Die Not der Heuerleute um 1850 (Pastor Funke)

Schon im Vorwort zu seinem Buch:

Über die gegenwärtige Lage der Heuerleute im Fürstenthume Osnabrück mit besonderer Beziehung auf die Ursachen ihres Verfalls und mit Hinblick auf die Mittel zu ihrer Erhebung.

von Georg Ludwig Wilhelm Funke, Pastor zu Menslage

1871

beschreibt er eindringlich und ungeschminkt die Notlage der Heuerleute, die über die Hälfte “seiner Schäfchen” ausmachen.

 

Wahrlich, wenn irgend je, so werden wir in gegenwärtiger Zeit auf das ernstlichste gemahnt, die noch vorhanden Heilkräfte zum Kampfe gegen das immer weiter um sich greifende Übel der Verarmung der unteren Volksklassen anzuregen und zu vereinen! Geschieht dies nicht, so wird diese Verarmung massenhaft in solcher Weise zunehmen, dass eine Heilung der Krankheit kaum noch möglich ist, wie solches auf das Schrecken erregendste gerade jetzt Beispiele in anderen Ländern zeigen. Wenn wir nun die Klasse der Heuerleute unzweifelhaft als ein krankes Glied im Organismus des Staates anzusehen haben, und ebendarum eine Heilung durchaus notwendig ist, so liegt es jedoch gerade im Wesen der Heilung, dass diese nicht etwa von den kranken, sondern von den noch gesunden Teilen ausgeht, durch deren Lebenskräfte die Krankheit immer mehr zurückgedrängt werden muss, damit die leidenden Glieder zur Gesundheit gelangen und sodann als wahrhaft lebendig dem Organismus gleichsam von neuem wieder einverleibt werden können. Wir dürfen darum bei der überhand nehmenden Verarmung der Heuerleute, so lange wir noch Lebenskräfte in uns verspüren, nicht ruhig bleiben; sondern wir müssen das Übel in allen Ursachen angreifen und zu überwältigen suchen. Eine bloße Unterstützung der Heuerleute, ohne dass die Ursachen ihrer Not beseitigt wären, wird nur augenblicklich das Übel lindern, auf die Dauer aber nichts fruchten, indem die Not stets wiederkehrt, die Mittel zur Unterstützung aber endlich erschöpft werden. Trotz vieler betrübenden Erscheinungen ist es zwar ein hocherfreuliches Zeichen unserer Zeit, dass der in der Liebe tätige Glauben immer lebendiger wird, tiefer im Leben Wurzel schlägt, keimt, blüht und Früchte trägt, von welchen viele den notleidenden Volksklassen zu gute kommen; allein auch die größte christliche Mildtätigkeit wird nicht helfen können, ja es wird sich trotz derselben die Not der Heuerleute noch vermehren, wenn nicht die auch nach den Unterstützungen fortwirkenden Ursachen entfernt werden. Wie schwer die Entfernung solcher Ursachen zum Teil ist, weiß ich sehr wohl; das ganze Staatswesen ist meistens dabei beteiligt; inzwischen habe ich überall offen meine Meinung ausgesprochen, mögen immerhin manche Maßregeln, welche ich in Vorschlag gebracht habe, nicht sofort zur Anwendung kommen können. Jedenfalls glaube ich auf das deutlichste dargelegt zu haben, dass sich die Heuerleute in einem Notstande befinden, in welchem sie bei längerer Fortdauer nicht bloß ihren äußerlichen Lebensverhältnissen, sondern zugleich ihrem inneren sittlichen Wesen nach zu Grunde gehen müssen. Das hieraus notwendig eine Zerrüttung des gesellschaftlichen, politischen und religiösen Lebens erfolgen wird, bedarf, wie ich glaube, wohl kaum eines Beweises. Das Übel ist da, die Heilung ist notwendig, und mag man auch über die Art und Weise, wie diese Heilung bewirkt werden soll, im Einzelnen verschiedener Ansicht sein, dies wenigstens steht fest, dass sie ohne Erwerbung des nötigen Terrains für diese Arbeitskräfte nicht möglich ist. Die innere Kolonisation im umfassendsten Sinne des Wortes, ist es welche uns in jeder Beziehung gegenwärtig Not tut; da aber der Mensch nicht von Brot allein lebt, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht, so muss mit ihr die innere Mission auf das innigste verbunden sein.