Lebensfähiges Heuerlingswesen 1908

von Jürgen Eberhard Nienwedde

Zu dem Kalkrieser Erbkotten Niewedde gehörten 1905 zehn Heuerstätten in sieben Nebenhäusern, nämlich die Hofstätten Schütte und In der Straße, die Leibzucht und die Kotten Berghaus, Dammhaus, Eschhaus und Piene. Der traditionsbewusste Hofbesitzer Wilbrand Fisse-Niewedde musste sich im Vorfeld des Mittellandkanalbaues mit einem Sachverhalt beschäftigen, den er dann in einer abschriftlich erhaltenen Grundsteinurkunde 1911 festhielt.

„Der Bau des Ems-Weser-Kanals, welcher seit einigen Monaten in Angriff genommen ist, verlangte von mir die Abtretung von ca. 4,0089 ha Grund und Boden sowie den Abbruch eines Heuerhauses, der sogenannten Piene.

Angesichts dieser Tatsache beabsichtigte ich zuerst, eine der 10 Familien, welche zur Zeit als Heuerlinge oder Pächter auf dem Hofe wirtschaften, zum Wegzuge zu  veranlassen, wodurch der Neubau eines Heuerhauses entbehrlich geworden wäre.

Als ich aber am 21. Sept. 1908 den versammelten Beteiligten diesen Plan mitteilte, erklärten alle einmütig, lieber eine entsprechende Verkleinerung jeder einzelnen  Heuerstelle erleiden zu wollen, um dadurch das Fortbestehen aller 10 Heuerstellen zu ermöglichen.

In dieser erfreulichen Äußerung von Zusammengehörigkeitsgefühl sah ich einen Beimage (2)weis dafür, dass das Heuerlingswesen dem schon vielerorten der Untergang zu drohen scheint, in diesem Falle noch volle Lebensfähigkeit besaß und habe deshalb sofort einem Ersatz-Neubau der Piene zugestimmt, wozu wir heute feierlich den Grundstein legen.

Möge denn Gottes Gnade unserm Werk Dauer verleihen, dass dies Haus seinen ersten Bewohnern und noch manch kommenden Geschlechtern eine Heimstätte voll Glück und Frieden werden kann.

Dann erst, in seiner Zukunft, sei es dieser Urkunde vergönnt, daß ein glücklicher Zufall sie dem Licht der Sonne wiedergibt.

Geschehen in Niewedde bei Venne, den 23. März 1911, im 23. Jahr der friedevollen Regierung Kaiser Wilhelm des Zweiten. WFN.“ (Wilbrand Fisse-Niewedde)

Der Verkaufserlös der alten Piene nebst Zubehör an die Kanalbaufirma Polensky & Zöllner in Höhe von 9.009,20 RM deckte bei Weitem nicht die Neubaukosten der neuen Piene, die etwa 300 m westlich als Massivbau entstand. Die Baupläne dazu lieferte   die

„Baustelle der Landwirtschaftskammer für die Provinz Hannover“.

Dauerhaft erinnert eine Bautafel an den Sachverhalt:

„Von alter lieber Stätte Trieb der Kanal uns fort Gott segne unser Schaffen an diesem neuen Ort Anno 1911“

Quelle

„Von alter lieber Stätte Trieb der Kanal uns fort Gott segne unser Schaffen an diesem neuen Ort Anno 1911“

ABN, Aktenbestand Niewedde, Nebenhäuser.

Erschienen in s. oben, Seite 60/61

Mit freundlicher Genehmigung des Autors