Die Heuerlingstypen

Durch die äußeren Rahmenbedingungen gestalteten sich die Heuerverhältnisse in den einzelnen Regionen unterschiedlich. Hans-Jürgen Seraphim attestiert dem Heuerlingswesen eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit, da es existentielle Krisen wie die Markenteilung und die Industrialisierung durch Anpassung erfolgreich bewältigt habe (S. 26). Dabei sei es innerhalb der Heuerlinge zu einer Ausdifferenzierung gekommen.

Seraphim teilte die Heuerlinge in vier Gruppen ein (S. 26-27, 144-145):

 Die Landarbeiterkleinheuerlinge

Dabei handelt es sich um Heuerlinge, die nur bis zu einem Hektar Land gepachtet haben, ohne Kuhhaltung und mit großer Arbeitsverpflichtung. Da sie viel Land hinzupachten müssen, sind sie bis zu vier Tage die Woche, teilweise sogar mehr, bei einem Bauern beschäftigt, so dass sie mehr als Landarbeiter denn als Heuerleute anzusehen sind. Sie waren hauptsächlich in Minden-Ravensberg und im Münsterland zu finden.

 

Die normalen Landarbeiterheuerlinge

Im Vergleich zur ersten Gruppe besitzen sie mehr Pachtland, nämlich bis zu drei Hektar, verfügen über eine Kuhhaltung und müssen in der Regel drei bis vier Tage die Woche beim Bauern arbeiten. Sie waren überall verbreitet mit Schwerpunkt Westfalen und Oldenburger Münsterland.

 

Die Pächterheuerlinge

Sie verfügen über drei bis zu über 10 Hektar Pachtland, halten Kühe und vielfach auch Pferde und haben höchstens an drei Tagen eine Arbeitsverpflichtung beim Bauern. Gerade diese Gruppe zeigt ein starkes Bestreben, ganz in den Pächterstand überzugehen. Pächterheuerlinge waren besonders im Münsterland, dem Emsland und stark auch im Oldenburger Münsterland vertreten.

Die Industrieheuerlinge

5 IndustrieheuerleuteDie Industrieheuerlinge haben meist nur ein geringes Pachtland und sind hauptberuflich im Bergbau, in der Industrie und im Handwerk tätig. Sie haben infolgedessen auch nur eine sehr geringe Arbeitspflicht beim Bauern. Hauptverbreitungsgebiet dieses Typus war das Minden-Ravensberger Land und der Osnabrücker Raum. Im Umfeld industrieller Zentren oder großer Firmen entwickelte sich dieser Heuerlingsform ebenfalls, so um Bramsche im Kreis Bersenbrück, um Steinfeld im Oldenburger Münsterland, um Ibbenbüren im Münsterland oder um Lingen mit seinem Eisenbahnausbesserungswerk.image (1)

 

 

 

 

Das Foto zeigt einen Industrieheuerling aus Ibbenbüren in der Zeche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Johannes Drees (1894-1944) aus Pye bei Osnabrück, Geschäftsführer des „Niedersächsischen Bauernvereins“ in Osnabrück, seit 1926 Generalsekretär des „Land- und Forstwirtschaftlichen Hauptvereins für das ehemalige Fürstentum Osnabrück“, bezeichnete schon 1924 die Heuerleute im Osnabrücker Umland zumeist als Industrieheuerlinge, die in Steinbrüchen, Kohlezechen, Webereien und Ziegeleien, der Eisenverhüttung und dem Straßenbau tätig waren. Mit dem dabei verdienten Geld verbesserten sie ihren Lebensunterhalt und kauften für ihr Pachtland Kunstdünger und besseres Viehfutter (S. 24-25). Aufgrund der hohen zeitlichen Beanspruchung dieser Arbeit mussten Ehefrauen und Kinder der Großteil der landwirtschaftlichen Arbeit erledigen. Allerdings war der Mann verpflichtet, bei der Ernte und zur Düngung der Felder beim Verpächter Arbeitshilfe zu leisten (S. 30). In der Industrie waren die Heuerleute gern gesehene Arbeiter, die harte Arbeit gewohnt waren und keine wilden Streiks mitmachen. Allerdings fielen sie zur Erntezeit fast vollständig aus (S. 131).

Die genaue Ausgestaltung des Heuerlingswesen war also in den einzelnen Teilgebieten der Untersuchungsregion höchst unterschiedlich. Dies galt gleichfalls für die Zahl der Heuerstellen, die mit einem Bauernhof verbunden waren. Bei letzterem spielten vornehmlich die Bodengüte und die Flächengröße des Hofes eine Rolle.