Die Siedlungsanstrengungen des „Vereins Christlicher Heuerleute“

Ab 1925 rückte der Kampf um den Pachtschutz, der immer nur befristet galt, in der öffentlichen Tätigkeit des VCH etwas in den Hintergrund. Nun konzentrierte sich die politische Arbeit des Verbands auf die Förderung der Siedlung. Der Landhunger der Heuerleute und ihr Wille, durch die Siedlung als selbstständige Landwirte finanziell und sozial aufzusteigen, war groß. Auch Heinrich Kuhr hatte 1923 seine Heuerstelle in Bramhar verlassen und im Bienerfeld gesiedelt. Das emsländische Zentrum, das die Brisanz dieser Frage erkannt hatte, lud deshalb für den 26. Mai 1926 zu einer Sitzung des Vorstands der „Zentrumsvereinigung Emsland“ mit Repräsentanten der Bauern, Pächter und Heuerleute ein. Anwesend waren außerdem Zentrumsabgeordnete, so der Landtagsabgeordnete Josef Hagemann als Mitglied des landwirtschaftlichen Ausschusses. Dieser berichtete über seine Bemühungen zur Emslandkultivierung und über die Arbeit der dazu eingesetzten „Deutschen Ödlandkultivierungsgesellschaft“ (Dökult). Die Partei versuchte, zwischen den Kontrahenten zu vermitteln. Einerseits unterstützte sie die Kultivierungsforderungen der Heuerlinge, da angesichts der riesigen Brachflächen im Emsland die Eigentümer den Aufwand nicht allein tragen könnten, dies also eine staatliche Aufgabe sei. Andererseits setzte sie sich aber auch für die finanzielle Unterstützung der bäuerlichen „Siedlung vom Hofe“ ein, bei der die Eigentümer Ödlandflächen zur Hoferweiterung bzw. zur Siedlung für nachgeborene Kinder schaffen wollten. Allerdings sollten staatliche Kultivierungsarbeiten nur nach einer Verständigung mit den bäuerlichen Eigentümern erfolgen[i]. So beschäftigte sich auch der Arbeitsminister Dr. Heinrich Brauns auf dem 2. emsländischen Zentrumsparteitag im Oktober 1926 in Lingen, bei dem die Landwirtschaftspolitik im Mittelpunkt stand, mit der Siedlungsfrage. Der VCH hatte deshalb seine Mitglieder, soweit sie Zentrumsanhänger waren, eigens zu einer Teilnahme aufgerufen, da Brauns einer der eifrigsten Förderer der Siedlung sei[ii]. Die regionale Presse berichtete nun verstärkt über Siedlungsfragen und Aktivitäten der Zentrumspartei zur Erleichterung der Ödlandkultivierung in der Region, so beispielsweise im November 1926 über einen parlamentarischen Vorstoß zur Melioration in Wietmarschen entlang des Süd-Nord-Kanals oder von einem Urantrag der Partei zur planmäßigen Besiedlung der Emslandmoore[iii].

Am 28. Oktober 1926 veranstaltete der „Verein Christlicher Heuerleute“ in Lingen eine große Siedlertagung, auf der Josef Hagemann, ein Vertreter der Landtagsfraktion der siedlungsfreundlichen linksliberalen „Deutschen Demokratischen Partei“ und der Geschäftsführer des „Reichsverbandes landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe“, Kulturingenieur Heinrich Lübke, sprachen. Die mit rund 2000 Menschen stark besuchte Versammlung beschloss, entweder selbst eine Siedlungsgenossenschaft zu gründen oder sich einer bestehenden anzuschließen[iv]. Schon wenig später machte der „Verein Christlicher Heuerleute“ Nägel mit Köpfen, da eine geeignete Gesellschaft nicht zur Verfügung stand. Auf einer Generalversammlung am 9. Dezember 1926 in Lingen gründete der VCH die „Siedlungsgenossenschaft Emsland“ mit Sitz in der Emsstadt. Vorsitzender wurde der VCH-Leiter Heinrich Kuhr. In den Vorstand wurde wegen seiner Verdienste um die Siedlung auch der Zentrumspolitiker Josef Hagemann gewählt[v]. Heinrich Kuhr berichtete über den Beginn der Tätigkeit: „Mit 20.000,- Mark Darlehen wurden die ersten Flächen in Lohe, Kreis Meppen, angekauft. Unter ihrem nimmermüden Geschäftsführer Dr. Schulte gelang es der Genossenschaft, bis 1933 = 261 Bauern anzusetzen[vi]. Mit Dr. Schulte war ihr Geschäftsführer Georg Schulte gemeint, der nach dem Zweiten Weltkrieg Leiter der Lingener Zweigstelle der „Hannoverschen Siedlungsgesellschaft“ wurde.

Doch bis endlich die ersten konkreten Siedlungsmaßnahmen im Emsland in Angriff genommen werden konnten, verging Zeit – zuviel Zeit für die landhungrigen Heuerleute. So vermittelte die Dachorganisation der Kleinbauernverbände, der „Reichsverband landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe“, alsbald Siedlungen im Osten, wo Güter aufgekauft wurden. In Giesenbrügge im Kreis Soldin in Ostbrandenburg siedelten 18 Familien aus dem Kirchspiel Lengerich, sieben aus dem Kirchspiel Bawinkel und fünf aus dem Kirchspiel Herzlake. Weitere Heuerleute aus dem Emsland ließen sich im unweit gelegenen Schönow im hinterpommerschen Kreis Pyritz und im nahe liegenden Hohengrape im Kreis Soldin/Neumark nieder. Einzelne Familien gingen nach Tempelhof oder nach Mecklenburg. Infolge des großen Kinderreichtums der Heuerleute waren es ansehnliche Gruppen, die damit das Emsland verließen. So fuhren am 2. Oktober 1929 aus dem Raum Lengerich vom Bahnhof Freren aus 80 Menschen nach Schönow. Die Ostsiedler bekamen Höfe von 15 bis 16 Hektar, wobei der Boden weitaus besser war als im Emsland. Die Neusiedler unternahmen sogleich beträchtliche Anstrengungen, um für eine Kirche und seelsorgliche Betreuung zu sorgen, denn Katholiken waren – mit Ausnahme von polnischen Saisonarbeitern – in der neuen Heimat unbekannt. 1945/46 mussten die ehemaligen Heuerleute die nun polnisch gewordenen Gebiete verlassen. Als sogenannte Rückwanderer fanden bis 1953 im Bourtanger Moor, etwa in der Bauerschaft Sustrumer Moor, 56 Familien neue Siedlerstellen[vii].

 

Doch dann setzte im Emsland ebenfalls die Siedlung ein. Insbesondere schuf die Siedlungsgenossenschaft neue Bauernhöfe im nördlichen Emsland, wie der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen ist. 1930 entfielen von den 199 Neusiedlerstellen im Emsland auf den

Kreis Aschendorf                    83

Kreis Meppen                          59

Kreis Hümmling                      46

Kreis Grafschaft Bentheim     6

Kreis Lingen                           5.

 

In der Grafschaft Bentheim sollten zwar weitaus mehr Siedlerstellen geschaffen werden, doch wehrten sich hier die Grundbesitzer mit Hilfe der DVP und der DNVP mit aller Macht gegen eine Enteignung oder auch nur den erzwungenen Verkauf von Ödland, das freiwillig niemand hergeben wollte[viii].

 

Tab. 5: Ankauf und Besiedlung von Ödlandflächen durch die Siedlungsgenossenschaft Emsland bis Ende 1930[ix]

 

  Größe in ha Kulturland in ha Ödland

in ha

Siedler Neubauten
Lohe, Meppen 86 86 8 8
Apeldorn 92 92 8 8
Andrup 20 20 2 2
Lehrte 12 12 1 1
Bramsche 12 12 *
Dalum 136 136 9 9
Kl. Berßen 42 42 4 4
Lähden 14 14 1 1
Verßen 64 64 5 5
Bawinkel 43 43 4 4
Bookholt 46 46 4 4
Gr. Berßen 349 6 343 30 30
Kathen 135 2 133 10 10
Lastrup 71 10 61 6 6
Eisten 24 1 23 2 2
Wehm 27 10 17 2 2
Altharen 73 73 7 7
Bimolten 23 23 3 3
Bramhar, Meppen 14 14 2 2
Bückelte 22 22 2 2
Hüven 13 13 1 1
Lotten 31 31 3 3
Tinnen-Emmeln 470 470 35 35
Kluse 487 2 485 38 38
Sandheim, Meppen 125 105 20 10 9
Gersten 8 1 7 1 1
Schwefingen 17 17 2 2
Gesamt 2456 137 2319 199 197**

* Anliegerstelle. ** In Bramsche und Sandheim war jeweils schon ein Gebäude vorhanden.

 

Trotz aller Klarstellungen und diesbezüglichen Veröffentlichungen warfen die Verpächter dem VCH und der Siedlungsgenossenschaft unverdrossen vor, sie würden sich dafür einsetzen, ihr Land entschädigungslos enteignen zu lassen. Dem trat Heinrich Kuhr Anfang 1929 in der Presse mit folgenden Zeilen öffentlich entgegen:

Als ich im Dezember 1919 zum erstenmale im Reichsarbeitsministerium mit dem Referenten des Herrn Reichsarbeitsministers (Sozialdemokrat) eine Besprechung über die kommende Pachtschutzordnung hatte, wurde mir die Frage vorgelegt: „Ob wir nicht eine Bewegung einleiten wollten, die darauf hinauslief, das Heuerlingsverhältnis in ein Eigentumsverhältnis auf dem Wege der Enteignung zu überführen“. Diese unvermutete Frage ließ mich nach einigen Augenblicken Bedenken mit einem absoluten Nein antworten. Zur Begründung habe ich damals ausgeführt, daß ich es allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht vertreten werden könne, generell alle Heuern auf diesem Wege in Eigentum zu überführen, da die zum größten Teil parzellierten und viel zu kleinen Heuerstellen keine angemessene Existenzbasis darstellten, um allein aus dem Ertrage dieser Stellen eine Familie ernähren zu können. Des weiteren wies ich darauf hin, daß nach der Reichsverfassung eine Enteignung nur gegen Entschädigung in Frage käme. Es wäre aber nicht vertretbar, aus einem Heuermann einen Schuldner des Verpächters zu machen[x].

Selbst während der Weltwirtschaftskrise setzte die VCH-Siedlungsgenossenschaft ihre Tätigkeit erfolgreich weiter fort. So schuf sie zwei völlig neue Ortschaften, nämlich Renkenberge bei Lathen im Kreis Aschendorf und Osterbrock im Kreis Meppen. Hier hatte die Siedlungsgenossenschaft „Emsland“ 1932 das Gut Geeste mit 832 Hektar von der Harpener Bergbau AG gekauft sowie in Renkenberge eine Ödlandfläche von 663 Hektar. Während diese Flächen noch besiedelt wurden, beendeten geänderte politische Umstände ein drittes Großprojekt. Im Bourtanger Moor erwarb die Siedlungsgenossenschaft 1930/31 rund 2600 Hektar zusammenhängende Moor- und Heideflächen, die anschließend erst einmal vom „Freiwilligen Arbeitsdienst“ entwässert wurden. Doch bevor hier die Siedlung im großen Maßstab beginnen konnte, wurde die Siedlungsgenossenschaft – wie weiter unten beschrieben wird – durch den NS-Staat gleichgeschaltet und bald darauf aufgelöst. Das Land Preußen kaufte die Flächen in Sustrum und Walchum auf[xi]. Immerhin waren in der Siedlung Kluse bereits 44 Neusiedlerstellen errichtet worden[xii], auch die Schaffung des neuen Siedlerdorfes Hasselbrock konnte noch in Angriff genommen werden[xiii]. Der VCH und die Siedlungsgenossenschaft veröffentlichten stetig Berichte, die vom Fortschritt der Siedlungsbemühungen und vom Kauf neuer Ödlandflächen kündeten oder der Information von Siedlungswilligen dienten, wobei sie zur Unterrichtung der Heuerleute über die Siedlung sogar das hochmoderne Medium Film einsetzten[xiv].

Wie stark der Siedlungshunger der Heuerleute war, zeigt die Mitgliederzahl der Siedlungsgenossenschaft. Aufgenommen wurden hier nur Personen, die nach einer strengen Prüfung Willen und Eignung zur Siedlung nachweisen konnten.

 

Tab. 6: Mitgliederzahlen der „Siedlungsgenossenschaft Emsland“[xv]

1926    109

1928    306, davon wurden 147 angesiedelt

1929    338

1930    370

1931    398

 

[i] LVB Nr. 63 vom 01.06.1926, KVB Nr. 63 vom 03.06.1926. Die Generalversammlung des EBV forderte 1926, für jede Mark, die die Dökult zur Ödlandkultivierung vom Staat bekäme, müssten im Gegenzug die Bauern ebenfalls eine Mark für die Siedlung vom Hofe erhalten (Herzlake-Holter Zeitung, Haselünne, Nr. 44 vom 02.06.1926).

[ii] LVB Nr. 122 vom 19.10.1926, LVB Nr. 126 vom 28.10.1926.

[iii] LVB Nr. 132 vom 11.11.1926, LVB Nr. 130 vom 06.11.1926, LVB Nr. 131 vom 09.11.1926, LVB Nr. 136 vom 20.11.1926 , LVB Nr. 143 vom 07.12.1926 oder LVB Nr. 148 vom 18.12.1926.

[iv] LVB Nr. 125 vom 25.10.1926, LT vom 03.11.1926, KVB Nr. 128 vom 03.11.1926.

[v] LT vom 14.12.1926, Haverkamp (wie Anm. 2), S. 93.

[vi] Kuhr (wie Anm. 4), S. 69. Zu Schulte: Haverkamp (wie Anm. 2), S. 93.

[vii] Siehe dazu ausführlich: Josef Grave, Heuerleute – West-Ostsiedler – Rückwanderer. Auf den Spuren emsländischer Familien in Hinterpommern und Ostbrandenburg, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 41/1995, Sögel 1994, S. 330-342, sowie zu der Auswanderung in der Presse: LVB Nr. 244 vom 19.10.1929 (aus Wettrup gehen zehn Heuerlingsfamilien nach Pommern, eine Familie siedelt in Handrup, zwei in Oldenburg und drei Heuerleute haben im Ort einen Hof bekommen), LVB Nr. 250 vom 26.10.1929 (Lengericher VCH-Vorsitzender Gräber wandert nach Pommern aus), FVB Nr. 19 vom 12.02.1930 oder FVB Nr. 87 vom 20.07.1932.

[viii] Siehe beispielhaft den Kampf in Bookholt, wo 1000 Morgen Ödland enteignet werden sollten (ZuA Nr. 15 vom 18.01.1929, ZuA Nr. 224 vom 23.09.1929 oder Bentheimer Zeitung (weiterhin BZ) Nr. 116 vom 18.05.1928 mit einem beigebundenen Flugblatt der DVP gegen die Siedlungsgenossenschaft „Emsland“).

[ix] Geschäftsbericht der Siedlungsgenossenschaft „Emsland“, Lingen, bis zum 31. Dezember 1930, in: LVB Nr. 181 vom 11.08.1931.

[x] Kuhr, Untergang (wie Anm. 52).

[xi] Siehe dazu und zur Siedlungsgenossenschaft „Emsland“: Christof Haverkamp, Die Erschließung des Emslandes im 20. Jahrhundert als Beispiel staatlicher regionaler Wirtschaftsförderung. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft (= Emsland/Bentheim. Beiträge zur Geschichte Bd. 7), Sögel 1991, S. 41-46. In Osterbrock siedelten vornehmlich Heuerleute aus der Frerener und Lengericher Umgebung (FVB Nr. 44 vom 12.04.1933 und FVB Nr. 69 vom 10.06.1933).

[xii] HZ Nr. 52 vom 05.05.1932. Die Siedler waren Heuerleute aus Setlage, Thuine, Andervenne und Freren (FVB Nr. 53 vom 02.05.1932).

[xiii] EZ Nr. 261 vom 14.11.1933.

[xiv] HZ Nr. 14 vom 31.01.1931. Siehe zum Vorherigen z.B.: FVB Nr. 24 vom 24.02.1930, KVB Nr. 70 vom 24.03.1931 oder BZ Nr. 191 vom 17.08.1931.

[xv] Eigene Zusammenstellung aus Zeitungsberichten.