Soziale Schichtung (Jacobs)

 

aus:

Jacobs, Heinz: Eine Granne im Auge, Lingen 1995, Seite 52/53.

Wer Land besaß, galt auf dem Dorf mehr als der Landlose: der Handwerker, der Arbeiter.  Wer viel Land hatte, galt mehr als der mit wenig Grundbesitz.

Die Großbauern  hoben sich als besondere Klasse ab. Natürlich gab es keine durch  eine  bestimmte  Hektarziffer  genau  zu  bestimmende  Scheidegrenze zwischen  Großbauern  und  „gewöhnlichen ” Landwirten. Es kam ja auch auf die  Qualität ,  nicht  nur  auf  den  Umfang  der  Bewirtschaftungsflächen  an. Aber man kann sagen: Wer im Dorf als Großbauer galt, hatte mindestens 50 Hektar  bewirtschafteter  Fläche, dazu  oft  noch  Wald  oder  nicht  kultivierte Heideflächen. Außerdem ging er auf die Jagd  – im Unterschied zum kleineren  Bauern.

Es gab einen großbäuerlichen Dünkel:

Die Tochter eines Großbauern hatte Bekanntschaft geschlossen mit  einem Tierarzt. Gegen eine Heirat mit ihm äußerte sie Bedenken: ,,Man häi is jä doch kien Bur”.

Ein zweitgeborener Bauernsohn von  einem  20-ha-Gehöft  bewarb  sich  um die Hand einer großbäuerlichen  Hoferbin .  Das  Heiratsprojekt  zerschlug sich.  ,,De Hektars paßt  nicht  tosammen“, kommentierte  man im  Dorf  .

Auf großen Höfen wuchs der älteste Sohn, der Hoferbe, im Bewußtsein der Erwähltheit auf. Wenn die Kinder eines Großbauern vor dem Gehöft an der Straße spielten , zeigten Leute, die vorüber kamen, manchmal auf einen der spielenden Jungen  und  sagten:  ,,Dät  is de Bur”.

Seit etwa  1960  kamen  Entwicklungen  in Gang, die das bäuerliche Selbstbewußtsein erschütterten: Die Landwirtschaft  technisierte (rationalisierte) sich mehr und  mehr.  Der Großbauer gebot  nicht  mehr über  Knechte und  Mägde und Heuerleute, sondern hatte stattdessen Maschinen zu bedienen.  Da die Preise für Agrarprodukte stagnierten und die Kosten für technische Hilfsmittel (Traktoren, Maschinen) stiegen, das Verhältnis zwischen Kapitaleinsatz und Rendite sich also zunehmend verschlechterte, geriet der Bauer bei der Technisierung seiner Landwirtschaft oft in finanzielle Bedrängnis. Andere Berufsgruppen – auch auf dem Dorf – konnten jetzt oft aufwendiger leben als der Bauer.