Die Entwicklung zu Industrieheuerlingen rund um GM-Hütte im Rahmen der Entstehung des dortigen Stahlwerkes

 

 

 

 

Dieser Aufsatz von Bernd Robben erschien 2015 im

 

 Heimat – Jahrbuch Osnabrücker Land 2016

 

 

Die Bauern fressen uns auf! So schrieb es in tiefer Verzweiflung der Heuermann Johann Henrich Buhr aus Belm im Jahre 1833 an den Amtmann Stüve in Osnabrück und wanderte nach Nordamerika aus.1 In den folgenden Jahrzehnten verließen weitere Tausende von landlosen Heuerleuten Nordwestdeutschland, um in der neuen Welt endlich auch eigenen Grundbesitz erhalten zu können.

Vier widrige Umstände hatten das Leben der Heuerlinge in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich erschwert:

  • Der Hollandgang lohnte sich vielfach nicht mehr, weil die enorme Wirtschaftskraft der Niederlande insbesondere durch ein Erstarken der englischen Flotte und durch die industrielle Revolution in England enorm geschwunden war.
  • Die Haustextilherstellung insbesondere von Leinengewebe war über Jahrzehnte für viele Heuerleute die Haupteinnahmequelle gewesen. Billige Baumwolle aus Übersee, die nun in den mechanischen Webereien in England sehr kostengünstig zu Kleidung hergestellt werden konnte, überschwemmte auch den deutschen Markt und brachte bittere Armut über weite Bevölkerungskreise (Grund etwa für die Weberaufstände in Schlesien)
  • Bisher durften auch die Heuerleute ihr Vieh in die Markengründe rund um die Dörfer treiben, wo die Tiere ihr Futter fanden. Mit Unterstützung des jeweiligen Landesherrn setzten die Bauern durch, dass diese Flächen nun ausschließlich unter den Grundbesitzern aufgeteilt wurden. Die Heuerleute mussten ihr Vieh teilweise um die Hälfte reduzieren und es fehlten ihnen so weitere dringende Einnahmen
  • Mehrere drastische Hungerjahre durch Ernteausfälle ließ viele Heuerleute völlig verarmen. So sprach man selbst in den Behörden von den Zustand des Pauperismus (lat. pauper: arm)

Auf unsere Zeit übertragen muss man sich das Schicksal der damaligen landlosen Bevölkerung so vorstellen, als wenn man uns heute etwa zwei Drittel unserer Einkünfte rigoros streichen würde.

Und nun geschah ab dem Jahre 1856 rund um das Dorf Malbergen südlich von Osnabrück etwas, das sowohl die Bauern als auch die Heuerleute in seltener Eintracht als ein großes Unglück für die ganze Umgebung 2 bezeichneten.

Malbergen selbst war nach der Volkszählung von 1848 eine kleine Bauerngemeinde mit 60 Wohnplätzen und 383 Einwohnern, im Vergleich zu anderen Ortschaften des Amtes Osnabrück eine Gemeinde mittlerer Größe. Die Häuserliste von 1858 nennt 29 Höfe und etwa 25 Heuerstellen.3

Was passierte nun rund um Malbergen und wie war es dazu gekommen?

Der Landesherr König Georg V. von Hannover sah es mit zunehmender Sorge, dass die enorme industrielle Entwicklung insbesondere in England sein eigenes Staatsgebiet wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten ließ. Vornehmlich Eisen und Stahl mit entsprechenden Bearbeitungsbetrieben mussten her, um zunächst einmal durch einen gezielten Ausbau des Schienennetzes und weiterer Infrastrukturmaßnahmen die Entwicklung aus der reinen Agrarwelt heraus voranzutreiben. Dazu ließ er seine Fachleute Ausschau halten nach gleichzeitigen Eisenerz- und Kohlevorkommen.

Seine Berater wurden aufmerksam auf ein kleines Hüttenwerk in Beckerode südlich von Osnabrück. König Georg V. wurde selbst aktiv, indem er eine Aktiengesellschaft gründen ließ, der er aus seiner persönlichen Schatulle 270.000 Taler zur Verfügung stellte. Das ermunterte weitere Geldgeber nach dem Motto: Wenn der König selbst einsteigt, dann sind wir auch mit unseren Geldanlagen auf der richtigen Spur.

Am 4. Juni 1956 kam es zur Gründung der Aktiengesellschaft „Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein“, für die das hannoversche Herrschaftspaar König Georg V. und Königin Marie die Namenspatenschaft übernahmen. Das Grundkapital der Gesellschaft betrug 2.50000 Taler. Schon am nächsten Tage erfolgte der Kauf der Beckenroder-Hütte für einen Preis von 350.000 Goldtalern.4

Als Platz für das neue und größere Hüttenwerk wurde das weithin ebene Dütetal ausgewählt, das auch ausreichende Wasservorräte für eine spätere Betriebsführung zur Verfügung stellen konnte.

Es liegt nämlich in der Mitte zwischen den wichtigen Rohstoffvorkommen Eisenerz und Kohle, aus denen in einem Verhüttungsprozess im Hochofen Roheisen gewonnen wird. Nach Probebohrungen geht man 1856 von Kohlevorräten für Jahrhunderte aus. In Oesede, Kloster Oesede, Hilter und Hankenberge werden Förderanlagen eingerichtet. (…) Doch die Kohlevorkommen erweisen sich als Flop. Immer wieder laufen die Schächte voll Wasser, die Kohleflöze sind längst nicht so mächtig wie erwartet und die Kohle selbst ist von schlechter Qualität. Noch vor der Jahrhundertwende werden die meisten Förderanlagen wieder geschlossen.

Das Eisenerz am Hüggel hingegen erweist sich als großer Glücksfall. Es kommt in großer Menge in nordwestlicher Richtung im Hüggel auf Hasberger Gemeindegrund vor. Dieser Bodenschatz ist ein echter Schatz. Das Eisenerz ist phosphorarm und lässt sich im so genannten Bessemerverfahren zu einem ausgezeichneten Hocheisen “verhütten”. Mit diesem Roheisen wird die Hütte in den 1860er Jahren in ganz Deutschland zum Marktführer.5

Zur Ansiedlung des Hüttenbetriebes konnte ein Großteil des Schulten Hofes angekauft werden und man begann mit dem Bau der Hütte.

Dazu brachte man in Anfangsphase über 1000 Facharbeiter aus anderen Teilen Deutschlands mit in diese bisher rein agrarisch strukturierte Gegend. Ein Großteil dieser Neuankömmlinge stammte aus dem Harz und hatte von daher Vorerfahrungen im Erzabbau. Die fast durchweg katholische Bevölkerung rund um das damalige Osnabrück empfand diesen plötzlichen Bevölkerungsanstieg als ein großes Unglück (…), das es auf jeden Fall zu verhindern galt.6 Dass diese Zuwanderer zudem noch durchweg protestantischen Glaubens waren, verschlimmerte die Lage in den Augen der angestammten Bauern und Heuerleute zudem noch.

Man leistete nicht die geringste Hilfe und gewährte den in großen Scharen zuziehenden Bauarbeitern weder Wohnung noch Beköstigung und wenn, dann nur zu stark erhöhten Preisen.(…) Auf die heutige Zeit bezogen war es wohl so, als ob hier ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte.7

Deshalb wurde die Leitung des neuen Hüttenwerkes von sich aus schnell aktiv und baute in Windeseile Wohnungen für die angereiste Männerschar. So waren bereits im November 1856 insgesamt 70 Häuser in Fachwerkbauweise errichtet worden. Dort konnten schon mehr als 2000 Arbeiter einquartiert werden.

Nun war das Hüttenwerk auch auf einheimische Werktätige angewiesen, die zweifellos in der Mehrheit aus dem Bereich des Heuerlingswesens stammen musste.

Oder würden diese weiterhin in Scharen in die „Neue Welt“ auswandern?

An anderen Industriestandorten im Umfeld der Stadt Osnabrück hatte sich bereits gezeigt, dass viele Heuerleute angesichts der zunehmenden Verschlechterungen in der Hollandgängerei und insbesondere auch nach dem Preisverfall im Leinengewerbe durch die Übernahme einer regelmäßigen Arbeitsverpflichtung in einem größeren Betrieb eine deutliche Sicherung ihrer Existenz erfahren konnten. Dieses war im Tonabbau am Penterknapp und am Hollager Berg in Kombination mit der Ziegelherstellung der Fall.

Im damaligen Kohleabbau am Piesberg waren etwa 1200 Arbeiter beschäftigt, die sich fast ganz aus den Heuerlingen der nördlichen Gemeinde des Kreises Osnabrück und der des angrenzenden Teils des Kreises Tecklenburg rekrutieren.8

Im aufstrebenden Hüttenwerk in Malbergen, das ab 1860 zum eigenständigen Ort Georgsmarienhütte wurde, sah das zunächst anders aus: Die einheimischen Arbeitskräfte nahmen – entgegen der Erwartung des Werkes – nun zögernd Arbeit in der Industrie an.9 So heißt es im Geschäftsbericht des Verwaltungsrates vom 13. Juni 1858. Das wird sicherlich auch auf die ersten Erfahrungen der Heuerleute und der abgehenden Bauernsöhne mit den in großer Überzahl ankommenden “Fremdarbeitern“ zu tun gehabt haben. Zudem entstammten beide Gruppen einer jeweils anderen christlichen Glaubensrichtung, eine für damalige Verhältnisse entscheidende Barriere im unverkrampften Verhältnis zueinander.

Dabei hatte man diese unterbäuerliche Schicht bei der Zukunftsplanung des Werkes als Arbeitnehmer voll eingerechnet:

Der Heuerling wird als Industriearbeiter sehr geschätzt, weil er die vorzüglichen Eigenschaften des Landvolkes, Gesundheitskraft und Arbeitsamkeit, in hohem Grade besitzt. Gute reichliche Ernährung befähigen ihn zu anstrengende Arbeit. Er ist ein ruhiger und besonnener Mensch, der sich nicht so leicht zu wilden Streiks verleiten lässt. Andererseits eignet er sich nicht zu allen Arbeiten, weil er wegen seines landwirtschaftlichen Betriebes und wegen der Arbeiten, die er auf dem Hofe zu leisten hat, nicht regelmäßig zur Arbeit kommen kann.9

Dazu heißt es an anderer Stelle:

Manche Arbeiten können sie nicht übernehmen, weil sie nicht regelmäßig zur Arbeit erscheinen können. Aus diesem Umstande dürfte sich auch der große Prozentsatz der ungelernten Arbeiter unter den Heuerleuten erklären.

Die Beschäftigung von Heuerleuten in der Industrie hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil für die Industrie besteht darin, dass dieselbe in den Heuerleuten einen sesshaften Arbeiterstamm hat, für den sie keine Wohnung zu beschaffen braucht. Ein großer Nachteil ist der, dass die Heuerleute naturgemäß sehr unregelmäßig zur Arbeit kommen. Dieses wirkt sich teilweise in der Erntezeit derart aus, dass eine rationelle Ausnutzung der Betriebsanlage nicht möglich ist.10

1868 wurde ein Stahlwerk in Osnabrück gebaut.

Das in Georgsmarienhütte gewonnene Eisen wurde nun im Eisen- und Stahlwerk Osnabrück weiterverarbeitet. Diese beiden Betriebe beschäftigten mehrere 1000 Arbeiter, darunter einen großen Teil Heuerlinge.11 Das in den Hochöfen der Georgsmarienhütte gewonnene Eisen wurde in Osnabrück zu Stahl verarbeitet, um dann daraus Produkte für die Eisenbahn zu schmieden oder zu gießen. Nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 produzierte das damals modernste deutsche Bessemer-Werk mit drei Konvertern eine Jahreskapazität von 25.000 Tonnen. Die Werksanlagen wurden durch ein Walzwerk, ein Hammerwerk, ein Kesselhaus und mechanische Werkstätten ergänzt. In der Hochphase waren dort bis zu 5000 Facharbeiter beschäftigt, in Georgsmarienhütte 7000.12

Die finanzielle Sicherheit durch die feste Arbeit im Hüttenwerk und die weitgehende Selbstversorgung mit Lebensmitteln durch die Heuerstelle wurden allerdings schwer erkauft durch eine für uns heute kaum vorstellbare Arbeitsbelastung des Industrieheuerlings gleich auf drei Ebenen:

Als erstes war er zehn Stunden (später acht Stunden) im Hüttenwerk in eine schwere körperliche Arbeit eingebunden mit einer zusätzlichen Stunde Pause. Dazu kam der tägliche Anmarschweg, der durchaus jeweils zwei Stunden dauern konnte, was eine Abwesenheit von zu Hause bis zu 16 Stunden bedeutete. Folgendes Zitat belegt diese Tatsache: Es sind deshalb die Entfernung zur Arbeitsstätte nicht so, dass nicht der Heuerling jeden Tag nachhause zurückkehren könnte. Allerdings sind Entfernungen von 2 Stunden keine Seltenheit.13

An zweiter Stelle standen landwirtschaftliche Arbeiten auf der Heuerstelle selbst. Es verblieben dann nur noch acht Stunden einschließlich Schlaf.

Die dritte Ebene war die Pflichtarbeit auf dem Hof “seines“ Bauern. In einer Umfrage im Jahre 1922 bei den Heuerleuten im südlichen Bereich von Osnabrück ergab sich eine durchschnittliche Arbeitsverpflichtung von 50 Tagen pro Jahr. Diese Pflichttage wurden vom Bauern festgelegt und fielen zu einem Großteil in die Zeit der Heu- und Getreideernte. Gerade diese Möglichkeit, die Heuerlinge “just in time” zu bestellen, sahen die Bauern damals als den großen Vorteil des Heuerlingswesens insgesamt an. Während sie für die täglichen Arbeiten auf dem Hof Knechte und Mägde das ganze Jahr über beschäftigten, konnten sie über die Heuerleute in den Arbeitsspitzen sicher verfügen. Bei Tagelöhnern war diese Gewissheit in der Regel nicht gewährt. So kam es immer wieder vor, dass die Arbeitsverweigerung des Heuermanns oder seiner Frau zu einer direkten Kündigung der Heuerstelle führte, was für die Pachtfamilie zu einer Existenzfrage werden konnte.

So wurden die täglichen Arbeiten auf der Heuerstelle weitgehend von der Heuerlingsfrau und schon frühzeitig auch von den heranwachsenden Kindern besorgt. Bestimmte anstehende Arbeiten konnten jedoch nur vom Mann erledigt werden.

In dem Buch Aus dem Leben eines Heuerlings und Arbeiters berichtet der Industrieheuermann Rudolf Dunkmann:

 Tagespensum eines Industrieheuerlings

Früher haben wir 12 Stunden (in der Fabrik) gemacht, dann wurde von 7-19.00 Uhr gearbeitet, minus einer halben Stunde Pause. Und dann musste auch noch Feldarbeit gemacht werden. Wenn z . B. Kartoffeln gepflanzt wurden, das ist ja nun mal keine Frauenarbeit, oder die Kartoffeln wurden ausgemacht, oder sie wurden angehäufelt, das wurde ja selbst (ohne Pferde) gezogen. Das war Männerarbeit, das wurde dann noch nach Feierabend gemacht. Das habe ich nicht anders gekannt. Wenn ich von der Arbeit heimkam, wurde gegessen und dann ging es auf den Acker.14

Zu den besonderen Belastungen der Heuerlingsfrauen erzählt er:

Die Mutter auf dem Feld

Ich weiß mich noch zu erinnern, dass meine Mutter sagte, dass sie bei dem Bauern, wo sie zuerst gewohnt hat, mit dem Kinderwagen und mit dem Säugling mit auf das Feld musste, wenn sie am Roggenmähen waren. Und während der Zeit, wenn dann gemäht wurde, hat sie sich beeilt, dass sie ein bisschen im Voraus kam, und dann mußte schnell das Kind zwischendurch gestillt werden … Es wurde eben sehr, sehr viel verlangt von den Heuerlingsfrauen. Dann kam sie abends nach Hause – wir hatten ja selber auch Vieh, und wir Kinder lagen dann irgendwo in der Ecke und schliefen bereits oder was sonst – und dann mußte das eigene Vieh noch gemacht werden, die Kinder mußten was zu essen haben – dann war das ein sehr, sehr langer Tag.15

Auch über das Verhältnis zu seinem Bauern spricht er eine deutliche Sprache:

Wenn der Bauer pfeift…

Es war oft damals zwischen dem Bauern, also dem Besitzer, und den Heuerleuten kein idealer Zustand. Die Bauern, die hatten das noch so im Kopf, wie das früher war: Das sind unsere Dienstleute, die müssen es so machen, wie wir es wünschen. Auf dem großen Hof Schulte-….. war es üblich: Bei einmal Blasen muße einer kommen, bei zweimal Blasen, da mußten sie doppelt kommen. Die Heuerlinge konnten ruhig ihr Korn hoch reif haben und gerne einfahren wollen, nichts, erst kam der Bauer. Und das war bei unserem Bauern auch so ähnlich. Ich habe mich in der ersten Zeit drin geschickt. Ich bin zu Hause geblieben, (er ist also nicht zur Arbeit im Werk erschienen (Anm. d. Verfassers) bin zum Bauern gegangen und habe morgens um 4.00 Uhr die Sense gezogen und habe Gras gemäht.16

 Für uns heute kaum vorstellbar ist, dass der Heuermann an den Tagen, an denen er zur Arbeit auf den Hof bestellt war, meistens den ganzen Tag der Industriearbeit fernblieb17, obwohl er dort erheblich mehr Geld verdienen konnte. 1922 bekam er dort 1,60 Mark pro Tag18, beim Bauern nicht einmal den dritten Teil. Dennoch entschieden sich viele Fabrikarbeiter, weiterhin als Heuerleute zu leben, da sie dadurch gleichzeitig ein Dach über dem Kopf hatten und ihre Lebensmittel selbstständig produzieren und in aller Regel auch noch etwas aus ihrer Produktion verkaufen konnten. So heißt es zur Haltung von Hühnern: Die Zahl (…) schwankt zwischen zehn und 40. (…) Der Verkauf von Eiern ist meistens sehr beträchtlich.19          

Dabei kostete ein Ei zu der Zeit 6 Pfennige und der Stundenlohn betrug 16 Pfennig.20 Vergleichen wir diese Preise mit heute: Bei einem durchschnittlichen Stundenlohn von 15 € kann man dafür zur Zeit etwa 100 Eier kaufen, in der Zeit um 1920 nicht einmal 3 Eier. So wird verständlich, dass die Heuerleute damals fast durchweg die Dreibelastung an Arbeit auf der Hütte, auf der „eigenen“ Heuerstelle und bei „ihrem“ Bauern auf sich nahmen, um so eine gesicherte Versorgung mit Lebensmitteln zu haben.

Die großen Vorteile der Eigenversorgung erlebten und vermissten natürlich auch die die übrigen „Hüttenknechte“, wie die Beschäftigten dort in bestimmten Kreisen geringschätzig genannt wurden. Deshalb war die Werksleitung bemüht, hier eine gewisse Abhilfe zu leisten: Als 1882 der Hof Abinghaus zu erwerben war mit Ackerflächen unmittelbarer Nähe der Werkswohnung, kaufte die Hütte den gesamten Besitz und bot die nun werkseigenen Grundstücke parzelliert in jeweils tausend Quadratmeter den Beschäftigten für die Selbstversorgung mit Gemüse und vor allem Kartoffeln an. Größer sollte die Fläche jedoch nicht sein, damit nicht auch diese Arbeiter wegen der Ernte der Pflichtarbeit im Werk fernblieben. Dennoch schafften es einige Familien auch, sich ein Schwein zu halten. Immerhin mussten häufig „viele Mäuler gestopft“ werden.21

Konnte die Auswanderung durch die Entstehung der Hütte gestoppt werden?

Das nebenstehende Schaubild zeigt sehr deutlich, wie stark die Bevölkerung in den reinen ländlich strukturierten Dörfern zu den Spitzenzeiten der Auswanderungswellen abnahm.22 So ist aus etlichen Bauerschaften Nordwestdeutschlands (etwa Elbergen bei Lingen) belegt, dass viele Heuerleute sich nach Nordamerika aufmachten mit dem dringenden Wunsch, dort endlich eigenes Land in Besitz nehmen zu können.

Aus dem Großraum Georgsmarienhütte weiß man, dass dort erheblich weniger Menschen auswanderten, die eine Heuerstelle besetzt hatten. Die jungen Knechte jedoch verließen als Arbeitskräfte die Höfe, verdienten sich ihre Überfahrt nach Amerika in der Hütte und waren somit für die angestammte Heimat verloren. Insbesondere abgehende Bauernsöhne wanderten weiterhin aus, um sich so den sozialen Abstieg zum „Hüttenknecht“ zu ersparen. Diese Einstellung hat es auch noch – nach Aussagen von älteren Zeitzeugen – bis zum Auslaufen des Heuerlinswesens gegeben.23 Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge des sogenannten Wirtschaftswunders verließen fast alle Industrieheuerlinge ihre Pachtstelle und bauten sich ihr eigenes Haus. Das hatte mehrere Ursachen. Zum einen stiegen die Industrielöhne deutlich an. Damit konnten die Bauern in der Entlohnung der Heuerleute nicht mehr mithalten. So war der Aufschwung etlicher Landmaschinenfabriken in der Region vorprogrammiert und es gab eine „win-win“-Situation: Die Bauern kauften sich nun Schlepper, Miststreuer, Bindemäher und andere technische Neuerungen zur Verminderung der Arbeitsbelastungen in der Landwirtschaft und viele ehemalige Heuerleute fanden zugleich Arbeit in diesen Landmaschinnenfabriken wie beispielsweise Strautmann, Krone, Grimme, van Lengerich oder Claas.

Viele der nun verlassenen Heuerhäuser verfielen und ein „warmer Abriss“ war die billigste Entsorgung. Einige wenige Fachwerkhäuser überlebten und wurden später zumeist zu exklusiven Wohnhäusern umgebaut: Wo früher auf allenfalls einem Drittel der Wohnfläche nicht selten sogar drei Generationen lebten, wohnt heute in der Regel mit ausgebauter Diele und Dachboden die typische Kleinfamilie in gediegenem Ambiente.

Zusammenfassung:

Es hat sich im Laufe der letzten vierhundert Jahre deutlich gezeigt, dass sich in diesem Zusammenleben von landbesitzenden und landlosen Menschen auf engem Raum zwischenmenschliche Probleme nahezu zwangsläufig entwickeln mussten, über die ältere Zeitzeugen aus der Region noch umfangreich erzählen können. Dennoch hatte diese Sozialisationsform einen großen Vorteil: Sie ermöglichte es den abgehenden Kindern der Bauern – und später auch der Heuerleute –, eine eigene Familie zu gründen, wenn auch zumeist auf sehr bescheidener Grundlage. Die Industrieheuerlinge im Bereich Georgsmarienhütte erkauften sich ihre finanzielle Sicherheit durch die schwere Arbeit auf der Hütte in der Kombination mit vorgegebenen Tätigkeiten auf der eigenen Heuerstelle und auf dem Hof des Bauern. Dieses Pensum konnte er jedoch nur leisten durch unermüdliche Unterstützung seiner Frau und der sehr frühen Einbindung der Kinder. Das Thema Heuerlingswesen wird auch heute noch in nahezu allen Orten Nordwestdeutschlands zumindest in der älteren Bevölkerung als sehr sensibel empfunden, wurde es doch etwa von sozialistisch-kommunistischen Kreisen vor und nach der NS-Diktatur als „Sklavensystem“ bekämpft.

 

 Fotos: Archiv Werner Beermann