Niederländisch-deutsche Kooperation zur gemeinsamen Sprache in den 50er und 60er Jahren

Von Zeitungsmeldungen her befürchteten viele Menschen in Nordwestdeutschland im Jahre 1947 eine Abtrennung ihrer Heimat,  als die niederländische Regierung auf der Londoner Konferenz Gebietsforderungen im westlichen Deutschland stellten.

Nach Forderungen extremer Kreise sollten die Landwirte enteignet werden. Ihre Höfe wären dan an niederländische Bauern übergegangen.

Geschädigte deutsche Traktatbauern, insbesondere in den Landkreisen Grafschaft Bentheim, Aschendorf-Hümmling und Meppen verloren tatsächlich ihre Flächen auf dem benachbarten niederländischen Gebiet. Sie erhielten erst sehr viel später  Geld als Ausgleich. Aber was ist das für einen Bauern, wenn er seine ererbten Flächen verliert.

https://en.wikipedia.org/wiki/Dutch_annexation_of_German_territory_after_the_Second_World_War#/media/File:Bakker_Schut-plan.PNG

 

Am 10. Mai 1940 waren die Niederlande von den deutschen Truppen überfallen worden und sind danach für fünf Jahre einer harten Besatzungsmacht unterworfen gewesen. Das sorgte für eine negative Einstellung vieler Holländer in der Nachkriegszeit den Deutschen gegenüber.

So wurden in den Niederlanden Forderungen laut nach Bestrafung und Schwächung Deutschlands, die mit Entschädigungsleistungen einhergehen sollten. Man erörterte sogar die Annexion von Gebieten bis an die Weser.

Von dieser Linie wich die offizielle niederländische Politik jedoch recht bald ab zugunsten einer Grenzkorrektur, die immerhin ein Gebiet von 1750 Quadratkilometern mit etwa 120000 Einwohnern auf deutscher Seite umfasste.

Auf der Londoner Konferenz in Jahre 1948 lehnten die vier Siegermächte den Antrag der Niederländer ab.

https://de.wikipedia.org/wiki/Niederl%C3%A4ndische_Annexionspl%C3%A4ne_nach_dem_Zweiten_Weltkrieg#/media/Datei:Duitsch_grondgebied_zonder_Duitschers.jpg

 

Vor diesen politischen und wirtschaftlichen Hintergründen ist das Interview mit Dr. Helmut Lensing zu sehen, der sich sprachwissenschaftlich mit einer zunehmenden Kooperation von Niederdeutsch – “Aktivisten” beiderseits der Grenze nach dem 2. Weltkrieg beschäftigt – ein bisher kaum erforschtes Thema.

 

 

 

 

 

Insbesondere mit dem Stalldungstreuer und dem Mähdrescher konnte die Landwirtschaft auf Heuerleute verzichten

Als ab etwa 1955  in der Zeit des sog. Wirtschaftswunders auch im Bereich der Landtechnik enorme Entwicklungen möglich wurden, konnten Heuerleute, Knechte und Mägde fast durchweg außerhalb der Landwirtschaft besser bezahlte Arbeit finden.

 

Aber auch die Landtechnik entwickelt sich weiter:

Wenn es die Vorgaben zur Größe der Maschinen im Straßenverkehr nicht gäbe, würden die Geräte wohl noch breiter und größer…



Foto: 2 Krone Archiv, unten Archiv Robben

Emmy Wilmink berichtet als Zeitzeugin über die heute schier unvorstellbaren Mühen einer Moorsiedlerin

Existenzgründung im Moor.

Vorstellung der Schreiberin:

Mein Name ist Emmy Wilmink. Seit mehreren Jahren  bin ich im Ruhestand. Früher war ich als Ehe u. Familienberaterin und als Psychotherapeutin tätig. Als Liebhaberin und Schreiberin der plattdeutschen Sprache, mit der ich aufgewachsen bin, zog es mich als Kind immer wieder nach Georgsdorf, auf den kleinen Bauernhof meiner Großmutter.  Mein Interesse an der Plattdeutschen Sprache, der Natur, den Menschen und den Tieren wurde vor allem von meiner Großmutter geweckt.     

Diese Vorlieben begeistern und beschäftigen mich heute noch.                                    

Als Schulkind fieberte ich dem Zeitpunkt meiner Ferien entgegen, um bei meiner Oma sein zu können. Ich fühle mich noch heute, sechzig Jahre nach ihrem Tod, sehr mit ihr verbunden und schöpfe aus ihrem Lebensweg, den sie unter harten, oft quälenden Bedingungen nach dem frühen Tod ihres Mannes tapfer und in liebevoller Fürsorge für ihre Kinder gegangen ist. Dass sie sich mir anvertraute, hat mich stets berührt, mein Leben geprägt und es reicher gemacht.

Kurze Hintergrundinformation:

Als König Georg etwa 1740  die Moorbesiedelung in der Grafschaft Bentheim plante und bekannt gab, hielt die Regierung großflächige Parzellenbereiche zur Ansiedlung bereit. Diese erworbenen Parzellen wurden Kolonate genannt. Deshalb bezeichnete man die Inhaber der erworbenen Parzellen mit dem Begriff Kolone. Bewerber waren größtenteils Bauernsöhne aus der Grafschaft Bentheim und der näheren Umgebung.

Die Regierung gewährte den Siedlern und Kolonen das Recht, die Größe ihrer gewünschten Parzellen selbst zu wählen. Sie unterzeichneten einen so genannten kostenlosen Pachtvertrag. Der Grund und Boden durfte nicht weiter veräußert werden. Für alles andere, wie zum Beispiel für die Errichtung eines Hauses, war der Siedler oder Kolon selbst zuständig. Bald entstanden im Moor unter unvorstellbaren Bedingungen die ersten Katen. Im Moor baulich etwas auf die Beine zu stellen, war zu der Zeit äußerst schwierig. Mit schwerem Gerät, wenn es zur Verfügung gestanden hätte, wäre es wegen des Gewichts und der Senkungsgefahr nicht möglich gewesen, Häuser zu errichten.

Erst später, als die Trockenlegung des Moores fortgeschritten war, gestalteten sich die Bedingungen für das Bauen der Häuser günstiger. Allein Pfähle im Moor zu befestigen war ein schwieriges Unterfangen. Es ist heute kaum nachvollziehbar, mit welchen Bedingungen die Anfänger im Moor zu kämpfen hatten.

Lebensumstände meiner Großmutter.

Meine Oma Johanna wurde im September 1876 in Emlichheim, in der nordwestlichen Grafschaft Bentheim geboren.

Sie verstarb 1960 im Alter von 84 Jahren in Georgsdorf.

Ihr Temperament und ihr Durchsetzungsvermögen war die Triebfeder für ein Leben, das sie trotz sehr vieler Schicksalsschläge und Armut bewältigt hat.  Sie agierte besonnen und war ein liebevoller Mensch. Einundzwanzigjährig heiratete sie ihren Ehemann Jan in Georgsdorf. Sie war von zarter Statur und maß kaum 160 cm. Bis zu ihrem Lebensende trug sie Grafschafter Tracht. Von ihrer Kindheit ist wenig bekannt. Wohl aber sprach sie gelegentlich von einer unbeschwerten Zeit in Emlichheim. Mit großer Begeisterung berichtete sie vom Schlittschuhlaufen im Winter, auf dem zugefrorenen Coevorden-Piccardie-Kanal.

Von ihrer Tätigkeit in einer Nähstube oder Schneiderei und von  freundlichen Begegnungen mit gleichaltrigen Mädchen und jungen Leuten war die Rede. Ob sie dort eine Ausbildung zur Schneiderin gemacht hat, ist nicht bekannt. Sie sorgte aber später durch ihre Näharbeiten für ein kleines Einkommen ihrer Familie in Georgsdorf.

Es war spürbar, dass sie möglicherweise in ihrem Elternhaus diese extreme Begrenzungen, wie sie sie in Georgsdorf vorfand,  so nicht kannte.

Ihre neue Familie in Georgsdorf lebte in einer alten, abgewohnten Kate als Siedler im Moor. Vermutlich wurde diese Kate etwa 1784 oder später von Vorfahren ihres Ehemannes im Laufe der Moorbesiedelung errichtet. Diese fand in Georgsdorf, laut einer Aufzeichnung des Bentheimer Heimatkalenders aus dem Jahr 1941, ab 1725 statt und wurde ständig fortgesetzt. Es ist nicht bekannt, ob ihr Ehemann allein oder mit seinen Eltern diese Behausung bewohnte.  Man kann davon ausgehen, dass bis zur Hochzeit des Paares bauliche Veränderungen stattgefunden haben.

Ein altes Foto deutet darauf hin.

Obwohl diese bauliche Maßnahme gewisse Verbesserungen erreichte, hat meine Oma das Resultat wohl nicht nur positiv beurteilt.

Sie äußerte sich dazu später mit dem kurzen Satz: „ Dat was alle een Flickwark.“

Die Trauung

Die Trauung der Eheleute Jan, geboren im Oktober 1873 und Johanna, geboren im September 1876 fand im März 1898 in der Evangelisch-Reformierten Kirche in Georgsdorf statt. Dem Brautpaar wurde aus der Hand des Pfarrers ein Exemplar der Bibel und einer Familienchronik mit der Aufforderung überreicht, mit beiden aktiv umzugehen: sowohl die Bibel täglich zu lesen als auch die Familienchronik gewissenhaft zu schreiben. Meiner fleißig schreibenden Oma verdanke ich Informationen, die mir wichtig und sehr wertvoll sind.

In der Familienchronik ist in der präzisen Sütterlinschrift meiner Großmutter folgendes zu lesen:

Der vorgegebene Predigt-Text der Trauung ist Psalm 128 und lautet:

Gesegneter Hausstand: 1 Wohl dem, der den Herrn fürchtet und auf seinen Wegen geht. 2 Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit; wohl dir, du hast es gut. 3 Deine Frau wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock drinnen in deinem Hause, deine Kinder wie junge Obstbäume um deinen Tisch her.4 Siehe, so wird gesegnet der Mann, der den Herrn fürchtet. 5 Der Herr wird dich segnen aus Zion, dass du siehst das Glück Jerusalems dein Leben lang 6 und siehst Kinder deiner Kinder. Friede sei über Israel !

Wie mag Oma, die zu dem Zeitpunkt einundzwanzig Jahre alt war,  diesen Text aufgenommen haben? Fühlte sie sich verstanden, ermutigt? Gelassen und gläubig? Verliebt und im Aufbruch?

Von ihr war in der Chronik dazu kein Kommentar zu lesen.

Meine Großmutter, die bittere Erfahrungen hinnehmen musste, selbst aber nicht bitter wurde, legte, wie sie es formulierte, alles in Gottes Hand. Ob sie aber diesen Text akzeptieren konnte, in dem ausschließlich ihr Ehemann angesprochen wurde, blieb offen. Erst in ihren späten Lebensjahren und nach vielen Lebenserfahrungen äußerte sie in unseren Gesprächen deutlich ihre Überzeugung, dass Frauen und Männer gleiche Rechte und Pflichten haben sollten. Im Alter, als ihre körperliche Kraft nachließ, war sie eine eifrige Zeitungsleserin. Täglich befasste sie sich mit dem, was die Zeitung zu bieten hatte. Ihre Interessensgebiete waren Politik, Sport und die lokalen Ereignisse.

Die Geburt der Kinder

In der Familienchronik führte meine Großmutter unter dem vorgegebenen Bibeltext die Geburt ihrer elf Kinder und ihres Enkelsohnes und Pflegekindes auf. Der Text lautet : „Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn und Leibesfrucht ist ein Geschenk“

Das erste Kind, ein Mädchen, Janna wurde 1899 geboren.

  1. Fenna geb. 1900
  2. Hindrika geb. 1902
  3. Hermina geb. 1904
  4. Hindrikin geb. 1905
  5. Hindrik-Jan geb. 1907
  6. Aleida Getreuda geb. 1909
  7. Bernhard August geb. 1912
  8. Gerhard geb. 1913
  9. Hindrika Johanna geb. 1915
  10. Jana geb. 1916
  11. Johann geb. 1922 Ihr Enkelsohn und Pflegekind

Eine große Familie! Wie ging es weiter?

Die große Familie und die Landwirtschaft hat sowohl meiner Großmutter, als auch meinem Großvater sehr viel Kraft und Arbeit abverlangt. Von dieser Zeit hat sie nur selten berichtet. Und wenn sie es tat, dann fast immer unter Kopfschütteln mit dem  Kommentar: „Es war eine schwere, ganz schwere Zeit.“ Damit meinte sie offensichtlich nicht nur die enorm viele Arbeit, sondern vor allem den Verlust ihres Mannes und ihrer verstorbenen KinderEs sei hier an den Zeitpunkt der Hochzeit erinnert, sie fand 1898 statt.

  • Hinrika starb vierjährig 1906.
  • Omas Ehemann Jan starb dreiundvierzigjährig 1916.
  • Das jüngste Kind Janna wurde 9 Tage nach dem Tod ihres Vaters geboren. Sie war gehbehindert und musste einige Male in einer Spezialklinik in Hannover operiert werden.
  • Hindrika-Johanna starb zweijährig 1917.
  • Ihre älteste Tochter Jana, die nach dem Tod ihres Vaters für Ihre Mutter nur knapp zwei Jahre eine große Hilfe sein konnte, verstarb 1918 neunzehnjährig an der Spanischen Grippe, die zu der Zeit inDeutschland grassierte.

Diese Aufzählungen erschüttern mich noch heute!

  • Ihr Enkelsohn und Pflegekind Johann starb zweiundzwanzigjährig im Frühling 1945, im Krieg.
  • Fenna starb siebenundfünfzigjährig 1957.
  • Der älteste Sohn der Familie, Hindrik-Jan war zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters acht Jahre alt.

Wie sollte das Leben jetzt nur weitergehen? Konnte es überhaupt weitergehen? Oma sagte: „Es musste weitergehen!“ Meine Großmutter hat Unsägliches leisten müssen.

  • Sie ertrug den Tod ihres Mannes, ihrer fünf Kinder und ihres Enkelsohnes.
  • Sie ertrug die wirtschaftliche Not zum großen Teil ohne finanzielle Absicherung durch Versicherung, einer Krankenkasse oder Ähnliches.
  • Sie ertrug die Lebensbedingungen im Moor!

 

Aber – sie war nicht untätig! Dennoch beklagte sie oft die Anfangsbedingungen und hatte große Mühe, diese zu akzeptieren. Es war feucht und im Winter bitter kalt.  Der Fußboden bestand zum Beispiel aus Ziegelsteinen, die direkt, ohne Isolierung auf dem Moorboden lagen. Das Bettzeug in den Butzen (Schrankbetten) war im Sommer klamm, im Winter gefror der Atem auf der Bettdecke. Um die Kälte in den Butzen zu minimieren, waren sie von der Küche aus zu öffnen und blieben in der Nacht zum größten Teil offen, um die mögliche, wenn auch abnehmende Küchenwärme zu nutzen. Die Rückseiten der Butzen befanden sich an der Bretterrückwand des Pferdestalles. Auf diese Weise erhoffte man sich zumindest ein wenig mehr Wärme, als an der Außensteinwand, auf der im Winter das Eis glitzerte.

Sehr gut ist mir in Erinnerung geblieben, dass meine Mutter oft von einem besonderen Schlafgefühl der Kinder in den Butzen berichtete. Sie sprach davon, dass diese zwei sogenannten Kinderbutzen völlig überbelegt waren, was innerhalb der Geschwisterreihe von elf Kindern häufig zu kleinen Streitereien führte. Aber auch sprach sie von einem anheimelnden Gefühl, wenn die älteste Schwester abends vor dem Einschlafen kleine Geschichten erzählte. Manchmal wieherte das Pferd in der Nacht oder schlug mit der Hufe gegen die Wand. Ob meine Großeltern auch in einer Butze schliefen, ist nicht bekannt.

Die Feuerstelle befand sich in der großen Küche, dem Mittelpunkt des Hauses. Sie diente als Kochstelle und wurde außerdem im Winter als Wärmequelle genutzt. Was allerdings wegen der Ritzen und offenen Fugen, die sich in den Wänden befanden, nur sehr bedingt gelang. In der kalten Jahreszeit Wäsche zu trocknen, war ein schwieriges Unterfangen, da das Feuer abends abgedeckt wurde, um die Brandgefahr zu minimieren.

Nicht selten brannten Moorkaten lichterloh, was für die betroffenen Siedler das „Aus“ bedeuten konnte, da ihnen dadurch ihre ohnehin karge Existenz genommen wurde. An Versicherungen und sonstigen Absicherungen war bei der Anzahl der Kinder nicht zu denken.Es war mehr als schwierig, die Familie zu ernähren.

Zu dem Hof meiner Großeltern gehörten zwei bis drei Kühe, ein paar Schafe, etwa drei Schweine und, wie Oma sagte: „Un en rappelmager Perd.“

Die hygienischen Bedingungen waren zu Anfang sehr dürftig, um nicht zu sagen katastrophal. Dem Haushalt stand ausschließlich braunes, stark riechendes Moorwasser aus dem Brunnen zur Verfügung. Die Wäsche wurde deshalb in einer Wanne mit der Schubkarre zum Kanal geschoben, dort gespült und gebleicht, um sie einigermaßen geruchfrei und weiß zu halten.

Nachdem das Rieddach des Hauses entfernt worden war und mit Dachziegeln gedeckt wurde, sorgte eine Dachrinne für das Abfließen des Regenwassers in eine große Tonne. „Dat wass`n groat Gewinn“ sagte Oma, „nou kunnen wij off un to een Köppien Tee drijnken.

Geheizt wurde mit Torf, der von den Männern wegen der Schwere der Arbeit gestochen werden musste. Frauen waren für die Trocknung des Torfes zuständig.

In mehreren Arbeitsgängen schichteten sie die wassergetränkten und von daher sehr gewichtigen Torfkolben in Rippen um, damit der Wind sie trocknen konnte. Es dauerte oft mehr als einen ganzen Sommer bis zur Trocknung. Vor allem wurde der Torf verkauft und trug im Wesentlichen zum Lebensunterhalt bei. Oft blieben die mit Torf gepackten Ackerwagen in dem moorigen, nassen Untergrund stecken. Das bedeutete für Siedler und Kolone doppelte Arbeit für sehr wenig Geld.

Unvorstellbar, dass meine Großmutter nach dem Tod ihres Mannes und ihrer ältesten, neunzehnjährigen Tochter die aufgezählten Arbeiten nicht nur im Haushalt, sondern auch in der Landwirtschaft und für das Vieh leisten musste. Die schwere Arbeit des Torfstechens, der einzigen kleinen, möglichen Geldquelle für die Familie, musste über Jahre eingestellt werden, da der älteste achtjährige Sohn diese harte Arbeit noch nicht leisten konnte. Hilfe von Außen war kaum zu erwarten. Eventuell vorhandene Nachbarn waren ähnlichen Bedingungen ausgesetzt, aber mit der Extremsituation  meiner Oma nicht vergleichbar.

Sie agierte als Bäuerin und Schneiderin, veranlasste bauliche Veränderungen an ihrem Haus. Flechtwände wurden entfernt und stabile Mauern aufgebaut. Das löcherige Rieddach wurde durch Dachziegel ersetzt. Anstatt der offenen Feuerstelle kam ein Herd ins Haus.

Ein Schweinestall für etwa zwölf Schweine wurde gebaut.

Dies alles leistete sie über Jahrzehnte unter der treuen Mithilfe ihrer Kinder. Es ist tröstlich zu wissen, dass sie von ihren Kindern geliebt und verehrt wurde.

In einem offensichtlich zufriedenen und geistig aktiven Alter wurde sie durch einen gnädigen Tod heimgeholt.

 

Emmy Wilmink

Fotos: Emmy Wilmink

Wechselvolle Geschichte eines Dohrener Heuerhauses (Nähe Haselünne)

 

Zu den Bewohnern dieses Heuerhauses fand Dr. Stefan Remme heraus:
August Schmidt wurde 1878 in Handrup als Sohn des Clemens Schmidt und seiner Frau Anna Maria geboren. Vermutlich ist er in der Zeit seiner Eheschließung mit Anna Mersch um 1900 nach Dohren gekommen. Ob seine Eltern mit ihm nach Dohren gekommen sind, ist ungewiss. Jedenfalls hat diese Heuerstelle 1874 und 1895 schon existiert. Sie ist vermutlich identisch mit einer der beiden ältesten Heuerstellen des Bauern Többen, die im Status Animarum von 1749 aufgeführt sind. Wer vor der Familie Schmidt hier ansässig war, ist unklar. Aus der Ehe Schmidt / Mersch gingen fünf Kinder hervor. Die älteste Tochter, Maria, heiratete Gerhard Dulle und übernahm mit ihm die Heuerstelle. Gerhard Dulle war Bürgermeister der Gemeinde Groß Dohren vom 2. November 1947 bis zum 5. Dezember 1952. Von den fünf Kindern aus der Ehe Dulle / Schmidt zogen bis auf einen Sohn alle aus Dohren fort. Aber auch der Sohn Gerhard, verließ das Haus 1958 und baute in der Waldstraße für sich und seine Familie. Zurück blieben die Mutter und zwei Söhne. Nach ihrem Wegzug 1963 war das Haus einige Zeit unbewohnt, bis eine Familie Hartwig einzog. Von etwa 1966 bis 1976 wohnte Hans Janke in dem (ehemaligen) Heuerhaus. Bis 1979 lebte hier die Familie Radheischer (oder Radheisen), bis sie nach Langen wegzog. 1979 verkaufte Bauer Többen das Haus an die Familie Laake, die es in der Folgezeit aufwändig renovierte. Heute wohnt der Sohn hier.

Fotos: Archiv Martin Skibicki

Udo Lindenberg – in Gronau aufgewachsen

Rock un Pop up Platt!

Dat giwwt doch gar nich? Doch in‘t rock‘n‘popmuseum Gronau!

mit Otto Lohle ut un in Gronau!

So vertellt he: Dat giwwt doch gar nich? Doch in‘t rock‘n‘popmuseum Gronau!

Man mag dat boll gar nich glöwen, aower nao de vullstännige Digitalisierung van dat Museum un de neie Eröffnung in November 2018 döör de Gronauer Jung Udo Lindenberg, kans Du doar nich bloaß ne spannende Zeitreise döör de Geschichte vanne Rock- un Popmusik beliäwen…

… so beginnt der Beitrag von Otto Lohle im entstehenden Buch Watt, de kann Platt!

Hier erfährt man mehr über Otto alias Tönne Speckmann:

https://www.rock-popmuseum.de/specials-d/popp-up-platt-d.html

 

Der Viehkaufmann Heinrich Leveling (Pöttker) – ein Nachruf

Im Gedenken an Pöttker Hinnerk  – einen besonderen Kenner der Landwirtschaft  in den letzten 65 Jahren!

So begrüßte er seine Gäste an seiner Haustüre – allzeit gut gelaunt und durchweg ein “Dönken” parat…

… und er kannte seine Geschäftspartner*innen in der Landwirtschaft, im Viehhandel bundesweit  und in den benachbarten Niederlanden sehr genau. Dabei hatte er die besondere Gabe, sowohl in seinen umfangreichen Geschäftsbereichen als auch im übrigen Leben die jeweilige Lage sofort nüchtern und sachlich “taxieren” zu können. Wohl auch dadurch strahlte er stets eine sympathische Gelassenheit aus und hatte beruflichen Erfolg dabei.

Auf seine Kurzerzählungen konnte man immer gespannt sein: Prägnant und zumeist sogar mit philosophischen Hintergrund: Datt mok di noch effkes vertelln!  – hier vom August 2020:

Bei meinem letzten Friseurbesuch traf ich einen jungen Syrer, der offenbar in den Asylunterkünften der Gemeinde wohnte. Wir konnten uns einigermaßen verständigen. Als ich dann vor ihm mein Haar geschnitten bekam, bezahlte ich an der Kasse auch seinen Haarschnitt mit – der junge Mann sollte das nicht bemerken.  Wenige Tage später begegneten wir uns zufällig im Dorf. Er bedankte sich in seiner südländischen Art und sagte dann: “Ich habe kaum Geld, aber ich werde für dich zu Allah beten!”

Pöttker kommentierte das am Abend in seiner Familie so: Wer hat im Dorf ein solches Privileg – ich kann in christlicher Art um unser Wohlergehen beten und nun betet dieser freundliche junge Mann für mich zu Allah!

Pöttker Heine – nur wenige nannten ihn bei seinem “richtigen” Namen Heinrich Leveling – kannte sich auch ganz besonders im zwischenmenschlichen Verhältnis der Bauern und Heuerleute aus:

Zuchterfolge bei Heuerleuten

Zusammen mit Pöttker entstand ein erfolgreiches Buch, darauf war er sehr stolz!

Pöttker hielt sich bis zu seiner schweren Erkrankung im Herbst 2020 durch tägliche Radtouren fit. Regelmäßig besuchte er uns etwa alle vier Wochen in unserem Heuerhaus in Gleesen.

Im letzten Sommer entstand dabei nachfolgendes Video up platt:

Immer wieder kommentierte er in seiner vorherrschend sachlich – analytischen Art: Zunächst ist da große Betroffenheit im Dorf bei einem Todesfall – nach dem Sechswochenseelenamt wird die verstorbene Person sehr schnell in Vergessenheit geraten!

Bei Pöttker Hinnerk wird das nicht so sein!

Fotos und Video: Archiv Robben

Jüdische Viehhändler als bevorzugte Handelspartner

Mit Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte auch in Deutschland eine enorme  Industrialisierung ein. Viele abgehende – nicht erbende – Bauernkinder zogen in die Städte.

Zeitgleich verließen auch etliche jüdische Viehhändler die dörflichen Kleinräume und siedelten sich an verkehrsgünstigen Bahnhöfen mit landwirtschaftlichem Umland an. Andere Händler (nicht selten Familienmitglieder) ließen sich in größeren Städten mit Großschlachthöfen nieder.

Somit war eine effektive und äußerst lukrative Infrastruktur im vertrauten Kreis aufgebaut.

Das exzellente Fachwissen, das von  klein an in den jüdischen Familien mit Stringenz weitervermittelt werden konnte, wurde bei nahezu allen Bauern erkannt und auch anerkannt, denn dadurch erzielten auch sie als Produzenten höhere Preise im Vergleich zu den möglichen Erlösen mit den Kleinhändlern vor Ort.

Hier ein Bericht aus Niederbayern: