Was haben Tödden mit Heuerleuten gemein?

Vortrag in Mettingen im Hotel Telsemeyer über die Heuerleute (2017)

Ein wichtiges Thema vor Ort wird sein: Was haben Tödden mit Heuerleuten gemein?

Dazu schreibt Bettina Weiguny in ihrem 2005 in Frankfurt erschienenen Buch auf Seite 10 f  u. a. nach diesem kurzen Vorspann:

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Mettingen ist die Wiege des europäischen Textilhandels. Nicht Berlin, nicht Paris, London oder eine der anderen Mode-Metropolen, wie zu erwarten wäre. Seine große Vergangenheit merkt man dem Ort allerdings nicht mehr an. Heute hat das 12000-Seelen-Dorf mit Textilhandel oder gar Mode nichts mehr zu tun. Weder C&A noch eine der anderen Bekleidungsketten hat hier ihre Zentrale. Sie haben hier keine Geschäftshäuser und auch keine Textilfabriken. Der Ortskern mit seinen kleinen Läden unterscheidet sich in nichts von jeder x-beliebigen Dorfmitte. Nur das Museum erinnert an die großen Söhne der Stadt, die Europa erobert, Reichtümer angehäuft…

Ab Seite 12 geht sie ausführlich auf diese Kausalzusammenhänge ein:

Die Vorfahren von Johann Gerhard Brenninkmeyer waren über Genera­tionen hinweg Heuerlinge gewesen.

Sie hatten sich auf den Feldern abge­müht, ohne je gute Ernten einzufahren, denn die Böden im nördlichen Münsterland sind karg und unfruchtbar. Die Erträge von Bauer Brenninkmeyer reichten kaum aus, um sich und seine Familie zu ernähren. Spätabends, wenn die Arbeit erledigt war, saßen er und seine Frau zusammen und such­ten nach Auswegen. Die ständige Furcht vor der nächsten Missernte, die ihren Ruin bedeuten könnte, bescherte ihnen viele schlaflose Nächte. Und ihren Nachbarn ging es nicht besser.

Die Schicht der Heuerlinge war arm, stets vom Hunger bedroht. Und sie wurde im 17. Jahrhundert immer größer. Zehn, zwölf Kinder waren bei den Kleinbauern nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs keine Seltenheit. Der Westfälische Frieden, der im Jahre 1648 in Münster und Osnabrück ge­schlossen wurde, beendete zwar die Kriegshandlungen. Die Lebensqualität aber — insbesondere auf dem Land — besserte sich lange Zeit nicht. Die zahl­reichen Kinder waren die Altersvorsorge der Bauern.

Aber anstatt den Bauern diese nötige Sicherheit im Alter zu bescheren, steigerte die plötzliche Bevölkerungszunahme in den folgenden Jahrzehnten das Elend noch. Immer mehr Heuerlinge mussten sich immer kleinere Par­zellen teilen. In Mettingen mit seinen sandigen Böden waren die Zeiten be­sonders trostlos. Egal, was die Mini-Pächter hier anbauten: Was sie ernteten, reichte kaum zum Überleben. Zumal sie jedes Jahr ihren »Heuer« an den Landbesitzer zu entrichten hatten.

Ab Seite 15 ist zu lesen:

Die Westfalen hatten eine Marktlücke entdeckt. Kaufleute mit Geschäften gab es aufgrund der Zunftordnung damals ausschließlich in den Städten. Für die Landbevölkerung war eine Reise in die nächste Stadt aber meist unmög­lich. Die Entfernung war zu groß, sie hatten kein Geld, sich in der Stadt ein­/ uquartieren, sie hatten zu viel Arbeit und konnten die Landwirtschaft nicht verlassen. Nun kamen die Wanderhändler zu ihnen an die Haustür. Das war ein neuer Service, den die Landbewohner sehr begrüßten. Innerhalb weniger Jahre expandierte die neue Dienstleistungsbranche. Bald gab es Hunderte von Wanderhändlern im nördlichen Münsterland.

Schnell sprach sich herum, dass die Leinenstoffe der Tödden eine gute Qualität hatten. Und auch die Preise waren in Ordnung. Die Bauern gaben bei den Tödden gleich Bestellungen für neue Ware auf, die sie ihnen auf ihrer nächsten Tour mitbringen sollten.

Bettina Weiguny:  Die geheimnisvollen Herren von C&A: Der Aufstieg der Brenninkmeyers,Frankfurt
 2005.Seite 10 ff

Große Krise zwischen 1816 – 1850: Hunger

23. Oktober 2016                                                                                                              Seite 635

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Geballte Heuerhauspräsenz in Berge

dsc_060522. Oktober 2016                                                                                Seite 634

Ein erneuter Besuch  bei Uwe Brunneke ließ uns wenige hundert Meter rund um sein renoviertes Doppelheuerhaus nachfolgende Kotten im wahrsten Sinn des Wortes  „entdecken“.

Diese sollen hier unkommentiert vorgestellt werden.

Die weitere Beschreibung übernimmt dann der Fotoband.01-sk

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Vom Besitzerehepaar waren neben der Pferdezucht auch das Halten von ein paar Schweinen angedacht gewesen.

Das ließ sich jedoch nicht unter einen Hut bringen – so kamen die Brozesäue….

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Viele restaurierte Heuerhäuser im Raum Berge

21. Oktober                                                                                                                                         Seite 633

Eine wohl einmalige Anhäufung von noch erhaltenen und renovierten Heuerhäusern findet sich im Raum Berge – Hekese nördlich von Bersenbrück. Hinter dieser Konzentration steht ein Name:

Uwe Brunneke.

brunnecke-im-bueroDer heutige Zimmerermeister  und erfolgreiche Unternehmer war schon als Junge mit seinem Großvater, der als Heimatvertriebener zunächst als Landarbeiter sich Geld verdienen musste, auf den Bauernhöfen in der Umgebung unterwegs. Schon bald lernten ihn die Landwirte dort als fleißigen und zuverlässigen Gehilfen kennen. Das war genau die Zeit, als für etliche Bauern die Entscheidung anstand, die vom Verfall bedrohten  ehemaligen Heuerhäuser entweder abzureißen oder restaurieren zu lassen. In neun von zehn Fällen verschwanden diese Zeitzeugnisse anderswo.

Uwe Brunneke gelang es schon früh, Landwirte vom Erhalt zu überzeugen und legte dabei selbst mit Hand an. Wohl auch aus dieser Entscheidung heraus erlernte er den Beruf des Zimmermanns. Als er dann mit seiner jungen Frau auch noch ein Doppelheuerhaus erwarb und sehr kenntnisreich renovierte, machten es ihm etliche Begeisterte nach. Und die Ergebnisse kann man heute nun auf etwa 3 km² bewundern.

Im Laufe der letzten drei Jahrzehnte hat er seine Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten so weiter entwickelt, dass man seine Bauwerke von der Nordsee bis nach Österreich bestaunen kann – manche als wirkliche Kunstwerke wie hier die Außenfassade des Nationalpark-Hauses auf Norderney:projekt-der-zimmerei-brunneke-in-wangerooge_201511131200_fullhttp://www.noz.de/lokales/samtgemeinde-fuerstenau/artikel/637250/auftrage-von-sylt-bis-wien-fur-berger-zimmerei#gallery&0&2&637250

 

Ein Phänomen: Nachfrage groß – auch bei der 5. Auflage

21. Oktober 2016                                                                                                              Seite 632

Das Buch ist ganz offensichtlich zum Dauerbrenner geworden: Nach nur 4 Tagen ist schon wieder ein Drittel der neuen Auflage auf Bestellung im Buchhandel und seit heute gehen Nachbestellungen ein….

Die Buchhändler(innen) berichteten: Es gibt eine ganze Reihe von Käufern, die sich zunächst die 1. Auflage gekauft haben und nun interessiert sind an der 5. Ausgabe mit ihren Neuerungen.

Das lohnt sich auch, denn Dr. Helmut Lensing hat von Auflage zu Auflage Seiten hinzugefügt und das Bildmaterial verbessert. Außerdem hat er bisher vernachlässigte Regionen zusätzlich berücksichtigen können.

Dennoch haben wird den Preis stabil gehalten!

Heuerlinge

http://www.noz.de/lokales/lingen/artikel/792212/fuenfte-auflage-fuer-buch-ueber-heuerlingswesen-im-emsland

Text Einakter Knapp Gert 2

 Tyding – der Bauer

 

Hürmanske, kür nich so rüm!

Dien Mann is een Mörderkerl wedden!

 Doar kanns du nix an ännern un beschönigen!

Un nu noch maol to di, du Koopmann ut Lingen.

Du kann blot met mi Platt kürn, wenn du watt an mi verdehnen kanns.

Aber ick kann ock Hochdütsch!

Ihr Städtker, was seid ihr denn!folie-11

Wohnt da auf engstem Raum, allenfalls bessere Heuerleute seid ihr. Die meisten von euch haben als Ackerbürger nicht mal eine Kuh, sondern eine Ziege in eurem Haus. Gerade diese Tiere stinken  doch wirklich zum Gotterbarmen.

Nie würde ich eine Frau aus der Stadt heiraten, die hat doch nix an den Füßen.

Ich habe die Bauerntochter von Brockhaus in Brockhausen geheiratet. Die hat 8000 Gulden und 8 Rinder dazu in die Ehe gebracht.

Da wird nicht nach Aussehen geheiratet: Schönheit vergeht, Hektar besteht. Ihr besitzt in der Stadt ja nicht mal einen Hektar, vielleicht einen halben. Ich habe über 100.

Damit bin ich der Herr über eine Million Quadratmeter, ihr bringt es vielleicht auf 2000, allenfalls 4000 qm, das is doch nen Schitt. Has de was, biste was.

Und noch mal zurück zu den Frauen: Eine stolze Bauerntochter heiratet keinen Städtker.

Eine Heuerlingstochter wollt ihr auch nicht.

Da müsst ihr notgedrungen unter euch heiraten. Und – wie ist es da mit der Inzucht? Wie viele eurer Kinder müsst ihr vor den anderen Leuten im Schweinestall verstecken?

 

Thomas Diepenbrock – der Städtker

Du musst hier über Frauen reden!

Ihr schwängert eure jungen hübschen Mägde und jagt sie dann vom Hof.

Was erzählt man ganz offen über euch:folie-10

Wenn eine Magd vom Hof gehen muss, dann bekommt sie vom Bauern ein Kind und eine Kuh.

Da findet sich dann ganz schnell ein Knecht, der für die Anschaffung einer Kuh mehrere Jahre arbeiten müsste, und heiratet die Magd und ihr habt wieder neue willfährige Heuerleute. Aber bei den meisten Erstgeborenen kann man doch genau die väterlich – bäuerliche Abstammung sehen.

Und eines muss ich als Kaufmann dieser Stadt noch anmerken: Wer im Jahre 1825 erfolgreich sein will, der muss fleißig zur Schule gehen. Dafür haben wir mittlerweile auch eine Lateinschule.

Daher müssen alle unsere Kinder – auch aus den umliegenden Dörfern und Bauerschaften – seit geraumer Zeit regelmäßig zum Unterricht erscheinen in der Volksschule.

Aber was höre ich in dem Bericht des Erzpriesters Homann vom Mai letzten Jahres: Man könnte dort die Überschrift setzen gerade für die Bauern – und Heuerlingskinder:

                                               Dumm geboren und nichts dazugelernt!

Dort heißt es in dem Bericht: „Ungefähr 140-150 Kinder zählt diese Schule. Am meisten hat man sich über den säumigen Besuch der Kinder aus den Bauernschaften zu beschweren. Strenge nach dem Gesetze  ist versucht, aber trotzdem wollen sich die halsstarrigen Bauern an Pünktlichkeit im Schicken der Kinder nicht bequemen. Sie kommen nach Martini bis März und lassen sich häufig den ganzen Sommer und die übrige Zeit nicht blicken. Wie schwer es fällt das die Kinder mit den anderen aus der Stadt, die ordentlich kommen, Schritt halten, liegt auf der Hand!“

Der Handwerker in seinem Beruf muss ständig rechnen und das Maß einhalten, wir Kaufleute müssen kalkulieren und damit blitzschnell rechnen können und ihr?

Ihr könnt ja nicht einmal die Zahlen abrechnen und zuzählen.

Wir aber sind bewandert in der höheren Mathematik: Wir können sogar malnehmen und teilen – multiplizieren und dividieren nennen wir das.

 

Tyding – der Bauer

Bauernschläue musst du haben. Die wird bei uns auf dem Lande angeboren.

Und kommandieren musst du als Bauer können, das bringen wir unseren Söhnen ganz schnell bei.

Die Heuerleute – was sollen die rechnen und schreiben lernen! Die sollen einfach nur das tun was wir sagen.

 

 

Die Witwe von Knapp Gert

Proatet ju man möe! (Hochdeutsch wörtlich: Redet euch nur müde!)knapp-witwe-2

Von euch habe ich nichts mehr zu erwarten – nicht einmal Mitleid!

Mir bleibt nur die Hoffnung, dass der Herrgott im Himmel nicht auch ein Bauer ist.

Text Einakter zu Heuerling Knapp Gerd 1

 

 dieser-dramatische-einakter-ist-entstanden-als-vorspann-zur-premiere

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Reise in die Vergangenheit

Knapp Gerd und seine Zeit

Sprecher:

Wir möchten euch nun auf eine kurze Reise in die Vergangenheit aktiv mitnehmen. Dazu gehen wir 190 Jahre auf unserer Geschichtsstraße zurück und befinden uns jetzt im Jahre 1825. Vor kurzem ist Knapp Gerd für seinen Mord an dem Heuermann Langhorst auf der Richtstätte mit dem Schwert enthauptet worden.

Ich darf nun hier drei Akteure vorstellen:

  • da ist zunächst seine Frau, der nun als Witwe ein noch härteres Leben bevorsteht. Sie wird uns gleich berichten.
  • Zum zweiten haben wir dort den Bauern Tyding aus Brögbern, er hat auf seinem Hof 16 Heuerlingefamilie untergebracht.
  • Und nicht zuletzt haben wir einen Ackerbürger der Stadt Lingen, den Herrn Thomas Diepenbrock, einen Kaufmann. Ihm gebe ich nun das Wort.

 

Diepenbrock – der Städtker                                        

Damit ihr euch gleich im Jahre 1825 zurechtfindet, nehme ich euch passend mit und weise euch in eure damalige wirtschaftliche, soziale und geographische Lage im Altkreis Lingen ein.

Glaubt nur nicht, dass ihr es euch alle so gemütlich wie heute in der Stadt einrichten könnt.

Nein, das Leben war damals ungemein härter und Lingen hatte sehr viel weniger Einwohner – auch im Verhältnis zu den umliegenden Dörfern.

Heute etwa 1:1 (auf einen Stadtbewohner kommt ein „Dörfler“)

1825 hatte Lingen 2000 Bewohner, der Kreis Lingen zählte insgesamt 24 000 Menschen, also 1:12.

Danach teile ich Euch nun ein:folie-3

2.000 Lingener

2.000 Kirchdörfler (wie Spelle, Freren etc.) – vornehmlich Handwerker

8.000 Bauern

12.000 Heuerleute

 

Witwe von Knapp Gerd

Zu den Heuerleuten muss ich euch etwas erzählen, das könnt ihr euch gar nicht mehr vorstellen.

Wir sind Menschen 2. Klasse

Wir wohnen in einer schäbigen Kate, Haus kann man dazu gar nicht sagen:

Nur das Fachwerk ist stabil, damit das Gebäude nicht gleich zusammenkracht.folie-4

  • Die Wandgefache werden aus Lehm und Reisig eingebaut,
  • Fenster gibt es kaum,
  • einen Schornstein kennt man nicht,
  • der Rauch zieht einfach durch die Decke ab,
  • das Dach ist mit Stroh bedeckt, das der Wind im Winter manchmal in ganzen Fetzen abreißt
  • und dann regnet es durch,
  • der Boden ist nur aus gestampftem Lehm,
  • die Feuchtigkeit dringt von allen Seiten ein,
  • wir leben mit den Tieren in einem Raum,
  • schon in jungen Jahren leiden wir an Rheuma und Tuberkulose.

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Hier kommentiert die Witwe die Folie, die im Hintergrund der Bühne auf Leinwand zu sehen ist.

Bauer Tyding

Da muss ich aber jetzt mal eingreifen!folie-6

 Ihr kennt mich sicher, ich bin der Bauer Tyding aus Brögbern und die Heuerleute auf dem Foto gehören zu meinem Hof. Ich gebe diesen 16 Familien etwas von meinem Grund und Boden ab und stelle ihnen auch Häuser zur Verfügung. Wo würden sie denn sonst bleiben. Was kann ich dafür, dass die Bevölkerung in der letzten Zeit durch die Einführung der Kartoffel so dermaßen gestiegen ist, dass meine Bauernkollegen und ich so schnell der Nachfrage nach keine neuen Häuser bauen können, und so musste ich in sechs Häuser gleich zwei Familien stecken.

Und glaubt nicht, dass alle Heuerleute fleißig wären.folie-7

Aber immerhin geht fast die Hälfte der Männer im Frühsommer nach Holland und bringt mir passendes Geld mit, denn das, was sie dort verdienen, müssen sie bei mir an Pacht ablangen. Und im Übrigen bleibt das Gebot bestehen: Wenn ich morgens pfeife, dann habt ihr prompt  und ohne Murren zu erscheinen!

Sonst fliegt ihr aus der Heuer, und kein anderer Bauer nimmt euch wieder auf. Da sind wir Hofbesitzer uns einig.

Witwe von Knapp Gert

Ihr Bauern schickt eure Heuerleute in eine wahre Hölle  auf den Hollandgang. Im Sommer ziehen sie am Martinitag los in die Gegend um Amsterdam. Durch Lingen wandern dann bis zu 25.000 Männer und auch einige Frauen in Richtung Niederlande.abschied-und-aufbruch-im-fruehsommer

 

Dort müssen sie von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang im Akkord hintereinander mit der Sense mähen. Wer zurück bleibt, bekommt nicht den vollen Lohn. Dabei kippen sie vor Erschöpfung immer wieder ohnmächtig um. Dagegen hilft nur das Trinken von erwärmten flüssigen Schweinefett. Dagegen streikt allerdings der Magen nach spätestens vier Tagen. So kehren sogar schon junge Männer schwerkrank aus Holland wieder zurück.grasmaeher

Mein Mann Knapp Gerd war zäh und hat diese Prozedur über 20 Jahre ausgehalten und so konnten wir dem heimischen Bauern  unsere Pacht wenigstens teilweise bezahlen. Als er im letzten Jahr jedoch beim Hollandbauern keine Anstellung mehr fand, hat er aus dieser Verzweiflung den Langeborg, der ihm bei der Arbeit vorgezogen war, auf dem Rückweg getötet.     

Für mich steht fest: Die beiden Bauern haben ihn in eine tiefe Verzweiflung gestoßen.

Auf mich kommt nun nach dem Tode meines Mannes Knapp Gerd ein trostloses Schicksal zu:

  • da ich jetzt als alleinstehende Frau nicht mehr die Pacht beim Bauern nicht mehr bezahlen kann, wird er mir die Heuerstelle kündigen und ich stehe mit meinen Kindern auf der Straße.
  • Für einen anderen Mann bin ich zu alt – und wer wird sich wohl in dieser katholischen Gegend mit der Witwe eines Mörders zeigen wollen.
  • Mich erwartet ausschließlich ein elendes Leben in einem Armenhaus.

Immer wieder haben mein Mann Gerd ich davon geträumt, wie gut wir es hätten haben können, wenn wir

anstatt Heuerleute

                    Ackerbürger in der Stadt Lingen hätten sein können!folie-13

  • Dann wären wir geschützte Handwerker durch die Zunft,
  • als Kaufleute gäben uns die Gilden Rechte und Sicherheiten
  • wir hätten ein eigenes Haus
  • und den begehrten eigenen Grundbesitz, auch wenn er nur klein ist
  • wir besäßen einen Anteil an der Kuhweide (Allmende)
  • wir hätten einen besseren gegenseitigen Schutz vor Räuberbanden
  • vor allem aber, wir wären keine Menschen 2. Klasse mehr.
  • Ja, ja Stadtluft macht frei von der Macht der Bauern.  

Wenn also ein Witwer oder ein Junggeselle unter euch ist, ich bin wieder zu  habenwitwe-kapp_bearbeitet-1

 Aber – ihr Städtker seid genauso hochnäsig wie die Bauern!

Geht mir doch alle aus dem Weg –

meine Lage ist aussichtslos!

  

 

 

Ein Einakter zur Historie um Heuerling Knapp Gert

Zur Geschichte des Heuerlings und langjährigen Hollandgängers Knapp Gerd, der 1824 seinen Kollegen Langeborg auf dem Heimweg kurz hinter Lingen ermordete, ist durch die Initiative der Lingener Bürgerschützensektion Knapp Gert ein interessanter Kurzfilm entstanden.

Dazu wurde eigens eine Premiere veranstaltet.

Dafür war auch ein Einakter geschaffen, der den festlichen gekleideten Gästen auf der Bühne im ehemaligen Centralkino die Geschichte um den Heuermann Knapp Gert auf eine besondere Weise vorstellte – Geschichte pur konzentriert auf eine Viertelstunde.

Geschrieben wurde das Stück von Bernd Robben, der auch als Bauer Tyding – Herr über 16 Heuerlingsfamilien in Brögbern – mitspielte.

Die beiden anderen Hauptakteure waren der wohlhabende Kaufmann Thomas Diepenbrockmaenner

und die Witwe von Knapp Gert, die in ihrer Rolle und ihrem Schicksal das gespannte Publikum tief beeindrucken konnte.img_1403

So vorgetragene Geschichte zeigte ihre Wirkung: Immer wieder hörte man im weiteren Verlauf des Festes

Jetzt habe ich einen ganz anderen Zugang zur Geschichte der Stadt und des Umlandes im 19. Jahrhundert – jetzt weiß ich, welch eine besondere Bedeutung die Heuerleute auch für die Stadt Lingen damals hatten

Industrieheuerlinge rund um GMHütte 1

Die Entwicklung zu Industrieheuerlingen rund um GM-Hütte im Rahmen der Entstehung des dortigen Stahlwerkes.

 Die Bauern fressen uns auf! So  schrieb es in tiefer Verzweiflung der Heuermann Johann Henrich Buhr aus Belm im Jahre 1833  an den Amtmann Stüve in Osnabrück und wanderte nach Nordamerika aus.1 In den folgenden Jahrzehnten verließen weitere Tausende von landlosen Heuerleuten Nordwestdeutschland,  um in der neuen Welt endlich auch eigenen Grundbesitz erhalten zu können.

Vier  widrige Umstände hatten das Leben der Heuerlinge in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich erschwert:

  • Der Hollandgang lohnte sich vielfach nicht mehr, weil die enorme Wirtschaftskraft der Niederlande insbesondere durch ein Erstarken der englischen Flotte und durch die industrielle Revolution in England enorm geschwunden war.
  • Die Haustextilherstellung insbesondere von Leinengewebe war über Jahrzehnte für viele Heuerleute die Haupteinnahmequelle gewesen. Billige Baumwolle aus Übersee, die nun in den mechanischen Webereien in England sehr kostengünstig zu Kleidung hergestellt werden konnte, überschwemmte auch den deutschen Markt und brachte bittere Armut über weite Bevölkerungskreise ( Grund etwa für die Weberaufstände in Schlesien)
  • Bisher durften auch die Heuerleute ihr Vieh in die Markengründe rund um die Dörfer treiben, wo die Tiere ihr Futter fanden. Mit Unterstützung des jeweiligen Landesherrn setzten die Bauern durch, dass diese Flächen nun ausschließlich unter den Grundbesitzern aufgeteilt wurden. Die Heuerleute mussten ihr Vieh teilweise um die Hälfte reduzieren und es fehlten ihnen so weitere dringende Einnahmen.
  • Mehrere drastische Hungerjahre durch Ernteausfälle ließ viele Heuerleute völlig verarmen. So sprach man selbst in den Behörden von den Zustand des Pauperismus (lat. pauper: arm)

Auf unsere Zeit übertragen muss man sich das Schicksal der damaligen landlosen Bevölkerung so vorstellen, als wenn man uns heute  etwa zwei Drittel unserer Einkünfte rigoros streichen würde….

Und nun geschah ab dem Jahre 1856 rund um das Dorf Malbergen südlich von Osnabrück etwas, das sowohl die Bauern als auch die Heuerleute in seltener Eintracht als ein großes Unglück für die ganze Umgebung 2 bezeichneten.

Malbergen selbst war nach der Volkszählung von 1848 eine kleine Bauerngemeinde mit 60 Wohnplätzen und 383 Einwohnern, im Vergleich zu anderen Ortschaften des Amtes Osnabrück eine Gemeinde mittlerer Größe. Die Häuserliste von 1858 nennt 29 Höfe und etwa 25 Heuerstellen.3

Was passierte nun rund um Malbergen und wie war es dazu gekommen?

Der Landesherr König Georg V. von Hannover sah es mit zunehmender Sorge, dass die enorme industrielle Entwicklung insbesondere  in England sein eigenes Staatsgebiet wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten ließ. Vornehmlich Eisen und Stahl mit entsprechenden Bearbeitungsbetrieben mussten her, um zunächst einmal durch einen gezielten Ausbau des Schienennetzes und weiterer Infrastrukturmaßnahmen die Entwicklung aus der reinen Agrarwelt heraus voranzutreiben. Dazu ließ er seine Fachleute Ausschau halten nach  gleichzeitigen Eisenerz- und Kohlevorkommen..

Seine Berater wurden aufmerksam auf ein kleines Hüttenberg in Beckerode südlich von Osnabrück.  König Georg V. wurde selbst aktiv, indem er eine Aktiengesellschaft gründen ließ, der er aus seiner persönlichen Schatulle 270.000 Taler zur Verfügung stellte. Das ermunterte weitere Geldgeber nach dem Motto: Wenn der König selbst einsteigt, dann sind wir auch mit unseren Geldanlagen auf der richtigen Seite.

Am 4. Juni 1956 kam es zur Gründung der Aktiengesellschaft „Georgs – Marien – Bergwerks – und Hüttenverein“, für die das hannoversche

Industrieheuerlinge rund um GMHütte 2

Und nun geschah ab dem Jahre 1856 rund um das Dorf Malbergen südlich von Osnabrück etwas, das sowohl die Bauern als auch die Heuerleute in seltener Eintracht als ein großes Unglück für die ganze Umgebung 2 bezeichneten.

Malbergen selbst war nach der Volkszählung von 1848 eine kleine Bauerngemeinde mit 60 Wohnplätzen und 383 Einwohnern, im Vergleich zu anderen Ortschaften des Amtes Osnabrück eine Gemeinde mittlerer Größe. Die Häuserliste von 1858 nennt 29 Höfe und etwa 25 Heuerstellen.3

Was passierte nun rund um Malbergen und wie war es dazu gekommen?

Der Landesherr König Georg V. von Hannover sah es mit zunehmender Sorge, dass die enorme industrielle Entwicklung insbesondere  in England sein eigenes Staatsgebiet wirtschaftlich ins Hintertreffen geraten ließ. Vornehmlich Eisen und Stahl mit entsprechenden Bearbeitungsbetrieben mussten her, um zunächst einmal durch einen gezielten Ausbau des Schienennetzes und weiterer Infrastrukturmaßnahmen die Entwicklung aus der reinen Agrarwelt heraus voranzutreiben. Dazu ließ er seine Fachleute Ausschau halten nach  gleichzeitigen Eisenerz- und Kohlevorkommen..

Seine Berater wurden aufmerksam auf ein kleines Hüttenberg in Beckerode südlich von Osnabrück.  König Georg V. wurde selbst aktiv, indem er eine Aktiengesellschaft gründen ließ, der er aus seiner persönlichen Schatulle 270.000 Taler zur Verfügung stellte. Das ermunterte weitere Geldgeber nach dem Motto: Wenn der König selbst einsteigt, dann sind wir auch mit unseren Geldanlagen auf der richtigen Seite.

Am 4. Juni 1956 kam es zur Gründung der Aktiengesellschaft „Georgs – Marien – Bergwerks – und Hüttenverein“, für die das hannoversche Herrschaftspaar König Georg V. und Königin Marie die Namenspatenschaft übernahmen. Das Grundkapital der Gesellschaft betrug 2.50000 Taler. Schon am nächsten Tage erfolgte der Kauf der Beckenroder – Hütte für einen Preis von 350.000 Goldtalern.4

Als Platz für das neue und größere Hüttenwerk wurde das weithin ebene Dütetal ausgewählt, das auch ausreichende Wasservorräte für eine spätere Betriebsführung zur Verfügung stellen konnte.

Es liegt nämlich in der Mitte zwischen den wichtigen Rohstoffvorkommen Eisenerz und Kohle, aus denen in einem Verhüttungsprozess im Hochofen Roheisen gewonnen wird. Nach Probebohrungen geht man 1856 von Kohlevorräten für Jahrhunderte aus. In Oesede, Kloster Oesede, Hilter und Hankenberge werden Förderanlagen eingerichtet. (…) Doch die Kohlevorkommen erweisen sich als Flop. Immer wieder laufen die Schächte voll Wasser, die Kohleflöze sind längst nicht so mächtig wie erwartet und die Kohle selbst ist von schlechter Qualität. Noch vor der Jahrhundertwende werden die meisten Förderanlagen wieder geschlossen.

Das Eisenerz am Hüggel hingegen erweist sich als großer Glücksfall. Es kommt in großer Menge in nordwestlicher Richtung im Hüggel auf Hasberger Gemeindegrund vor. Dieser Bodenschatz ist ein echter Schatz. Das Eisenerz ist phosphorarm und lässt sich im so genannten Bessemerverfahren zu einem ausgezeichneten Hocheisen „verhütten“. Mit diesem Roheisen wird die Hütte in den 1860er Jahren in ganz Deutschland zum Marktführer.5

Zur Ansiedlung des Hüttenbetriebes konnte ein Großteil des Schulten Hofes  angekauft werden und man begann mit dem Bau der Hütte.

Dazu brachte man in Anfangsphase über 1000 Facharbeiter aus anderen Teilen Deutschlands mit in diese bisher rein agrarisch strukturierte Gegend. Ein Großteil dieser Neuankömmlinge stammte aus dem Harz und hatte von daher Vorerfahrungen im Erzabbau. Die fast durchweg katholische Bevölkerung rund um das damalige Osnabrück empfand diesen plötzlichen Bevölkerungsanstieg als ein großes Unglück (…), dass es auf jeden Fall zu verhindern galt.6  Dass diese Zuwanderer zudem noch durchweg protestantischen Glaubens waren, verschlimmerte die Lage in den Augen der angestammten Bauern und Heuerleute zudem noch.

Man leistete nicht die geringste Hilfe und gewährte den in großen Scharen zuziehenden Bauarbeitern weder Wohnung noch Beköstigung und wenn, dann nur zu stark erhöhten Preisen.(…) Auf die heutige Zeit bezogen war es wohl so, als ob hier ein Atomkraftwerk gebaut werden sollte.7

Deshalb wurde die Leitung des neuen Hüttenwerkes von sich aus schnell aktiv und baute in Windeseile Wohnungen für die angereiste Männerschar. So waren bereits im November 1856 insgesamt 70 Häuser in Fachwerkbauweise errichtet worden. Dort konnten schon mehr als 2000 Arbeiter einquartiert werden.