Vortrag beim Historischen Nachmittag

    Historischer Nachmittag begeistert Zuhörer

so überschrieb  die Oldenburger Volkszeitung vom 26. Mai 2015 einen Bericht über den 305. Historischen Nachmittag in Scherbrings  Museumscafé Dinklage-Wulfenau.

Weiter heißt es in dem Artikel:

Ehemaliger Schulleiter berichtet ausführlich über das Heuerlingswesen in Norddeutschland

Als äußerst spannend und explosiv bezeichnete  Bernd Robben seine Beschäftigung mit dem Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland. Manchmal sei er sich bei seinen Befragung von Zeitzeugen und dem Sammeln von Dokumenten vorgekommen wie in einem Krimi, berichtete der pensionierte Schulleiter aus Emsbüren auf dem 305. Historischen Nachmittag des Heimatbund – Geschichtsausschusses.

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                                                                                                                                                                                                                                                      Foto: Hirschfeld

Erst allmählich, so sein Eindruck, würde das Schweigen über ein jahrzehntelanges Tabuthema gebrochen und über die Heuerleute offen gesprochen. Wie groß der Nachholbedarf in Sachen Information über diese große soziale Gruppe ist, die sowohl in Süd – Oldenburg und im Emsland als auch im Osnabrücker Land und im Münsterland bis in die 1960er Jahre hinein anzutreffen war, zeigte die enorme Resonanz auf Robbens Vortrag.

Mehr als 80 Geschichtsinteressierte aus der Region konnte Professor Dr. Michael Hirschfeld als Vorsitzender des Geschichtsausschusses auf dem Hof Scherbring in Wulfenau begrüßen.

Das idyllisch gelegene Anwesen bildete einen stimmigen Rahmen für die Veranstaltung, gehörten zu ihm doch früher auch einige Heuerhäuser mit ihren Familien.

Für diese brachte, so der Referent, das „schlechte“ 19. Jahrhundert mit seinen Markenteilungen heute unvorstellbare soziale Not, die sich in einer Massenauswanderung in die USA auswirkte.

Im Vergleich zu anderen deutschen Regionen, etwa Bayern, sei die Lage der unterbäuerlichen Schichten hierzulande aber im Wesentlichen erträglich gewesen, resümierte Robben mit Blick auf seine inzwischen auch auf Süddeutschland ausgedehnten Forschungen

 

Holzschuhe

Von Heuerleuten für Heuerleute: HolzscNeuenkirchen-Holzschuhmacherhuhe

Dieses Denkmal aus Bronze zeigt auf dem Marktplatz in Neunkirchen bei Rheine einen Heuermann bei der Arbeit.

Dieses Nebengewerbe übten in ganz Nordwestdeutschland etliche Heuerleute aus.

Da die Heuerleute in aller Regel kein Werkstattgebäude auf ihrer Pachtstelle bauen durften, zogen sie mit ihren Werkzeugen von Hof zu Hof – ähnlich wie die Zimmerleute.

Holzschuhe waren deutlich billiger als zu Schuhwerk aus Leder. Sie hatten aber auch weitere Vorteile.

Sie boten dem Fuß bei den täglichen schweren Arbeiten auf dem Lande deutlich mehr Sicherheit.

Außerdem waren sie im Moor und auf dem Acker ein besserer Schutz gegen Feuchtigkeit im Boden.

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Foto oben: Wikipedia commons

Foto unten: Archiv Robben – aufgenommen im Fehnmuseum Barger Compascuum

Vorträge zu Heuerlingswesen

 

Wenn ein solch komplexes gesellschaftliches Phänomen, das bisher ganz offensichtlich sowohl im wissenschaftlichen Bereich als auch im sonstigen öffentlichen Leben nahezu tabuisiert  zu sein schien, nun endlich in Buchform – offensichtlich sauber aufbereitet – erscheint, dann „elektrisiert das die Region“ (Neue Osnabrücker Zeitung vom Dezember 2014).

Der Verkauf gestaltete sich entsprechend, zurzeit (September 2016) geht die 5. Auflage in Druck.

Entsprechend groß war sofort die Nachfrage nach Vorträgen zum Thema, mittlerweile habe ich insgesamt ca. 70-mal vornehmlich in der Region referiert.

Die größte Veranstaltung in diesem Rahmen war in Lohne/Oldb. mit etwa 230 Zuhörern/innen.

Aber auch in den Niederlanden in der Nähe von Hilversum habe ich im Rahmen einer Fachtagung vor einem interessierten Publikum referiert.

Besonders interessant war eine Begegnung im Herbst 2015 bei den Biografietagen in Nordwalde im Münsterland.

Dort traf ich auf Lothar de Maizière: Am Nachmittag habe ich dort einen Vortrag über das Heuerlingswesen gehalten, abends referierte  der erste demokratisch gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik über die historischen Fakten, die zur Wiedervereinigung Deutschlands geführt haben. Dabei offenbarte er auch Insiderwissen und es wurde allen Zuhörerinnen und Zuhörern hautnah deutlich, dass mehrere wirklich glückliche Umstände erst diese besondere historische Chance der  Deutschen Geschichte ermöglicht haben.Mit de Maiziere

Foto: Archiv Robben

 

Heuerhaus Butmeyer

Hermann  Bembom aus Varenrode berichtet über ein Heuerhaus, das 2013 abgerissen wurde.

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Heuerhaus Butmeyer

Eines der ältesten Häuser in Varenrode mit einer eisernen Jahreszahl  von 1846 am Giebel angebracht, das Heuerhaus vom Landwirt Butmeyer, gegenüber vom Landwirt Strom, westlich der B 70 gelegen, wurde nun endgültig abgebrochen. Nachdem es jahrelang nicht mehr  bewohnt war, machte es doch einen sehr verfallenen Eindruck und war direkt an der B 70 gelegen kein schöner Anblick mehr.

Wie alt dieses Anwesen war, lässt sich nicht mehr genau ergründen.

 

Helmut Boyer schreibt in dem Varenroder Buch:

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„Der Besitz wird zum ersten Mal Ende des 18. Jahrhunderts genannt. Als das alte Erbe Brinker, westlich vom Alten Gasthaus Varenrode gelegen, um 1840 in unüberwindliche finanzielle Schwierigkeiten geriet, wollte der damalige Colon Hermann Heinrich Brinker 1843 zuerst ein Nebenhaus verkaufen. Name und Nähe zu einem der alten Vollerben legen die Vermutung nahe, dass es sich dabei um die heutige Heuerstelle von Butmeyer handelte. Der Verkauf wurde damals behördlicherseits nicht genehmigt“.

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Nach anderen Unterlagen kaufte Butmeyer die „Reekersche Neubeuerei“ am 8.6.1844. Eine Versteigerung für 700 Taler soll am 12.5 1843 gewesen sein. (Reeker heute Storm)

An anderer Stelle steht „ Brinker, jetzt Butmeyer. Letztere kaufte die Neubauerei 1843 für1100 Gulden oder 1833 M 33 Pf.“

Wie aus der Varenrode Schulchronik zu entnehmen ist, wurde das Hauptkolonat Brinker dann 1947 gänzlich verkauft.

„Brinker auch Brinkmann Vollerbe Gutsherren eigenhörig dem Stifte Borghorst dann dem Fürsten Salin Horstmaar. Das Erbe wurde von Herrn Heinrich Brinker geb. Niehoff, welcher dem Lehrer Borgmann in Altenlünne das Haus angezündet hatte und daher fliehen musste, nach geleistetem Freikauf, jedoch incls. der sonstigen Gefälle und Abgaben, an den Kolon Heinr. Egbrink in der Nacht auf den 17. Mai 1847 für 2250 Gld. oder 3750 M. verkauft“

Brinker ist dann in der Nacht noch mit Ehefrau und 9 Kindern nach Amerika ausgewandert.

Das Brinker die Lehrerwohnung von Borgmann anzündete, hat wohl mit dem heftigen Streit der Varenroder und Heiteler Bevölkerung zu tun, den es um die Altenlünner Feldschule gab. Alle Kinder aus Plantlünne, Altenlünne, Heitel und Varenrode mussten nämlich zu dieser sogenannten Feldschule. Das war besonders den Varenrodern ein Dorn im Auge.

Die Bewohner des Butmeyerschen Heuerhauses mit der Nr. 34 lassen sich nicht mehr lückenlos nachvollziehen. Aus dem Varenroder Buch lässt sich entnehmen, das dem ersten Lehrer nach Wiederherstellung der der Varenroder Schule (1849), Lehrer Rauf, aus bestimmten Gründen Butmeyer das Anwesen nicht zur Verfügung stellen wollte. Wohl aber dessen Nachfolger Lehrer Weltring (1855)  Um 1860 wird Böcker (Böker) als Heuermann Butmeyers genannt.  Danach zog Brüning, aus Spelle stammend ein. Brüning war verheiratet mit Katharina Hesping aus Elte. Als im Winter 1906/07 das Haus von Kück abbrannte, wohnte  die Familie dann vorübergehend in dem Butmeyerschen Kötterhaus.

Zum 1.November 1907 zogen dann die Eheleute Johann Bernhard Hoffrogge und Maria Agnes geb. Heskamp in die Heuerstelle ein. Johann Heinrich Hoffrogge wurde am 07.01 1845 auf dem Hof Hoffrogge (heute Bembom) am Sande geboren.

Die letzten Bewohner dieser Heuerstelle war die Familie Josef Wilken verheiratet mit Josefa geb. Hoffrogge. Sie zogen dann zu Ihrer Tochter nach Bawinkel.

Mit dem Abriss des Gebäudes ist wieder ein Stück Varenroder Geschichte zu Ende geschrieben.

Im Giebel ist aus geschmiedetem Eisen die Jahreszahl 1846 zu erkennen. Vermutlich wurde der Giebel in dem Jahr mit Klinkern ausgemauert, da in hiesiger Gegend bei Häusern dieser Art die Giebel vorher mit Brettern verkleidet waren. Das Gebäude selbst dürfte daher älter sein.

Die ersten Siedler waren Heuerleute

Die ersten Siedler im Moor!

Während der allergrößte Teil der Flächen im Bourtanger Moor auf deutscher Seite unter Verwendung der sogenannten Moorbrandkultur besiedelt wurde, konnte in Papenburg ab 1661 eine geordnete und durchdachte Fehnkultur nach niederländischem Muster unter der Herrschaft von Velen entstehen.

Dabei entwickelten sich neue Wirtschaftsstrukturen, in deren Mittelpunkt ehemalige und noch aktive Heuerleute standen. Diese Wirkfaktoren sind in der nachfolgenden Darstellung bisher so noch nicht veröffentlicht worden.

Abschließend und umfassend kann diese Thematik hier noch nicht behandelt werden. Sie wird jeweils an passender Stelle sukzessive weiter entwickelt.

Die ersten Siedler errichteten auf dem Hochmoor einfache, fensterlose Behausungen aus Birkenstämmen. Das war eine Einraumhütte mit einer Kochstelle in der Mitte dieser elenden Kate, die noch keinen Schornstein besaß. Die Feuchtigkeit stieg aus dem nassen Boden auf und saß in den Wänden. Ein gesundes Wohnklima konnte dort nicht aufkommen.

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Die erste Verbesserung in dieser „Wohnkultur“ war ein Giebel aus Ziegelsteinen, die man sich durch den Torfverkauf an die Ziegeleien im benachbarten Rheiderland besorgen konnte.

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So entstand im Laufe der Jahrzehnte ein kleines festes – in aller Regel eigenes – Haus, an dem die Bedürftigkeit auch noch der zweiten und dritten Generation abzulesen war.

 

 

Fotos: Archiv Robben

Diese Schautafel in der von – Velen – Anlage „spricht Bände“…

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In Weiterentwicklung dieses Teilthemas:

 

Das aufstrebende Papenburg gab Heuerleuten aus anderen Teilen des Verbreitungsgebietes Arbeit und Auskommen

  • Die Flößer aus Greven

Für den Schiffbau wurden aus dem waldreichen Gebieten des Münsterlandes insbesondere Eichen über die Ems                                  nach Papenburg geflößt

 

  • Die Ziegler aus dem Lipperland

 

Die Lipper Ziegler arbeiteten als geschätzte Fachleute in den benachbarten Ziegeleien im Rheiderland

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Lübbert zur Borg: Waisen wurden versteigert

Nun war und ist Menslage durch Pastor Funke mit seinem herausragenden Buch über über das Heuerlingswesen und die Menslager Vereinbarungen zwischen Heuerleuten und Bauern ein prädestinierter Ort auch für Forschungen Richtung Nordamerika und die Hollandgängerei.

Die  Veröffentlichungen von Lübbert zur Borg in den Menslager Heften sind durchweg sauber recherchiert und zeugen von seinem historischen Wissen.

Er war durchaus selbstbewusst und zeigte das auch in der Bemerkung mir gegenübeDSC_0242r:

Sie haben Glück gehabt, bei diesem Thema auf mich gestoßen zu sein…!

Das äußerte sich dann darin, dass ich nach meinen Besuchen auf seinem schönen Artländer Hof die Tonbänder voll hatte und mit Büchern und Kopien von Dokumenten bepackt die Heimreise antreten konnte.

Nicht alles davon konnte im Buch aufgenommen werden.

Hier ist nun Platz dafür!

Solche Geschichten erzählte er mir dann und legte eine Kopie der Abschrift des Dokumentes vor

 Heuerlingswaisen wurden versteigert

Damals brauchte niemand wegen Armut zu verhungern, aber dennoch kamen wohl menschliche Tragödien vor. So lebte um 1830 in Klein Mimmelage, in Riesters Heuerstelle. eine Familie Middendorf. Johann Hermann Middendorf wohnte dort allein mit vier Kindern, weil die Frau und Mutter schon früh verstorben war. Er selbst war außerdem sehr krank. Nach seinem Tode wurde offenbar, dass seine wenigen Möbel schon zu Lebzeiten verpfändet waren. In den Nachlassverhandlungen kam zusätzlich heraus, dass sein geringer Besitz zum Teil als verschleppt und als nicht vorhanden gemeldet wurde. Die vier Waisenkinder mussten nun von der Bauerschaft Klein Mimmelage versorgt werden. Dazu fand eine Bauerschaftversammlung statt, woran alle teilnehmen konnten. Wer nun das wenigste Geld von der Armenkasse der Bauerschaft verlangte, dem wurden die Kinder zugesprochen. Er musste dann nur noch den entsprechenden Vertrag unterschreiben.

Das ganze Geschehen lief wie auf einer Auktion ab, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Die älteste Tochter Anna Adelheid war schon über 14 Jahre alt. Sie mußte eine Arbeitsstelle als Magd auf einem Bauernhof annehmen. Die dreizehnjährige Anna Maria kaum zur weiteren Erziehung bis zu ihrer Konfirmation zur Heuerlingsfamilie Heinrich Lürding in Gr. Nesslages. Die Zahlung an ihn betrug vier Reichstaler und 66 Grote für die Zeit von September 1829 bis Ostern 1830. Die damaligen Verhältnisse finden sich nun im damaligen Protokoll zur Ausaccordierung für die beiden kleinsten Kinder (vergleiche: Menslager Hefte Nummer zwei von Emma Burmester)

Unter dem heutigen Datum wurden die beiden jüngsten Kinder von Johann Hermann Middendorf

Namentlich

Johann Hemann, acht Jahre alt

Helena Margaretha, sechs Jahre alt

von dem Interessenten der Bauerschaft Kl. Mimmelage mindestfordernd ausaccordiert.

Foto: Archiv Robben

Gleichschaltung und Ende

Gleichschaltung und Ende des „Vereins Christlicher Heuerleute“: 1933

 

Im Wahlkampf zu den halbfreien Reichstags- und Landtagswahlen vom 5. März 1933 und den Provinziallandtags- und Kommunalwahlen vom 12. März engagierten sich führende VCH-Vertreter wieder für die Zentrumspartei, die Heinrich Kuhr erneut für den Provinziallandtag aufgestellt hatte. Bislang war es der im Emsland organisatorisch nur schwach vertretenen NSDAP nicht gelungen, in den Reihen der Heuerleute-Organisation Anhänger zu finden. Da ihre Unterwanderungstaktik beim EBV gescheitert war, gründete sie im Herbst 1932 in der Grafschaft Bentheim, einer frühen Hochburg der Nationalsozialisten, einen eigenen Bauernverband, den „Nationalen Bauernbund“. Diesem gelang es indes nicht, im Emsland Fuß zu fassen. Ebenso wenig verzeichnete der zur Gewinnung der ländlichen Wählerschichten geschaffene „Agrarpolitische Apparat“ der NSDAP im Emsland Erfolge. Die einzig namentlich bekannten Mitglieder, Emanuel Graf von Galen (1877-1950) aus Beversundern, Dr. Hermann Korte (1904-1958) aus Meppen und Johann Budde (1887-1962) aus Vrees[i], waren entweder Mitglieder des Verpächterverbandes oder wie Dr. Korte Unterstützer der großbäuerlichen Richtung.

Als entschiedener Verteidiger der Weimarer Republik galt der VCH naturgemäß als ein Gegner der NS-Bewegung. Da in diesem Verband NSDAP-Parteianhänger anscheinend nicht einmal in nachgeordneten Positionen zur Ablösung der Verbandsleitung zur Verfügung standen, ging der NS-Staat mit Repressionen gegen ihn vor. Bereits Ende März 1933 fand beim Vorsitzenden Heinrich Kuhr eine mehrstündige Hausdurchsuchung statt, die die Staatsanwaltschaft Berlin gegen alle Führungskräfte der „Deutschen Bauernschaft“ angeordnet hatte[ii]. Anfang April besetzte dann die SA in Lingen die Büros der christlichen Gewerkschaften und des VCH, wobei große Aktenbestände des Heuerleuteverbandes beschlagnahmt worden sein sollen[iii]. Die Aktion gegen den VCH erregte so großes Aufsehen, dass in der Presse überregional die Meldung verbreitete wurde, die SA habe den Geschäftsverkehr nicht unterbrochen bzw. es seien keine Akten beschlagnahmt worden, ohne aber die SA-Durchsuchungsaktion selbst zu dementieren[iv]. Gleichzeitig musste auf Intervention der NSDAP die Vergabe der Siedlerstellen auf dem Gut Geeste, wo die VCH-Siedlungsgesellschaft „Emsland“ wie dargestellt das Dorf Osterbrock schuf, unterbrochen werden[v].

Im Zuge der Gleichschaltung der emsländischen Landwirtschaft, die an anderer Stelle bereits ausführlich dargestellt wurde[vi], schufen die Nationalsozialisten nach der Demontage der wichtigsten NS-Gegner in den regionalen Führungsgremien des EBV am 28. April 1933 eine fünfköpfige „Bezirksführerschaft“ der Landwirtschaft. Führender Kopf war der erste Geschäftsführer des nationalsozialistischen Grafschafter „Nationalen Bauernbunds“, Leiter des Agrarpolitischen Apparats der NSDAP in der Region Emsland/Grafschaft Bentheim und nunmehriger hauptamtlicher Nordhorner Bürgermeister, Dr. Hermann Korte. Hier tauchte er allerdings in seiner Funktion als Landwirtschaftlicher Abschnittsfachberater im Agrarpolitischen Apparat der NSDAP auf. Ihm folgte der neue Vorsitzende des „Emsländischen Bauernvereins“, der Deutschnationale Otto Freiherr von Landsberg-Velen. Heinrich Kuhr vertrat den „Verein christlicher Heuerleute, Pächter und Kleinbauern“, der Nordhorner Landwirt Lambert Lödden (* 1886) nahm in der „Bezirksführerschaft“ Platz für den „Nationalen Bauernbund“ und der NSDAP-Provinziallandtagsabgeordnete Johann Budde aus Vrees als Vertreter des Verpächterverbandes und Landwirtschaftlicher Kreisfachberater des Agrarpolitischen Apparats für den Kreis Meppen, obwohl er aus dem Hümmling stammte. Die drei NSDAP-Mitglieder dominierten vollkommen die Bezirksführerschaft der emsländischen Landwirtschaft, zumal vom verbündeten Deutschnationalen kaum Widerstand zu erwarten war. Eindeutiger Verlierer der Gleichschaltung waren die Heuerleute mit ihrem Verband, da nun die Interessenvertreter der Verpächter, die während der Weimarer Republik gegenüber dem VCH politisch in die Defensive geraten waren, den Heuerlingsvertreter problemlos majorisieren konnten. Kuhrs Duldung in der neuen Führungsspitze der Landwirtschaft war wohl allein dem Umstand zu verdanken, dass er einerseits außerordentlich kompetent war und großen Rückhalt bei den Heuerleuten besaß, andererseits aus deren Reihen keinerlei parteitreuer und halbwegs fachkundiger Ersatz gefunden werden konnte. Umrahmt von vier Mitgliedern des „nationalen“ Lagers nutzten die Nationalsozialisten zwar seine fachliche Kompetenz und sein Ansehen, sein politischer Einfluss war aber eliminiert worden, zumal die Zentrumspartei seit der Reichskanzlerschaft Hitlers politisch vollständig ins Abseits geraten war.

In den etwa zwei Wochen später neu gegründeten fünfköpfigen Kreisführergemeinschaften der emsländischen Landwirtschaft und der daraufhin um zwei Mitglieder erweiterten Bezirksführergemeinschaft sah es dann für die Heuerlinge kaum besser aus. Die Heuerleute bzw. Neusiedler besaßen überall nur noch eine symbolische Vertretung, lediglich im Kreis Aschendorf war mit dem langjährigen VCH-Rechnungsführer Franz Speller, der in Kluse gesiedelt hatte, ein aktiver und bekannter Interessenvertreter der ländlichen Unterschichten aufgenommen worden.

Trotz allen staatlichen Drucks auf die Heuerleute-Organisation war der NSDAP kein bedeutender Einbruch in die Reihen der Heuerlinge gelungen, zumal die ersten agrarpolitischen Entscheidungen der neuen Staatsführung den Kleinbauern kaum Hilfe brachten. So bemühte sich Dr. Korte in der Folgezeit besonders darum, diese Gruppe für die NSDAP zu gewinnen. Im Juli 1933 berief er als Bezirksführer der emsländischen Landwirtschaft eine große Heuerleute-Versammlung des VCH in Haselünne ein. Der VCH-Vorsitzende Kuhr erschien nicht. Er ließ verlauten, sein Kriegsleiden mache ihm dies unmöglich. Der Protestant Dr. Korte versuchte, die katholischen Heuerleute für die NS-Regierung einzunehmen. Zunächst warf er der Jahrzehnte lang im Emsland dominierenden Zentrumspartei vor, die katastrophale Politik des letzten Jahrzehnts maßgeblich mitgetragen zu haben. Was das Zentrum in 60 Jahren – so Dr. Korte – nicht vermochte, habe die NSDAP innerhalb von fast sechs Wochen geschafft: die Ratifizierung des Reichskonkordats mit dem Vatikan. Weiterhin führte er laut „Lingener Volksboten“ aus: „Der nationalsozialistische Staat reiche jedem Bauern die Hand, der Willens sei zu ehrlicher und tatkräftiger Mitarbeit. Wer das aber nicht will, der erhalte die Faust“. Der Aufbau des Berufsstandes des Bauern sei so wichtig, „daß derjenige, der sich an die Aufgaben des Bauern nicht gewöhnen könne, diese im Konzentrationslager Börgermoor lernen müsse“[vii].

Die Heuerleute waren ungeachtet dieser Drohung mit der Einlieferung in das emsländische KZ Börgermoor noch nicht völlig mundtot gemacht worden, wie Bezirksführer Dr. Korte Ende August 1933 feststellen musste. Auf einer Versammlung der Bezirksführerschaft zur Heuerlingsfrage agitierte er gegen die seit Jahren von den Heuerleuten erhobene Forderung nach einer gesetzlichen Verpflichtung zu schriftlichen Heuerverträgen. Selbst auf dieser Versammlung verlangten die Heuerlinge danach. Doch der NS-Bauernführer erteilte ihnen eine Abfuhr. Da in der neuen Zeit, so behauptete der Bezirksbauernführer, Treu und Glauben wieder zu Ehren kämen, genügten mündliche Verträge. Geschriebene Worte führten lediglich zu einem Haften an Buchstaben, zu kleinlichen Streitereien und endlosen Prozessen[viii]. Damit stellte er sich in dieser jahrelangen Auseinandersetzung eindeutig auf die Seite der größeren Bauern, was keine Überraschung war, hatte er doch früher für deren Organisation gearbeitet. Die hier deutlich gewordene Unzufriedenheit der Heuerleute war durchaus nicht grundlos. Während der Weimarer Republik war ihr Verband eine höchst bedeutende Interessenorganisation geworden, die vor allem mit Hilfe der Zentrumspartei parlamentarisch viel für die ländlichen Unterschichten der Region hatte erreichen können. Die Heuerleute fühlten sich durch das Zentrum auf Reichs- und Landesebene sowie durch eine Vielzahl von Verbandsfunktionären in kommunalen Gremien parlamentarisch gut vertreten. Mit deren Unterstützung schuf die VCH-Siedlungsgesellschaft „Emsland“ eine Reihe neuer Bauernstellen für Heuerleute. Nach der Gleichschaltung dominierten in der Landwirtschaft allerdings völlig die Vertreter der größeren Bauern und der Verpächter. Die Aussichten auf einen sozialen Aufstieg hatten sich für die Heuerleute überdies drastisch verschlechtert, seit der NS-Staat im Sommer 1933 daran ging, im Emsland große Ödlandflächen, die sich die Heuerleute als ihre Siedlungsgebiete auserkoren hatten, durch Gefangene der neu errichteten Konzentrations- und Strafgefangenenlagern zu kultivieren. Aus ideologischen Gründen verzichtete man auf den Einsatz von Maschinen, etwa der Fa. Ottomeyer, die schon in der Weimarer Republik auf den Ödlandflächen tätig gewesen waren. Die Erschließung ging deshalb nur schleppend voran[ix]. Damit waren große Flächen auf unabsehbare Zeit dem Siedlungsdrang entzogen. Die Heuerleute mit ihrer besonders engen Verbindung zum Zentrum, das sich als letzte Partei der Weimarer Republik am 5. Juli 1933, dem staatlichen Druck nachgebend, selbst auflöste, mussten sich folglich als die eindeutigen Verlierer der nationalsozialistischen Neuorganisation der Landwirtschaft im Raum Emsland/Bentheim sehen. Auch ihre „Siedlungsgenossenschaft Emsland“ wurde gleichgeschaltet. Auf der letzten Sitzung im November 1933 übernahm der NS-Landwirtschaftsfunktionär Dr. Hermann Korte den Vorsitz der Genossenschaft[x], die anschließend wie der VCH und sämtliche übrigen alten Landwirtschaftsorganisationen zum Jahresende 1933 abgewickelt wurde. Damit endete sang- und klanglos die Geschichte einer Organisation, die im deutschen Nordwesten während der Weimarer Republik eine prägende Rolle gespielt hatte und durch ihre Tätigkeit vielen Heuerleuten und Knechten eine neue Lebensperspektive mit einem sozialen Aufstieg verschaffte. Darüber hinaus erreichte der VCH auch, dass sich gerade die ländlichen Unterschichten des Emslands während der Weltwirtschaftskrise nicht radikalisierten, ja sich sogar als besonders treue Anhänger der Zentrumspartei erwiesen.

 

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren die sozialen und politischen Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Heuerleuten nicht beendet. Zwar trat Heinrich Kuhr als CDU-Mitglied in die „Vereinigung des Emsländischen Landvolks“ (VEL) ein, die als Einheitsorganisation des gesamten Bauerntums der Region geplant war. Doch viele Heuerlinge folgten ihm nicht. Ihr Siedlungshunger war weiterhin groß. Sie forderten, im Zuge des Emslandplans neue Höfe zu erhalten. Unterstützung bekamen sie vom „Bauern-, Pächter- und Siedlerbund Niedersachsen“, der im Raum Emsland/Bentheim die Nachfolge des VCH angetreten hatte. Ihr emsländischer Geschäftsführer Franz Holthus (1909-1990) aus Lingen, ein gebürtiger Messinger, gehörte von 1953 bis 1955 für die Zentrumspartei dem Niedersächsischen Landtag an[xi]. Gerade die Heuerleute und Neusiedler erwiesen sich nach dem Krieg als die treuesten Anhänger der wiedergegründeten Zentrumspartei, die von der CDU „bis aufs Messer“ bekämpft wurde. Wegen ihrer sozialen Forderungen und Anti-Aufrüstungspolitik wurde das Nachkriegszentrum von der CDU nicht selten als „kommunistenfreundlich“ verleumdet, konnte sich aber in ihrer Hochburg auf lokaler Ebene noch bis in die 1960-er Jahre halten.

[i] Zur Geschichte des Agrarpolitischen Apparats im Emsland vgl.: LVB Nr. 218 vom 20.09.1933. Zur Tätigkeit von Galens im Verpächterverband und in der NSDAP siehe: Helmut Lensing, Emanuel von Galen-Beversundern – Sein Kontakt zum Nationalsozialismus und zum NS-Regime, in: Joachim Kuropka (Hrsg.), Streitfall Galen, voraussichtlich Vechta 2006.

[ii] Kuhr (wie Anm. 4), S. 69. Heinrich Lübke, der Geschäftsführer der „Deutschen Bauernschaft“, wurde sogar für Monate inhaftiert.

[iii] Münsterischer Anzeiger (weiterhin MA) Nr. 377 vom 09.04.1933, FVB Nr. 44 vom 12.04.1933.

[iv] LVB Nr. 88 vom 14.04.1933, MA Nr. 401 vom 16.04.1933, FVB Nr. 45 vom 15.04.1933, HZ Nr. 45 vom 15.04.1933.

[v] FVB Nr. 40 vom 03.04.1933.

[vi] Siehe dazu: Lensing (wie Anm. 12), S. 87-98, Martin Löning, Die Durchsetzung nationalsozialistischer Herrschaft im Emsland (1933-1935), in: Emsland/Bentheim. Beiträge zur Geschichte Bd. 12. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft, Sögel 1996, 7-353, S. 252.

[vii] Vgl.: LVB Nr. 172 vom 28.07.1933 (hier das Zitat), HZ Nr. 88 vom 26.07.1933 oder KVB Nr. 179 vom 28.07.1933.

[viii] EZ Nr. 199 vom 01.09.1933, LVB Nr. 202 vom 01.09.1933, Der Emsländer, Meppen, Nr. 27 vom 31.08.1933.

[ix] Siehe mit verharmlosender Berichterstattung: KVB Nr. 149 vom 23.06.1933 oder KVB Nr. 153-154 vom 28.06.1933.

[x] HZ Nr. 134 vom 14.11.1933.

[xi] Siehe dazu: Haverkamp (wie Anm. 2), S. 100-101. Zur Gründung der VEL und der Gegnerschaft zum neuen Heuerleuteverband vgl.: Walter Bien, 50 Jahre Landvolk. Chronik der Vereinigung des Emsländischen Landvolkes e.V. 1947-1997, Meppen 1997, S. 11-15, 18-19.