2 Was ist „Heuerlingswesen“?

Der Begriff „Heuerling“ leitet sich ab aus dem Niederdeutschen „Heuer“, zu Plattdeutsch „huer“, was so viel bedeutete wie „Pacht“ oder „Miete .2

Heuerlinge sind also landlose Bauernkinder, welche für das Stück Land, das sie zur Pacht bewirtschaften dürfen, in Form von Geld, Naturalien und ihrer Arbeitskraft  bezahlen müssen. So sind die Heuerlinge verpflichtet, den Anweisungen des Bauern strikt Folge zu leisten. Wenn der Bauer ihre Arbeitskraft3 einforderte, mussten sie ihre eigene Arbeit vernachlässigen. Das Verhältnis zwischen dem Bauern und „seinen“ Heuerlingen konnte sehr unterschiedlich ausfallen. Da die Heuerlinge in einem einseitigen Abhängigkeitsverhältnis zu dem Bauern standen, hatten sie keine andere Wahl als den Bauern zu gehorchen, zumal ihre Rechtslage auch nicht durch einen Vertrag oder ein ähnliches Rechtsverhältnis abgesichert war.

Bedingt durch das Bevölkerungswachstum in Deutschland und das dadurch entstehende „Überangebot an Heuerleuten“ (Robben, S.105) litten besonders gegen Mitte des 19. Jahrhunderts die Heuerlinge unter den schlechten und ausbeuterischen Bedingungen.4  Jedoch gab es auch viele Heuerleute, die in einem sehr engen Verhältnis zu den Bauersleuten standen und davon auch sehr profitierten.5

Doch wo kommt das Heuerlingswesen her und wie ist es entstanden? Nach dem Dreißigjährigen-Krieg galt in den meisten Regionen im Nord-Westen Deutschlands das sogenannte „Ältestenrecht“, welches aber nur den erstgeborenen Sohn als „Anerben“ 6 vorsah. Die weiteren Nachkommen des Bauern bildeten somit eine neue gesellschaftliche Schicht, welche im Unterschichten zu den anderen ländlichen Schichten über kein eigenes Land verfügte. In erster Generation wichen die Nachkommen häufig erst auf die Nebengebäude des Hofes aus, z.B. das Backhaus oder eine Scheune. In den darauffolgenden Generationen suchten die Heuerleute jedoch häufig eine Heuerstelle auf einem anderen nichtelterlichen Hof. Oftmals hatte ein Bauer mehrere Heuerstellen auf seinem Grund zu vergeben. Größere Bauern hatten sogar „bis zu sieben [Heuerstellen], während Güter bis zu 20 oder gar 30 Heuerleute aufwiesen.“(Robben, S.22).

„Das wesentliche Verbreitungsgebiet […] lässt sich grob […] vom nördlichen Ruhrgebiet im Süden bis Papenburg im Norden und von der niederländischen Grenze im Westen bis an Hannover heran einschließlich Ostwestfalen-Lippe [räumlich eingrenzen].“ 7

Laut Quellen, stellten die Heuerleute am Anfang des 19. Jahrhunderts 50 % der ansässigen Landbevölkerung dar, wobei im Laufe des Jahrhunderts durch die vermehrte Auswanderung nach Amerika oder die Binnenkolonialisierung gen Osten der Prozentanteil insgesamt zurück ging.8  Im Regierungsbezirk Münster sind nach dem Zweiten Weltkrieg 3271 Heuerfamilien registriert, wobei die meisten davon im Kreis Teckelenburg (1563 Heuerfamilien) lebten. Als lokalen Vergleich gab es in der Region Steinfurt nur 216 vermerkte Familien.

Als Hochburg des Heuerlingswesens im Münsterland kann man den Regierungsbezirk Osnabrück mit 6059 überlieferten Familien nennen.9  Die Anzahl der Heuerlingsfamilien kann allerdings für das 19. Jahrhundert deutlich höher geschätzt werden. Aus dieser Zeit gibt es jedoch kaum genaue Quellenangaben.

2.1          Verschiedene Heuerlingstypen

Infolge der politische Veränderungen, des Bevölkerungswachstums und der Industrialisierung zum Ende des 19. Jahrhunderts veränderten sich die Rahmenbedingungen und Lebensumstände der Landbevölkerung. Es differenzierten sich jetzt unterschiedliche Typen des Heuerlingswesens aus. Grundlage ihrer Existenz blieb jedoch bei allen Typen die Landwirtschaft. In anderen Wirtschaftssektoren, in welche sie zusätzlich zur Landwirtschaft arbeiteten, erwiesen sich die Heuerleute als durchaus anpassungsfähig.

Im Münsterland waren überwiegend „Landarbeiterkleinheuerlinge“(S.20) beschäftigt, welche höchstens nur über einen Hektar Land verfügten. Sie mussten ein enorm hohes Arbeitspensum beim Bauern erfüllen. Im Gegensatz zu den Landarbeiterkleinheuerlingen besaßen die Ladarbeiterheuerlinge eine größere Fläche Land. Sie mussten ebenfalls mehrere Tage in der Woche ihren Arbeitsdienst beim Bauern leisten, taten dies jedoch im Vergleich zu den Landarbeiterkleinheuerlingen in geringerem Umfang. Geografisch vertreten war diese Gruppe der Heuerleute hauptsächlich im Oldenburger Münsterland oder in Westfalen10.  Die „Pächterheuerlinge“(S.21) profitierten im Gegensatz zu den zuvor genannten Gruppen von einer größeren Fläche Land (bis zu über 10 Hektar), welches sie bewirtschaften dürften. Sie besaßen neben dem Vieh meist sogar Pferde als landwirtschaftliches Hilfsmittel. Doch auch sie arbeiteten, wenn auch weniger häufig, an bis zu drei Wochentagen auf dem Hof ihres Verpächters. Die Pächterheuerlinge waren schwerpunktmäßig in den Kreisen Bersenbrück, Meppen, Lingen und Vechta verbreitet.

Als vierte Untergruppe sind die „Industrieheuerlinge“(Robben, S.21) zu nennen, welche sich erst nach Anbruch der Industrialisierung formte. Angehörige dieser Gruppe leisteten ein weitaus niedrigeres Arbeitspensum beim Bauern und besaßen meist nur ein sehr kleines Pachtland. Ihre Haupteinnahmequelle war die Arbeit in der aufkommenden Schwer- und Textindustrie. Industrieheuerlinge siedelten sich dort an, wo es durch die Vielzahl der aufkommenden Industriestandorte neue Arbeitsplätze enstanden.11  Der Typus des Heuerlingswesens hat sich von Region zu Region unterschieden und kann somit nicht immer genau definiert werden. 12

2.2          Lebensumstände der Heuerleute ab Mitte des 19. Jahrhunderts

Politisch gesehen waren die Heuerleute nie von großer Relevanz, da sie aufgrund ihrer Besitzlosigkeit nicht in der Lage waren den Staat durch Steuern zu unterstützen.

Das preußische „Dreiklassenwahlrecht“, welches ab 1866 auch im Nordwesten Deutschlands gültig wurde (durch die Einverleibung des Königreich Hannover in Preußen), bezog die Heuerleute nicht mit ein. 13 Obwohl sie auf dem Land zeitweise die Mehrheit der Bevölkerung darstellten, besaßen sie nicht die Möglichkeit zu wählen.

Doch nicht nur aus politischer Sicht wurden die Heuerlinge nicht als „richtige“ vollumfängliche Bürger angesehen. Auch in der Dorfgemeinschaft standen sie in der sozialen Rangfolge ganz unten. Sogar Knechte und Mägde genossen ein höheres Ansehen als sie.14  In der von Tradition bestimmten ländlichen Gesellschaft war ein sozialer Aufstieg der Heuerleute folglich beinahe unmöglich. Die Bauern nahmen in der Dorfgemeinschaft die Vormachtstellung ein und um diese zu sichern, wurde unter Bauern „von Hektar zu Hektar“ geheiratet. Ziel, einer Bauernheirat war es, den Flächenbesitz an Land zu vergrößern. Demnach blieb man in den verscheiden sozialen Schichten „unter sich“.

 

2.3          Wohnverhältnisse und Arbeitsalltag

Schon früh errichteten die Bauern im Umfeld ihres eigenen Hofes kleinere und primitivere Heuerhäuser, auch „Kotten“ genannt, nach dem Vorbild ihres Bauernhauses .15  Als Baumaterialien wurden Naturmaterialien, wie zum Beispiel Lehm, Stroh und Holz genutzt. Besonders im Winter war die Kälte wohl kaum auszuhalten, da aufgrund sehr dünner Wände, einem Fußboden aus festgetretenem Lehm und einem einfachen Strohdach die Kotten Keinesfalls isoliert, sondern zugig und feucht waren.

Durch das große Eingangstor konnte die Ernte eingefahren werden, um sie danach direkt auf dem Dachboden einzulagern. Vom Tor sah man direkt auf die „Diele“. Zu beiden Seiten erstreckten sich meist die Viehställe. Vieh und Mensch lebten im Heuerlingshaus in einem Raum.16  Mittelpunkt des Hauses war eine kleine offene Feuerstelle, welche zum Zubereiten von Nahrung, sowie als Wärmequelle im Haus und somit Ort des Beisammenseins der Familie diente. Der durch die offene Feuerstelle entstehende Rauch besaß keine Möglichkeit abzuziehen, sodass es in den Kotten oft tagelang verraucht war. Besonders die Frauen litten unter Atemwegserkrankungen, da sie täglich viele Stunde gebeugt über der Feuerstelle arbeiten mussten.

In den Schrankbetten, den sogenannten „Butzen“ oder „Alkoven“,17  mussten mehrere Personen gleichzeitig Platz finden, da es in den meisten Heuerlingshäusern nur zwei Schlafplätze gab. Die Oberbetten und Matratzen waren mit Stroh gefüllt und wurden nur selten gewechselt, sodass Krankheitserreger und Schädlinge sich leicht ansiedeln konnten. Hinzu kam die Feuchtigkeit, die in das Stroh einzog und somit Nährboden für Viren und Bakterien bot. Durch die schlechten hygienischen Bedingungen im Kotten erkrankten viele Heuerleute an Krankheiten wie Schwindsucht oder Tuberkulose.

Häufig lebten in einem Heuerhaus gleich zwei Heuerfamilien gleichzeitig. Diese Häuser nannte man „Dubbelpatthüser“ .18 Sie hatten zwei Eingangstore, besaßen jedoch nicht unbedingt zwei Feuerstellen, sodass an nur einer offenen Feuerstelle für zwei Großfamilien gekocht werden musste. Auch die Erwärmung des Doppelhauses in den kalten Jahreszeiten erwies sich bei nur einer einzigen Feuerstelle als außerordentlich problematisch.19

Der Alltag der Heuerlinge war meist bestimmt durch die ständige Sorge um die finanzielle und wirtschaftliche Situation der Familie deren Überleben gewährleistet werden musste. Die selbst erwirtschafteten Produkte reichten in den meisten Fällen nicht um die Familie ausreichend zu ernähren oder die Heuer an den Bauern zahlen zu können. Deshalb machten sich viele Heuermänner in den weniger arbeitsintensiven Zeiten zwischen den Erntephasen in Gruppen auf den Weg nach Holland, um als saisonale Arbeitskräfte zusätzlich Geld zu verdienen. Durch ihre Position als See- und Wirtschaftsmacht, stellten die Niederlande ein lukratives Ziel dar. Die sogenannten „Hollandgänger“ arbeiteten im Deichbau, als Grasmäher oder legten Moorgebiete für den Weidelandgewinn trocken.20  Diejenigen Hollandgänger, den es zeitlich nicht möglich war, ihren Heimathof für einen längeren Zeitraum zu verlassen, wählten einen weitaus gefährlicheren Weg um schnell Geld zu verdienen. Sie heuerten auf einem Walfangschiff an und beteiligten sich an der Jagd auf Wale und Heringe. Die meisten Heuerleute besaßen keine entsprechende Kenntnis auf dem Gebiet des Walfangs oder der Fischerei. Schwimmen konnten sie ebenso wenig, doch sie begaben sich wohlwissend in Gefahr, um das Überleben der zurückgelassenen Familie zu sichern. Die Niederlande besaßen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts die Vormachtstellung im Walfang und konnten die saisonalen Arbeitskräfte aus wirtschaftlichen Gründen gut gebrauchen. Die Walfanggebiete reichten weit bis in die Gewässer um Grönland. Viele Heuerleute die als Walfänger arbeiteten kehrten nicht wieder aus den stürmischen und eiskalten Gewässern zurück, oder erlitten teils schwere Verletzungen. Einige erlagen nach ihrer Rückkehr erschöpfungsbedingt einer Krankheit.21

Neben dem „Hollandgang“ wurde auch durch den Anbau und die Weiterverarbeitung von Flachs ein Nebeneinkommen gesichert. Jedoch wurde die Leinenherstellung  in Heimarbeit durch die fortschreitende Industrialisierung und das damit aufkommende Leinenverlagssystem deutlich erschwert. 22

Sowohl auf physischer als auch auf mentaler Ebene war der Alltag der Heuerleute enorm belastend und entbehrungsreich. Mit der Annahme der Heuerstelle verpflichteten die Heuerleute sich gegenüber dem Bauern immer abrufbereit zu sein. Dieser Zustand erwies sich bei den Heuerleuten als starke anhaltende Stresssituation.

Im Gegensatz zu den Bauern heirateten die männlichen Heuerleute mit ca. 20 Lebensjahren deutlich früher. Ihre Frauen waren bei der Herat oftmals noch im einiges jünger. Sobald ein Heuerling eine Heuerstelle annahm, durfte er auch heiraten. Bei der Partnerwahl ging es dem Mann sowie der Frau primär um die Arbeitskraft des anderen, da bei beiden mit einer Mitgift oder einem Erbanteil nicht zu rechnen war. 23

Die Familie lebte zusammen in einem Mehrgenerationenhaushalt24 , d.h. in den meisten Fällen lebten die Eltern des Mannes zusammen mit der Familie. Sie waren ebenfalls an den anfallenden Arbeiten, wie Kochen, Stricken oder Backen, beteiligt.

Die Anzahl der Kinder in den Familien war deutlich höher als heute. Zehn oder sogar mehr Kinder waren kein waren keine Seltenheit., Allerdings gab es eine sehr hohe Kindersterblichkeitsrate. Viele Kinder verstarben noch im Säuglingsalter an Krankheiten, welche auf schlechte hygienische Bedingungen im Lebensumfeld der Heuerlingsfamilien zurückzuführen sind.25

Die Kinder mussten schon sehr früh in der Landwirtschaft mitarbeiten und lernten so schnell den harten Alltag als Heuerling kennen. So berichten Zeitzeugen von harter, körperlicher Arbeit im Kindesalter. Die Spätfolgen für den sich noch in der Entwicklung befindenden Kinderkörper zeigten sich z.B. in einem verfrühten Alterungsprozess, der Fehlstellung der Wirbelsäule oder in Hüft-und Rückenschmerzen . 26

Das Beziehungskonzept der Familie unterscheidet sich stark von dem, wie wir es heute kennen. Zum Beispiel war das Siezen der Eltern oder das Schweigen bei Tisch Ausdruck eines deutlich distanzierteren Verhältnisses innerhalb der Familie. Kinder sprachen nur dann, wenn sie gefragt wurden. Sollten sie sich nicht an die Regelung halten, mussten sie mit Sanktionen rechnen.

Über persönliche Probleme oder Ungerechtigkeiten, welche im Alltag erlebt wurden, fand keine Kommunikation statt. Es wurde schlichtweg geschwiegen. Die Heuerleute mussten sich mit ihrer Stellung abfinden und dieses Gedankengut des „Hinnehmens“ gaben sie auch an ihre Kinder weiter. Häufig spricht man auch von einem „Milieu des Schweigens“ .27 Dies bedeutet, dass die Heuerleute ihre Position in der Gesellschaft sowie ihre damit verbundene Armutsrolle stillschweigend akzeptierten und als unabänderlich betrachteten. Nicht selten waren die Familien der Heuerleute zerrüttet und zerstritten, da die entbehrungsreiche Arbeit und die ständigen Sorgen um Versorgung und Geld oftmals zum Alkoholmissbrauch führten. Die Sorgen in der Not wurden häufig im Alkohol zu ertränkt.28

  2 Vgl. Weber, S.17

  3 Vgl. Weber, S.17

  4 Vgl. Weber, S.74

  5Vgl. Robben/Lensing, S 103ff.

 6 Vgl. Robben/Lensing, S. 17 

7 Vgl. Anhang VI Karte

 8 Vgl. Robben/Lensing, S.18 ff.

  9Vgl. Untersuchungen von Hans-Jürgen Seraphim, 1948  Vgl. Robben, S.21

 10 Vgl. Robben/Lensing S.21

  11 Vgl. Robben/Lensing S.21 ff

  12 Vgl. Robben/Lensing, S. 22

  13 Vgl. Robben/Lensing, S.101

  14 Vgl. Robben/Lensing, S.154 ff 

   15 Vgl. Robben, S.24 f.

  16  Vgl. Weber, S. 77 ff.

  17 Vgl. 4 Anhang, Material 2 

    18 Vgl. Anhang Material 1

  19 Vgl. Weber, S. 79

  20 Vgl. Robben/Lensing, S. 76ff.

  21 Vgl. Robben/Lensing, S. 85 ff.

  22 Vgl. Robben/Lensing, S. 65ff.

  23 Vgl. Robben/Lensing, S. 169 f.

   24 Vgl. Robben/Lensing, S. 167

  25 Vgl. Robben/Lensing, S. 173 f.

 26 Vgl. Robben/Lensing, S.80 

  27 Vgl. Robben/Lensing, S. 182

  28 Vgl. Anhang, Interview mit Bernd Robben