Pastor Plathner gab Auskünfte

Friedhoff Seite  3

Der angeschriebene Pastor Plathner benötigte einige Wochen, um die gewünschten Einkünfte einzuholen und antwortete schließlich am 12. Dezember 1834 auf die 12 Fragen des Amtes folgendes:

1) An welchem Tage, und in welchem Jahre ist die Unglückliche nach dem Kirchenbuche geboren?

Marie Catharine Louise Hagelmann, eheliche Tochter des Carl Friedrich Hagelmann und der Charlotte Catharine Scheiden, geboren 1800 den 22. May.

2) Welchen religiösen Unterricht hat sie genossen und wie hat sie sich in der Schule und nach der Confirmation betragen?

Die Hagelmann hat den religiösen Unterricht, der ihr damals in der Schule zu Förlingen und vom seeligen Herrn Pastor Kahler vor der Confirmation ertheilt ist, genossen und zwar so, daß sie die Heiligen Sacramente und mehrere Sprüche aus der Bibel, an welche ich sie erinnerte und die ich ihr zu Theil zu machen versuchte, ohne Umstand vorsprechen kann. Ihr Betragen in der Schule und auch nach der Confirmation ist gut, sittlich und anständig gewesen, bis sie von dem Schmied Daniel Ruß verführt wurde. Von diesem hat sie eine uneheliche Tochter, dieser wollte sie heyrathen; … [nur kam es nicht zu einer Heirat, weil er für eine Ehe zu schwach sei]189 … – wie er sagte; und heyrathete dann er eine andere Person, nachdem die Hagelmann und ihre Klage auf die Ehe auch … am 25. May 1833 abgewiesen war.

3) Hat sie schon in ihrer Jugend Anfälle von Schwermuth gehabt?

Früher hat sie, wie mir die Eltern sagten, nie Anfälle gehabt.

4) Wie sind die Verhältnisse mit ihren Eltern auch Geschwistern?

Sie sind gewiß ganz gut, wenn gemeint ist, ob sie unter einander in Frieden leben, ob sie sich gegenseitig beystehen, ob treuherzig und redlich gegen einander sind.

5) Weiß man die Ursache wodurch ihre Schwermuth erzeugt, oder ist sie urplötzlich ohne alle

Ursache entstanden?

Ihre Schwermuth ist – so hörte ich im August von den Geschwistern und von ihrer Mutter (der alte Vater ist fast ganz taub und ganz stumpf) – nach und nach seit vorigem Frühling entstanden. …[Vielleicht, ja wahrscheinlich sind die schmählichen Beschimpfungen, womit sie der genannte Ruß übergossen hat, und wogegen sie die Kosten der Klage zu tragen hatte, Schuld daran]190 … – seit etwa 10 Tagen ist sie wohl ruhig und still geworden, aber auch fast ganz verstandlos.

6) Wird die unglückliche Person gegenwärtig von ihren Eltern auch Geschwistern sanft behandelt

oder nicht?

Eltern und Geschwister behandeln sie so gut sie können.

oder 7) Sind die Eltern des Vermögens sie erforderlichen Falls in ihrem Hause zu unterhalten oder

nicht?

Der Vermögensumstand der alten Eltern ist schwach und dürftig, der eine Sohn, der auch bey den Eltern ist, sorgt als Schneider für den nothdürftigen Unterhalt.

8) Kann im letzten Falle die Armen-Casse zur Bestreitung der nicht unbedeutenden Kosten etwas

thun und wie viel?

Die hiesige Armenkasse kann vermuthlich für die Hagelmann nichts thun, weil der von mir gewünschte Ueberschuß nicht da ist, und zwar ohne meine Schuld.

9) Hat die Unglückliche Augenblicke wo sie sich vernünftig äußern kann oder ist ihr Zustand immer

ein Zustand des Tiefsinns?

Seit etwa 10 Tagen kennt die Unglückliche keinen Menschen, auch nicht ihre Eltern, Geschwister, auch nicht ihr eigenes Kind, sie scheint blödsinnig zu werden, wenn sie es noch nicht ist.

10) Ist zu befürchten daß sie in ihrer traurigen Lage ihren Eltern gefährlich wird?

Gefahr ist vorhanden und zu befürchten.

11) Ist sie eine kräftige Person, deren Aufbewahrung gewaltsame Mittel nothwendig macht?

Ihre Kräfte haben sehr abgenommen, weil sie seit Wochen selten und wenig Speise und Trank zu sich genommen – sie kann nicht mehr allein gehen, muß geleitet und getragen werden.

12) Gegen welche von ihren Eltern oder Geschwistern äußert sie die mehrste Folgsamkeit?

Sie läßt mit sich machen, was man will, weil sie keine Kräfte des Geistes auch des Leibes hat, zu widerstreben.

Gestützt auf Pastor Plathners Antworten sei das Wichtigste über Louise Hagelmanns Zustand hier noch einmal zusammen gefasst. Ihr Betragen als Mädchen in der Schule und als junge Frau nach der Konfirmation sei immer „gut, sittlich und anständig“ gewesen und sie habe auch die Heiligen Sakramente und die wichtigsten Sprüche aus der Bibel gelernt. Heute erscheint es uns nicht weiter erwähnenswert, wenn ein Mädchen immerhin die wichtigsten Dinge in der Schule gelernt hat, gehört es heute doch zum allgemein üblichen Standard einer schulischen Bildung. Doch zu jener Zeit erfüllte es den Pastor anscheinend mit einer gewissen Befriedigung, dass die junge Louise im Konfirmanden- Unterricht die wichtigsten Grundsätze der Religion immerhin im Gedächtnis behalten, ja vielleicht sogar verinnerlicht hatte.