Die besitzlose Landbevölkerung im deutschsprachigen Raum

Ein Anschlussprojekt zum  Buch Wenn der Bauer pfeift, müssen die Heuerleute kommen!

mit dem angedachten  (zunächst vorläufigen) Titel:

 

                                              Lieber ein Kind  verlieren als eine Kuh!

                                               Vom harten Leben unserer Vorfahren

(Eines von mehreren Belegbeispielen: Von oftmals geringer Wertschätzung auch der ehelichen Kinder zeugt allerdings die aus dem Landgericht Mitterfels überlieferte Aussage „… der Bauer sehe lieber sein Kind als sein Kalb zugrunde ge­hen” in Niederbayrisches Landwirtschaftsmuseum, Zürich 1992, Seite 41)

 

Ausgangslage:

Über 20 Jahre habe ich am Thema „Heuerleute in Nordwestdeutschland“ gearbeitet und dazu im November 2014 das Buch

                         Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!

mit Dr. Helmut Lensing auf den Markt gebracht, das nun in der 7. Auflage nachgedruckt ist.

Die ersten drei Auflagen waren jeweils nach vier Wochen vergriffen.

Hier hat sich deutlich gezeigt: Ein bedeutender  Bevölkerungsanteil hat seine Wurzeln in der Landwirtschaft.

 

Vergleich mit anderen Regionen

Nach dem enorm hohen Interesse am bisherigen Tabuthema Heuerlingswesen habe ich „über den Tellerrand“ geschaut: Wie war die Lage der besitzlosen Landbevölkerung in anderen Teilen des deutschsprachigen Raumes?

Aus der breiten Untersuchung des Heuerlingswesens mit einer entsprechend umfangreich gesammelten Fachliteratur haben wir ja nun ein passendes Fundament für Nordwestdeutschland geschaffen, um Vergleiche mit anderen deutschsprachigen Regionen anzustellen.

 

Ein völlig überraschendes vorläufiges Ergebnis

Das Heuerlingswesen war offensichtlich – bei allen negativen Begleiterscheinungen – die beste Sozialisationsform für die Besitzlosen auf dem Lande, die bis etwa 1900 in vielen Orten die größte Bevölkerungsgruppe stellte.

Die abgehenden nordwestdeutschen Bauern- und Heuerleutekinder konnten mehrheitlich schon früh  in den letzten Jahrhunderten jeweils heiraten, weil insbesondere durch den Hollandgang  (saisonale Wanderarbeit) Geld „auf den Tisch“ kam.

 

Elementarer Unterschied

Das war das entscheidende Kriterium für die offensichtlich bessere Lage der Heuerleute im Vergleich zur besitzlosen ländlichen Bevölkerung in anderen Teilen Deutschlands, der Schweiz und Österreichs, wo in bestimmten Regionen bis zu 25 Prozent der heiratswilligen Knechte und Mägde keine Heiratsgenehmigung bekamen.

Zunächst habe ich in Ostfriesland Ausschau gehalten und dort mit älteren Gewährsleuten gesprochen. Dabei musste ich erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass hier die Landarbeiter ein deutlich schlechteres Los als die Heuerleute zu ertragen hatten. Ähnlich war die damalige Situation in der Lüneburger Heide.

 

Bisher vernachlässigter Vergleich: Industriearbeiter – Landarbeiter

Ich habe dann versucht, entsprechende Literatur über diese Bevölkerungsgruppe zu erhalten. Dabei musste ich feststellen, dass im Vergleich zu den Berichten und Untersuchungen über die damaligen abhängig Beschäftigten in der Industrie insbesondere durch die beiden schreibgewaltigen Sozialkritiker Friedrich Engels und Karl Marx mit einer enormen Sekundärliteratur die gleichfalls sehr armen ländlichen Unterschichten verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit in der Wissenschaft gefunden haben.

 

Ein „schwarzes Loch“ in der deutschen Geschichtsschreibung

Das wird auch von etlichen Fachwissenschaftlern selbstkritisch so gesehen. Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass Armut und ihre Bekämpfung in ländlichen Regionen bisher nur begrenzt die Aufmerksamkeit der Geschichtswissenschaften gefunden haben.

http://www.uni-bielefeld.de/geschichte/ak_agrargeschichte/letter/nl23www.pdf  (Stand 15. Mai 2016)

 

An anderer Stelle heißt es 1997 beispielhaft auf dem Umschlagtext zu dem Buch „Mägde – Knechte – Landarbeiter. Arbeitskräfte in der Landwirtschaft Süddeutschlands“: Über die Arbeits – und Lebensbedingungen der ländlichen Unterschicht, der Mägde, Knechte und Landarbeiter ist noch immer wenig bekannt. Dabei gab es Dienstboten früher in jedem Dorf.

 

 

Vergleichende Recherchen im deutschsprachigen Bereich

Nun bin ich seit zwei Jahren in verschiedenen Teilen Deutschlands unterwegs und interviewe ältere Menschen aus dem landwirtschaftlichen oder ländlichen Umfeld und schaue mir die Bauern(hof)museen der jeweiligen Regionen an.

Dabei erfahre ich ebenfalls  Erstaunliches: Von Schleswig-Holstein über die deutschen Ostgebiete („Ostelbien“) bis hin nach Nieder- und Oberbayern waren die Knechte, Mägde und Tagelöhner zumeist in einer solch schlechten Anstellung bei den Bauern oder Gutsherrn, dass sie finanziell nicht in der Lage waren zu heiraten.

So ist insbesondere aus den Kirchenbüchern nachzuweisen, dass in diesen Gegenden bis zu 25 Prozent der Kinder von ledigen Mägden stammten. Häufig wurden die jungen unverheirateten Frauen aus dem Dienst geworfen oder sie mussten ihr Kind in fremde Hände geben. Dafür hatten sie allerdings zu zahlen, wobei nicht selten die Höhe der Abgaben dafür ziemlich genau den Einnahmen entsprach, die sie als Magd als Monatslohn für ihre Arbeit erhielten. Sie waren also in einer aussichtslosen Situation.

 

Österrreich: Das traurige Los der Schwabenkinder

Auch aus Österreich wird in mehreren Biografien die Lage auf dem Lande so beschrieben wie oben in süddeutschen Regionen. Ein erschreckender Beweis dafür ist die Geschichte der „Schwabenkinder“, die alljährlich nach einem langen Anmarsch aus verschieden Teilen des Alpenraumes auf den „Märkten“ in Oberschwaben (Schwerpunkt Ravensburg) wie beim  Sklavenhandel unter den Bauern verschachert wurden als Billigstarbeitskräfte. Da jedoch die Not in der Heimat so groß war, konnten diese 7 bis 14jährigen Kinderarbeiter in Schwaben wenigstens satt werden. Dabei versäumten sie in den Sommermonaten die Schule…

 

Der Film und das gleichnamige Buch von Elmar Bereuter  hat ein Millionenpublikum erreicht.

 

Das Verdingwesen belastet die Schweiz bis heute

In der Schweiz war es offensichtlich ebenso. Und das war wohl die Ausgangslage für das Verdingsystem.

Insbesondere die unehelichen Kinder von Mägden und Knechten waren betroffen.

Hier hat also der Staat das „Kinderproblem“ in die Hände genommen und scheinbar in nicht wenigen Fällen gründlich versagt. Wenn man dort im Internet recherchiert und sich den Film „Der Verdingbub“ anschaut, dann kommt man dahinter, dass dieses gesellschaftliche Problem der Schweiz immer noch in den Köpfen – und nicht nur latent – vorhanden ist.

Mein vorläufiger Eindruck ist allerdings: Die Grundidee war offenbar richtig, damit „aus Gesindekindern kein Gesindel“ wurde.

Auch hier hat der „Verdingbub – Film“ mit u.a. Katja Riemann für Bekanntheit gesorgt.

 

In dem Buch „Die Fertigmacher“ hat Arthur Honegger (1924 – 2017) seine schlimmen Erlebnisse dargestellt. Er hatte damit enormen Erfolg auf dem Buchmarkt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Honegger_(Schriftsteller)

 

 

 

Die Belastungen der Landlosen im Gutswesen des Ostens

Der mehrfach ausgezeichnete Film  „Das weiße Band“ zeigt die Verhältnisse im deutschen Osten.

Hinter der Fassade streng gewahrter Ordnung offenbart sich das nachvollziehbare Leben in einem Dorf mit Einblick in die Abläufe auf einem Gutsbetrieb in Ostelbien vor dem ersten Weltkrieg.

Tragödien spielen sich dort ab, die durchweg ihren Hintergrund haben in der streng hierarchischen Struktur des Gutswesens im deutschen Osten.

Die Lage der besitzlosen Landbevölkerung steht zwar nicht im Vordergrund des Filmgeschehens, sie wird dennoch in ihrer menschlichen Erniedrigung klar skizziert. Somit werden verherrlichende Berichte aus Adelskreisen über das Zusammenleben deutlich konterkariert. Große Kritiker des Gutwesens wie Ernst Moritz Arndt, Fritz Reuter und Max Weber sind eher aus anderem Kontext bekannt.

Die nicht nur von mir ansonsten hoch verehrte Marion Gräfin Dönhoff hat hier deutlich „geschummelt“.  Darüber wird später berichtet.

 

Die Sonderrolle der Frau

Bei den über 20 jährigen Recherchen rund um das Heuerlingswesen fiel schon eine deutliche Vernachlässigung der Beschreibung der Rolle der Frau auf. Diese Erkenntnis ist offenbar voll übertragbar auf das jetzt sehr viel größere Untersuchungsgebiet. Dort erschließen sich zunächst in der Einzelschau bestimmter Themen bisher ungeahnte Unmenschlichkeiten, die in der Gesamtbetrachtung für uns heute nahezu unvorstellbar sind.

Hier hat der Film „Die Hebamme“ für Aufsehen zu einem weiteren Tabuthema gesorgt.

 

Anna Wimschneider war als Besitzende in einer “vergleichsweise günstigen” Lage

Als Wegbereiter der Thematik des Schicksals der Landbevölkerung kann sicherlich das Buch und der Film „Herbstmilch“ von Anna Wimschneider gelten.

Hierzu heißt es bei Wikipedia:

Dieser in einfacher Erzählsprache verfasste Bericht über die Lebensgeschichte einer bis dahin unbekannten Person wurde zu einem der größten Erfolge in der Geschichte des deutschen Buchhandels. Die Autobiographie war über drei Jahre in den Bestsellerlisten.

Dabei muss festgestellt werden, dass Frau Wimschneider – bei allen Belastungen und Widrigkeiten ihres Lebens – mitbesitzende Bäuerin war, ein gesellschaftlicher Zustand, der für die zu der Zeit noch größte ländliche Bevölkerungsgruppe der Landlosen unerreichbar war.

U. a. im Böhlau Verlag gibt es eine Reihe von Veröffentlichungen von ehemaligen Mägden, die wahrscheinlich durchweg ihr noch härteres Los mit Anna Wimschneider gern getauscht hätten.

 

 

Es soll hier also eine Art

                        vergleichende Gesamtschau zum Leben und Arbeiten

                           der ländlichen Bevölkerung im deutschsprachigen Raum

 

entstehen, die es in der bisher gesichteten Fachliteratur offensichtlich in dieser Form noch nicht gibt.

Eine entsprechende Teilbasis für dieses angedachte Buchprojekt sollen nun diese bekannten und jeweils geographisch unterschiedlichen Spezialproblematiken der ländlichen Unterschichten behandelnde Filme aus dem deutschen Sprachraum zumindest den Hintergrund bilden.

Sie sollen – ähnlich wie Walter Kempowski es in seinem Werk Echolot angelegt hatcollagenartig übereinander gelegt werden und damit erstmals Kausalzusammenhänge der verschiedenen Wirkfaktoren auf das Leben und Schaffen der unterbäuerlichen Schichten erkennen lassen.

 

Eines soll dabei auch deutlich werden:

Das 18. und 19. Jahrhundert waren „vor Ort“ angehäuft mit einer Fülle von Kriminalfällen verschiedenster Art, die durch das verordnete „Schweigemilieu“ der besitzenden Landbevölkerung nachweislich nicht oder nur wenig geahndet wurden. Sie erscheinen auch nicht in offiziellen Archiven. Hier zeigt sich die Wichtigkeit der Befragung von älteren Gewährsleuten.

 

Zusammenfassung:

  • Im deutschen Nordwesten hat sich sehr deutlich gezeigt, welch enormes Interesse am bisher total vernachlässigten (Tabu) Thema Besitzlose Landbevölkerung Befragungen von Zeitzeugen in anderen Teilen des Landes (einschließlich Österreich und Schweiz) belegen eindeutig, dass auch dort diese Sozialisationsform bis heute unverarbeitet in den Köpfen steckt und dringend aufgearbeitet werden sollte.
  • Die oben aufgeführten erfolgreichen Filme haben jeweils brisante Teilthematiken beleuchtet. Hier drängt sich nun direkt auf, die einzelnen Wirkfaktoren zusammenfassend publikumswirksam ins Buch zu bringen und – wie im Nordwesten – einen Aha-Effekt zu erzeugen mit der Erkenntnis: So haben wir das ja gar nicht vermutet, aber so war es ja tatsächlich…
  • Ein Faktum könnte der Veröffentlichung noch entgegenstehen: Es hat sich in der bisherigen Bearbeitung dieses Themenkomplexen deutlich gezeigt, dass Historiker und Volkskundler als Entscheidungsträger – zumeist aus der gehobenen Mittelschicht stammend – weder im Studium noch im Alltagsleben auf diese Problematik der früher großen Gruppe der unterbäuerlichen Schichten gestoßen sind. Immer wieder kommt es bei meinen Vorträgen vor, dass insbesondere gymnasiale Historiker sich anschließend erstaunt melden und – unabhängig voneinander – berichten, dass ihnen diese von mir aufgezeigten logischen Kausalketten weder aus dem Studium noch aus den Schulbüchern bekannt seien.
  • Die guten Verkaufszahlen in Osnabrück, Bielefeld und Münster zeigen offensichtlich, dass dieser Themenkomplex nicht nur im ländlichen Bereich auf Interesse stößt. Schließlich findet der überaus größte Teil der angestammten Bevölkerung im dörflich agrarischen Bereich seine Vorfahren.
  • Bei meinen Fahrten und Begegnungen in anderen Regionen des deutschsprachigen Raumes erlebe ich das gleiche Interesse und die entsprechende Betroffenheit der Ansprechpartner bei diesem Thema: Unterdrückung und Ungerechtigkeiten werden nicht vergessen.

Deshalb fahre ich nun ab 2. Dezember 2018 für einen Woche zu weiteren Recherchen nach Niederbayern…

Fotos: Archiv Robben