Dr. Meurer über Krankheiten der Hollandgänger

Arbeit und Lebensweise der Hollandsgänger; Gefahren und nachteilige Wirkungen

für die Gesundheit

Aus:

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Sehen wir uns die Hollandsgänger, wie sie an den verschiedenen Stationen der betreffenden Eisenbahnen, ihre gefüllten Säcke auf dem Rücken, meistens einen Spaten oder die Sense in den Händen tragend, im Frühjahre zahlreich anzutreffen sind, näher an, so finden wir in der Mehrzahl zwar Männer in den kräftigen Jahren des Lebens, doch sind auch die übrigen Lebensalter vertreten vom angehenden Jünglinge, welcher eben aus der Schule entlassen wurde, bis zum Greise, von dem man nicht begreift, wie er den Strapazen, denen er entgegen geht, gewachsen sein werde. Die meisten derselben arbeiten als Torfbereiter oder als Grasmäher. Die Art dieser Arbeit, sowie die Beschaffenheit des Bodens, auf welchem dieselbe zu verrichten ist, macht dieselbe nicht allein höchst beschwerlich, sondern auch in hohem Grade gefährlich für die Gesundheit.

Dass das Mähen zu den anstrengendsten Arbeiten des Landmannes gehört, ist bekannt. Zur Zeit der Mahd wird dem Mäher darum ja besondere Rücksicht in Bezug auf Speise und Trank geschenkt, und er bedarf ihrer. Dennoch werden die Kräfte bei der großen Anstrengung bald verbraucht.

Die Torfarbeiter teilen sich in „Zieher“ und „Presser“; jene werfen das Moor aus, und zwar vermittelst einer langen Stange, an deren unterm Ende sich ein mit einem Bügel versehener Sack befindet, diese treten die Masse, bringen sie in Formen und trocknen sie. Die Arbeit der Presser ist meistens erst im September beendet.

Wer begreift nicht, dass eine solche anstrengende, mühselige, Monate lang fortgesetzte Arbeit schon an sich der Gesundheit nachteilig werden kann. Sie ist es aber sicher bei den Umständen, unter welchen sie geschieht.

Zuerst werden die Kräfte meistens über Gebühr angestrengt. Denn geschieht die Arbeit im vorher bedungenen Tagelohn, so suchen die Arbeitgeber, wie sich denken lässt, für den hohen Lohn, welchen sie zahlen, auch entsprechende Leistungen zu erhalten. Haben dagegen die Arbeiter ein Stück Arbeit, wie häufig geschieht, in Akkord übernommen, so ist es natürlich ihr Streben, die arbeit möglichst schnell zu vollenden, um daraus einen möglichst großen Nutzen zu ziehen.

Sodann sind die Arbeiten an sich ungesund. Oft bis an den Knien im Wasser stehend, arbeiten diese Leute vom frühen Morgen bis in den späten Abend auf Wiesen oder im Moore. Dieses muss in der Regel aus einer Tiefe von 15 – 18 Fuß hervorgezogen werden. Nicht bloß, dass bei der Art dieser Arbeit einzelne Glieder des Körpers auf Kosten anderer übermäßig angestrengt, dass bei der unaufhörlich gekrümmten Haltung die Brustorgane gewaltsam zusammengepresst und in ihrer Entwickelung behindert werden; nicht bloß, dass der lange fortgesetzte Aufenthalt im Wasser, wobei der Oberkörper meistens den brennenden Sonnenstrahlen des Hochsommers schutzlos ausgesetzt ist, die Ursache von Rheumatismus, Gicht, Lungenkrankheiten und bösen Fiebern wird, sondern es ist auch außerdem die Luft, welche die Arbeiter Tag für Tag einatmen, durchaus ungesund und in den meisten Fällen dem an dieselbe nicht Gewöhnten verderblich.

Da nämlich der Boden, meistens durch Ablagerungen des Meeres und der Flüsse gebildet, reich ist an verwesenden organischen Substanzen, so steigen, namentlich bei der Hitze im Sommer, aus demselben unaufhörlich Dünste auf, welche die Luft verpesten und Fieber aller Art, insbesondere Wechselfieber, so wie auch Gallenfieber und selbst den Typhus erzeugen. Die fremden Arbeiter sich solchen bösen Wirkungen um so mehr ausgesetzt, als die in Folge der schweren Arbeit beschleunigte Circulation des Blutes und dadurch vermehrte Transpiration der Haut den Körper zur Aufnahme jener giftigen Stoffe vorbereitet.

Die unordentliche Lebensweise ferner, welche die Arbeiter besonders in Beziehung auf Kost und Wohnung führen, muss bei solcher Arbeit auf die Länge der Zeit notwendig einen höchst nachteiligen Einfluss üben. Da Alles darauf berechnet ist, eine möglichst große  Summe baren Geldes mit nach Hause zu bringen, so richten sich Hollandsgänger in Allem möglichst einfach und billig ein. Ihr Nachtlager suchen sie nicht selten auf Tennen, in Ställen, Erdhütten oder kleinen Zelten auf Heu oder Stroh, wo Erkältungen und andere Erkrankungen, namentlich solche, welche durch die Ausdünstung des noch feuchten Heues bewirkt werden, sie heimsuchen. Ihre gewöhnliche hauptsächliche Nahrung besteht in Speck, welcher zu dem Ende von Hause mitgenommen wird, Brot und Pfannekuchen, welchen sie sich selbst bereiten, ihren bei großer Hitze oft unerträglichen Durst müssen saure Milch (Waddicke), Wasser und der verderbliche Branntwein stillen.

Ist das eine Kost, welche bei solcher Arbeit genügen kann? Insbesondere wird der Mangel an gutem Trinkwasser den Arbeitern häufig sehr fühlbar. Je notwendiger denselben ein stärkendes und erquickendes Getränk wäre, um den durch schwere Arbeit in großer Hitze entstandenen, quälenden Durst zu löschen, um desto nachteiliger muss das aus Gräben und Moorgruben geschöpfte, mit mancherlei faulenden Substanzen gefüllte Moorwasser, wozu in den meisten Fällen gegriffen wird, wirken. Wie mancher unsrer Landleute mag sich hier den Keim zu verzehrender Krankheit geholt haben!

Wenn nun freilich das Gesagte zunächst auf die eigentlichen Hollandsgänger d. i. die Arbeiter, welche in Holland Beschäftigung nehmen, Bezug hat, so gilt es doch im Allgemeinen auch von den übrigen Arbeitern in gleicher Weise. Etwas besser mögen die nach Ostpreußen ziehenden Landsleute gestellt sein, insofern nämlich hier manche Arbeiter von dem Arbeitgeber beköstigt werden; da aber dem Vernehmen nach hier hauptsächlich Fischspeisen gereicht werden, so ist auch diese Nahrung keineswegs der Gesundheit zuträglich und bei der schweren Arbeit genügend. Bezüglich der Getränke gilt aber auch hier ganz das oben Gesagte.

Wie darf man sich bei solchen Verhältnissen nun wundern, dass so manche junge, kräftige Männer, die gesund ausgezogen, an Fiebern und ähnlichen Krankheiten in der Fremde sterben [1]), dass so viele den Keim von verzehrenden Krankheiten aus der Fremde mit nach Hause bringen, um hier zu erkranken, und sich dann mühsam durch den Winter zu schleppen, dass fast alle diese Arbeiter in frühen Jahren arbeitsunfähig werden, und ihren Lebensabend durch Gicht, Rheumatismus und Siechtum aller Art verkümmert sehen und einem frühzeitigen Tode entgegengehen.

Was wir hier auseinandergesetzt, wird schon von dem oben bereits genannten Pastor Gildehaus bestätigt. Er sagt von den Grasmähern, die etwa zwei Monate in Holland arbeiten, also: „….Ein solcher Mann sieht bei seiner Wiederkunft aus, als wenn er schon drei Tage im Grabe gelegen hätte. Und wie ist das anders möglich? Der Geizige unter ihnen hat sich durch seine entsetzlichen Arbeiten alle Kräfte ausgepresst. Bei seinem Speck und seinem Brote hat er die holländische Waddicke eimerweise eingeschlungen und des Nachts ist unter freiem Himmel die Heufime sein Bett gewesen … Diese Leute sind insgemein in ihrem ganzen Leben unglücklich. Kommen sie zu Hause, so finden sie schon beide Hände voll Arbeit wieder, denn unsre Ernte wartet ihrer schon mit Schmerzen. Sie sind aber ganz ermüdet und können nicht zu Kräften kommen. Gesund und wohl sind sie hingegangen, haben aber gelähmte Glieder, auch sehr oft die Schwind- und Wassersucht oder eine enge Brust nebst dem so genannten holländischen Pipp, der in einer immerwährenden Schütterung oder schleichendem Frost besteht, wieder mitgebracht.“

Also der Pastor Gildehaus. Möser, obwohl er ja dem Hollandsgehen das Wort redet, kann nicht umhin, das Gesagte zu bestätigen. Er bemerkt unter anderem: „…Sie – die Hollandsgänger nämlich – sind mit fünfzig Jahren alt und von vieler Arbeit kümmerlich.“ Das also ist die erste böse Frucht des Hollandsgehens; aber es ist nicht die einzige.

[1] Im Jahre 1862 starben z.. B. aus der Gemeinde Merzen von den Arbeitern im Auslande fünf, 1862 waren gegen Pfingsten schon drei gestorben. Ähnlich geht`s überall.