Zwischenbilanz nach anderthalb Jahren

15. Januar 2018

Diese Website www.heuerleute.de wurde vor anderthalb Jahren bei WordPress (vorher jimdo) online gestellt.

In dieser Zeit sind mit dem heutigen Tage fast genau 340.000 Seiten aufgerufen worden.

Nach der Zählung von WordPress haben sich mittlerweile insgesamt 819 Seiten angesammelt.

Dabei handelt es sich bei www.heuerleute.de weiterhin um eine Art  “Ansammlung“ von eher kurzen Beiträgen zur Thematik in Nachfolge der beiden Bücher und der rund 100 Vorträge.

Hier muss und kann immer wieder nachstrukturiert werden…

Diese unorthodoxe Vorgehensweise mag in Fachkreisen vereinzelt auf Kritik stoßen, die Rückmeldungen von Interessierten ermuntern zum Weitermachen.

In diesem Jahr soll zunehmend erneut „über den Tellerrand“ geschaut werden. Dazu ist eine weitere Recherche – Tour im August vorgesehen.

Dabei wird wiederum über die besitzlose Landbevölkerung in anderen Teilen des deutschen Sprachraums (also auch in Österreich mit seinen Schwabenkindern und in der Schweiz mit dem bis heute nachwirkenden Verdingwesen) vor dem Hintergrund der mittlerweile umfangreichen Studien zum Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland  berichtet werden.

Dazu soll ab Mitte des Jahres eine spezielle Website angelegt werden.

Mehrere Fachwissenschaftler haben bereits ihre unterstützende Mitarbeit durch entsprechende Beiträge und Beratung zugesagt.

  Zur Lage der Heuerlingsfrau

 Ein Fallbeispiel

Schon beim ersten Betrachten fällt ein deutlicher Unterschied zwischen den beiden Personen auf: Der geradezu trotzig dreinschauende Mann, der sein ausgesprochen preußisches Selbstbewusstsein zur Schau stellt.

Daneben sehen wir die „arme“ Ehefrau, die die Welt nicht mehr sehen mag. Sie schaut nach unten, wenn sie nicht gar die Augen geschlossen hat.

Hier handelt es sich um ein Heuerlingspaar aus dem südlichen Emsland. Die Frau hat ein schweres Schicksal zu tragen, bei ihrem sechsten Kind hat sie einen Gebärmuttervorfall erlitten, der damals nicht zu operieren war. Für den medizinischen Laien: Die Gebärmutter ist im Rahmen der Geburt aus dem Unterleib der Frau herausgetreten und sie lässt sich nicht dauerhaft wieder in den Innenkörper zurückführen. Erst eine gynäkologische Operation kann hier Abhilfe schaffen. Diese gab es aber damals noch nicht.

Da braucht man keine große Vorstellungskraft, wie auf der einen Seite diese Frau körperlich leidet und sie dadurch nahezu völlig eingeschränkt ist, sie aber auf der anderen Seite angesichts der Fülle der zwangsläufig täglich anfallenden Arbeiten im Haus, auf der Diele,  draußen im Garten und auf dem Feld ihr Elend doppelt schlimm empfinden muss.

In diesem Falle mussten die Kinder stellvertretend für die Mutter Pflichtarbeiten auf dem Hof übernehmen und natürlich auch zuhause noch intensiver mithelfen.

Dieser heute kaum noch vorstellbare körperliche Makel barg außerdem noch die ständige Gefahr in sich, dass hier ein enormes Einfallstor für Infektionskrankheiten gegeben war.

So geht insbesondere Jürgen Schlumbohm  in seiner umfangreichen Fallstudie über den Ort Belm  in der Nähe von Osnabrück auch auf die Krankheiten und die Sterbehäufigkeit ein:

Lebensläufe, Familien, Höfe: Die Bauern und Heuerleute des Osnabrückischen Kirchspiels Belm in proto-industrieller Zeit, 1650-1860, Göttingen 1994; 2. Auflage 1997. ISBN 3-525-35647-1

Gerade rund um die Geburt von Kindern lag für die Mütter ein besonderes Sterberisiko, vornehmlich beschrieben mit dem Begriff „Kindbettfieber“. Für uns heute kaum noch vorstellbar ist wohl, dass der zurückbleibende  Ehemann in der Regel schon nach zwei oder drei Monaten wieder heiratete. Aber die Arbeit musste weitergehen und getan werden…

Foto: Archiv Robben

Die ersten Schulerlebnisse von Martha Herkenhoff (Hagen)

Als die Heuerlingstochter Martha Herkenhoff (geb. Koch) 1934 in die Schule kam, musste sie erst einmal Hochdeutsch lernen, denn zu Hause wurde nur Platt gesprochen. Es dauerte einige Zeit, bis sie im Unterricht wie die anderen reden konnte, so erzählt sie. Und diese Zweisprachigkeit hat sie bis heute begleitet.  Erlebnisse aus der Schulzeit und ihrem weiteren Leben hat die in Hagen am Teutoburger Wald lebende Martha Herkenhoff in plattdeutscher Sprache aufgeschrieben und als Buch herausgebracht. Etliche Texte daraus finden sich auf dieser Website.

 

Und das Video dazu:

https://www.youtube.com/edit?video_id=yl6ueK_tIpU

Bericht eines ehemaligen Chefarztes…

… eines Krankenhauses in Norddeutschland ( geb. 1930 ) – mir persönlich bekannt

Hier handelt es sich um ein absolutes Tabuthemen im Süden Deutschlands. Da wird ganz hart “gemauert”.

Ich habe auch dazu – beim Blick über den Tellerrandes des Heuerlingswesens – schon im vorletzten Jahr in mehreren Orten Bayerns recherchiert und Videointerviews geführt. Hier Beispiele dazu:

http://www.heuerleute.de/das-heuerlingswesen-im-vergleich-zu/zeitzeugen-als-gewaehrsleute/august-knoefer/

http://www.heuerleute.de/das-heuerlingswesen-im-vergleich-zu/zeitzeugen-als-gewaehrsleute/anni-grumbach/

http://www.heuerleute.de/ludwig-zellhuber/

Auch in diesem Sommer plane ich weitere Gespräche – vornehmlich in Baden und Württemberg, aber auch in Niederbayern und der Oberpfalz –  mit ausgesuchten Zeitzeugen.

 Als junger Ass. Arzt habe ich in Süddeutschland einen Landarzt wiederholt vertreten. Dazu gehörten auch Hausbesuche im entsprechenden Landkreis. Dabei hatte ich den Eindruck, dass die alten Leute auf den Höfen, die nicht mehr arbeiten konnten, schlecht untergebracht und schlecht versorgt wurden.

Ich habe den sehr erfahrenen Landarzt, der noch während des letzten Krieges mit der Kutsche seine Hausbesuche machte, darauf angesprochen. Er sagte mir, dass meine Vermutungen auch seinen Beobachtungen entsprächen. Er meinte, dass nirgends so schlimm mit alten Menschen umgegangen werde, wie auf einem Bauernhof, wenn sie nicht mehr arbeiten können, sondern nur noch zur Last fallen. Die Dunkelziffer der Menschen, die so umkommen, sei wahrscheinlich hoch!

Beerdigung eines Bauern

 

Mein Vater erzählte mir immer wieder, es sei eine Tradition im südlichen Emsland gewesen, dass die Bauern, die etwas auf sich hielten, die Bretter für ihren Sarg schon zu Lebzeiten oben auf der Scheune lagerten.

Es war dann ein Privileg der Heuerleute aus der Nachbarschaft, diese am Tag nach dem Tode zusammenzuzimmern.

Der Verstorbene wurde anschließend in der „besten Stube“ (es gab auch eine „aole Stove“) aufgebahrt.

Der Sarg blieb offen bis am Beerdigungstag.

Nachts mussten die Nachbarn dort wachen, damit die Ratten, die es überall gab, den Leichnam nicht anknabberten.

Zeichnung aus Arbeitsheft für Heimatkunde im Kreise Lingen 1952

Die Kochmaschinen brachten Fortschritt

So sah die Feuerstelle in den Heuerhäusern über mehr als zwei Jahrhunderte in der Regel aus. Kälte und Qualm bestimmten den Lebensraum von Mensch und Tier einem gemeinsamen Raum.

Diese Situation änderte sich, als Kochmaschinen auf den Markt kamen. Sie boten mehr Wärme zur Ausstrahlung. Nun waren verschiedene Kochmöglichkeiten gleichzeitig und sogar ein Backfach vorhanden.

Um die wichtige Wärme besser nutzen zu können und nicht die ganze Diele zu heizen, wurde in aller Regel jetzt eine Trennmauer zwischen Küche und Diele gezogen. Das musste mit dem Bauern abgestimmt werden. Die Überlieferung in diesem Heuerhaus besagt, dass der Heuerling diese Mauer auf seine eigenen Kosten eingebaut hat und er den Balken oben aus billigem Kiefernholz genommen hat.

In der Größe des jeweiligen Herdes zeigte sich wiederum deutlich  – etwa genau proportional zum Verhältnis des Bauernhauses zur Heuerlingskate – auch der soziale Unterschied:

Hier in einem recht wohlgeordneten Heuerhaus um 1958

 

Diese Kochmaschine war typisch für einen mittelgroßen Bauernhof zu der Zeit

Fotos: Archiv Robben