenheit federführend war, ein und aus[vii]. Über seine Verhandlungen im Reichsarbeitsministerium sowie über seinen Auftritt als Sachverständiger vor dem Reichswirtschaftsrat erstattete Geschäftsführer Deters den Mitgliedern Bericht, so im Juni 1922 im Bentheimer Land auf einer VCH-Versammlung zum Pachtschutz[viii]. Daneben vergaß der Verband aber nicht den Einsatz für die ländlichen Dienstboten und „kleinen Leute“. So veranstaltete er etwa im Frühjahr 1922 in Lingen eine Versammlung mit einem bekannten Bodenreformer, um die Eigenheimbildung dieser Schichten voranzutreiben[ix]. Dabei sollte vor allem das Ödland am Stadtrand für die Siedlung freigegeben werden[x].

[i] Lingen´sches Wochenblatt Nr. 73 vom 27.06.1922.

[ii] Kuhr (wie Anm. 4), S. 68.

[iii] Stenographische Berichte der Verhandlungen des Preußischen Landtags. 1. Wahlperiode, 1. Tagung 1921. Bd. 2,2, Berlin 1921 (weiterhin Stenographische Berichte), S. 2308-2310.

[iv] Ebd., S. 2315.

[v] Ebd., S. 2379-2380. In seiner Replik betonte Bubert vornehmlich die große wirtschaftliche Not der Heuerleute und deren Abhängigkeit von den Landwirten (Ebd., S. 2379-2380).

[vi] Heinrich Kuhr, Ist das Heuerlingswesen dem Untergang geweiht II?, in: LVB Nr. 10 vom 12.01.1929 (weiterhin Kuhr, Untergang), Freie Presse, Osnabrück, Nr. 2126 vom 22.03.1927.

[vii] StALIN Dep 3 Haus Beversundern Nr. 120: Die Pachtschutzordnung. Vortrag des Verbandsvorsitzenden Ed. zur Horst, Epe (wohl von 1925).

[viii] ZuA Nr. 86 vom 09.06.1922.

[ix] LVB Nr. 20 vom 11.03.1922.

[x] LVB Nr. 26 vom 29.03.1922. Im folgenden Jahr lud der VCH mit anderen Verbänden den Bodenreformer Adolf Damaschke nach Lingen ein, nach dem schließlich eine Siedlung in der Emsstadt benannt wurde (LVB Nr. 86 vom 27.10.1923, LVB Nr. 88 vom 03.11.1923).

Die Inflationsjahre

Die Inflationsjahre und die nachfolgende Geldknappheit verschärften die ohnehin starken sozialen Spannungen zwischen Heuerleuten und Verpächtern, was sich etwa in einem Leserbrief eines Heuermanns 1924 deutlich zeigte. Zugleich wird hier auch ein weiterer gravierender Unterschied zwischen beiden Vereinigungen offensichtlich. Die Verpächterorganisation stand wie viele Bauernverbände der neuen demokratischen Republik von Weimar, die aus der Revolution gegen die alte Monarchie entstanden war, kritisch bis feindselig gegenüber, während der VCH die Weimarer Demokratie, die für die Heuerleute Freiheit, Wahlrecht und soziale Aufstiegschancen gebracht hatte, uneingeschränkt befürwortete. So schrieb der Heuermann gegen Behauptungen auf einer Versammlung des Verpächterverbandes in Meppen:

Zu Beginn des Artikels heißt es: Der Herr Redner referierte über die Folgen des im Sturme der Revolution zu Stande gekommenen Pachtschutzgesetzes. Dieses Gesetz mit seinen Folgen scheint wohl vielen Verpächtern ein Dorn im Auge zu sein. … Nach meiner Ansicht war beim Inkrafttreten dieses Gesetzes vom Sturme der Revolution nichts mehr zu merken. Seinerzeit, nach der neuen Reichsverfassung, wußte unsere Regierung es wohl, welche Gesetze im Interesse gewisser Volksschichten am notwendigsten waren. Ferner betonte Redner, daß das gute Verhältnis zwischen Bauern und Heuermann immer mehr schwinde. Da möchte ich mir die Frage erlauben, warum denn, ist auch hier wieder das Pachtschutzgesetz schuld? … Wegen des Pachtschutzgesetzes kann nach wie vor das gute Einvernehmen zwischen Verpächter und Pächter weiterbestehen. – Weiter heißt es: Infolge vieler Entscheidungen der Pachteinigungsämter kann fast kein Heuerhaus unterhalten und so hoch versichert werden, daß im Brandfalle an einen Wiederaufbau gedacht werden könne. Soll hier vielleicht die Vermutung nahe liegen, daß ein Heuermann eventuell in der Lage wäre, soviel Pacht aufzubringen, daß im Brandfalle ein neues Heuerhaus erbaut werden könne; dazu käme alsdann noch die Instandhaltung. Es wäre besser gewesen, der Herr Redner hätte diesen Punkt unberührt gelassen, denn vor dem Kriege ließ die Instandhaltung der Heuerhäuser sehr zu wünschen übrig, nämlich es ist schon vorgekommen, daß ein Heuermann bei Wind und Regen am Abend sich mit aufgespanntem Regenschirm zu Bett legen mußte, um seine Gesundheit nicht ganz auf dem Spiele zu setzen. – Um auf alle einzelnen Punkte des Artikels einzugehen, würde zu weit führen. Nur möchte ich die beiden Punkte: „Der Heuermann, als Inhaber einer Heuerstelle, ist Besitzer ohne Lasten“ und „früher kauften wohlhabende Heuerleute sich Grundbesitz zum Ansiedeln, wodurch die Heuerstelle frei wurde und jungen Leuten Gelegenheit gegeben war, eine Familie zu gründen“ noch berühren. Der Heuermannsstand kennt sicherlich seine fast unerschwinglichen Lasten. … Durchweg ist der Heuermann kinderreich und somit sind die Unterhaltungskosten für Familie und Haushalt sehr groß. Der Heuermann kann in der heutigen Zeit nie daran denken, irgend einen Grundbesitz zum Ansiedeln erwerben zu können. Nebenbei erwähnt, wird sich heute ein Bauer auch nicht bereit erklären, solchen Grund und Boden für eine Ansiedlungsstelle dem Heuermann zu angemessenen Preisen zu überlassen, auf welchem selbiger sein Leben in bescheidenen Verhältnissen fristen kann[i].

 

[i] HZ Nr. 18 vom 03.05.1924. Zu den Landstreitigkeiten zwischen den Heuerleuten und Bauern mit ihren Verbänden auf lokaler Ebene siehe als Beispiel: Josef Hamacher, Das Kirchspiel Holte und die Gemeinde Lähden. Stationen einer tausendjährigen Geschichte, in: Josef Hamacher u.a., Holte. Geschichte eines alten Kirchspiels. Lähden, Ahmsen, Herßum, Holte, Lähden, Lastrup, Vinnen. Hrsg. von der Gemeinde Lähden, Lähden 1995 (weiterhin Hamacher), 13-187, S. 168.