Tegeders wandern aus

                         Die Heuerlingsfamilie Tegeder wanderte nach Amerika aus

Sie stammte aus dem südlichen Emsland, aus der kleinen Bauerschaft Bernte nördlich von Emsbüren.

Ein Vorfahre des Heuermanns Tegeder war ein abgehender Sohn von einem großen Bauernhof im Nachbardorf Mehringen, der heute den Namen Mönch-Tegeder trägt.

Ein Nachfahre in Amerika,

                                                                      Robert W. Tegeder,

verfasste 1990 diese Geschichte in drei Büchern.

So heißt es bei ihm:

Laßt uns jetzt in die Zeit des Frühjahrs 1874 zurückkehren, als sich Johann und Euphemia, unsere Urgroßeltern, darauf vorbereiteten, ihr Heimatland zu verlassen.

Sie vervollständigten den Antrag auf die notwendige Reiseerlaubnis, suchten aus, welche wenigen Dinge sie mitnehmen wollten und verkauften ihr kleines Stück Land, um sich die Geldmittel für die Reise zu beschaffen.

Nun, mehr als 116 Jahre später, können wir nur ihren Mut und die Entschlusskraft bewundern, für sich und ihre Kinder ein neues Leben zu beginnen.

Johann war 50 Jahre alt und Euphemia 57 – schon ziemlich alt, um ein solches neues Projekt zu beginnen. Die Lebenserwartung war damals ungefähr 60 Jahre und hier stellen wir die beiden mutigen Leute vor, die eine Reise über Tausende von Kilometern über den Ozean in ein unbekanntes und weit entferntes Land planten.

Sie waren wirklich tapfere Abenteurer und das ist ein Grund, warum wir ihre Geschichte erzählen (Tegeder S. 6)

Der Konsens musste her

Wer sich zur Auswanderung entschlossen hatte, musste bei der zuständigen Ortsbehörde eine Auswanderungsgenehmigung – einen Konsens der Regierung – und einen Pass beantragen, die für ältere, gediente männliche Personen und für weibliche Personen jeden Lebensalters verhältnismäßig leicht zu erhalten war.

Beijüngeren männlichen Personen, die ihren Wehrdienst noch nicht abgeleistet hatten, war es kaum möglich, einen Auswanderungskonsens zu bekommen.

Diesen jungen Männern blieb meistens nichts anderes übrig, als heimlich alle Reisevorbereitungen zu treffen und bei Nacht und Nebel illegal aus der Heimat zu verschwinden.

Dazu heißt es in Tegeders Chronik (S. 9):

Die preußische Reiseerlaubnis wurde als „Entlassungsurkunde“ bezeichnet und von den preußischen Behörden am 24. März 1874 ausgestellt. Ohne dieses Dokument war die Ausreise aus dem Land unmöglich und es verlangte, daß der Empfänger alle Ansprüche auf die preußische Staatsangehörigkeit aufgaben.kap9-bild-9-auswanderungsanzeige-agenten-kvb-nr-35-01-09-1867

Für Johann musste die Aufgabe der preußischen Staatsangehörigkeit und der Verzicht auf seine Rechte eine willkommene Angelegenheit gewesen sein. Es waren die verhassten Preußen, die sein hannoversches Königreich zerstört hatten, den Tod seines ältesten Sohnes verursachten und sein Leben mit harten Verordnungen und dauernden Ungerechtigkeiten überzogen (Tegeder S. 14). Die Tegeders verließen ihre angestammte Heimat endgültig.

In der Tegeder-Chronik heißt es weiter (S. 18):

Die Abreise, obwohl sie sich mit Ungeduld und Hoffnungen darauf freuten, hatte auch ihre traurigen Seiten.

Da waren die endgültigen Abschiede von Freunden und Verwandten, der traurige Abschied von der Pruent Familie in Bardel, der Besuch des St. Andreas Friedhofes zu einem letzten herzzerreißendem Gruß an die verstorbenen Mitglieder ihrer Familie und der tränenreiche und traurige Abschied von ihrer Tochter Anna Elisabeth, ihrem Mann Heinrich Puent und Familie, die in Deutschland blieben.

Sie würden ihren Weg nach Amerika 19 Jahre später im Jahr 1893 machen.

Ohne Zweifel nahmen sie zum letzten Mal an der Messe in der St. Andreas Kirche teil und empfingen den Segen des Pastors für eine sichere Reise. Johann, dessen sind wir sicher, traf sich zum letzten Mal mit einigen seiner Heuermannsfreunden im Ratskeller des Hotels Möller an der Langen Straße in Emsbüren zu einem oder mehreren Prosit auf die alte Zeit und auf die neuen Abenteuer. 

Die Überfahrt dauerte sechs bis acht Wochenkap9-bild-14-auswanderungshaus-bremerhaven-robben-iii

Um nun möglichst große Gewinne erzielen zu können, waren die Schiffe mit jeweils einem umgebauten Zwischendeck ausgestattet, in dem die Übersiedler auf engstem Raum zusammengepfercht waren.

Unter diesen Bedingungen starben bereits einige Menschen, bevor sie die neue Heimat erreichten. Immer wieder brachen unterwegs – besonders im Frühjahr – Epidemien aus, die etliche Mitreisende nicht überstanden. Als später durch die aufkommenden Dampfschiffe sich die Fahrzeit auf zwei Wochen verkürzte und die Unterbringung besser wurde, war dieser anfängliche Übelstand abgestellt.

Es berichtet die Chronik der Familie Tegeder aus Bernte über die Fahrt in die neue Welt (S. 24):

Bei der kleinen Gruppe, die sich von zuhause aufmachte, waren Johann und seine Frau, ihre verheiratete Tochter Susanna Marie mit ihrem Mann Hermann und ihr einjähriger Sohn Johann sowie die drei übrigen Söhne Bernhard, Heinrich und Albert. Albert war mit 17 Jahren der jüngste. Hermann Heinrich war 19 und Bernard, mein Großvater, war 20 Jahre alt.

Wie alle Häfen dieser Zeit war Bremen eine geschäftige Stadt, vollgestopft mit vielen Auswanderern, die alle auf die Einschiffung nach Amerika warteten.

Unsere Vorfahren mussten, wie die anderen, ihre Habseligkeiten in förmigen Bündeln tragen. Man erlaubte ihnen einen oder zwei Koffer für die anderen Dinge.

Die Reeder verlangten 30 $ pro Person für die Überfahrt in die vereinigten Staaten – das war wahrlich 1874 ein Vermögen.

Bei dem Gepäck war etwas, das immer noch in unserem Besitz ist, ein alter Bierkrug mit deutschen Verzierungen und Beschriftungen, ein kostbares Familienerinnerungsstück.

Das Leben im Zwischendeck an Bord solcher Schiffe war entsetzlich, wenn man die vielen Berichte dieser Überfahrten liest. Keine Vergnügungsreise – es war eine Reise in Angst, Gefahr und drängender Enge.

Die Reeder waren eine geldgierige Gesellschaft und die Schiffe waren klein.

Deutsche Auswanderung,  Auswanderer nach Amerika, Inneres des Auswandererschiffes "Samuel Hop"
Deutsche Auswanderung, Auswanderer nach Amerika, Inneres des Auswandererschiffes “Samuel Hop”

Viele waren nicht einmal sicher genug für so eine Überfahrt und dazu kam, dass viele zu vollgestopft waren.

Viele der Passagiere, besonders Kinder und die Eltern starben während der langen Reise an Krankheiten und weitere unzählige Tausende verschwanden jedes Jahr, wenn die Schiffe scheiterten oder sanken.

Außerdem starben viele bald nach der Ankunft in Amerika an Krankheiten, die sie sich zugezogen hatten, während sie sich an Bord der Schiffe befanden.

 Die neue wirtschaftliche Lage in Amerika

Von den Tegeders erfahren wir weiter:

Nachdem unsere Vorfahren in New York angekommen waren, durchliefen sie die Aufnahmeprozedur der Einwanderung in Castle Garden und reisten dann mit dem Zug nach Cincinnati.

Dort am Ohio mußten sich unsere Vorfahren wie zuhause fühlen. Es war damals das bevorzugte Ziel für die meisten Deutschen nach ihrer Ankunft in Amerika. Die Stadt war in der Tat als Klein-Rheinland bekannt und war der Ausgangspunkt für viele Deutsche, bevor sie weiter nach Westen reisten. Hier konnten sie bei Verwandten oder Freunden bleiben, die bereits seßhaft geworden waren und sicherten sich eine Anstellung, um ihre schwindenden Vorräte aufzustocken.

Hier waren auch ihre gewohnten deutschen Lebensgewohnheiten, ihre Kirchen und Schulen und deutsche Zeitungen, um sie auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen über Entwicklungen und Gelegenheiten sesshaft zu werden oder Anlagen zu erwerben Johann und seiner Frau blieben nicht sehr lange in Cincinnati, weil sie ein bestimmtes Ziel im Auge hatten: das fruchtbare Ackerland um die Stadt Oldenburg im Landkreis Franklin in Indiana. Hier hatten sich ihre Cousins aus Emsbüren schon früher 52 Meilen (83 km) von Cincinnati entfernt angesiedelt. Schon bald nach ihrer Ankunft und Begrüßung durch ihre Verwandten wurden sie in Mietquartieren untergebracht, um ihr neues Leben zu beginnen. Hier würden sie die nächsten zehn Jahre ihres Lebens verbringen (Tegeder S. 26).

Die Familie Tegeder kam 1874 in Cincinnati an. Zu dem Zeitpunkt waren dort schon viele ehemalige deutsche Aussiedler, etwa aus dem Grafschafter katholischen Dorf Wietmarschen, sesshaft geworden und konnten den Neuankömmlingen mit einer vorübergehenden Bleibe und vielen Informationen helfen.

Die Auswandererfamilie Tegeder siedelte sich mehr im städtischen Bereich an.

In der dritten Generation wird der älteste Sohn George katholischer Geistlicher – Father Victor

 

Foto Mitte: Archiv Robben