Auswahl von Zeitungsberichten über die Veröffentlichungen zum Heuerlingswesen von Dr. Helmut Lensing und Bernd Robben

 

 

 

 Es gab typische Heuerlingskrankheiten

von Dr. Heiner Wübbels (Mediziner in Greven)

und Dr. Helmut Lensing (Historiker aus Greven)

Wer sich die damaligen Behausungen der Heuerleute anschaut und sich dazu die Lebensumstände ihrer Bewohner vor Augen führt, den überrascht es nicht, dass es ganz typische Krankheiten gab, die
– nicht ausschließlich, aber vor allem – Heuerleute und Kleinbauern sowie die vielfach aus ihren Reihen
stammenden Neusiedler in Moor und Heide befielen. Schon Jacobi und Ledebur führten 1840 in ihrer Schilderung der primitiven Wohnverhältnisse der Heuerleute an, welche gesundheitlichen Folgen ihnen daraus bekannt waren – allerdings nur verschämt in einer Fußnote. Sie beriefen sich dabei auf einen
Arzt, der anlässlich einer Epidemie im Amt Iburg in die Behausungen der Heuerleute kam. Dieser berichtete: Wo aber die Krankheit eine Familie befiel, da wurden meistens alle Glieder derselben durchgesiechet, wenigstens in den Häusern der Heuerleute, deren beschränkter Raum keine Sonderung, zuweilen selbst nicht die Lüftung der Zimmer gestattete.

Krankheiten und Gesundheitsschäden durch den Hollandgang

Etliche Krankheiten schleppten seinerzeit die Hollandgänger ein, die sie sich während ihrer äußerst strapaziösen Tätigkeit im westlichen Nachbarland eingefangen hatten. In den Niederlanden verdienten
sie sich als saisonale Wanderarbeiter dringend benötigtes Bargeld. Die Torfstecher und Moorbaggerer
arbeiteten von früh morgens bis spät abends nicht selten in Wasser oder Schlamm stehend im Akkord.
Neben der körperlich extrem anstrengenden Arbeit kämpften sie anfangs mit Kälte und Frost, später
mit der sengenden Sonne. Dazu kam die ständige Feuchtigkeit der Kleidung bei mangelhafter Hygiene, was Hautkrankheiten begünstigte und auf Dauer zu Rheuma, Gicht und Lungenkrankheiten führte, zumal in den heimischen Behausungen ebenfalls Feuchte, Kälte sowie ständiger Rauch das Leben der
Heuerlinge prägten. Bronchitische Erkrankungen waren selbst in den 1930er Jahren unter Heuerleuten
und Kleinbauern weit verbreitet.
Für die Hollandgänger war zudem das Wechselfieber, die Malaria, gefährlich, da die niederländischen
Moore und Sümpfe nicht nur unzählige Fliegen beherbergten, sondern auch Mücken, die den Malariaerreger in sich trugen. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts trat dort zudem immer wieder die Cholera auf,
die heimkehrende Hollandgänger nach Deutschland einschleppten. Wenn ein Hollandgänger schwer erkrankt war, wollten die Gemeinden nicht ihre gering gefüllte Armenkasse für die Fremden verausgaben.
Sie bemühten sich, kranke Hollandgänger so schnell
wie möglich loszuwerden. Jede Gemeinde verfrachtete die Kranken in „Krüppelfuhren“ umgehend wei￾ter in einen Nachbarort Richtung Heimatdorf. Dieses rabiate Verfahren überlebten viele kranke Hollandgänger nicht.

Kaum waren die Hollandgänger von der Akkordarbeit im Nachbarland mit allen den Strapazen zurückgekehrt, mussten sie schon pflichtgemäß als Erntehelfer bei „ihrem“ Bauern arbeiten.

Nach Feierabend wartete dann die eigene kleine Landwirtschaft, die Ernte ebenfalls noch eingefahren werden musste.
Dass unter diesen Umständen schlimme Verschleißschäden wie eine rasche Alterung selten ausblieben,
ist gut nachvollziehbar. Diese gefährliche Erkrankung, die letztlich tödlich endet, zeigt erste Symptome in anhaltendem Husten.
Sie konnte von Rindern, die früher vielfach befallen waren, und durch (Roh)Milch auf den Menschen
übertragen werden. So waren die Bewohner von Heuerlingshäusern, die keine Trennung von Wohn- und durch eine Mauer aufwiesen, besonders ansteckungsgefährdet, ebenso diejenigen, die die unbehandelte Milch von erkrankten Kühen genossen.
Die Schwindsucht, medizinisch als Tuberkulose bezeichnet, brach besonders bei denen aus, deren Immunsystem etwa durch Krankheiten oder Nahrungs￾mangel geschwächt oder die genetisch bedingt dafür anfällig waren. Im fortgeschrittenen Stadium stellt sich bei der offenen Tuberkulose ein infektiöser blutiger Auswurf in Begleitung von Atemlosigkeit selbst bei leichten Belastungen ein. Dazu gesellt sich nächtliches Schwitzen und beständiger Gewichtsverlust.
Weil es gegen diese Infektion lange keine wirksamen Medikamente gab, „schwanden“ die so Erkrankten
unaufhaltsam dahin. Allerdings wiesen die beiden Berliner Mediziner Dr. Franz Redeker und Dr. Gerard Demohn nach, dass nicht die dafür zuvor verantwortlich gemachten Butzen an sich für die hohe
Tuberkuloseerkrankungsrate bei Heuerlingen verantwortlich war, sondern deren Überbelegung bei nicht vorhandener Lüftung und mangelnder penibelster Reinigung, was zur Infizierung ganzer Familien  führte.

Die Leiden der Frauen
Wenn der Heuerling-Ehemann in Holland tätig war, hatte seine Frau bei allen anfallenden Arbeiten beim Bauern für ihn einzuspringen. Zudem musste sie die eigene kleine Landwirtschaft in Schwung halten und sich um die Kinder kümmern. Verschleißerkrankungen waren daher auch bei Frauen üblich, über dies Atemwegsprobleme wegen des langwierigen Kochens über dem qualmenden offenen Herdfeuer, wobei Rußpartikel in die Lunge gelangten. Da auf Schwangerschaften keine Rücksicht genommen
wurde, war die Zahl der Früh- und Totgeburten hoch.
Im Umfeld von Schwangerschaft und Geburt kam es häufig zu Komplikationen, zumal ausgebildete Ärzte oder Hebammen nur selten zur Verfügung standen.
Die Schonfrist für Frauen nach der Niederkunft war sehr kurz; die Sterblichkeit unter Kleinkindern und
Gebärenden entsprechend hoch. Eine typische Krankheit war das Kindbettfieber, das bei vielen Frauen in der Nachgeburtsphase insbesondere aufgrund der mangelhaften hygienischen Verhältnisse auftrat und häufig zum Tode führte. Und da waren die Zustände in den beengten Heuerhäusern nachweislich  schlimmer als auf den Bauernhöfen. Da die Heuerlingsfrauen hart arbeiten mussten, versiegte bei ihnen, so dieBeobachtung von Dr. August Walbaum aus Scheeßel 1897, nach der Geburt schnell die Milch. So erhielten Säuglinge Kuhmilch, was, wenn der Rindvieh bestand mit Tuberkulose durchseucht war, gleich zur Infizierung führte.

Flöhe verursachten Entwicklungsrückstände bei Kindern

Die Mediziner Redeker und Demohn machten 1936 auf eine inzwischen in Vergessenheit geratene Besonderheit aufmerksam, die mit den Schlafstellen der ländlichen Unterschichten des Nordwestens zu
tun hatte.
Im Stroh, mit dem die Butzen und sonstigen Schlafgelegenheiten der Heuerlinge aus Geldmangel häufig
ausgelegt waren, nisteten häufig Flöhe. Bei Untersuchungen von Schulkindern mit Flohstichen stellten
beide fest, dass diese zwischen 100 und 3000 Stiche pro Nacht erhielten. Folge des ständigen Blutverlusts
war eine starke Blässe der betroffenen Kinder, Teilnahmslosigkeit und allgemeine geistige und körperliche Hemmung.

Unhygienische Verhältnisse förderten Krankheiten

Daneben förderten weitere weit verbreitete Gewohnheiten beim Bau der Hofanlagen die Ausbreitung von Krankheiten, etwa die schon andernorts angesprochene Toilettenfrage. Hingewiesen werden soll vor allem auf das Problem des sauberen Trinkwassers.
In der Regel wurde es aus den Brunnen des Hofes geholt, die – so Dr. August Walbaum – oft geradezu inmitten von Düngerhaufen und Pfützen angelegt  sind oder dicht an die Viehställe grenzen! Soll ich
erwähnen, daß ein grosser Teil der Abwässer aus der Küche und die Dejectionen [Ausscheidungen]
von Menschen und Vieh oft direct in unmittelbare Nähe dieser Brunnen hinaus befördert werden?

Schwere Kinderarbeit mit gesundheitlichen Folgen

Der Hümmlinger Bauernsohn Heinrich Book (1914-2012) spezialisierte sich als Arzt im münsterländischen Sendenhorst in der Nachkriegszeit auf die Auswirkungen der harten körperlichen Arbeit der
Heuerlinge auf den Knochenbau. Dies bereitete ihnen im Laufe des Lebens vielfach große Schmerzen. Dr. Book berichtete: Da die schwere Arbeit bei noch nicht voll entwickeltem Körper schon mit 14 Jahren als Knecht oder Magd begann, zeigte sie auch schon früh Spuren: Falten im Gesicht und eine besondere Form der Steifheit des Körpers. So kam es vor, daß ich eine Mutter, die mir ihr Kind zeigte, für die Großmutter gehalten habe.

Christiane Cantauw: Leben und Alltag von Heuerlingsfrauen und -mädchen im 19. Jahrhundert

Leben und Alltag von Heuerlingsfrauen im 19. Jahrhundert darzustellen, erweist sich als einigermaßen schwierig, standen Frauen doch selten einmal im Fokus sozial- oder wirtschaftshistorischer Beschreibungen. Entsprechend wenige Quellen liegen über ihr Leben und ihren Alltag vor. In der Regel waren es die Männer, allenfalls die Familien als Ganzes, über deren soziale oder wirtschaftliche Lage in den aufklärerischen oder sozialreformerischen Schriften raisonniert wurde. Frauen, das betraf nicht nur diejenigen aus den unteren sozialen Schichten, waren in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in allen Belangen dem Mann nachgeordnet. Diese Stellung war nicht zuletzt rechtlich fixiert, so dass Frauen – unabhängig davon, ob sie nun verheiratet waren oder nicht – der ihnen seitens der Gesellschaft zugewiesenen passiven Rolle nur schwerlich entkommen konnten. Waren die Heuerlinge – je nach dem (meist mündlich verabredeten) Pachtvertrag, den sie mit dem Colon abgeschlossen hatten, und je nach den zusätzlichen Verdienstmöglichkeiten durch Spinnen, Weben, Zigarrenmachen, Hollandgängerei etc. – in mehr oder weniger hohem Maße abhängig von den Besitzenden, so galt diese Abhängigkeit umso mehr für ihre Frauen und Töchter, über deren Leben und Alltag nicht nur der Colon, sondern auch ihr Mann respektive Vater bestimmte.

Die Töchter der besitzlosen ländlichen Unterschichten hatten im 19. Jahrhundert kaum eine andere
Möglichkeit als irgendwo „in Dienst“ zu gehen. EinGroßteil der kaum vierzehn- oder fünfzehnjährigen
schulentlassenen Mädchen wurde von ihren Vätern als so genannte kleine Magd in der Landwirtschaft in Stellung gegeben. Die kleine Magd war auf den Höfen der Großmagd unterstellt – sofern eine solche beschäftigt wurde. Die Mägde waren für die Versorgung des Milchviehs, der Schweine und des Kleinviehs zuständig, besorgten den Gemüsegarten und halfen im Haushalt, in der Küche und bei der Feldarbeit (Garben binden, Kartoffeln aufsuchen, Rüben ziehen), wann immer dies notwendig war. Die Mägde lebten mit der Bauernfamilie unter einem Dach, aßen mit ihr an einem Tisch. Was sie zu tun hatten, bestimmte zunächst einmal die Bäuerin und in letzter Konsequenz natürlich der Bauer. Der soziale Aufstieg einer aus einer besitzlosen ländlichen Unterschicht stammenden Magd war so gut wie ausgeschlossen, dafür sorgten schon die strengen sozialen Ausschlusskriterien der Bauernfamilien. In den Anerbengebieten galt der Erhalt des Hofes als Kriterium, durch eine Heirat sollte Land zu Land kommen. Wichtig war es deshalb, dass die Heiratskandidatin des Hoferben „etwas an den Füßen“ hatte, also über eine erkleckliche Mitgift (möglichst an Landflächen) verfügte, so dass der Besitz vermehrt wurde.,Ein Mädchen aus einer landlosen Heuerlingsfamilie# wurde als Schwiegertochter gar nicht erst in Betracht gezogen, da konnte sie noch so flink spinnen, backen oder melken und den Garten noch so gut bestellt haben.
In der Regel blieb den Mädchen aus den besitzlose Schichten nur eine Verehelichung mit ihresgleichen, also einem jungen Mann aus einer Heuerlingsfamilie oder einem verwitweten Heuermann. Viele dieser Beziehungen bahnten sich auf den dörflichen Spinnstuben, bei den Märkten, Kirchweihfeiern oder Schützenfesten an. Auch die verschiedenen Brauchveranstaltungen wurden nicht zuletzt zum Anbandeln genutzt. Da es zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht sonderlich schwer war, eine entsprechende Heuerstelle bei einem Bauern zu finden, war das Heiratsalter der Landlosen weitaus niedriger als dasjenige der Bauern, die vor der Hochzeit die Hofübergabe regeln mussten. Gegen Mitte des Jahrhunderts änderte sich die Lage der Heuerleute jedoch drastisch: Infolge der Krise des Haustextilgewerbes – ein wichtiger Nebenverdienst der Heuerleute – fehlten den jungvermählten Landlosen meist jegliche Mittel, um sich auf einer Heuerstelle eine von ihren Eltern unabhängige Existenz aufzubauen. Meist blieb ihnen keine andere Möglichkeit, als in die Nachfolge ihrer Eltern oder Schwiegereltern zu treten und mit diesen in den ohnehin schon engen Heuerhäusern einen gemeinsamen Haushalt zu bilden. Für die Frauen konnte dies Unterstützung bei der Hausarbeit und Kinderbetreuung bedeuten. Auf der anderen Seite kamen unter Umständen aber noch die Pflege von (Schwieger)Mutter und/oder (Schwieger)Vater zu ihrem ohnehin hohen Arbeitspensum hinzu.

Die beengten und ungesunden Wohnverhältnisse in den nicht selten baufälligen Heuerhäusern machten den Frauen den Alltag nicht eben leicht: Kochen, waschen und Kinder zu gebären und aufzuziehen waren auch unter weit weniger schwierigen Verhältnissen im 19. Jahrhundert kein Zuckerschlecken. Viele Neugeborene bezahlten die unhygienischen Lebensumstände, die oft nicht ausreichende Nahrung und die durch die Arbeitsbelastung und die Geburten teils rasant fortschreitende Entkräftung ihrer Mütter mit dem Leben. Für die Frauen selbst konnte jede Geburt unter solchen Bedingungen den Tod bedeuten. Auch unter den noch eher positiven Voraussetzungen um die Wende zum 19. Jahrhundert, d.h. mit einem guten Zuverdienst durch Spinnen und Weben bei auskömmlichen Preisen für die Erzeugnisse, waren die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Heuerlingsfrauen nicht leicht. Ihr Alltag war geprägt von einem enormen Arbeitspensum bei teils nur geringe Zeitsouveränität und dem steten Kampf gegen Ungeziefer und Krankheiten bei Mensch und Tier. Änderten sich die äußeren Bedingungen aber nur geringfügig zum Schlechteren, so war das Maß des Erträglichen schnell überschritten. Schlechte Erntejahre (erinnert sei hier z.B. an 1816, das so genannte Jahr ohne Sommer), die extreme Teuerungen nach sich zogen, und die sich in den 1830er Jahren allmählich verschärfende Krise der Haustextilherstellung, verschlechterten die Situation der Heuerlingsfamilien derart, dass ihnen manchmal keine andere Möglichkeit blieb, als sich auf den weiten Weg nach Amerika zu machen, um dem Elend und der Not in der Heimat zu entgehen. Bei der Beschreibung des Lebens und Alltags von Heuerlingsfrauen im 19. Jahrhundert sei jedoch vor Verallgemeinerungen gewarnt: Ein Blick in die Kirchenbücher und die amtlichen
Unterlagen zeigt, dass sich bei einer mikrohistorischen Perspektive auch viele Unterschiede aufweisen
lassen. Die Anzahl der Geburten, die Zahl der überlebenden Kinder, die Möglichkeiten des Zuverdienstes für sie und/oder ihren Ehemann, die Höhe der Pacht und sonstiger zu leistender Zahlungen, die persönliche Beziehung zum Colon, zu den übrigen Landbesitzern und Landlosen des Dorfes beziehungsweise der Bauerschaft oder die Möglichkeit oder Unmöglichkeit auf familiäre Unterstützung zurückzugreifen, konnte das Leben einer Heuerlingsfrau spürbar zum Besseren oder zum Schlechteren verändern. Die mehrfache Abhängigkeit (von ihrem Vater/Ehemann und dem Bauer/der Bäuerin), die freilich individuell als mehr oder weniger drückend empfunden wurde, und die geringe soziale Durchlässigkeit der ländlichen Gesellschaft, die kaum Chancen zum sozialen Aufstieg eröffneten, lassen sich indes nicht
wegdiskutieren. Inwieweit Frauen unter diesen zu jener Zeit herrschenden Konstellationen überhaupt eine Möglichkeit hatten, ihre individuelle Lebenslage aktiv zum Besseren zu verändern, bleibt fraglich.

 

Foto: Archiv Robben

 

Viele Heuerleute wanderten im 19. Jahrhundert aus – vornehmlich in die USA

Ein Beitrag von

in dem Buch auf Seite 299

Die allermeisten Heuerleute waren ja in die Neue  Welt aufgebrochen mit dem dringenden Wunsch, dort eine eigenständige und unabhängige Landwirtschaft betreiben zu können. Das konnte jedoch nicht in jedem Fall auf Anhieb gelingen, weil das nötige Kapital dafür nicht vorhanden war. So nahmen sie durchaus   in Kauf, dass sie sich zunächst in den sich sehr stark entwickelnden Städten (allen voran Cincinnati) ansie￾delten und dort einfache Arbeiten übernehmen mussten, um sich Kapital zu besorgen. Dabei passierte es auch, dass sie sich im nichtlandwirtschaftlichen Bereich beruflich qualifizieren konnten und sich so ins städtische Leben integrierten.

Andere jedoch blieben dennoch ihrem Vorsatz treu und ließen sich landwirtschaftliche Flächen ausweisen, die sie teilweise zu einem sehr geringen Kaufpreis erhielten. Sie rodeten den Wald und machten die Gegend urbar unter größtenteils schwierigsten Bedingungen. Das vorhandene oder geborgte Geld wurde also in aller Regel zum Kauf von Land angelegt. Die ersten Behausungen fielen dagegen eher kläglich aus, durchaus vergleichbar mit den ursprünglichen Hütten der Siedler in Papenburg oder den Moorsiedlern in Deutschland.
Der US-amerikanische Historiker Walter D. Kamphoefner (am 5. März 1948 in Missouri geboren)
untertitelt ein Foto, das u. a. seinen Urgroßvater – einen ehemaligen Heuermann aus dem Raum Melle
‒ abbildet, dessen Name 1846 zum ersten Mal in amerikanischen Akten auftaucht: Dieses Foto von
1896 zeigt das Ehepaar Ernst Heinrich Kamphoefner und Klara Elisabeth, geb. Rökers, beide fast 80
Jahre alt, mit Tochter, Schwiegersohn Thellmann und ihren Enkelkindern vor dem Blockhaus, das
mit Anbauten und Verbesserungen ihr ganzes Leben lang ihr zu Hause in Amerika war. Auf Grund von
weiteren überlieferten Fotos darf man also annehmen, dass zumindest ein Teil der Siedler in Nordamerika zunächst schlechter gewohnt hat als in seinen Heuerhäusern in der ehemaligen Heimat.

Fotos: Archiv Dr. Timothy Sodmann

Dr. Jürgen Kessel (Damme): Geschichte der Mäßigkeitsbewegung – eine Neuerscheinung

Dr. Jürgen Kessel stellt sein neues Werk vor:

Mäßigkeitsbewegung, ein kurzes und kurioses Kapitel Dammer Geschichte

Mit leichtem Augenzwinkern stellten der Heimatbund für das Oldenburger Münsterland, vertreten durch Präsidentin Manuela Honkomp, und der Heimat- und Verschönerungsverein „Oldenburgische Schweiz“ mit dem Vorsitzenden Wolfgang Friemerding am 26. November 2025 Dr. Jürgen Kessels neuestes Werk „Zur Geschichte der Mäßigkeitsbewegung im Oldenburger Münsterland – am Beispiel des Dammer Mäßigkeitsvereins“ vor. Denn dies fand in der Traditionsgaststätte Butke-Bollmann statt, durchaus bei einem Gläschen Wein. Doch alles schön der Reihe nach…

Um diese Bewegung der Mäßigung zu verstehen, sollte man sich nach Jürgen Kessel zunächst einmal in die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts versetzen, als der größte Teil der Bevölkerung verarmt war, namentlich der untersten bäuerlichen Schicht der Heuerleute angehörte. Angesichts manch festlicher Gelegenheiten konsumierten auch diese Leute alkoholische Getränke. Doch das billigste Getränk war seinerzeit der Branntwein. Folglich gab es 1818 allein im Dammer Kirchspiel 18 lizensierte Brennereien, von den privaten ganz zu schweigen. Neben vielen kirchlichen und öffentlichen Feiertagen gab es ohnehin ständig familiäre Anlässe wie Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse, bei denen reichlicher Alkoholkonsum üblich war.

Das führte schließlich dazu, was Kessel im Pfarrarchiv der katholischen Kirche St. Viktor zwischen alten Kirchenbüchern entdeckte: ein Protokollbuch des Dammer Mäßigkeitsvereins von 1842 mit über 1000 Namen, die einst dessen Mitglied waren. Dieses Dokument sei für den gesamten norddeutschen Raum einzigartig, denn Vergleichbares war bisher nicht bekannt. Der Anstoß dazu sei vonseiten der katholischen Kirche gekommen, weil die Sorge um den schädlichen Einfluss des Alkohols erhebliche gesellschaftliche Schäden verursacht habe.

Die Bewegung habe nun insbesondere durch den Osnabrücker Kaplan Johann Matthias Seling, den „Mäßigkeitsapostel“, Fahrt aufgenommen. Dieser habe über die Sorge für die Armen einen engagierten Feldzug gegen den Alkoholmissbrauch geführt. Als begabter „Propagandist“ wirkte er mit Reden, Predigten und seinen selbst gedichteten Liedern weit über Osnabrück hinaus bis ins Münsterland, Emsland und in den Oldenburger Raum. Seine Lieder sind gesammelt in der 1847 erschienenen „Rüstkammer gegen die Macht des Branntweins“. Insgesamt soll er 150 Städte und Dörfer besucht und 82000 Menschen zur Enthaltsamkeit verpflichtet haben.

Zweimal war Seling 1844 nach Damme gekommen, einmal sogar in seiner Mission fünf Tage lang. Seine Erfolge waren überwältigend, denn im März dieses Jahres zählte der Verein 1887 Mitglieder, im Mai schon 1910 „bekehrte Personen“. Da waren es allerdings nach einer Satzungsänderung auch Frauen und Kinder. Der Vereinsvorstand, der bald schon auf 17 Personen aufgestockt worden war, ging dabei sehr rigoros gegen „Missetäter“ vor, die beim Alkoholkonsum erwischt worden waren, wobei das Denunziantentum allerdings weit verbreitet war.

So heftig die Entwicklung zu Beginn der 1840er Jahre war, so schnell ging sie auch wieder vorüber. Spätestens mit der 1848er Revolution und dem schwindenden Einfluss von Klerus und Adel lief die Mäßigkeitsbewegung aus. Das aufgefundene Protokollbuch endet demnach 1851. Allerdings findet das Bestreben um Eindämmung übermäßigen Alkoholgenusses seine Fortsetzung in den Mäßigkeitsbruderschaften, deren Spuren sich dann in den Folgejahren ebenso verlieren.

Dr. Kessel führte am Schluss aus, dass dies seine endgültig letzte Buchvorstellung sei, da ihm das Lesen und Forschen durch irreparable Augenprobleme sehr erschwert werde. Der mittlerweile Achtzigjährige hat jedoch im Laufe seines Lebens der Dammer Geschichtsschreibung unschätzbare Dienste erwiesen, denn die Liste seiner Veröffentlichungen ist sehr lang und hat mehrere umfangreiche Forschungs-Schwerpunkte mit regionalem Bezug. In Anerkennung dafür ist ihm schon 2010 der Kulturpreis der Stadt Damme verliehen worden.

Das Buch ist erhältlich beim Heimatbund für das Oldenburger Münsterland, Bahnhofstr. 82, 49661 Cloppenburg, info@heimatbund-om.de sowie im Stadtmuseum Damme, Lindenstr. 20, 49401 Damme, stadtmuseum.damme@outlook.de

 

 

„Mittelalter und Moderne – Das Heuerlingswesen in der Weimarer Republik“ – Vortrag in Lohne

 

Vortrag im Industriemuseum Lohne:
„Mittelalter und Moderne – Das Heuerlingswesen in der Weimarer Republik“
Donnerstag, 5. Februar 2026, 19 Uhr

Lohne. – Das Industriemuseum Lohne lädt am Donnerstag, den 5. Februar 2026, um 19 Uhr zu einem spannenden historischen Vortrag ein. Unter dem Titel „Mittelalter und Moderne: Das Heuerlingswesen in der Weimarer Republik“ beleuchtet der Historiker Dr. Christian Westerhoff die Geschichte einer in der Forschung häufig übersehen unterbäuerlichen Schichten: die Heuerleute.

Westerhoff zeigt, wie konfliktreich die Situation im westlichen Niedersachsen nach dem Ersten Weltkrieg war. Die Inflation verleitete die Bauern zu Pachtsteigerungen, die viele Heuerleute nicht tragen konnten und wollten – Auseinandersetzungen und Kündigungen prägten den ländlichen Alltag.

Über drei Jahrhunderte war das Heuerlingswesen prägend für große Teile Nordwestdeutschlands: Landarbeiter pachteten Haus und Land von Bauern und waren im Gegenzug zur Arbeit auf deren Hof verpflichtet. Im 19. Jahrhundert stellten Heuerleute in einigen Teilen des Oldenburger Münsterlandes sogar mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Trotz ihrer sozialen und politischen Bedeutung wurden sie in der Forschung lange kaum beachtet.

Dr. Westerhoff zeigt in seinem Vortrag, wie sich diese unterbäuerliche Schicht nach der Novemberrevolution politisch organisierte und bemerkenswerte Erfolge erzielte. So setzte sie bereits 1920 die Pachtschutzordnung durch, die kurzfristige und ungerechte Kündigungen untersagte. Die Interessenverbände der Heuerleute – teils dem Zentrum, teils der SPD verbunden – entwickelten sich zu verlässlichen Stützen der jungen Demokratie. Der Historiker Benjamin Ziemann bezeichnet sie daher als „standhafte Befürworter und Verteidiger des republikanischen Staates“, eine „Ausnahme und eine Erfolgsgeschichte, die nicht vergessen werden sollte“.

Trotz politischer Fortschritte blieb die soziale Lage vieler Heuerleute jedoch schwierig. Arbeits- und Lebensbedingungen veränderten sich nur langsam und blieben teilweise bis in die 1950er Jahre hinein bestehen.

Mit seinem Vortrag eröffnet Dr. Westerhoff einen neuen Blick auf die Weimarer Republik – jenseits der großen Städte und bekannten politischen Akteure. Der Abend verspricht spannende Einblicke in ein Stück regionaler Sozialgeschichte, das bis heute nachwirkt.

Der Eintritt ist frei.

 

Abbruch eines Heuerhauses in Lohne/Olbg.

Hier handelt es sich um eine seltenes Filmdokumentation: Ein ehemaliges Heuerhaus wird sorgsam abgebaut, um es anschließend wieder errichten zu können.

Der Großteil dieser Häuser wurden etwa ab 1960 zusammengeschoben oder abgebrannt. Man wollte nicht mehr an die Zeit des Heuerlingswesens erinnert werden.

Zur Geschichte der Mäßigkeitsbewegung – eine Neuerscheinung von Dr. Jürgen Kessel (Damme)

Im Jahr 1852 gründete sich im katholisch geprägten Damme ein Verein, der dem übermäßigen Alkoholkonsum entgegenwirken wollte – ein Spiegelbild der gesellschaftlichen, religiösen und politischen Umbrüche im 19 Jahrhundert.

Jürgen Kessel zeichnet erstmals die Geschichte dieser wenig bekannten Bewegung anhand des im Archiv des Bischöflichen Münsterschen Offizialates erhaltenen und im vorliegenden Werk vollständig transkribiertes Protokollbuches nach. Er beleuchtet Entstehung, Struktur und Wirkung der Dammer Mäßigungsvereins sowie die sozialen Netzwerkkonflikte einer dörflichen Gemeinschaft im Wandel. (Rüchwärtiger Klappentext)

Im nachfolgenden Videobeitrag  gibt Dr. Kessel einen Einblick in die sozio-ökonomischen Verhältnisse der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

https://www.youtube.com/watch?v=2Qjd_FXh07E&t=864s

 

 

 

Zur Geschichte der Mäßigkeitsbewegung – Ein Buch von Dr. Jürgen P. R: Kessel (Damme)

 

Im Jahre 1842 gründete sich im katholisch geprägten  Damme ein Verein, der dem übermäßigen Alkoholkonsum entgegen wirken  wollte – ein Spiegelbild der gesellschaftlichen, religiösen und politischen Umbrüche im 19. Jahrhundert.

Jürgen Kessel zeichnet erstmals die Geschichte dieser wenig bekannten Bewegung anhand des im Archiv des Bischöflichen Münsterschen offiziell hartes erhaltenen und im vorliegenden Werk vollständig transkribiertes Protokollbuches nach er beleuchtet Entstehung, Struktur und Wirkung des Dammer Mäßigungsvereins sowie die sozialen Netzwerke und Konflikte einer dörflichen Gemeinschaft im Wandel. (Text rückwärtiger Buchdeckel)