Wie kann die Lage verbessert werden? (Jahr 1871)

Wie kann die Lage der Heuerleute gründlich verbessert werden?

Mittel zur Abhilfe.

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Wie es geschehen, dass die Lage der Heuerleute im Laufe der Zeit immer bedenklicher geworden ist, haben wir schon früher (Abschn. 2) dargelegt. Wo bei immerfort zunehmender Bevölkerung die Colonen es ihrem Interesse entsprechend fanden, oft mehr als die doppelte Zahl Heuerleute anzunehmen und in demselben Maße den Acker der einzelnen Heuerleute zu verringern, den bei der Teilung erworbenen Markengrund durch Heuerleute kultivieren zu lassen, ohne denselben für den Ausfall freier Benutzung der Gemeinheiten irgend Ersatz zu geben, von der Verpflichtung der Haushilfe eine ausgedehnten, oft sehr unbilligen Gebrauch zu machen, ohne die Pflicht entsprechender Gegenleistungen anzuerkennen und zu üben, da musste sich die Lage der Heuerleute immer ungünstiger gestalten und sie zwingen, andere Erwerbsquellen aufzusuchen, es sei denn, dass sich nach einer andern Seite hin Mittel fanden, dass Missverhältnis auszugleichen.

Je fruchtbarer der Boden, desto ungünstiger zeigte sich die Lage der Heuerleute. In den fruchtbareren südlichen Ämtern des Fürstentums, wo das den Heuerleuten zugewiesene Land kaum für die eigenen Bedürfnisse ausreichte, sahen sie sich bei mangelnder Gelegenheit für Tagelohn zu arbeiten, auf Gewerbetätigkeit verwiesen; Spinnen und Leinenweberei wurde hier für lange Zeit eine Hauptbeschäftigung und Erwerbsquelle der Heuerleute. In den nördlichen Ämtern blieb Ackerbau, Gänse- und Schafzucht, Viehmast u. dergl die Hauptsache, und als auch hier die Zunahme der Bevölkerung zwang, einen Nebenerwerb zu suchen, nahm in demselben Maße, wie das Bedürfnis wuchs, das Hollandsgehen zu. Das Hollandsgehen hat denn auch eine lange Reihe von Jahren hindurch die Not von den Wohnungen der Heuerleute ferngehalten, ja auch aus den südlichen Ämtern wurden immer einzelne durch den reichen Verdienst veranlasst, sich den Hollandsgängern anzuschließen und den Betrieb des Spinnens und Webens den Zurückbleibenden zu überlassen. Erst als sich der Lohn in den Niederlanden zu sehr verringerte, suchten diese daheim anderen Erwerb, die übrigen knüpften in anderen Gegenden, wie bereits mitgeteilt wurde, neue Verbindungen an und werden wegen ihres Fleißes und ihrer Tüchtigkeit gesucht und gut bezahlt.

Indessen ist dadurch die Lage der armen Heuerleute um nichts verbessert. Wohl finden sie durch schwere Arbeit in der Fremde die Mittel, den Druck gänzlicher Verarmung von sich fern zu halten, dafür aber treten andere Übel ein, welche im Grunde die Lage nur noch trauriger machen.

Darum tut Abhilfe dringend Not. Die Lage der Heuerleute muss verbessert werden, abgesehen von andern wichtigen Gründen, allein schon deshalb, damit das verderbliche Hollandsgehen aufhöre. Indem wir nun die Mittel zur Abhilfe besprechen, versuchen wir die Lösung einer Frage anzubahnen, deren hohe soziale Bedeutung längst anerkannt worden ist.

Im Allgemeinen wird es als Grundsatz festzuhalten sein, dass des Landmanns Hauptbeschäftigung immer zuerst die Landwirtschaft bleiben soll. Ist aber dieser Satz richtig, so folgt von selbst, dass es, um die Lage des Heuermanns zu verbessern, vor Allem zuerst notwendig ist, es dem Heuermann möglich zu machen, dass es aus der Ackerwirtschaft auch die Mittel zu seiner Existenz gewinnen könne.

Erst da, wo dieses nicht möglich ist, würde nach anderen Erwerbsmitteln für den Heuermann zu suchen sein. Es entstehen demnach die zwei weiteren Fragen:

– Ist es möglich zu machen, dass der Heuermann aus der Ackerwirtschaft sein Auskommen gewinne?

– Mit welchen andern Mitteln kann die Lage der Heuerleute verbessert werden, ohne dass sie in der Fremde Arbeit zu suchen genötigt sind?

Die Beantwortung dieser Fragen entscheidet über die günstige Lösung unserer Aufgabe. Also sehen wir zu!