Das Los der unverheiratenen Onkel (Öhm) und Tanten auf den Höfen

Weshalb blieben so viele Menschen als ledige Geschwister des Erben auf dem Hof?

Zunächst konnte der Hoferbe in den Gebieten des Anerbenrechts zu den Zeiten der Not ihnen keine Mitgift zukommen lassen, die ihnen eine Einheirat auf einer anderen Hofstätte ermöglicht hätte. Diese Möglichkeit war ja auch zahlenmäßig sehr begrenzt.

Außerdem ließ sich die Zahl der Neugründung von Kötterstellen (Schaffung von Kleinbauernhöfen) nicht so vermehren, wie es dem Bevölke­rungszuwachs im 18. Jahrhundert entsprochen hätte.

Vor allem sträubten sich die Alterben, die das Verfügungsrecht über die Marken hatten, dagegen, die gemeinsa­me Mark (die Böden für Weide und Plaggenstich) weiter zu verkleinern, zumal die­se Gründe im Lauf der Jahrhunderte durch Überbeanspruchung großenteils er­schöpft waren.

Das Leben dieser ledig auf dem Hof verbliebenen Geschwister war oft demütigend und entsagungsvoll, vor allem im Alter, wenn sie nicht mehr arbei­ten konnten und nur noch als Last empfunden wurden. Sie aßen das Gnadenbrot und die jeweils jüngere Generation ließ es sie oft fühlen. „Dät Ätten schmeckt di ans noch gut“, sagten die Angehörigen manchmal dem alten Onkel, der alten Tante, wenn sie über ihre Beschwerden klagten.

Dazu hat die emsländische Gruppe Spökenkieker ein eindrucksvolles Lied geschrieben:

Spökenkieker

 

In Anlehnung an ein Zeitzeugengespräch in Hunteburg

Im Gedenken an Constatin Heereman 2

Im Gedenken an Constantin Freiherr Heereman von Zuydtwyck

Weitere Beiträge von Baron Heereman folgen nach und nach. Dabei gibt er spezielle Einblicke in die deutsche und europäische Landwirtschaftspolitik zur Zeit der Auflösung des Heuerlingswesens und danach.

Ein besonderes Erlebnis war das erste Zusammentreffen auf der Surenburg:

Seine umsichtige Chefsekretärin hatte mich vorgewarnt: Der Freiherr wird mit erst mit einer Verzögerung von einer Viertelstunde (dem adligen „Viertel“) eintreffen.

Ich habe persönlich sehr deutlich verspürt, welchen Respekt diese althergebrachte Verhaltensweise dem Wartenden abverlangt.

Beim zweiten Besuch haben wir uns unkompliziert an der Eingangstür getroffen…

Foto und Ton: Archiv Robben

Wichtige Viehhändler

Zuchterfolge bei Heuerleuten

Da ich als ältester Sohn und damit Hoferbe auf einem landwirtschaftlichen Betrieb im südlichen Emsland aufgewachsen und sehr früh in die anfallenden Arbeiten hineingewachsen bin, erlebte ich auch schon als Kind die herausragende Stellung der Viehhändler sowohl bei uns als auch bei  „unserer“ direkt benachbarten Heuerlingsfamilie.

So verhandelte man in der Regel mit zwei verschiedenen Viehkaufleuten, um einen Preisvergleich zu bekommen.

Bei uns und nebenan war allerdings „Pöttker ut Bürn“ der Handelsmann der Wahl.

Seine besondere Art, seine Klugheit und Menschkenntnis haben mich auch noch während meines Studiums und später begleitet.

Pöttker (eigentlich heißt er Heinrich Levelink) ist zwar 10 Jahre älter als ich, aber ich habe weiterhin häufig das Gespräch mit ihm gesucht und daraus ist auch mein zweites Buch entstanden, in dem er als Protagonist eine  tragende Rolle übernommen hat.

Ein häufiges Gesprächsthema war und ist die besondere Rolle der jüdischen Viehhändler vor dem 2. Weltkrieg und ihr unsäglich tragisches Schicksal in der Nazizeit.

Jüdische Viehhändler in Nordwestdeutschland

Besonderen Aufschluss darüber gibt das Buch von Werner Teuber Jüdische Viehhändler in Ostfriesland und im nördlichen Emsland 1871 – 1942 (Cloppenburg 1995)

Zusammenfassend erfährt man dort:

Die  Juden übten diesen Beruf oft über Generationen in Familientradition aus. Sie brauchten dafür keine geregelte Ausbildung. Die jungen Viehhändler lernten bei ihren Vätern oder Verwandten die Beurteilung der Tiere und den Handel mit ihnen. Als Jungen begleiteten sie ihre Väter zu Märkten und auf die Bauernhöfe. Hier lernten sie schon sehr früh, worauf sie als eigenständiger Viehhändler achten mussten. Und so findet sich in der Fachliteratur mehrfach der Hinweis, dass jüdische Händler in ihrem Beruf als fachlich qualifizierter galten als nichtjüdische Kollegen. Gerne nahmen Bauern auch die Fähigkeiten der jüdischen Händler in Anspruch, wenn sie Vieh kaufen oder verkaufen wollten.

Als mit der Reichsgründung 1871 die Juden endlich, zumindest formal, völlig gleichberechtigt wurden, gingen viele von ihnen vom Lande in die Stadt, wo sie sich bessere Verdienstmöglichkeiten suchten. Immer wieder hatte es in den zurückliegenden Jahrhunderten, vor allen in schlechten Zeiten, Anfeindungen gegen die Juden gegeben. Allerdings blieben im Norden Deutschlands insbesondere in Ostfriesland viele Juden in Schlachtereien und im Viehhandel tätig. So gab es etwa um die Jahrhundertwende 20 Schlachtereien in Aurich, von denen 14 von Juden betrieben wurden, die alle noch nebenbei als Viehhändler tätig waren.

Als 1933 die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, versuchten diese, die jüdischen Händler möglichst rasch auszuschalten, was aber viele Bauern in der Praxis nicht nachvollzogen haben.

Darüber wird noch in einem Beispiel eines Viehhändlers aus Werlte berichtet….

Jüdische Viehhändler hatten besonderes Vertrauensverhältnis

Gerade in Nordwestdeutschland waren die allermeisten Landwirte (und damit auch die Heuerleute) auf Viehwirtschaft und Verkaufserlösen daraus dringend angewiesen, anders als etwa in der südlicheren Soester Börde. Dort konnten die Bauern auch wegen der besonders guten Böden nur vom Feldfruchtbau leben.

Die  Möglichkeiten der lohnenden Eigenvermarktung besonders des Rindviehs waren dabei sehr begrenzt.

Dafür waren größere Viehmärkte wichtig, die für die Landbevölkerung wegen der noch schlechten Verkehrsverbindungen nur schwer erreichbar waren.

So war man auf Viehkaufleute angewiesen.

 

Insbesondere nach dem 1. Weltkrieg entwickelte sich der Viehmarkt in Lingen zum größten Handelsplatz dieser Art in Deutschland. Auch aus den benachbarten Benelux-Ländern reisten Händler an.

Darunter hatten jüdische Viehkaufleute an hohen Anteil. Durch ihre ausgezeichneten Handelsbeziehungen zu ihren Glaubensbrüdern in den Handelskontoren der Ballungszentren konnten sie bessere Preise zahlen als viele christliche Händler, die nur von Ort zu Ort auf- und verkauften.

So entwickelten sich schon vom 19. Jahrhundert her gerade in Nordwestdeutschland nachweislich enge und vertraute Geschäftsbeziehungen beim Schlacht – und auch beim Rinderzuchtviehhandel.

Diese Geschäfte  wurden durch die Nationalsozialisten von 1933 bis 1938  völlig zerstört.

Darüber wird an anderer Stelle eindrucksvoll berichtet werden.

Fotos: Stadtarchiv Lingen