Leben und Werk von Heinrich Nienhaus

Hermann Nienhaus war offenbar hochbegabt, weltoffen, und er muß sich für alle Aspekte der damaligen Umbruchzeit mit Reichsgründung 1871 und rasch fortschreitender Industrialisierung sehr interessiert haben. Sein Wortschatz, sein Einfühlungsvermögen in die verschiedensten menschlichen Lebensbereiche, seine Allgemeinbildung und seine Ausdruckskraft sind erstaunlich. Umso erstaunlicher, als er keine besondere Schulbildung genießen konnte. Die Jahre um 1830, in denen er die einklassige Volksschule in der Bauerschaft Hahlen besuchte, waren geprägt von der Konsolidierung der kleinen Nebenschule. Hermann Nienhaus hat seine vielseitigen Betrachtungen über das Leben und die damaligen Verhältnisse in Versform niedergeschrieben . Dass er es überhaupt getan hat und dann für uns Laien in so vollendet erscheinender Form, ist das Erstaunliche und Ungewöhnliche. Er hat mit den  verschiedensten  Versformen  gearbeitet, und wie aus seinen handschriftlichen Manuskripten zu ersehen ist, immer wieder an der Form und dem Inhalt gefeilt und verbessert. Es mag geschulten Literaten vorbehalten bleiben, die Ausdrucksform und Ausdruckskraft des Poeten Hermann Nienhaus kritisch zu würdigen. Für uns sind seine Werke mit denen bekannterer Autoren der Zeit durchaus vergleichbar. Immer müssen wir uns der Verhältnisse bewußt sein, unter denen er gelebt und gearbeitet hat. Einige wenige Rhytmusfehler und Unebenheiten im Reim und in der Versform schmälern nicht sein Gesamtwerk.

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Zum Inhalt der Gedichte gilt das schon vorne Gesagte: Hermann Nienhaus  hat über sehr viele Bereiche des Lebens und der Lebensumstände philosophiert. Neben den sogenannten Gelegenheitsgedichten – das sind Gedichte zu Familienfeiern, zu Trauerfällen, zu den verschiedensten Jubiläen  und  Geburtstagen  – hat er weit über den engeren Heimatkreis hinausgehende Betrachtungen angestellt. Es würde an dieser Stelle zu weit führen, auf alle Gedichte einzugehen. Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis gibt schon einen Eindruck von der Fülle der Themen.

Auf einen besonderen Aspekt sei jedoch hier noch hingewiesen. Hermann Nienhaus hat offensichtlich erst im Alter seine hauptsächliche Schaffensperiode erreicht. Die allgemeine Begeisterung und Hochstimmung nach der Reichsgründung 1871 veranlaßte ihn wohl zu der Serie von vaterländisch gefärbten Gedichten zu diesen Themen. Nach dem Inhalt zu urteilen, schrieb er diese etwa im Alter von 50 bis 80 Jahren. Beispiele sind ‘Die Uebergabe von Paris’, ‘Zur Sedansfeier’ und das umfangreiche Werk über die Enthüllung des Denkmals  in Menslage zur Erinnerung  an die Kriegsteilnehmer von 1870/71.

Dann das Besondere: Bis weit über sein 80. Lebensjahr hinaus schrieb er philosophische Betrachtungen ganz allgemein über den Menschen in seinem Verhältnis zu Gott, zur Welt, zum Universum und zum Sinn des Lebens. Hinweise in seinen Gedichten lassen diese zeitliche Zuordnung zu. Ein Gedicht über die Schelmkappe hat er nachweislich im 90. Lebensjahr geschrieben. An sich sehr religiös und gottgläubig – wie aus seinen Gedichten hervorgeht – stellte Hermann Nienhaus doch auch viele Fragen und stellte vieles in Frage.