Krüppelfuhren (Jacobs)

Es kommen den Reisenden aber auch Fuhrwerke entgegen: Die Leiterwagen sind mit Stroh ausgelegt; die Menschen, die auf den zerdroschenen Halmen liegen, sind teils reglos und ohne Bewußtsein, teils wälzen sie sich im Fieber unruhig hin und her. Das sind Leute, die beim Baggern in den Niedermooren Frieslands oder Groningens oder bei der Heumaht im westlicheren Holland den Strapazen erlegen sind und jetzt sterbenskrank und ohne ärztliche Betreuung von Ortschaft zu Ortschaft gefahren werden. Sind sie in einer Bauernschaft eingetroffen, werden sie wie Vieh auf andere Fuhrwerke verladen und von Leuten aus diesem Ort um nächsten Dorf gebracht, das an der Heimroute liegt. So werden die Kranken von Ort zu Ort weitergegeben. Niemand möchte sie im Dorf behalten. Alle scheuen Kosten und Mühsal der Pflege oder (im Todesfall) der Bestattung . Diese Krankentransporte nennt man die Krüppelfuhren. Für manchen Hollandgänger wird das Strohlager auf der Krüppelfuhre zum Sterbebett.

Aus

Heinz Jacobs: Knapp Gerd –  Eine Bluttat und ihr lebensgeschichtlicher Hintergrund, Lingen 1995,