Wie gibt es ein Auskommen? (Dr. H. Meurer 1871)

Ist es möglich zu machen, dass der Heuermann aus der Ackerwirtschaft sein Auskommen gewinne?

Aus:

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Damit der Heuermann aus der Ackerwirtschaft sein Auskommen finden könne, ist es notwendig

  1. dass er eine ausreichende Fläche guten Ackerlandes zur Benutzung habe,
  2. dass die Pachtverhältnisse in billiger Weise geordnet sind,
  3. dass er genügende Kenntnisse von einer vernünftigen Bewirtschaftung, Ein- und Umsicht, Fleiß und Sorgfalt besitze, um alle gebotenen Vorteile nach dem heutigen Stande der Ackerwirtschaft auszubeuten und endlich
  4. dass er Gelegenheit findet, seine Erzeugnisse gut zu verwerten.

Bevor wir diese unerlässlich scheinenden Bedingungen im Einzelnen besprechen, wollen wir uns zuvor die Erfahrungen zu Nutze machen, welche in dem benachbarten Münster- und im Emslande unter ähnlichen Verhältnissen gemacht sind. Auch hier waren die Arbeiterwanderungen unter den Heuerleuten allgemein, auch hier wurden dieselben veranlasst durch die Notwendigkeit, zur Bestreitung aller Lebensbedürfnisse einen Nebenverdienst neben den Ergebnissen ihrer Ackerwirtschaft zu haben. Seitdem dieses Bedürfnis in der Heimat befriedigt werden konnte, hat das Hollandsgehen allmählich, und jetzt längst vollständig aufgehört. Und wodurch ist das denn bewirkt worden? Nach der Auseinandersetzung eines genauen Sachkenners hat hier das Hollandsgehen dadurch sein Ziel gefunden, dass durch die vorgenommene Teilung der Marken, Heiden und Brüche Gelegenheit geboten wurde, den Acker der Heuerleute zu vergrößern, sodann, dass hierdurch sowohl, wie durch Gemeindewege- und Eisenbahnbauten, durch sonstige übernommene Akkordarbeiten, durch die immer steigende Ausnutzung der Bergwerke, durch Anlegung von Fabriken aller Art, von Baumwollspinnereien, Seidenwebereien u. dgl. So viele Arbeitskräfte angezogen wurden, dass es für Niemand mehr notwendig war, in der Fremde Arbeit zu suchen.

Im Emslande wirkten teilweise andere Ursachen, vor allem war es hier wohl die Entstehung zahlreicher Kolonien, wodurch Gelegenheit geboten wurde, bei rechtem Fleiße ein Grundeigentum zu erwerben, welches die bescheidenen Bedürfnisse unter Gottes Segen sicher befriedigte, wenn der Fleiß von gesunder Einsicht unterstützt wurde. In einem Zeitraume von weniger, als einem halben Jahrhundert (etwa von 1788 – 1830) wurden im Meppenschen nicht weniger als 26 Kolonien angelegt, wovon einige, wie Neurhede, Twist, Lindloh, Rütenbrock, Neuarenberg gegenwärtig schon gut bevölkerte und im Ganzen selbst wohlhabende Gemeinden bilden. Die Ausnutzung des Moores, insbesondere durch Buchweizenbau, welche in immer größerem Maßstabe stattfand, kam gleichfalls auch den kleineren Leuten nicht wenig zu Gute. Endlich ist das gute Einvernehmen, welches im Emslande sowohl wie auf dem Hümmling zwischen den Hofbesitzern und ihren Heuerleuten bestand, beiden zum Vorteil gewesen, indem jene dadurch zuverlässige Arbeiter, diese wohlwollende Hausherrn fanden, welche sich eine Freude daraus machten, die Wohlfahrt ihrer Untergebenen zu begründen.

Es fragt sich demnach, ob durch Ähnliches nicht gleichfalls im Osnabrück`schen, Lingen`schen und Bentheim`schen den Heuerleuten in einer Weise aufzuhelfen wäre, dass auch hier dem verderblichen Hollandsgehen dadurch ein Ziel gesetzt würde. Wir glauben, dass nach der oben mitgeteilten übersichtlichen Darstellung über die Bodenverhältnisse in den betreffenden Landesteilen als zweifellos annehmen zu dürfen. Zwar will man eben mit Rücksicht auf die Bodenverhältnisse des größten Teils der in Frage kommenden Landgebiete mancherlei Zweifel erheben. Man behauptet, dass der Sandboden hier in Beziehung auf Ertragsfähigkeit und Wohnlichkeit, auch auf zweckmäßige und gedeihliche Beschäftigung der Bevölkerung zu schlecht ausgestattet sei, als dass für die Bewohner günstige Erfolge zu erwarten ständen, was für Einrichtungen man auch treffen werde. Wir begegnen diesem Einwurfe schon hier vorläufig mit Aufzählung der guten Eigenschaften, welche ein unbefangener Gewährsmann [1]) dem flachen Sandboden des norddeutschen Tieflandes beilegt. Er sagt:

„1. Diese Gegenden bieten im Allgemeinen mehr kulturfähigen Boden, als das südliche und südwestliche Gebirgsland;

  1. sie gewähren dem Fleiß und Kapital der Bewohner einen größeren Spielraum;
  2. es lässt sich dort selbst willkürlicher über die Bodenbenutzung je nach dem Bedürfnisse bestimmen;
  3. sie sind in Bezug auf Kommunikationsmittel vor dem Gebirgsland unendlich begünstigt;
  4. die Kultur im Flachlande hat noch lange nicht den Höhepunkt erreicht, den sie wahrscheinlich erreichen wird, wenigstens erreichen kann.“

Demnach sind wir der festen Überzeugung, dass zuvor der Versuch gemacht werden müsse, alle Vorteile des Bodens gehörig auszunutzen, bevor man unsere Frage verneint. Dann freilich müssen alle dabei interessierten Teile fest und freudig ineinander greifen und unter Umständen muss auch der Einzelne bereit sein, einen besonderen Vorteil dem Ganzen zum Opfer zu bringen.

Wir wollen im Folgenden näher hierauf eingehen und unsere unmaßgebliche Meinung darüber aussprechen, was insbesondere die Colonen, die Gemeinden und der Staat für die Aufbesserung der Verhältnisse der Heuerleute tun könnten, und schließlich, was zu dem Ende den Heuerleuten selbst zu tun obliegt.

  1. Ein wichtiger Teil der Lösung unserer Aufgabe ist zuerst in die Hand der Colonen gelegt.

Zunächst und vor allem sollen sie es sich angelegen sein lassen, dass das schöne, christlich-patriarchische Verhältnis, welches ehedem auf den Bauernhöfen unseres Vaterlandes bestand, sich aber in neuerer Zeit zu allseitigem Nachteile mehr und mehr zu lösen begann, wieder hergestellt werde. Es ist besonders Sache der Colonen, dem zersetzenden Einflusse der Neuzeit durch die Allgewalt der christlichen Liebe entgegenzuwirken und durch Wohlergehen ihrer Untergebenen zu verhindern, dass allmählich ein bloßes Rechtsverhältnis geltend werde, dem das christliche Wesen fremd ist.

Diese Teilnahme aber können die Colonen betätigen dadurch, dass sie bereit sind, ihren Heuerleuten, soweit es ohne eigenen augenscheinlichen Nachteil geschehen kann, die Mittel zu geben, ihre Ackerwirtschaft mit wirklichem Vorteil betreiben zu können. Dazu gehört vor allem eine ausreichende Fläche guten Bodens. Man rechnet gegenwärtig für den Heuermann einen Acker von 10 – 15 Scheffelsaat. Das ist nicht genug, denn er muss aus seiner Wirtschaft bares Geld machen können und zu dem Ende namentlich auch seinen Viehstand vergrößern. Darum halten wir einen Acker von 25 – 30 Scheffelsaat für unerlässlich notwendig und sind der Überzeugung, dass namentlich auch Wiesen- oder zur Kultur von Futterkräutern geeignetes Land sich darunter befinden müsse, damit der Heuermann zur Unterhaltung eines gehörigen Viehstandes in Stand gesetzt werde. Selbstredend ist das Verhältnis je nach Beschaffenheit des Bodens, wie z. B. im Amte Grönenberg, ein weit geringeres Maß ausreichen, wir glauben aber das angegebene als das richtige Mittel festhalten zu sollen.

Mancher Colon möchte entgegnen: Das ist mir nicht möglich, ich kann das Land für meine eigene Wirtschaft nicht entbehren; ich würde zu viel verlieren müssen, sollte ich jedem meiner Heuerleute so viel Land geben; allenfalls kann ich noch Markengründe entbehren u. dgl.

Freilich wird es einzelne Fälle geben, wo man diese Einreden gelten lassen muss, aber das ist auch von vorne herein festzuhalten, dass ohne alles und jedes Opfer das Ziel nicht erreicht werden wird. Wenn die Colonen nur geneigt sind, so weit es notwendig sein wird, den eigenen Ackerbau etwas einzuschränken, die Zahl der Heuerleute entsprechend zu verringern, unbebaut liegendes Land zu kultivieren und dafür von dem kultivierten Lande einen entsprechenden Teil den Heuerleuten zu überlassen, da wird schon vielen von diesen geholfen werden können.

Was dann insbesondere die Zahl der Heuerleute angeht, so ist es Tatsache, dass manche Höfe, freilich nur mit Rücksicht auf den eigenen Vorteil, zu viele Heuerleute angenommen haben, als dass sie jedem einzelnen das benötigte Land überweisen könnten. Das mag gehen, wo durch anderweitige Pacht u. B. von Domänen- oder Klostergründen der Ausfall ersetzt werden kann, sonst ist das ein Fehler, welcher wieder gut zu machen ist.

Die Kultur der Markengründe ist von den Colonen selbst zu besorgen, einmal um den ihren Heuerleuten überlassenen Acker allmählich zu ersetzen, zugleich aber auch, um den Heuerleuten Gelegenheit zum Tagelohn zu geben. Es wäre ebenso rücksichtslos, wie zweckwidrig, wollte man die unkultivierten Markengründe den Heuerleuten in Pacht geben, um sie von ihnen kultivieren zu lassen und dann desto höhere Pacht von ihnen zu ziehen. Damit würde deren Lage in den wenigsten Fällen verbessert werden. Dagegen aber wäre es bei den Teilungen wohl ins Auge zu fassen und zu berücksichtigen, dass die Heuerleute in den Markengründen früher Streu, Weide, Brennmaterial und dergleichen fanden, damit sie dafür einen entsprechenden Ersatz erhalten. Wenn es nicht richtig oder ausführbar erscheinen mag, den Heuerleuten kleinere Abteilungen als Eigentum zuzuweisen, so dürfte es doch zu empfehlen sein, zu ihrem Vorteil eine geeignete Fläche unbebaut liegen zu lassen, den Neu- und Anbauern aber einen entsprechenden Anteil zu geben, sei es ach, wie es an einzelnen Orten geschehen ist, gegen einen an die Gemeindekasse zu zahlenden billigen Canon. Der Gemeinde wird dadurch ein mehrfacher, nicht zu unterschätzender Vorteil zugewendet. Unter allen Umständen sollte aber die Kultivierung der Marken nirgends mehr aufgeschoben werden, allein schon aus dem angeführten Grunde, um damit die Lage der Heuerleute zu verbessern, indem man ihnen Land und Arbeit verschafft.

Im Osnabrückischen sind die Marken freilich meistens geteilt, aber in vielen Orten noch nicht kultiviert. Mögen die Colonen schon aus Rücksicht auf ihre Heuerleute bald ernstlich damit beginnen!

Es ist der Erfahrung entsprechend, dass durch die Teilung der Marken der Wohlstand der Gemeinde gehoben wird. In den Berichten der landwirtschaftlichen Vereine werden manche Gemeinden angeführt, welche seit der Teilung merklich empor geblüht sind, Gemeinden, welche dahin gelangt sind, ihre Schulden zu bezahlen, den Viehstand zu vergrößern, neue Wohnungen zu erbauen, tausende von Talern zu gemeinnützigen Zwecken aufzubringen und ihre Bevölkerung um die Hälfte zu vermehren.

Mit der Markenteilung sollte zugleich eine neue und zweckmäßige Verkoppelung durchgeführt werden. Teilung der Marken und Verkoppelungen haben sich als die wahren Grundlagen landwirtschaftlicher Verbesserungen bewährt.

Aber mit dem Lande selbst ist es noch nicht genug, es muss den Heuerleuten auch gestattet sein, dasselbe recht auszunutzen. Dazu bedarf es entsprechender Pachtbedingungen. Die Pachtzeit unter andern muss hinreichend lang sein, dass der Pächter Verbesserungen des Bodens und der wirtschaftlichen Einrichtungen vornehmen könne mit der Aussicht, selbst Nutzen davon zu ziehen, und was die so genannten „Handdienste“ betrifft, so dürften dieselben entweder ganz aufzuheben, oder mindestens doch auf ein billiges, genau bestimmtes Maß festzusetzen sein. Wenn immer wieder Klagen über ungemessene, rücksichtslose Forderungen, welche manche Colonen an ihre Heuerleutestellen, laut werden, wenn der Heuermann Unwillen darüber empfindet, dass er zur Zeit der Arbeitsnot zuerst für seinen Colonen eintreten muss und erst, nachdem diesem geholfen ist, an seine eigenen notwendigen Arbeiten gehen kann, wenn es ihn empört, so oft zu einer Zeit, wo die Arbeiten sich drängen, der Colon von ihm Dienste verlangt, die eben so gut auch später geschehen könnten, so kann man ihm nicht Unrecht geben, sondern sieht sich zu dem Urteile bestimmt, dass hier ein wunder Fleck sei, dessen Heilung versucht werden müsse. Solche Rücksichtslosigkeit – und doch wird so oft darüber geklagt – erzeugt Unzufriedenheit, Missmut und Bitterkeit, zerstört die gute Harmonie, welche bestehen sollte, nimmt jedes Interesse an den Erfolgen des Gutsherrn hinweg und lähmt die Freudigkeit am Wirken und Schaffen. Das sind Verhältnisse, welche notwendig geändert werden müssen. Bezüglich der Handdienste scheint es uns am besten, dieselben möglichst genau nach Zahl und Zeit festzustellen, für dieselben einen guten Tagelohn zu bestimmen, und dagegen die Pachten entsprechend zu erhöhen.

Endlich können die Colonen ihren Heuerleuten sehr nützlich werden und ihr Fortkommen fördern, wenn sie ihnen Arbeit verschaffen und dieselbe gut bezahlen. Die wenigsten Heuerleute sind im Besitze eines so bedeutenden Ackers, dass ihnen nicht Zeit genug erübrigte, um im Tagelohn für Andere zu arbeiten, die meisten aber haben einen solchen Nebenerwerb notwendig, um eine hinreichende Summe baren Geldes in die Hände zu bekommen. Es handelt sich also zunächst und vor allem darum, dass es an Arbeit nicht fehle. In erster Linie mögen dafür eben die Colonen sorgen. An Gelegenheit dazu fehlt es selten, denn was lässt sich auf den meisten Colonaten durch Einführung einer vernünftigen Bewirtschaftung durch Verbesserung der Ländereien und Wiesen, durch Ausroden nachteiliger Waldhecken, durch Kultivierung der Markengründe, durch Entwässerungen und dergleichen noch tun!

Wenn man aber mit solchen Arbeiten die Heuerleute beschäftigt, so ist nicht bloß diesen geholfen, sondern auch die Arbeitgeber werden selbst ihren guten Vorteil daraus ziehen. Das wird ihnen bald einleuchten, wenn sie nur den Versuch machen wollen.

Oder sollte es den Colonen nicht einleuchten, dass der direkte Vorteil, welchen solche Verbesserungen im Laufe der Zeit bringen, die dafür verwendeten Ausgaben doppelt aufwiegen werden? Sollten sie nicht begreifen, dass der Verfall ihrer Heuerleute ihnen selbst einen unersetzlichen Nachteil bringt, wie deren Wohlstand zugleich den ihrigen erhöht? Dass sie der Heuerleute bedürfen, vorzüglich um gute und verhältnismäßig billige Arbeiter zur Hand zu haben, mit welchen sie die Kultivierung ihrer Äcker bewerkstelligen können, und dass sie guter Heuerleute bedürfen, die selbst sich eines gewissen Wohlstands erfreuen, um sich in aller Beziehung auf sie verlassen zu können?

Damit zerfällt auch die gehörte Einrede, dass die Zahl der Heuerleute nicht wohl verringert werden könne, weil die Colonen der Arbeitshilfe nicht entbehren und den Pachtzins nicht aufgeben können. Nur auf gute Heuerleute kann der Colon in allen Fällen mit Sicherheit bauen, unaufhörliche Quäler, welche sich kaum durchschleppen, sind leicht eine Last des Gutsherrn, solche aber, welche um Arbeit zu suchen, ins Ausland ziehen, fehlen mit ihrer Arbeitshilfe oft gerade in derjenigen Zeit des Jahres, wo die Arbeit am meisten drängt.

2. Sodann muss auch die Gemeinde helfen.

Der Pfarrer, der Lehrer, die Vorsteher, alle Gemeindebeamten, jedes Gemeindeglied, welches sich eines gewissen Vertrauens und Ansehens in der Gemeinde erfreut, soll in seiner Weise durch Belehrung, Anweisung, Ermahnung und Warnung, durch Unterstützung und Zurechtweisung die Erreichung des Zieles fördern. Haben doch auch Alle, denen das Wohl der Gemeinde am Herzen liegt, ein großes Interesse daran, alle ihre Glieder tunlichst gesund zu bewahren, alle faulen Glieder aus der Gemeinde fernzuhalten. Ist es doch vollkommen wahr, dass alle Glieder leiden, wenn eines krank ist! Dazu aber ist diese Krankheit eine ansteckende, welche sich leicht weiter verbreitet und noch andere, oft schwerere Krankheiten nach sich zieht.

Das der Pfarrer als geistlicher Vater der Gemeinde auch das materielle Wohl des Einzelnen im Auge behalten und nach Kräften fördern muss, ist anerkannt. Ebenso zweifellos ist es aber, dass der Geistlichkeit eine wichtige Aufgabe bei der Lösung der gegenwärtig Alles beherrschenden sozialen Fragen zufällt, ihre desfallsige Tätigkeit beweiset aber zur Genüge, wie richtig dieselbe erkannt und wie entschieden sie angegriffen wird. Die Frage über Hebung des ländlichen Arbeiterstandes, ich meine des Standes der Heuerleute, steht den übrigen sozialen Fragen an Wichtigkeit sicher nicht nach, deshalb muss und wird ohne Zweifel die Pfarrgeistlichkeit zur glücklichen Lösung derselben gern das Ihrige beitragen. Sie kann das durch Rat, Belehrung, Ermunterung, insbesondere aber auch dadurch, dass sie den wohlhabenderen und glücklicher gestellten Gemeindegliedern ans Herz legt, was Recht, Billigkeit und das Gesetz der Nächstenliebe von ihnen fordern.

Die Lehrer werden vielfach Gelegenheit finden, die Bemühungen der Geistlichkeit zu unterstützen. Auch der Gemeindevorstand muss nach demselben Ziele hinstreben, denn eine Gemeinde wird nur dann gut geleitet und in allen ihren Interessen gefördert werden, wenn geistliche und weltliche Vorsteher Hand in Hand gehen und nach denselben Grundsätzen an dem Ausbau des Gemeindewohls arbeiten. Was würde es z. B. dem Pfarrer nutzen, gegen zügellose Tänzereien, gegen nächtliches Umherschwärmen, gegen Saufereien und Trinkgelage zu predigen, wenn gegen Alles dieses der Vorsteher gern ein Auge zudrücken und selbst widerwillig dem Gesetze Geltung verschaffen wollte?

Nun aber wird jeder vernünftige Mensch anerkennen, dass nichts mehr das materielle, wie dass geistige Wohl einer Gemeinde zu Grunde richte und namentlich den Arbeiterstand verderbe, als solche böse Gewohnheiten. Darum auch hat der Pfarrer alle Ursache, mit ganzer Kraft und mit seinem ganzen Einflusse gegen das Hollandsgehen aufzutreten, weil dadurch grade die genannten Exesse und bösen Angewöhnungen vielfach befördert werden. Eine verständige, ruhige Erörterung aller den Gegenstand betreffenden Fragen, sei es in Privatunterhaltungen, sei es in öffentlichen Vorträgen oder in populärer Schrift wird sicher nicht ohne Frucht bleiben, vielmehr zum Nachdenken über diesen Gegenstand veranlassen und die Erkenntnis darüber aufklären.

Die Gemeindevorsteher aber sollen die Bestrebungen des Pfarrers in Allem unterstützen; ihre Stellung bietet ihnen vielfache Gelegenheit dazu. Insbesondere würde es ihnen obliegen, auf Verbesserung von Wegen, auf Wasseranlagen und ähnliche in ihrem Verwaltungsbereich liegende Gegenstände die Aufmerksamkeit zu richten, einmal wieder, um den Arbeitern Verdienst zu geben, zugleich aber auch, um die Arbeitskräfte in der Gemeinde zu deren Nutzen zu verwenden.

Insbesondere weisen wir noch auf einige praktische Mittel hin, womit das Wohl namentlich des Arbeiterstandes wesentlich gefördert werden kann.

Zuerst nennen wir die landwirtschaftlichen Vereine, deren Aufgabe es ja eben ist, neuere Erfindungen und Erfahrungen zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, praktische Versuche zu unterstützen, durch Belehrung, durch Erleichterung vorzunehmender Verbesserungen, Beschaffung neu erfundener zweckdienlicher Werkzeuge, neuerer Frucht- und Tierarten und dergleichen die Landwirtschaft zu heben und das Wohl der Landleute zu fördern. Es verdient ohne Zweifel die allgemeine Anerkennung, dass unsere Regierung sich der landwirtschaftlichen Vereine sehr annimmt und ihre Bestrebungen mit allen ihr zu Gebote stehenden Mittel unterstützt. Wenn dieselben dadurch in die Lage gebracht sind, vielseitigen Nutzen stiften zu können, so ist es nun Sache der Landwirte, sich diese Gelegenheit zu Nutze zu machen, um ihre Kenntnisse, den Gesichtskreis ihrer Erfahrungen zu erweitern und von den gebotenen Vorteilen Gebrauch zu machen. Vielerorts versäumen auch die Landleute diese Gelegenheit nicht, anderswo ist die Beteiligung noch viel zu geringe, namentlich sind es eben die so genannten kleinen Leute, denen die Ergebnisse der Bestrebungen viel mehr vermittelt werden müssten. Gewiss würde es zu dem Ende zweckdienlicher sein, wenn jede einzelne Gemeinde wieder ihren Zweigverein hätte, welcher mit dem Vereine des Amtsbezirks und durch diesen mit dem Provinzialvereine u.s.w. in Verbindung stände. Jedenfalls aber werden Verwaltungsbeamte, Vorsteher, Geistliche oft und wiederholt auf den Nutzen der landwirtschaftlichen Vereine aufmerksam machen und zur Verwertung ihrer Ergebnisse Colone wie Heuerleute ermuntern müssen.

Neben den landwirtschaftlichen Vereinen sind die Ackerbauschulen zu nennen, worin jungen Landwirten die Gelegenheit geboten wird, sich in allen ihrem Berufe nützlichen Kenntnissen auszubilden. Dass sich die Zahl der Ackerbauschulen immer mehr vergrößert, beweiset am besten, dass sie einem wirklichen Bedürfnis entsprechen.

Sodann nennen wir die Sparkassen. Sparsamkeit ist die Mutter des Reichtums. Wer weiterkommen will, muss in Kleinem, muss in Allem sparen. Der tägliche Tropfen höhlt selbst den Marmor, der tägliche Groschen bringt allmählich einen Haufen von Talern. Damit er aber auch den Groschen nur täglich erübrige, muss Mancher im Kleinsten auf Ersparung bedacht sein. Die Sparkassen, wie sie gegenwärtig überall eingerichtet sind, unterstützen und fördern das Streben, voran zu kommen, in ausgezeichneter Weise. Unvermerkt und ohne jede Beschwerde sammelt man durch kleine Einlagen und Zinsen allmählich eine runde Summe, welche zur Zeit von unschätzbarem Werte werden kann.

Werden schon die jungen Leute, sobald sie anfangen zu verdienen, veranlasst, von Zeit zu Zeit regelmäßig Einlagen zu machen, die Zinsen aber zum Kapital umschreiben zu lassen, so erwerben sie allmählich ein kleines Vermögen, dessen großen Wert sie erst dann vollständig erkennen, wenn sie selbständig zu werden beabsichtigen. Ebenso tun Eltern gut, für ihre Kinder regelmäßige Einlagen zu machen. Pfarrgeistliche aber und Gemeindevorsteher solcher Gemeinden, welche noch keine Sparkassen besitzen, sollten mit deren Einrichtung nicht zögern, denn alle diejenigen, welche in ihren Gemeinden solche eingerichtet und ihre Untergebenen zur Beteiligung veranlasst haben, wissen über die erzielten Vorteile viel Gutes zu berichten.

Endlich dürfen wir auch die Näh- und Strickschulen nicht unerwähnt lassen. Jede Hausfrau weiß, wie viele Vorteile aus dem Nähen und Stricken gewonnen werden. Mag der Gewinn im Einzelnen auch nur gering und unbedeutend erscheinen, auf die Länge der Zeit erlangt derselbe doch eine große Ausdehnung. Dieser direkte Gewinn ist jedoch nicht der einzige Vorteil, welcher aus dem Nähen und Stricken gewonnen wird, sondern der größere Gewinn liegt in der Angewöhnung, jeden Augenblick gut auszunutzen, nie ohne Arbeit sein zu können, in vollkommener Untätigkeit sich unbehaglich zu fühlen; er besteht in der Fertigkeit, welche dadurch gefördert wird, jedes Ding vollständig auszunutzen und alles auf`s Sparsamste einzurichten; lieber der eigenen Tatkraft und Tätigkeit, als fremder Hilfe zu vertrauen. Darum sorgen umsichtige Pfarrer und Lehrer für Näh- und Strickunterricht in den Pfarrschulen und werden für ihre Bemühungen durch schöne Erfolge belohnt. Der Menschenfreund aber empfindet eine wohlbegründete Freude, so oft er in einer Gemeinde z. B. die das Vieh hütenden Kinder mit dem Katechismus oder dem Strick-strumpf in der Hand antrifft; denn er weiß es, dass da, wo die Jugend zu einer wohlgeordneten Tätigkeit angeleitet wird, Sittsamkeit und Wohlstand herrschen und die Grundlagen wahren Glücks gelegt sind.

  1. Auch der Regierung und den Verwaltungsbehörden ist ferner bei Lösung der Aufgabe, die Lage der Heuerleute aufzubessern und dadurch dem verderblichen Hollandsgehen Einhalt zu tun, ein wichtiger und wesentlicher Teil zugewiesen.

Da jeder Untertan, wie er verhältnismäßig die Lasten des Staates zu tragen, so auch auf den Schutz und die Hilfe des Staates den gerechtesten Anspruch zu machen hat, so ist demnach der Staat auch gehalten, den Stand der Heuerleute nach der einen Seite gegen Unterdrückung und Übervorteilung aller Art, nicht bloß durch Gesetze, sondern tatsächlich zu schützen und sicher zu stellen, nach der andern sogar sich desselben besonders anzunehmen und ihn durch Vorteile, welche er ihm zuwendet, zu heben, zu ermutigen, zu fördern. Insbesondere wird die Staatsverwaltung dahin zu wirken haben, dass das Verhältnis zwischen Colonen und ihren Heuerleuten tunlichst genau festgestellt und solche Bedingungen als unstatthaft bezeichnet werden, welche die Erfahrung als dem Wohlergehen der Heuerleute feindlich bewährt hat. Wir rechnen dahin Be-stimmungen über die Zahl der Heuerleute, über Handdienste u. dgl.; sodann würde es förderlich sein, wenn z. B. bei Verpachtung der Kloster- und Domanialgüter die Verwaltungsbeamten so viel tunlich eben die Heuerleute berücksichtigen, und wenn namentlich auch die Erwerbung eines kleinen Grundbesitzes behuf Ausbaues und Gründung einer Familie strebsamen Leuten erleichtert würde. Auch die Gemeinden sollten der Aufnahme neuer Glieder nicht so viele und oft unbegründete Hindernisse entgegenstellen. Gerade in der Mischung von Besitzungen verschiedener Größe und Güte besteht das richtige Verhältnis in einer Gemeinde, und je größer die Zahl derjenigen, welche, wenn auch nur mit einem kleinen Besitze, an der Blüte der Gemeinde beteiligt sind, desto sicherer und fester ist das Fundament, auf welchem das Gemeindewesen ruht.

Aber noch in anderer Weise kann die Regierung unsern Heuerleuten zu Hilfe kommen. Was leichte Verkehrswege wert sind und wie sehr sie auf alle Lebensverhältnisse einwirken, das haben wir gerade in Osnabrück seit Anlegung der Eisenbahnen erfahren. Manche unsrer ländlichen Produkte sind bis auf den doppelten und dreifachen Preis gestiegen. Will die Regierung unseren Landleuten, insbesondere auch unseren Heuerleuten und namentlich in jenen Gegenden, woher noch unsere Hollandsgänger kommen, aufhelfen, so muss sie für bessere Verkehrswege sorgen, Chausseen, Kanäle u. dgl. anlegen, damit unsere Heuerleute nicht nur dabei Arbeit finden, sondern dass sie auch ihre Produkte besser verwerten können und damit sie bei der Kultur nicht auf solche Produkte beschränkt seien, welche den Transport erlauben.

Früher lebten manche Gemeinden, welche an das Münsterland, Holland, Ostfriesland grenzen, in völliger Abgeschiedenheit. Ist seitdem auch Einiges geschehen, so bleibt doch noch mehr zu tun übrig. Wenn wir nur den nördlichen Teil unserer Landdrostei ins Auge fassen, wo das Bedürfnis je länger, desto entschiedener sich herausstellt, so werden aus den beteiligten Gegenden seit Jahre, insbesondere aber seit dem Hungerjahre 1869, wo die Not der Bewohner die äußersten Anstrengungen zu ihrer Rettung selbst in weiterer Ferne notwendig machte, die Rufe nach Chausseen und Kanälen immer lauter.

Eine Verkehrsstraße längs des ganzen linken Emsufers bis Ostfriesland, eine andere Straße von Ibbenbüren über Hopsten, Schapen, Freren, Lengerich parallel der holländischen Grenze in den Hümmling und nach Papenburg, von Haselünne über Werlte, Lorup, Esterwegen u. s. w., verbunden mit der Entwässerung der großen Moore des Hümmling, endlich eine Kunststraße von Meppen über Haren und Rütenbrock nach Holland, ein solches System von Kunststraßen, verbunden mit dem gewünschten Kanalsystem, welches die nordwestlichen Länder unsrer Landdrostei mit den großen holländischen Kanälen in den Provinzen Overyssel und Drenthe in Verbindung setzen, würde allerdings für die Erhaltung und Vergrößerung des Handelsverkehrs, für die Hebung der Landwirtschaft und des ganzen Volkswohls von größter Bedeutung sein. Dadurch würde den Moorkolonien ihre Erhaltung gesichert, die Moore, welche jetzt nur zum geringen Teile verwertet werden, würden dadurch in bevölkerte und wohlhabende Gegenden umgeschaffen werden, unsere Massenprodukte, als die Bruchsteine von den Bentheimer und Gildehäuser Höhen, aus dem Teutoburger Walde und dem Wesergebirge, Kalk, Steinkohlen u. dgl. würden auf dem billigten Wege nach Holland kommen, während die durch Holland vermittelten Waren leichter in unsere Hände gelangten. Wie günstig müssten solche weitgreifenden Unternehmungen auf den Arbeiterstand der ganzen Provinz einwirken![2])

Liegt es auch im höchsten Interesse der Regierung, den Stand der Heuerleute zu heben, sein Wohlergehen fest zu begründen, seine Blüte zu befördern, seine Kraft dem Staate möglichst nutzbringend zu machen! Je mehr sich der Wohlstand dieses zahlreichen Standes hebt, desto mehr wird seine Steuerkraft erhöht, desto mehr kann er durch Erhöhung seiner physischen Kräfte als Arbeiter, als Soldat dem Staate leisten, desto sicherer kann dieser sich zur Zeit der Not auf ihn stützen, weil die Interessen gemeinsame geworden sind und sich von einander nicht mehr trennen lassen, desto schöner wird die Tugend der Vaterlandsliebe in seinem Herzen emporblühen und herrliche Früchte bringen, sobald die Lage des Vaterlandes jeden guten Bürger auffordert, freudige Opfer auf seinem Altare niederzulegen.

Wie aber, wenn sich dieser Stand überall vernachlässigt, gedrückt, unberücksichtigt sieht, wenn er vorzugsweise nur die Staatslasten kennen lernt, aber nur wenig von seinen Bestrebungen, das Wohl der Staatsbürger zu begründen, wahrnimmt, so wenig, dass er sogar um seine Lebensbedürfnisse zu gewinnen, sich zur Auswanderung und zu den angestrengtesten Arbeiten im Auslande unter den augenscheinlichsten Gefahren gezwungen sieht? Da ist es wohl natürlich, wenn auf solchem Boden die schöne Blume der Vaterlandsliebe nicht erblühen will.

Man entgegnet: Eine Aufbesserung der Lage der Heuerleute ist vielfach gleichbedeutend mit Verminderung der Bevölkerung, und eine solche kann doch der Staat in seinem eigenen Interesse nicht befördern.

Wir antworten: In einzelnen Fällen höchstens wird eine wirkliche Abnahme der Bevölkerung statthaben. Es kann sein, dass einzelne Bauerngüter an Zahl der Heuerleute  verlieren, andere werden dagegen vielleicht gewinnen, diejenigen namentlich, auf welchen viel Markengrund in Kultur genommen wird. Übrigens entbehrt die Einrede in sich auch jeder Bedeutung. Denn wie nur gute Bürger dem Gemeindewesen nutzen, so kann auch nur an guten, leistungsfähigen Bürgern dem Staate gelegen sein. Möge die Gemeindeverwaltung in Verbindung mit der Staatsregierung nur darauf bedacht sein, ihren Einfluss geltend zu machen und alle ihr zu Gebote stehenden Quellen zu eröffnen, und mögen zugleich auch die Colonen das Ihrige tun, dann wird vielen Arbeiterfamilien leicht mit Land und Arbeitsgelegenheit geholfen und eine Verminderung der Population wird nicht zu fürchten sein.

Zudem, was ist es denn genau genommen, was die Entvölkerung befördert, was Tausende eben aus unsern Gegenden veranlasst, jenseits des Ozeans ein neues Vaterland zu suchen, wenn nicht der berechtigte Wunsch, sich und ihren Kindern ausreichenden Unterhalt zu erwerben und die Zukunft möglichst zu sichern? Darum eben ist die Zahl der auswandernden Heuerleute, sowie der Knechte und Mägde so groß, weil sie dort mit Sicherheit fast eine Verbesserung ihrer materiellen Lage erwarten und ohne ängstliche Besorgnis für das Schicksal ihrer Kinder in die Zukunft sehen dürfen. Sobald das Vaterland diesen eine leidlich gute Lage zu bieten im Stande ist, werden viele sich schwerlich zur Auswanderung entschließen. Darauf würde also von Seiten der Regierungs- und Gemeindebeamten wie der Colonen die Aufmerksamkeit zu richten sein, in aller Weise der materiellen Lage der untern Schichten der ländlichen Bevölkerung aufzuhelfen, dann wird die Bevölkerung eher zu-, als abnehmen und die Leistungsfähigkeit gegenüber der Gemeinde, wie dem Staate wird in demselben Maße wachsen, wie der Wohlstand allgemeiner wird; dann wird die Zahl guter Heuerleute, welche jetzt in manchen Gegenden in so bedenklicher Weise abnimmt, sich wieder mehren. Ist es doch eine durch Zahlen zu beweisende, wohl zu beachtende Tatsache, dass seit vielen Jahren die Zahl der nach der neuen Welt Auswandernden grade in jenen Distrikten, welche auch die meisten Hollandsgänger lieferten, am größten war. Wird es demnach verkehrt sein, zu schließen, dass die Ursachen für beide Erscheinungen dieselben seien? Nimmt man diese Ursachen hinweg, so wird auch die Wirkung wohl ausbleiben.

Im Laufe der letzten beiden Decennien lässt sich die jährliche Zahl der Auswanderer aus dem Fürstentum Osnabrück zu ppr. 70 auf je 10.000 Einwohner veranschlagen. Es gibt Gemeinden, wovon der siebente, ja der sechste Teil ihrer Glieder im Laufe der Zeit über das Meer gezogen ist, so dass der Abgang an Arbeitskräften allmählich schon empfindlich wahrgenommen wird und noch tiefer gefühlt werden würde, wenn nicht die Zahl der Mehrgeburten den Ausfall immer wieder deckte. Will man diese Leute, die zum Teile zu den besten und strebsamsten Bürgern gehören, dem Staate und der Gemeinde erhalten, so muss eben auf Änderung und Besserung ihrer Verhältnisse Bedacht genommen werden. Mit der Gewohnheit des Hollandsgehens würde auch wohl die Lust, nach Amerika auszuwandern, abnehmen, da für Beides dieselben Ursachen bestehen.

  1. Der wichtigste Anteil an der Lösung unsrer Aufgabe verbleibt jedoch schließlich den Heuerleuten selbst.

Nachdem ihnen nämlich in der nun besprochenen Weise von allen Seiten ein Feld zu fruchtbringender Tätigkeit vorbereitet ist, liegt es nun an ihnen, dasselbe mit Fleiß und Eintracht zu bearbeiten, und es möglichst auszunutzen. Fleiß, Ein- und Umsicht, ja die gehören dazu, damit die Heuerleute dennoch ihre Lage wirklich verbessern und unter Gottes Beistand selbst zu einem gewissen Wohlstande gelangen können. Nur so kann das Ziel, zu dessen Erreichung alle mitwirken sollen, auch wirklich erreicht werden. Die Landwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten ganz außerordentliche Fortschritte gemacht, durch deren umsichtige Verwertung es möglich gemacht wird, dem Boden einen weit höheren Ertrag abzugewinnen, als seither erzielt wurde. Wird der praktische Landwirt auch nur allmählich dahin kommen, den Nutzen, welchen die Landwirtschaft aus den auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und der Mechanik außerordentlich geförderten Kenntnissen zieht, sich zu eigen zu machen, und, werden namentlich die Heuerleute stets erst in zweiter Linie davon Nutzen ziehen, so ist es doch notwendig, so weit es nicht schon geschehen, den altgewohnten Pfad da zu verlassen, wo das Neue bereits durch die Erfahrung bewährt gefunden worden ist. Es ist eine drängende Notwendigkeit auch für den kleinen Landwirt, sich alle Vorteile zu Nutze zu machen und die Mittel dazu, als landwirtschaftliche Vereine, Ackerbauschulen, Kenntnisnahme von den betreffenden Schriften etc. wohl ins Auge zu fassen. Aber noch mehr!

Der Landmann hat immer zu tun; wer die ihm gebotene Zeit nicht benutzt, kann es zu nichts bringen, wie günstig auch die Verhältnisse seien, in welche er gesetzt wird. Nur durch schwere Arbeit, durch rastlose, umsichtige Tätigkeit kann der Heuerling sich ein sorgenloses Dasein verschaffen. Sicher wird er es an verdoppelter Anstrengung nicht fehlen lassen, sobald er auf seinem eigenen Acker arbeiten kann.

Die Arbeit das Landmannes erfordert körperliche Kraft; er muss sich dieselbe durch beständige Übung, durch sorgfältige Pflege, gesunde Kost, Reinlichkeit und Ordnung im Hause, reine frische Luft etc. erwerben und erhalten. In vielen dieser Punkte lassen es unsre Landleute noch sehr fehlen und stehen darin gegen ihre Standesgenossen in anderen Gegenden bedeutend zurück. Möchte darin bald eine bessere Erkenntnis Platz greifen!

Die Arbeit des Landmannes erfordert Sachkenntnis und Umsicht, damit alle und jede Vorteile der Wirtschaft gehörig ausgenutzt werden. Der Heuermann namentlich, da er einen kleineren Acker zu besorgen hat, darf sich keinen der gebotenen Vorteile entgehen lassen, weil seine kleinere Wirtschaft ihm die sorgsamste Überlegung und Anwendung gestattet. Dazu ist es notwendig, die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschungen und praktischer Erfahrungen, welche früher ganz unbekannt waren, sorgfältig in Anwendung zu bringen. Was z. B. über die Vermischung verschiedener Bodenarten, um dadurch eine wesentliche Verbesserung des Bodens zu erwirken, über Düngung. Düngerbereitung und Vermehrung, Über Verbesserung des Bodens durch Mergelung oder Kalkung, über die Vorteile des Riolens und der tiefern Bearbeitung des Ackers, über die Ruhe, welche von Zeit zu Zeit dem Acker gegönnt werden soll [3]) über den richtig angewandten Fruchtwechsel, Futterbau und Stallfütterung u. dgl., unter den kundigen Landwirten längst feststeht, muss von den Heuerleuten um so sorgfältiger in Anwendung gebracht werden.

Mit Ausnahme von Alt-Picardie beschränken z. B. die Moorkolonisten im Bentheim`schen die Düngung meistens auf eigene Äcker, welche dem Hause zunächst liegen und bauen sonst nur Buchweizen im gebrannten Moor. Misswachs im Buchweizen bringt die Kolonisten in Georgsdorf, Adorf, Neuringe regelmäßig in die traurigste Lage, weil ihnen die Gelegenheit zum Erwerb von Lebensmitteln durchaus abgeht. Für den Absatz ihres reichen Torfschatzes sind die Marktplätze zu weit oder mindestens zu schwer zu erreichen. Und doch sind die Moore durchaus kulturfähig, wenn nur die richtigen Grundlagen nicht fehlen, und doch besitzen die Moore in dem kostbaren Torf einen reichen Schatz, dessen Hebung und Nutzbarmachung unter allen Umständen versucht werden muss. Dass die Moore kulturfähig sind, hat die Erfahrung der letzten Jahre wieder in ein klares Licht gestellt. Man hat den Versuch gemacht, z. B. die Äcker, worauf Klee und Hülsenfrüchte gebaut wurden, mit Kalk, diejenigen, welche man mit Rüben und Kartoffeln bepflanzte, mit Kali zu düngen, auch, wo Dünger fehlte, Knochenmehl verwendet und ist durch die Erfolge überrascht worden; der Kuhkohl hat auf Äckern, welche mit schwefelsaurem Kali-Magnesia gedüngt waren, einen doppelt höheren Ertrag gebracht, als bei gewöhnlicher Düngung. – Das sind Erfahrungen, welche auch in andern Gegenden den Landleuten die Augen öffnen sollten. Unter allen Umständen aber muss ihr Streben darauf gerichtet sein, von Allem, was ihnen nutzen kann, sich Kenntnis zu verschaffen, und sie dürfen daher kein ihnen gebotenes Mittel verabsäumen, sich dieselben anzueignen.

Dennoch fehlt es an dieser Kenntnis leider vielfach, wenigstens findet sie viel zu wenig Anwendung. Dass z. B. von der Bodenart die Fruchtgattung abhängig ist, weiß jeder Ackerwirt, dass aber durch Bearbeitung und Vermischung der Boden vielfach verbessert und tragfähiger gemacht werden kann, welche Mischung zu wählen sei und warum, welche Düngungsart im gegebenen Falle zu wählen sei, wie der Dünger vermehrt, auch künstlich bereitet werden könne, überhaupt, was der Dünger dem Lande wert und wie sorgfältig der demnach zu hüten sei, das scheinen viele Landleute nicht zu wissen; denn wenn sie es wüssten, würden wohl manche Vernachlässigungen und Unordentlichkeiten in dieser Beziehung weniger vorkommen. [4])

Der Heuermann muss in die Lage gebracht werden, seinen Viehstand vergrößern zu können, und eben darum muss er mehr Land haben, wie er es dazu gebraucht; die Viehzucht steht mit dem erfolgreichen Betriebe der Ackerwirtschaft im genauesten Zusammenhange. Nicht nur wird durch Vergrößerung des Viehbestandes die Düngermasse vermehrt, sondern außerdem wird ihm dadurch eine Menge größerer oder geringerer Vorteile gesichert. Kann er mehrere Kühe halten, so geht ihm die Milch im ganzen Jahre nie aus, er erhält reichlichere und gesündere Nahrung, Gelegenheit, Milch, Butter, Käse, zu Zeiten ein fettes Kalb oder selbst eine fette Kuh oder ein fettes Schwein zu verkaufen, und endlich gewinnt er dadurch ein Gespann, womit er seine Arbeiten auf dem Acker billiger und zur rechten Zeit verrichten kann.

Es dürfte hier der Ort sein, eine Tatsache mitzuteilen, welche die Bedeutung des Gesagten in ein noch helleres Licht stellen wird. Es ist bereits erwähnt, dass die Beschaffenheit des Bodens und besondere Verhältnisse in den südlichen Ämtern des Fürstentums Osnabrück den Flachsanbau und die Leinenindustrie vormals sehr begünstigten und förderten, dass dieselben aber bei den veränderten Verhältnissen seit Jahren zum großen Teile aufgegeben seien. Das Bedürfnis drängte, etwas Anderes an die Stelle treten zu lassen, was größeren Ertrag versprach. Durch einsichtsvolle Landwirte veranlasst, haben, zuerst einzeln, auch die Heuerleute sich auf Butterbereitung und Viehmästen verlegt und den günstigsten Erfolg gehabt. Nach dem Berichte eines anerkannt tüchtigen Landwirts, der früher längere Zeit Ständemitglied war, hat ein Heuermann im Amte Grönenberg von einer Kuh in einem Jahre 27 Thlr. bar an Butter gewonnen, ein anderer von zwei Kühen 28 Thlr. Jetzt ist die Bereitung von Butter und Fettwaren hier allgemein und so bedeutend, dass davon, wenn wir recht verstanden haben, im Jahre 1868 allein aus dem Amte Grönenberg für 52.000 Thlr. ausgeführt sind. Natürlich hat die Bewirtschaftung des Ackers dadurch eine vollständige Änderung erfahren müssen, man sieht aber, was erreicht werden kann, wenn die Ackerleute bestrebt sind, die gebotenen Vorteile richtig auszunutzen. Es ist schon gesagt, dass in diesen Teilen des Fürstentums das Hollandsgehen vollständig aufgehört hat.

Auch im Meppenschen nimmt die Bereitung von Butter und die Mästung von Schweinen immer mehr zu. Beide gelangen durch Vermittler auf den großen Markt und so weiter nach Westfalen und Rheinland, nach Hannover und dem Lippeschen, selbst nach England.

Während diese erfreulichen Beispiele zur Nachfolge aufmuntern sollen, ist es Sache der Regierung, der Amts- und Bezirksvorsteher, so wie auch der landwirtschaftlichen Vereine, durch Vermittlung guter, geeigneter Viehrassen, edler Zuchttiere etc. diese Angelegenheit tunlichst zu fördern.

Zur vollständigen Ausnutzung solcher Vorteile muss der Heuermann in die Lage gebracht werden, Stallfütterung, mindestens die halbe Stallfütterung, einführen zu können; denn diese gewährt nicht bloß den Vorteil des unschätzbaren Düngers, sondern, da die Fütterung eine regelmäßigere ist, so wird auch das Vieh kräftiger, liefert einen höheren Ertrag an Milch, es kann also mehr Butter und Käse bereitet und mehr und besseres Vieh gemästet werden. Die Stallfütterung aber bedingt entweder Wiesenkultur oder vermehrten Anbau von Futterkräutern, so dass also dem Heuermann Wiesen verschafft werden müssen oder Land, das sich zum Anbau von Futterkräutern, Runkelrüben und dergleichen eignet.

Auf die Anlegung und Kultur der Wiesen und zum Ersatze den Anbau von Futterkräutern ist bislang noch viel zu wenig Aufmerksamkeit und Fleiß verwendet worden. Das Fürstentum Osna-brück besitzt einen ansehnlichen Reichtum an Wasser; zahlreiche Bäche und kleine Flüsse ermöglichen eine ausgedehnte Wiesenkultur. Vieles ist darin bereits verbessert worden, noch viel mehr kann geschehen, um diese Vorteile vollständig auszunutzen. Die Lüneburger Heide kann unseren Landwirten in dieser Beziehung als nachahmungswürdiges Muster dienen. Hier wird jeder Tropfen Wasser nach seinem Werte geschätzt und ausgenutzt. „Von der Quelle an, sagt Prof. Dr. Kutzen [5]), lässt man dem Wasser nicht Ruhe; immer und immer wieder fängt man es, um in dem Tale der kleinen Heidbäche und Flüsschen aber- und abermals seine Dienste zu gewinnen. In der Lüneburger Heide wird auch die kleinste Quelle zu künstlicher Berieselung benutzt und nicht selten eine Summe von mehr als 100 Talern zur Anlage eines Morgens Wiesen verwandt. Haben sich doch sogar große Genossenschaften dort zur Anlage von Bewässerungen gebildet.“ Gleiche Sorgfalt würde sich auch bei uns lohnen.

Freilich ist vielleicht das Anlagekapital nicht klein, aber es bringt reiche Zinsen und soll namentlich auch dem Heuermann zu Nutze kommen, welchem solche Anlagen Gelegenheit zum Verdienst und zugleich zur Befriedigung seiner Bedürfnisse bieten. Mögen Einzelne und ganze Gemeinden diesen Punkt wohl ins Auge fassen! Die Regierung beweiset sich überall geneigt, solche Unternehmungen nach Kräften zu unterstützen.

Die Ein- und Umsicht, welche der Heuermann in seiner Wirtschaft mitbringen soll, muss ihn bald überzeugen, dass eine kleine Wirtschaft anders zu führen ist, als eine große, und dass in derselben die Aufmerksamkeit viel mehr auf Erzielung vieler kleiner Vorteile gerichtet sein kann und soll. Es ist eben so bezeichnend, wie richtig, wenn ein einsichtsvoller Landwirt behauptet, dass sich „der Ackerbau der Heuerleute möglichst der Gartenkultur nähern, dass sie mehr die einträglicheren Früchte bauen müssen, welche vorzüglich eine sorgfältigere Behandlung nötig machen und bei welchen der Spaten besser angewendet werde, als der Pflug.“ Nicht bloß auf die sorgfältigere Behandlung und Verarbeitung des Ackers nach allen Richtungen hin findet dieses seine Anwendung, sondern in vorzüglicher Weise auch auf die Art der zu bauenden Früchte. Es ist jedes Heuermanns Sache, zu untersuchen, welche Frucht er auf seinem Acker gegenwärtig mit dem größten Vorteil anbauen kann, d. h. welche ihm nach Verhältnis den meisten Gewinn bringt. Wir machen hierbei auf Einzelnes noch speziell aufmerksam.

Im Osnabrückschen war der Flachsanbau früher sehr ausgedehnt, wie das westfälische Leinen berühmt. Wenngleich nun das Spinnen und Weben, welches vordem allgemein war, durch die Maschinen, wie schon erwähnt, unterdes längst verdrängt worden ist, so darf doch der Flachsbau da, wo sich das Land dazu eignet, nicht vernachlässigt werden, weil es auch jetzt noch Kosten und Fleiß des Landmanns sehr gut belohnt. Mit den Verbesserungen, welche der Flachsbau auch bei uns allmählich annimmt, wird derselbe um so lohnender werden, je gesuchter der Flachs durch Anlegung mancher großartigen Maschinen-Flachsspinnereien wird.

Auch der Hanfanbau könnte in manchen Gemeinden, deren Boden sich dafür eignet, lohnend werden, nicht minder der Hopfenbau; mehr aber noch dürfte auf Tabaksbau, der bei uns fast noch ganz unbekannt ist, die Aufmerksamkeit zu lenken sein, da derselbe nach den anderswo gemachten Erfahrungen einen recht guten Ertrag verspricht.[6]) Gemüse- und Obstbau sind um so mehr zu empfehlen, je einträglicher dieselben bei umsichtiger Behandlung sind. Was namentlich den Obstbau betrifft, so ist es anerkannt, von wie großem Nutzen das Obst in der Wirtschaft und Küche ist, und bald als angenehmes Gemüse, frisch oder getrocknet, bald als Obstkraut und Obstwein dient, bald als einträglicher Handelsartikel auf den Markt gebracht wird. Mit Recht wird darum der Obstbau von unsrer Regierung nach Kräften gefördert, sowohl durch Anlegung von Baumschulen, in welchen gute Obstsorten auf kräftigen Stämmen gezogen werden, als auch durch Bepflanzung aller öffentlichen Wege mit Obstbäumen, deren Früchte im Herbste versteigert werden. Der aufmerksame Landmann kann da lernen, wie der Obstbaum richtig zu behandeln ist, aber auch wie er jedes sonst oft verlorene Fleckchen Landes dadurch sich nutzbringend machen kann.

Ferner weisen wir auf die Bedeutung der Bienenzucht hin. Man hat den Ertrag der Bienenzucht im Königreiche Preußen auf mehr als 2 Millionen Taler, und den, welcher im Fürstentum Osna-brück durch die Bienenzucht leicht zu erzielen ist, auf 300.000 Taler angeschlagen. An einzelnen Stellen unseres Landdrosteibezirks, z. B. auf dem Hümmling und den größten Teile des Herzogtums Arenberg-Meppen wird viel für Bienenzucht getan und mit gutem Erfolge.[7]) Seit einem Jahrzehnt fängt man auch bei uns an, derselben mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden, nachdem die „Wanderversammlungen der hannoverschen Bienenwirte“ die große Bedeutung der Bienenzucht für die Ackerwirtschaft nachgewiesen haben.

Wenn ferner die Schafzucht dem Heuermann meistens nur in sehr beschränktem Maße zu Gute kommt, so kann dagegen die Haltung und Förderung der Ziegen nicht genug empfohlen werden, auch die Gänsezucht namentlich in den mit Grünland versehenen Moorgegenden leicht mit großem Vorteil betrieben werden, wenngleich nicht zu verkennen, dass die Durchführung der Markenteilung derselben sehr nachteilig geworden ist. Dagegen wäre die Hühnerzucht noch viel mehr ins Auge zu fassen. Eier, Hühner, Küken, Kapaunen sind so gesuchte Nahrungsmittel, dass die Hühnerzucht, da sie außerdem so wenig Aufwand an Kosten und Mühe beansprucht, immerhin als sehr lohnend sich herausstellen wird.

In verschiedenen Amtsbezirken an der Weser und Elbe bildet die Hühnerzucht eine wichtige Erwerbsquelle für die kleineren Leute, welche die Märkte zu Bremen und Hamburg mit Hühnern, Küken und Eiern versehen, und es sollen Fälle vorkommen, wo eine Heuerfamilie in einem Winter weit über 100 Thlr. aus verkauften Küken zieht. – Aus dem Amte Neuenhaus ist der Betreib mit Eiern nach Holland ziemlich bedeutend [8]), in den meisten anderen Gegenden unseres Bezirks sollte dagegen der Hühnerzucht viel mehr Aufmerksamkeit zugewendet werden, da dieselbe ohne wesentliche Kosten und große Mühe bei der erleichterten Verbindung mit Bremen, Hannover, Holland und selbst England einen guten Erfolg verspricht.

Im Vorbeigehen erwähnen wir noch der besonderen Vorteile, welche sich manche Heuerlingsfamilie nebenher etwa durch Einsammeln von Fichten- oder Tannenäpfeln, von Bick-, Erd-, Krons- und Wachholderbeeren, durch Anpflanzung von Cichorien u. dgl. verschaffen kann. In manchen Orten ist der daraus gezogene Gewinn nicht unbedeutend.

 

 

[1] Pfeil in seinem „Archiv für Landeskunde im Königreiche Preußen“ Bd. I.

[2] Eben während wir dieses schreiben, sind französische Gefangene herangezogen, um beim Kanalbau in der Nähe von Lingen und Papenburg beschäftigt zu werden. Hoffen wir, dass die Arbeit nicht bloß angefangen, sondern auch vollendet werde! Die Arbeitskräfte fehlen uns auch ohne die Franzosen nicht.

[3] Schon Cäsar berichtet: „Die Ubier bereiteten ihr Land künstlich zu, indem sie es drei Fuß tief aufgruben;“ und: „Auch ist es nicht erlaubt, länger als ein Jahr denselben Acker zu bestellen;“ und Tacitus: „Sie (die deutschen) verändern jährlich die Bestellung der Felder, ein Teil des Ackerlandes aber bleibt übrig.“

[4] Abscheulich ist es, wie mit dem kostbaren Dünger manchmal umgegangen wird. Überall auf den Dorfschaften und den Höfen kann man sehen, wie Jauche fortläuft und die Düngungskraft durch Sonne und Luft dem Dünger entzogen wird. Wann soll das besser beachtet werden?

[5] „Das deutsche Land etc.“ 2. Ausgabe. Bd. II. S. 367. Die angeführte Stelle ist aus W. Peters` Preisschrift: Die Heidflächen Norddeutschlands wörtlich abgeschrieben.

[6] Nach amtlichen Mitteilungen von 1864 waren im Königreich Hannover 2430 Morgen Landes mit Tabak bepflanzt. Im Durchschnitt wurde der Ertrag pr. Morgen auf 8 Ctr. a 10 Taler berechnet – sicher ein befriedigendes Resultat! Versuche eines Sachkenners in Osnabrück fielen vollkommen zufriedenstellend aus.

[7] Im Jahre 1867 wurden in Stadt und Amt Lingen 3696, im Amt Freren 2103, Bentheim 1775, Neuenhaus 4788, im Amte Aschendorf 3797, Haselünne 1765, Hümmling 5020, Meppen 4950 Bienenstöcke gezählt.

[8] Nach einem offiziellen Berichte wurden i. J. 1867 für ppr. 20.000 Thlr. Hühnereier über Holland nach England ausgeführt.

 Meurer, Heinrich: Das Hollandsgehen in besonderer Rücksicht auf die Lage der Heuerleute im Osnabrückischen. Osnabrück 1871,  Seite 45 - 72

„Wie kann die Lage verbessert werden?“ ( Dr. H. Meurer im Jahr 1871)

                                Wie kann die Lage der Heuerleute gründlich verbessert werden? 

Aus:

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Je fruchtbarer der Boden, desto ungünstiger zeigte sich die Lage der Heuerleute. In den fruchtbareren südlichen Ämtern des Fürstentums, wo das den Heuerleuten zugewiesene Land kaum für die eigenen Bedürfnisse ausreichte, sahen sie sich bei mangelnder Gelegenheit für Tagelohn zu arbeiten, auf Gewerbetätigkeit verwiesen; Spinnen und Leinenweberei wurde hier für lange Zeit eine Hauptbeschäftigung und Erwerbsquelle der Heuerleute. In den nördlichen Ämtern blieb Ackerbau, Gänse- und Schafzucht, Viehmast u. dergl die Hauptsache, und als auch hier die Zunahme der Bevölkerung zwang, einen Nebenerwerb zu suchen, nahm in demselben Maße, wie das Bedürfnis wuchs, das Hollandsgehen zu. Das Hollandsgehen hat denn auch eine lange Reihe von Jahren hindurch die Not von den Wohnungen der Heuerleute ferngehalten, ja auch aus den südlichen Ämtern wurden immer einzelne durch den reichen Verdienst veranlasst, sich den Hollandsgängern anzuschließen und den Betrieb des Spinnens und Webens den Zurückbleibenden zu überlassen. Erst als sich der Lohn in den Niederlanden zu sehr verringerte, suchten diese daheim anderen Erwerb, die übrigen knüpften in anderen Gegenden, wie bereits mitgeteilt wurde, neue Verbindungen an und werden wegen ihres Fleißes und ihrer Tüchtigkeit gesucht und gut bezahlt.

Indessen ist dadurch die Lage der armen Heuerleute um nichts verbessert. Wohl finden sie durch schwere Arbeit in der Fremde die Mittel, den Druck gänzlicher Verarmung von sich fern zu halten, dafür aber treten andere Übel ein, welche im Grunde die Lage nur noch trauriger machen.

Darum tut Abhilfe dringend Not. Die Lage der Heuerleute muss verbessert werden, abgesehen von andern wichtigen Gründen, allein schon deshalb, damit das verderbliche Hollandsgehen aufhöre. Indem wir nun die Mittel zur Abhilfe besprechen, versuchen wir die Lösung einer Frage anzubahnen, deren hohe soziale Bedeutung längst anerkannt worden ist.

Im Allgemeinen wird es als Grundsatz festzuhalten sein, dass des Landmanns Hauptbeschäftigung immer zuerst die Landwirtschaft bleiben soll. Ist aber dieser Satz richtig, so folgt von selbst, dass es, um die Lage des Heuermanns zu verbessern, vor Allem zuerst notwendig ist, es dem Heuermann möglich zu machen, dass es aus der Ackerwirtschaft auch die Mittel zu seiner Existenz gewinnen könne.

Erst da, wo dieses nicht möglich ist, würde nach anderen Erwerbsmitteln für den Heuermann zu suchen sein. Es entstehen demnach die zwei weiteren Fragen:

– Ist es möglich zu machen, dass der Heuermann aus der Ackerwirtschaft sein Auskommen gewinne?

– Mit welchen andern Mitteln kann die Lage der Heuerleute verbessert werden, ohne dass sie in der Fremde Arbeit zu suchen genötigt sind?

Die Beantwortung dieser Fragen entscheidet über die günstige Lösung unserer Aufgabe. Also sehen wir zu!

Meurer, Heinrich: Das Hollandsgehen in besonderer Rücksicht auf die Lage der Heuerleute im Osnabrückischen. Osnabrück 1871, Seite 43 - 45

 

 

Dr. Meurer über Krankheiten der Hollandgänger

Arbeit und Lebensweise der Hollandsgänger; Gefahren und nachteilige Wirkungen

für die Gesundheit

Aus:

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Sehen wir uns die Hollandsgänger, wie sie an den verschiedenen Stationen der betreffenden Eisenbahnen, ihre gefüllten Säcke auf dem Rücken, meistens einen Spaten oder die Sense in den Händen tragend, im Frühjahre zahlreich anzutreffen sind, näher an, so finden wir in der Mehrzahl zwar Männer in den kräftigen Jahren des Lebens, doch sind auch die übrigen Lebensalter vertreten vom angehenden Jünglinge, welcher eben aus der Schule entlassen wurde, bis zum Greise, von dem man nicht begreift, wie er den Strapazen, denen er entgegen geht, gewachsen sein werde. Die meisten derselben arbeiten als Torfbereiter oder als Grasmäher. Die Art dieser Arbeit, sowie die Beschaffenheit des Bodens, auf welchem dieselbe zu verrichten ist, macht dieselbe nicht allein höchst beschwerlich, sondern auch in hohem Grade gefährlich für die Gesundheit.

Dass das Mähen zu den anstrengendsten Arbeiten des Landmannes gehört, ist bekannt. Zur Zeit der Mahd wird dem Mäher darum ja besondere Rücksicht in Bezug auf Speise und Trank geschenkt, und er bedarf ihrer. Dennoch werden die Kräfte bei der großen Anstrengung bald verbraucht.

Die Torfarbeiter teilen sich in „Zieher“ und „Presser“; jene werfen das Moor aus, und zwar vermittelst einer langen Stange, an deren unterm Ende sich ein mit einem Bügel versehener Sack befindet, diese treten die Masse, bringen sie in Formen und trocknen sie. Die Arbeit der Presser ist meistens erst im September beendet.

Wer begreift nicht, dass eine solche anstrengende, mühselige, Monate lang fortgesetzte Arbeit schon an sich der Gesundheit nachteilig werden kann. Sie ist es aber sicher bei den Umständen, unter welchen sie geschieht.

Zuerst werden die Kräfte meistens über Gebühr angestrengt. Denn geschieht die Arbeit im vorher bedungenen Tagelohn, so suchen die Arbeitgeber, wie sich denken lässt, für den hohen Lohn, welchen sie zahlen, auch entsprechende Leistungen zu erhalten. Haben dagegen die Arbeiter ein Stück Arbeit, wie häufig geschieht, in Akkord übernommen, so ist es natürlich ihr Streben, die arbeit möglichst schnell zu vollenden, um daraus einen möglichst großen Nutzen zu ziehen.

Sodann sind die Arbeiten an sich ungesund. Oft bis an den Knien im Wasser stehend, arbeiten diese Leute vom frühen Morgen bis in den späten Abend auf Wiesen oder im Moore. Dieses muss in der Regel aus einer Tiefe von 15 – 18 Fuß hervorgezogen werden. Nicht bloß, dass bei der Art dieser Arbeit einzelne Glieder des Körpers auf Kosten anderer übermäßig angestrengt, dass bei der unaufhörlich gekrümmten Haltung die Brustorgane gewaltsam zusammengepresst und in ihrer Entwickelung behindert werden; nicht bloß, dass der lange fortgesetzte Aufenthalt im Wasser, wobei der Oberkörper meistens den brennenden Sonnenstrahlen des Hochsommers schutzlos ausgesetzt ist, die Ursache von Rheumatismus, Gicht, Lungenkrankheiten und bösen Fiebern wird, sondern es ist auch außerdem die Luft, welche die Arbeiter Tag für Tag einatmen, durchaus ungesund und in den meisten Fällen dem an dieselbe nicht Gewöhnten verderblich.

Da nämlich der Boden, meistens durch Ablagerungen des Meeres und der Flüsse gebildet, reich ist an verwesenden organischen Substanzen, so steigen, namentlich bei der Hitze im Sommer, aus demselben unaufhörlich Dünste auf, welche die Luft verpesten und Fieber aller Art, insbesondere Wechselfieber, so wie auch Gallenfieber und selbst den Typhus erzeugen. Die fremden Arbeiter sich solchen bösen Wirkungen um so mehr ausgesetzt, als die in Folge der schweren Arbeit beschleunigte Circulation des Blutes und dadurch vermehrte Transpiration der Haut den Körper zur Aufnahme jener giftigen Stoffe vorbereitet.

Die unordentliche Lebensweise ferner, welche die Arbeiter besonders in Beziehung auf Kost und Wohnung führen, muss bei solcher Arbeit auf die Länge der Zeit notwendig einen höchst nachteiligen Einfluss üben. Da Alles darauf berechnet ist, eine möglichst große  Summe baren Geldes mit nach Hause zu bringen, so richten sich Hollandsgänger in Allem möglichst einfach und billig ein. Ihr Nachtlager suchen sie nicht selten auf Tennen, in Ställen, Erdhütten oder kleinen Zelten auf Heu oder Stroh, wo Erkältungen und andere Erkrankungen, namentlich solche, welche durch die Ausdünstung des noch feuchten Heues bewirkt werden, sie heimsuchen. Ihre gewöhnliche hauptsächliche Nahrung besteht in Speck, welcher zu dem Ende von Hause mitgenommen wird, Brot und Pfannekuchen, welchen sie sich selbst bereiten, ihren bei großer Hitze oft unerträglichen Durst müssen saure Milch (Waddicke), Wasser und der verderbliche Branntwein stillen.

Ist das eine Kost, welche bei solcher Arbeit genügen kann? Insbesondere wird der Mangel an gutem Trinkwasser den Arbeitern häufig sehr fühlbar. Je notwendiger denselben ein stärkendes und erquickendes Getränk wäre, um den durch schwere Arbeit in großer Hitze entstandenen, quälenden Durst zu löschen, um desto nachteiliger muss das aus Gräben und Moorgruben geschöpfte, mit mancherlei faulenden Substanzen gefüllte Moorwasser, wozu in den meisten Fällen gegriffen wird, wirken. Wie mancher unsrer Landleute mag sich hier den Keim zu verzehrender Krankheit geholt haben!

Wenn nun freilich das Gesagte zunächst auf die eigentlichen Hollandsgänger d. i. die Arbeiter, welche in Holland Beschäftigung nehmen, Bezug hat, so gilt es doch im Allgemeinen auch von den übrigen Arbeitern in gleicher Weise. Etwas besser mögen die nach Ostpreußen ziehenden Landsleute gestellt sein, insofern nämlich hier manche Arbeiter von dem Arbeitgeber beköstigt werden; da aber dem Vernehmen nach hier hauptsächlich Fischspeisen gereicht werden, so ist auch diese Nahrung keineswegs der Gesundheit zuträglich und bei der schweren Arbeit genügend. Bezüglich der Getränke gilt aber auch hier ganz das oben Gesagte.

Wie darf man sich bei solchen Verhältnissen nun wundern, dass so manche junge, kräftige Männer, die gesund ausgezogen, an Fiebern und ähnlichen Krankheiten in der Fremde sterben [1]), dass so viele den Keim von verzehrenden Krankheiten aus der Fremde mit nach Hause bringen, um hier zu erkranken, und sich dann mühsam durch den Winter zu schleppen, dass fast alle diese Arbeiter in frühen Jahren arbeitsunfähig werden, und ihren Lebensabend durch Gicht, Rheumatismus und Siechtum aller Art verkümmert sehen und einem frühzeitigen Tode entgegengehen.

Was wir hier auseinandergesetzt, wird schon von dem oben bereits genannten Pastor Gildehaus bestätigt. Er sagt von den Grasmähern, die etwa zwei Monate in Holland arbeiten, also: „….Ein solcher Mann sieht bei seiner Wiederkunft aus, als wenn er schon drei Tage im Grabe gelegen hätte. Und wie ist das anders möglich? Der Geizige unter ihnen hat sich durch seine entsetzlichen Arbeiten alle Kräfte ausgepresst. Bei seinem Speck und seinem Brote hat er die holländische Waddicke eimerweise eingeschlungen und des Nachts ist unter freiem Himmel die Heufime sein Bett gewesen … Diese Leute sind insgemein in ihrem ganzen Leben unglücklich. Kommen sie zu Hause, so finden sie schon beide Hände voll Arbeit wieder, denn unsre Ernte wartet ihrer schon mit Schmerzen. Sie sind aber ganz ermüdet und können nicht zu Kräften kommen. Gesund und wohl sind sie hingegangen, haben aber gelähmte Glieder, auch sehr oft die Schwind- und Wassersucht oder eine enge Brust nebst dem so genannten holländischen Pipp, der in einer immerwährenden Schütterung oder schleichendem Frost besteht, wieder mitgebracht.“

Also der Pastor Gildehaus. Möser, obwohl er ja dem Hollandsgehen das Wort redet, kann nicht umhin, das Gesagte zu bestätigen. Er bemerkt unter anderem: „…Sie – die Hollandsgänger nämlich – sind mit fünfzig Jahren alt und von vieler Arbeit kümmerlich.“ Das also ist die erste böse Frucht des Hollandsgehens; aber es ist nicht die einzige.

[1] Im Jahre 1862 starben z.. B. aus der Gemeinde Merzen von den Arbeitern im Auslande fünf, 1862 waren gegen Pfingsten schon drei gestorben. Ähnlich geht`s überall.

 

Gefahren beim Hollandgang

Gefahren und nachteilige Wirkungen des Hollandgehens.

Aus:

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Möser, welchen Osnabrück mit Recht als einen seiner ausgezeichnetsten Bürger verehrt, hat freilich dem Hollandsgehen das Wort geredet [1]) gegenüber dem Pastor Gildehaus, welcher die Nachteile des Hollandsgehens erörtert und vor demselben eindringlich gewarnt hatte. Wenngleich wir keineswegs die Bedeutung der materiellen Vorteile, welche Möser`s Urteil bestimmten, verkennen dürfen, treten wir doch unbedenklich auf des Pastors Seite. Im 17. Jahrhundert, wo der schwere Druck langjähriger Kriege und fast unerschwinglicher Steuern auf dem Lande lastete, mochte es freilich als ein Glück betrachtet werden, dass sich in Holland den armen Leuten eine Gelegenheit bot, durch eine Nebenverdienst vor der äußersten Not bewahrt zu bleiben. Auch mochten nicht alle die nachteiligen Wirkungen, welche uns jetzt vom Hollandsgehen fast unzertrennlich scheinen, zu fürchten sein.

Wenn wir aber in die Verhältnisse, wie sie gegenwärtig bestehen, uns lebhaft hineinversetzen, wenn wir unsere in die Fremde zur Arbeit ausziehenden Landsleute auf ihrer Reise begleiten, sie an dem Orte ihrer Bestimmung beobachten, ihre Lebensweise, Nahrung und Wohnung, die Art ihrer Beschäftigung, die besonderen Verhältnisse, unter welchen sie in der Fremde leben, wie derjenigen, welche sie zu Hause zurücklassen, die Lage der in der Heimat zurückgebliebenen Familie, die Beziehungen zu der, sei es kirchlichen, sei es politischen Gemeinde, welcher sie angehören, und endlich das Beste des Staates recht in`s Auge fassen, so werden wir zu der Überzeugung gedrängt werden, dass das Hollandsgehen eine Menge großer Gefahren und Nachteile mit sich führe, und zwar so groß, dass dagegen die gesuchten Vorteile nicht in Betracht kommen können.

Wenn sich über die jährliche Arbeiterwanderung aus der Rhöngegend in die Wetterau und an den Rhein ein Schriftsteller [2]) nebenher dahin äußert: „Jung und Alt, Mann und Weib greifen zu diesem Erwerbszweige, der bei allem Lobe, welches man der Arbeitstüchtigkeit und Genügsamkeit dieser Leute spenden muss, doch die größten sittlichen Nachteile mit sich führt,“ so werden wir über das Hollandsgehen nachweisen, dass es nicht bloß die größten sittlichen Nachteile mit sich führe, sondern außerdem noch viele andere große Gefahren und nachteilige Wirkungen mancherlei Art. Zu dem Ende wollen wir nun die in Frage kommenden Verhältnisse genauer betrachten.

 

[1] „Patriotische Phantasien“ Th. 1. XV.

[2] Steinhard, Deutschland und sein Volk. Teil II. S. 682.

Seite 21/22

Das Hollandgehen – „eine sociale Frage“(Dr. Meurer 1871)

Dr. H. Meurer:

Erstes Kapitel: Arbeiterwanderung. – Das Hollandsgehen. – Eine sociale Frage     

 

Beim Beginne des Frühlings, etwa im Anfange des Aprilmonats jedes Jahres nimmt man an den Bahnhöfen der hannoverschen Westbahn im Osnabrückischen regelmäßig Scharen von Männern wahr, ihrem Äußeren nach dem Stande der Arbeiter angehörig, mit Spaten oder Sense bewaffnet, einen schwer gefüllten Sack auf dem Rücken tragend. Beim Abgange der Züge sieht man sie dem Bahnhofe zueilen, um nach verschiedenen Richtungen davon getragen zu werden.

Woher kommen diese Leute? Wohin ziehen sie? Was wollen sie? Warum verlassen Arbeiter zu einer Zeit, wo die Arbeit auf dem Felde eben wieder beginnt, ihre Heimat und ziehen in die Fremde fort?

Indem wir die Beantwortung dieser sicher wohl begründeten Fragen versuchen, werden wir einen Blick werfen in die misslichen Verhältnisse unseres sehr ehrenwerten Arbeiterstandes vom Lande, und Kenntnis erhalten von einer wichtigen sozialen Frage in unserer Gegend, deren richtige und vollkommene Lösung die allgemeine Aufmerksamkeit und Mitwirkung in Anspruch nehmen sollte. Die Lage unsrer Heuerleute ist eine eben so traurige und unhaltbare, wie ihre Verbesserung schwierig und notwendig.

Die Arbeiter, welche wir hier in die Ferne forteilen sehen, bezeichnet man allgemein als „Hollandsgänger“, weil Holland früher das gemeinschaftliche Ziel aller war. Sie kommen jetzt vorwiegend aus dem nördlichen Teile des Fürstentums Osnabrück, und zwar aus den Ämtern Vörden, Bersenbrück und Quakenbrück, Fürstenau und Freren, dann aus der Niedergrafschaft Lingen und der Grafschaft Bentheim, sowie endlich aus den Grafschaften Diepholz und Hoya.
Das Hollandgehen – „eine sociale Frage“(Dr. Meurer 1871) weiterlesen

Ursachen des Hollandgangs (aus Meurer)

aus:

Dr. H. Meurer

Hollandsgehen mit besonderer Rücksicht auf die Lage der Heuerleute im Osnabrückischen

Um für unsre Untersuchung eine sichere Grundlage zu erhalten, wollen wir zuvor die Boden- und Einwohnerverhältnisse in den betreffenden Landesteilen, und namentlich im Osnabrückischen, näher feststellen.

  1. Bodenverhältnisse

Das Fürstentum Osnabrück bildet den fruchtbarsten Teil des Landdrosteibezirks gleichen Namens. Dasselbe zerfällt bezüglich Bodenbeschaffenheit in zwei ungleiche Hälften, die südliche gebirgige und die nördliche flache; jene begreift die Ämter Wittlage, Grönenberg, Iburg und Osnabrück, diese die Ämter Vörden, Bersenbrück und Fürstenau. Das Gebirgsland ist teils durch Zweige des Wesergebirges, teils durch Züge des Teutoburger Waldes gebildet, und wird, soweit es dem Fürstentume angehört, durch die Hase so geschieden, dass das Gebirgsland am linken Ufer dieses Flusses zum Teutoburger Walde, dasjenige aber am rechten Ufer zum Wesergebirge gerechnet wird. Da beide Gebirgszüge innerhalb des Fürstentums in der Hauptrichtung von Südost nach Nordwest streichen, so haben sie demnach ihre Hauptabhänge nach Süden und Südwesten, sowie nach Norden und Nordosten, und ihre zahlreichen Quertäler sind nach Süden geöffnet. Da zu dieser günstigen Lage ein guter Fruchtboden und genügende Bewässerung hinzukommen, so erfreut sich dieser Teil des Fürstentums einer erwünschten Fruchtbarkeit.

Der fruchtbarste Teil ist das Amt Grönenberg, und am meisten bevölkert, da mehr als 6.000 Seelen auf 1 Quadratmeile kommen [1]). Sein zum größten Teile hügeliger, wellenförmiger Boden ist mit dem besten Fruchtboden bedeckt und von Flüsschen und zahlreichen Bächen bewässert. Getreide- und Flachsbau werden mit dem besten Erfolge betrieben, doch hat letzterer bedeutend abgenommen.

Der angrenzende Teil des Amtes Wittlage ist, wenn auch gebirgiger, gleichfalls sehr fruchtbar und in seinen übrigen Verhältnissen dem Amte Grönenberg ähnlich. Die Brüche, welche sich hindurch ziehen, sind in ergiebige Wiesen umgewandelt worden, wodurch die Viehzucht gefördert wird. Auch hier ist die Zahl der Einwohner verhältnismäßig bedeutend. In Hunteburg, dem andern Teile des Amtes dehnen sich weite Moore, als das Venner-, Schweger-, Cappeler-, Welplager-Moor, und große unbebaute Heideflächen aus. Hier ist die Gänsezucht nicht unbedeutend.

Das Amt Iburg, der gebirgigste Teil des Fürstentums, ist fruchtbar in seinem östlichen Teile, während die südwestliche Abdachung nach dem münsterschen Flachlande hin Moore und beträchtliche Heideflächen hat. Die höheren Berggipfel sind kahl, die Abhänge, meistens gut angebaut und bewachsen, von klaren Bächen durchrieselt, sind fruchtbar und zur Wiesenkultur geeignet.

Das Amt Osnabrück ist in der Nähe der Stadt und unterhalb derselben am linken Ufer der Hase ziemlich fruchtbar, hat daneben aber noch viele Sand-, Heide- und ungebaute Bergstriche. In der Stadt und deren Nähe nimmt die Bevölkerung bedeutend zu, weil die Anlage wichtiger Eisenbahnen und zahlreicher industrieller Unternehmungen viele Arbeiter aller Art heranzieht.

In der größeren nördlichen Hälfte des Fürstentums geht das Anfangs noch wellige Hügelland allmählich in das norddeutsche Tiefland über. Der Boden ist leicht und an sich wenig fruchtbar. Eine Ausnahme machen die Niederungen der Hase und ihrer freilich nicht zu zahlreichen Zuflüsse. Hier, wo der Boden fruchtbar und ergiebig, ist auch die Bevölkerung am dichtesten. Das Artland, der fruchtbarste Teil dieser Hälfte in dem von der Hase durchflossenen Amte Bersenbrück, zählt etwa 4.000 Einwohner auf der Quadratmeile, in den übrigen Teilen wird kaum die Durchschnittszahl der Bewohner des Königreiches erreicht. Das sandige, von den Heideflächen und Mooren durchzogene Amt Fürstenau, freilich das unfruchtbarste des Fürstentums, zählt im Durchschnitt kaum 1.700 Seelen auf der Quadratmeile, Bersenbrück 2.350, währen im Landdrosteibezirke Osnabrück überhaupt im Durchschnitt 2.340 Seelen gezählt werden. Der an manchen Stellen noch unbebaute Boden könnte und müsste trotz seiner Unfruchtbarkeit viel besser ausgenutzt werden, als es geschieht. Bei gehöriger Verwertung würde er dem fleißigen Arbeiter für seine Wirtschaft noch mancherlei Vorteile gewähren.

Die Niedergrafschaft Lingen befindet sich nicht in günstigeren Verhältnissen. Amt und Stadt Lingen, zusammen 9.394 Q.-M. groß, zählten im Jahre 1867 zusammen 16.713 Einwohner, das Amt Freren auf 5.060 Q.-M. deren 11.346. Die ganze Grafschaft zählte auf einer Bodenfläche von 304.981 Morgen 185.027 Morgen unkultivierte Gemeinheiten. Eben, – nur im Süden sind unbedeutende Hügel – im Westen, Nordosten und auch im Süden von ansehnlichen Mooren durchzogen, während im übrigen Sandboden vorherrscht, sind Roggen, Hafer und Buchweizen die wichtigsten Erzeugnisse des Bodens. Der belebende Wald fehlt; nur Tannen und niedrige Buchen kommen hier fort. Freilich wird von Süden nach Norden die Grafschaft von der Ems durchflossen, welche hier einige Neben- und Beiflüsse aufnimmt, dennoch ist die Bewässerung durchaus unzureichend. Darum fehlen gute Wiesen und ist die Viehzucht unbeträchtlich. Einzelne Strecken, wie Lengerich, Freren, Schapen etc. bilden eine Ausnahme und erfreuen sich daher größerer Fruchtbarkeit. Immerhin würde für gehörige Ausnutzung des vorhandenen Wassers mehr zu sorgen sein. Emsbüren, am linken Emsufer, hat im Westen eine Hügelreihe aus Tonschiefer, an der Ems eine aus nicht fettem Lehm bestehende Niederung, sonst ist auch dieser Teil magere, flache Heide. Eie Einwohnerzahl erreicht den Durchschnitt längst nicht, wiewohl durch die Ems und dem Emskanal Handel und Gewerbefleiß der Bewohner gefördert werden.

Die Grafschaft Bentheim endlich ist durch Moore von den benachbarten Gebieten der Landdrostei Osnabrück geschieden. Die Vechte, welche die Grafschaft ihrer ganzen Länge nach durchfließt, und von Nordhorn an mit Schiffen befahren wird, bildet dagegen mit der in dieselbe sich ergießenden Dinkel eine natürliche Verbindung derselben mit den benachbarten Niederlanden, mit welchen sie daher auch in der Lebensweise der Bewohner, im Betriebe der Landwirtschaft, und zum Teile auch in der Natur des Landes Ähnlichkeit hat, wenngleich der holländische Reichtum fehlt. Der Überfluss an Torf entschädigt für den Mangel an Wäldern, welcher im größten Teile der Grafschaft herrscht. Nur im Süden, am Fuße der Ysterberge (Bentheimer Berge), welche den kostbaren „Bentheimer Sandstein“ liefern, dehnt sich zwischen Bentheim und Gildehaus der Bentheimer Wald aus, sich in nördlicher Richtung forterstreckend.

An den Ufern der Flüsse und zahlreicher Bäche, welche in dieselben fließen, ziehen sich gut bewässerte Wiesen hin, gute Weiden fördern die Rindviehzucht, der bessere Boden trägt Getreide, Rübsamen, Hanf, Flachs und Kartoffeln, und liefert davon in guten Jahren noch einen Überfluss, welcher leicht nach Holland abgesetzt wird. Brüche und Moore bedecken große Strecken Landes, daher die geringe Zahl der Bewohner. Das Amt Bentheim zählte im Jahre 1867 auf 4.796 Q.-M. nur 10.361, das Amt Neuenhaus auf 11.963 Q.-M. nur 20.131 Bewohner. Von 351.961 Morgen der gesamten Bodenfläche waren 125.702 Morgen unkultivierte Gemeinheiten.

Das ist das Land, woher die Osnabrückischen Hollandsgänger kommen; betrachten wir nun die maßgebenden Verhältnisse seiner Bewohner!

[1] Durchschnittlich kommen in Deutschland 3.600, in Hannover 2.750 Seelen auf 1 Q.-M.

 

 

Sittliche Gefahren für den Hollandsgänger.

Text aus:

 

Sittliche Gefahren für den Hollandsgänger.

 Nicht minder groß, als für die Gesundheit und das Leben des Leibes, sind die Gefahren und Nachteile für die Gesundheit und das Leben der Seele der Hollandsgänger. Die weite Reise, die oben geschilderte Lebensweise der Arbeiter, das enge und vertraute, längere Zeit fortgesetzte Zusammenleben oft vieler Menschen von verschiedenem Alter und gesellschaftlichen Verhältnissen, von verschiedenem Charakter, verschiedenen religiösen und sittlichen Anschauungen und Bestrebungen, die verhältnismäßig große Geldsumme, in deren Besitz sie sich nach beendigter Arbeitsperiode gesetzt sehen, die Nähe großer, volkreicher Städte mit ihren vielen Gelegenheiten zu Genüssen aller Art – wie viele Gefahren bergen sie nicht in sich, wie viele Gelegenheiten bieten sie, Böses zu sehen und zu hören, Kenntnis zu erhalten von Dingen, welche das Herz des schlichten Landmannes zu Hause nie geahnt hätte, und den Reiz in sich aufzunehmen zu Genüssen, welche ihm zu seinem Heile nie bekannt werden sollten, wie viele Anknüpfungspunkte für schlechte Verführer, den Keim des Bösen in ein noch unschuldiges Herz zu senken!

Wenn man die bösen Gelüste des Menschen, die Macht der Sinnlichkeit, die verführerischen Reize des Bösen, das ungeheuere Streben nach Genuss, welches den Menschen beherrscht, ins Auge fasst und dann erwägt, dass eben Jünglinge von 15 – 25 Jahren einen großen Teil der Arbeiter ausmachen, unerfahrene Jünglinge, die auf dem Lande in aller Einfachheit erzogen, zu wenig gewaffnet sind gegen die mancherlei Künste der Verführung, die ihrer draußen warten, so wird man sich der Überzeugung nicht erwehren können, dass die sittlichen Gefahren, welche die Arbeiter-Wanderungen mit sich führen, groß, außerordentlich groß sind.

Das bestätigt denn auch die Erfahrung. Eine recht böse Neigung, welche erfahrungsgemäß durch das Hollandsgehen befördert wird, ist das Branntweintrinken.

Es ist ein bekanntes Vorurteil, gegen welches die über alles Lob erhabenen Bestrebungen der Enthaltsamkeits- und Mäßigkeitsvereine immer noch vergebens ankämpfen, dass nämlich bei besonders schweren Arbeiten oder bei Beschäftigungen in der Nässe oder großer Hitze der Branntwein als stärkendes und schützendes Getränk kaum zu entbehren sei. Demnach greifen auch unsere Arbeiter in der Fremde beim Mähen oder Torfbereiten gern zur Branntweinflasche, da sie meinen, in dem Branntwein Ersatz für die mangelnde nahrhafte Kost zu finden und ein Schutzmittel gegen drohende Krankheiten, und sie tun das um so eher und lieber, als es ihnen in Holland sowohl, wie in Holstein, Mecklenburg e. t. c. sehr leicht gemacht wird, Branntwein zu bekommen, von manchen Arbeitgebern sogar täglich eine gewisse Quantität Branntwein den Arbeitern verabreicht wird.

Das Beispiel und Zureden der älteren Genossen veranlasst auch die jüngeren, obschon zu Hause vom Pfarrer und Lehrer vor dem Laster der Trunksucht und der Schädlichkeit des Branntweins vielfach gewarnt, zuzuschmecken, und sie schmecken in der Regel so lange, bis ihnen der Schnaps wie den andern zum Bedürfnis wird. Ist es dann einmal dahin gekommen, so trinken sie nicht bloß bei der Arbeit, sondern auch Sonntags, um sich einen besonderen Genuss zu verschaffen, und im Winter zu Hause, auf der Reise und überall, und werden auch nicht alle leidenschaftliche Säufer, welche durch ihre Trunkfälligkeit öffentliches Ärgernis geben, so werden doch viele, die meisten Hollandsgänger mindestens trostlose Gewohnheitstrinker und leiden unter den schweren Folgen dieser traurigen Neigung. Das rohe, wüste Benehmen, welches zur Zeit der Arbeiterwanderungen an den Haltestellen und Stationen der Eisenbahnen vielfach Aufsehen erregt, ist nur eine Wirkung des reichlich genossenen Branntweins, und zahlreiche Excesse, welche auf Märkten und bei öffentlichen Lustbarkeiten in Herbste und Winter von heimgekehrten Arbeitern verübt werden, zeugen von dem Geiste, den sie aus der Fremde mitgebracht haben.

Eine andere nicht minder große Gefahr, in welche die Hollandsgänger kommen, ist die zur Unsittlichkeit. Um die Größe dieser Gefahr zu begreifen, denke man sich junge, unerfahrene Leute im Alter von 15 – 25 Jahren, also in der gefährlichen Periode des Lebens, wo sich mit der zunehmenden Kraft des Körpers der sinnliche Reiz so mächtig entwickelt, in größerer Reisegesellschaft von Menschen aller Art, wo die lange Muße der mehrtägigen Eisenbahnfahrt gar gewöhnlich mit Branntweintrinken, rohen Reden und frivolen Liedern zu kürzen versucht wird oder bei der Arbeit, wo leichtfertige Reden und Witze, so häufig den Hauptgegenstand der Unterhaltung bilden; oder in den gemeinsamen Schlafräumen, wo das zarte Gefühl so vielfach verletzt werden kann!

Man denke sich solche jungen Leute gegenüber den Verführungskünsten leichtsinnigen Gesindels, gemeiner Burschen, gegenüber den Gefahren und sinnlichen Anreizungen jener großen Städte, durch welche ihr Weg sie führt, dem Sittenverderbnis, wie es sich in vielen der von den Arbeitern besuchten Gegenden vorfindet! Man erwäge endlich, dass allen diesen Verführungen und Reizungen zum Bösen der schlichte, unerfahrene Jüngling schutz- und ratlos gegenüber steht. Er ist in der Fremde, allein! Zu Hause stehen ihm, wenn sittliche Gefahren drohen, Eltern, Pfarrer, Lehrer, Freunde ratend und warnend zur Seite, Furcht und Scham halten zurück, die Kirche, der Gottesdienst, die Unterweisung in Predigt und Christenlehre, der Umgang mit den vormaligen Mitschülern, die gewöhnlichen, wie die unerwarteten Ereignisse in der Gemeinde, dieses alles wirkt mahnend und zurückhaltend zu seiner Rettung. Aller dieser Stützen muss er in der Fremde, wo er ihrer am meisten bedürfte, entbehren. Welche Gefahren! Wie viele haben die Kraft, ihnen zu widerstehen?

Die genannten Gefahren werden aber noch erhöht durch eine dritte minder große und nicht minder begründete, nämlich die Gefahr der Irrreligiosität und der Gleichgültigkeit in der Religion. Nur selten findet der katholische Arbeiter – und, ein sehr beträchtlicher Teil derselben ist eben katholisch [1]) – in jenen fremden Ländern, wo er Monate lang arbeitend weilt, Gelegenheit, dem Gottesdienste seines Bekenntnisses beizuwohnen. In Holland, wo dieses noch am häufigsten der Fall ist, bietet die Unbekanntschaft mit der Landessprache ein Hindernis, die Predigten zu hören und Hilfe in den religiösen Bedürfnissen nachzusuchen. Welche Nachteile, wie viele und wie große sittliche Gefahren birgt allein dieser Umstand in sich, insbesondere wenn man dazu nimmt, dass der Unglaube und die religiöse Gleichgültigkeit in diesen Gegenden so groß sind, dass manche der Arbeitgeber vollständige Indifferentisten sind, dass in Holstein, Dänemark, Mecklenburg auch jetzt noch, wie seit Einführung der Reformation, die katholische Kirche von einengenden Fesseln umschlungen ist! Wenn der Sonntag aber nicht der gottesdienstlichen Feier, nicht der Ruhe in Gott dient, wie wird er dann gewöhnlich verbracht da, wo eine Anzahl junger Leute zusammen lebt, wo die Langeweile quält, der Eine den Andern treibt, wo böse Beispiele ihre Zugkraft üben? Gleichgültigkeit und häufig selbst Irreligiosität sind die fast unausbleiblichen Folgen, und wenn dieselben nicht so oft so entschieden hervortreten, als man erwarten müsste, so ist das eben ein Beweis für den tiefreligiösen Sinn, welcher in unserm Landvolke heimisch ist.

Wenn man aber dieses Alles in Erwägung zieht, so kann gewiss nicht geleugnet werden, dass das Hollandsgehen mit vielen und großen sittlichen Gefahren und Nachteilen verbunden ist. Man fragt, ob sich dieses auch in den Gemeinden, welche die Hollandsgänger liefern, offenbare? Ob dieselben wirklich sittlich verkommener seien, als andere?

Kann einmal ein solcher Vergleich kein richtiges Ergebnis liefern, weil überall die Umstände und einwirkenden Verhältnisse verschieden sind, so ist doch soviel gewiss, dass die Gefahr unleugbar vorliegt, dass das Saufen der reisenden Arbeiter, insbesondere auf der Rückkehr oft sehr arg ist, dass öfteren Berichten zufolge entsetzliche Rohheiten an den Haltestellen der Eisenbahnen von dem unsittlichen Zustande der Arbeiter Zeugnis ablegen, dass mancher Hollandsgänger sich in kirchlicher Beziehung viel gleichgültiger zeigt, als erwartet werden dürfte, dass in einzelnen Gemeinden manche der jüngeren Leute an den Sonntagen die Wirtshäuser kaum verlassen und den Tag des Herrn mit Spielen, Saufen, Tanzlustbarkeiten und wildem Umhertreiben in leichtfertiger Gesellschaft zubringen, dass mancher redliche und wohl erfahrene Pfarrer das Hollandsgehen als den Krebsschaden seiner Gemeinde erkennt.

Außerdem ist es gewiss und wohl zu beherzigen, dass während der letzten Jahrzehnte sich manche Verhältnisse außerordentlich geändert und unsern Landsleuten in der Fremde die gefahren noch näher gerückt haben, dass auch an unsern schlichten, kerngesunden, einfachen und braven westfälischen Landmann der moderne böse Geist der Zersetzung herangetreten ist, um ihn mit den verderblichen Ideen der Neuzeit bekannt zu machen, sowie, dass leider hier und da die ausgeworfenen Funken zu zünden anfangen, dass die alte Einfachheit der Sitten und des Gemüts mit dem Gefühle der Ehrfurcht und Ehrerbietigkeit vor geistlichen und weltlichen Vorgesetzten, vor dem alten Herkommen, alten Einrichtungen und Gewohnheiten mehr und mehr verschwindet, dass auch die herrliche Sittenreinheit und tiefe Religiosität, welche unser Landvolk mehrenteils schmücken, mit der Zeit Schiffbruch zu leiden drohen, dass Luxus und Genusssucht, die charakteristischen Fehler unserer Zeit, sich mehr und mehr auch unter diesem Stande verbreiten. Welchen Einfluss auf Alles dieses der Aufenthalt in der Fremde gehabt hat und wie er noch jetzt das Übel verstärken wird, ist leicht einzusehen. Insbesondere ist dabei auch das veränderte Reiseziel in Anschlag zu bringen.

In Holland treffen die Arbeiter mit Ausnahme der großen Handelsmetropolen ein Volk, das sich in Sitten und Lebensweise von uns nicht allzu sehr unterscheidet, einfach, abgeschlossen, ernst und im Ganzen bieder und ehrlich; unsere katholischen Landsleute finden da vielerorts auch Gelegenheit, katholischen Gottesdienst zu besuchen, wenngleich die oben bezeichneten Unzuträglichkeiten bestehen. Ganz anders und viel ungünstiger sind aber die Verhältnisse an den Arbeitsstationen in den Herzogtümern und in den Preußischen Ostprovinzen, wie die Arbeiter selbst zugeben. Es haben sich also durch Veränderung des Reiseziels die sittlichen Gefahren wesentlich vergrößert.

[1] Solche, welche mit den Verhältnissen näher bekannt sind, wollen behaupten, dass im Fürstentume Osnabrück vorzugsweise viele, ja fast ausschließlich Katholiken sich bei der Arbeiterwanderung beteiligen. Pastor Kerle, welcher die Verhältnisse genau kennen kann, da er viele Jahre lang im Amte Bersenbrück tätig war, schreibt darüber: „Aus Bauerschaften mit gemischter Bevölkerung ziehen oft fast sämtliche katholische Heuerleute ins Ausland, während von den dortigen Akatholiken kaum einer fortgeht.“ Woher diese Erscheinung?

 

Pastor Funke zur Markenteilung

Die Nachtheile der Markentheilung für die Heuer­leute

Einführung von Lübbert zur Borg

In diesem Kapitel beschreibt Funke die Nutzung der gemeinsamen Mark durch die Heuerleute vor der Teilung.

  • Freier Vieheintrieb in die gemeinsame Weide. Sowohl Rindvieh, Schweine als auch Gänse. In Heidegegenden, wie in den Kirchspielen Berge und Bippen, auch Schafe. Durch eine relativ große Viehhaltung gewannen die Heuerleute durch die nächtliche Aufstallung viel Dünger für ihren Acker.
  • Freie Plaggengewinnung für die Ackerdüngung.
  • Freie Torf- und insbesondere Sandtorfgewinnung für die Feuerung. Freie Entnahme von Abfallholz ebenfalls für die Feuerung.

Nach der Teilung der Mark, die hauptsächlich in den Jahren zwischen 1820 und 1835 vorgenommen wurde, verloren die Heuerleute die oben aufgeführ­ten Nutzungsrechte, da ihnen kein Rechtsanspruch auf Beteiligung zustand. Die frühere Nutzung war ihnen als Mitglieder der jeweiligen Höfe gewährt worden.

Die fehlende Nutzung der Mark machte sich bei den vorgenannten Einnahmeausfällen bei der Flachs­verarbeitung und durch den geringeren Verdienst in Holland besonders schmerzlich bemerkbar.

Funke erklärte ausdrücklich, daß die Markentei­lung äußerst ungerecht gegenüber den Heuerleuten war und diese nicht hätten ausgeschlossen werden dürfen. Er schreibt:

… allein die Lage der Heuerleute hat sich da­durch nicht verbessert, sondern verschlechtert. Ein­mal wurde dieser Boden der Gesamtheit, wozu vor der Theilung die Heuerleute mit gehörten[12], entzogen und ging in den Privatbesitz über, so daß sie weiter keinen Nutzen davon hatten; und sodann wurde dieser getheilte Boden großentheils durch ihre Kräfte urbar gemacht, ohne daß ihnen der eigentliche Vortheil zufiel. …

… Freilich wurden in den Markentheilen oft neue Häuser von den neuen Eigenthümern derselben auf­gebaut und so manchen Familien eine Wohnstätte verschafft; nur müssen wir hinzusetzen, daß die Lage dieser Familien gewöhnlich eine solche war, daß sie sich wenig ihres Lebens freuen konnten. Wir glauben wenigstens dieses mit Sicherheit annehmen zu können, indem es durch diese nicht vorbereitete Vermehrung der Population dahin gekommen ist, daß unter 10 Heuerfamilien nach der Steuerrolle oft nicht mehr 1 oder 2 sich befinden, welche Personensteuer bezah­len. Die besitzlose Bevölkerung, das Proletariat unse­rer Fürstenthums, ist durch die Markentheilung ver­mehrt worden, was wir keineswegs als ein Glück für den Staat ansehen können; deren Wohlstand aber bedeutend verringert, was wir sehr beklagen müssen, und zwar um so mehr, da der Mensch, wenn ihn die schwere Noth des Lebens immer von neuem nieder­drückt, wenn all sein Sinnen und Trachten nur darauf hingeht, wie er sein Leben von einem Tage zum ande­ren fristet, am Ende alle Empfänglichkeit für die tieferen, sittlichen und religiösen Lebensrichtungen verliert. …

In den weiteren Ausführungen dieses Kapitels geht Funke auf den sittlichen und religiösen Aspekt der Verarmung  eingehend ein. Dies entsprach na­türlich seiner Aufgabe als Seelsorger und gleichzeitig auch als Aufsichtsperson für die Schulen. Er beklagte sehr, dass die Kinder der Heuerleute vielfach zuviel mitarbeiten mussten – insbesondere als Viehhirten – und es sehr schwierig sei, sie auch nur einige Tage in der Woche zum Unterricht zu bekommen. Durch den mangelnden erzieherischen Einfluss befürchtete er eine zunehmende Verrohung und einen sittlich-religiösen Verfall bzw. eine Verwahrlosung.

aus:

Borg, Lübbert zur: 1847 – Pastor Funkes Buch über die Pro­bleme des Heuerleutesystems, in: Menslager Hefte. Mittei­lungen des Heimatvereins, Heft 9. Hrsg. vom Heimatverein Menslage, Menslage 1995, S. 18-29.

 

Pastor Funke

Lübbert zur Borg, Borg veröffentlichte in den Menslager Heften Auszüge aus:

1847 – Pastor Funkes

Buch über Probleme des Heuerleutesystems

(Auf dieser Seite ist im Aufsatz die Titelseite des Buches abgebildet. Dafür hier der Text des Titels)

Ueber diegegenwärtige Lage der Heuerleute im Fürstenthume Osnabrück,

mit besonderer Beziehung auf die Ursachen ihres Verfalls und mit Hinblick auf die Mittel zu ihrer Erhebung.

So ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.

  1. Kor. 12, 26

Von Georg Ludwig Wilhelm Funke. Pastor zu Menslage

Bielefeld,Verlag von Velhagen & Klasing 1847

Lübbert zur Borg schreibt:

Aus Platzgründen kann leider nur sehr gekürzt und zusammengefaßt auf den Inhalt des Buches eingegangen werden. 

Grundsätzlich ist es wünschenswert, wenn dieses Buch in vollständiger Fassung – evtl. als Faksimile-Nachdruck zur Verfügung gestellt werden könnte, da es eine Fülle von Informationen für den an der Heimatgeschichte Interessierten enthält.

 

 

Nach dem Tode von Pastor Möllmann im Jahre 1839 gab es bekanntlich mehrjährige Auseinan­dersetzungen um die Neubesetzung der Menslager Pfarrstelle. Die Einsetzung des unerwünschten Kan­didaten Fachtmann konnte zwar verhindert werden, gegen den vom Konsistorium vorgeschlagenen Pastor Georg Ludwig Wilhelm Funke, der ebenfalls nicht erwünscht war, konnte die Kirchengemeinde sich dann nicht mehr wehren[1]. Er wurde 1842 eingesetzt und blieb bis zu seiner Versetzung im Jahre 1858 in Menslage.

Nach uns vorliegenden Unterlagen war Pastor Funke nicht sehr beliebt und erfuhr nur wenig Anerkennung im Kirchspiel. Unabhängig davon entwickelte er sich aber zu einem guten Kenner der hiesigen Verhält­nisse. Sein besonderes Interesse fand die zu der da­maligen Zeit prekäre Lage der Heuerleute[2]. Schon 1846 veröf­fentlichte er einen Artikel im Hannover­schen Maga­zin, Nr. 13 – 17 mit dem Titel: „Über die gegenwär­tige Lage der Heuerleute im Fürsten­thume Osna­brück“. Angeregt durch ein allgemeines Interesse und nach mehreren privaten als auch öffent­lichen Auffor­derungen, überarbeitete und erweiterte Funke seinen Aufsatz zu einem 84seitigen Buch, das er 1847 beim Verlag Velhagen und Klasing in Biele­feld herausgab.

Der vollständige Titel lautet:

Ueber die gegenwärtige Lage der Heuerleute im Für­stenthume Osnabrück, mit besonderer Beziehung auf die Ursachen ihres Verfalls und mit Hinblick auf die Mittel zu ihrer Erhebung

Ein nachgestellter Bibelvers im Titel

„So ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.

  1. Kor. 12, 26“

deutet auf Funkes seelsorgerisches Verantwortungs- und Mitgefühl. Seine Bemühungen gingen in die Richtung, daß dem Heuerleutestand sofort und nach­haltig geholfen werden müsse, um noch größeren Schaden vom gesamten Gemeinwesen fernzuhalten. Bestand die Bevölkerung doch zu etwa zwei Dritteln aus den Heuerleuten.

Der Text des Buches ist folgendermaßen gegliedert:

 Einleitung

  • Die Entstehung der Heuerleute
  • Verhältnis derselben zum Colonen[3]
  • Ihre Verarmung

Erster Abschnitt

Ursachen der Noth der Heuerleute

  1. Der Einfluß der Bodencultur auf die Lage der Heuerleute
  2. Der Verfall der häuslichen Industrie in Flachs, Hanf und Wolle
  3. Die Verringerung des Verdienstes in Holland
  4. Die Nachtheile der Markentheilung für die Heuerleute
  5. Die unbestimmten Dienste oder die Haus­hülfe
  6. Die Schul-, Kirchen-, Communal- und Staatslasten der Heuerleute
  7. Der Luxus und die Vergnügungssucht beson­ders bei den Dienstboten
  8. Die Stimmung der Heuerleute

 

Zweiter Abschnitt

Mittel zur Verbesserung der Lage der Heuerleute

  1. Die Einwirkung der Auswanderung nach Amerika auf den Zustand der Heuerleute
  2. Die Vergrößerung der Heuern und die Ver­besserung der Landwirthschaft durch Wie­sencultur, vermehrte und sorgfältigere Dün­gung und durch besseren Fruchtwechsel
  3. Die Hebung der Industrie
  4. Schluß

 

Schon die systematische Ordnung des Inhaltes deutet auf umfassende Sachkenntnis und analytische Fähigkeiten des Verfassers. Die Lektüre des Buches bestätigt diesen ersten Eindruck und zeigt, daß Pastor Funke neben seiner theologischen Bildung großes Wissen über die damaligen politischen und wirt­schaftlichen Zusammenhänge besaß. Auch scheute er sich nicht, eventuell unbequeme Wahrheiten deutlich auszusprechen.

Im folgenden sollen nun seine wichtigsten Er­kenntnisse zur Lage der Heuerleute, einige allgemeine Angaben zur damaligen Situation[4] und seine wesentli­chen Schlußfolgerungen zur Verbesserung der wirt­schaftlichen Lage der Heuerleute kurzgefaßt darge­stellt werden.

Im Vorwort geht Funke auf die Gründe seiner Veröf­fentlichungen ein und schreibt unter anderem:

… Hier muß ich noch hinzufügen, daß, wenn meine Beobachtungen über die Lage der Heuerleute bei der gegenwärtigen in Folge der vorjährigen Miß­ernte sich immer weiter verbreitenden großen Noth geschrieben wären, ihre Lebensverhältnisse in einem noch viel ungünstigeren Lichte, als sie von mir dar­gestellt sind, erscheinen würden. Freilich haben sich in diesem Augenblick die Garn- und Leinenpreise wieder etwas gehoben; alleine was hilft dies bei der jetzigen Theuerung, wenn bei den Heuerlingsfamilien zum großen Theil gar keine Vorlagen[5] da sind, und durch die Verwerthung der Arbeitskräfte nicht mehr des Lebens Nothdurft herbeigeschafft werden kann! Wahrlich, wenn irgend je, so werden wir in gegen­wärtiger Zeit auf das ernstlichste gemahnt, die noch vorhandenen Heilkräfte zum Kampfe gegen das immer weiter um sich greifende Übel der Verarmung der unteren Volksklassen anzuregen und zu vereinen! Geschieht dieß nicht, so wird diese Verarmung mas­senhaft in solcher Weise zunehmen, daß eine Heilung der Krankheit kaum noch möglich ist, wie solches auf das schreckerregendste gerade jetzt Beispiele in ande­ren Ländern zeigen. Wenn wir nun die Klasse der Heuerleute unzweifelhaft als ein krankes Glied im Organismus des Staates anzusehen haben, und eben­darum eine Heilung durchaus nothwendig ist, so liegt es jedoch gerade im Wesen der Heilung, daß diese nicht etwa von den kranken, sondern  von den noch gesunden Theilen ausgeht, durch deren Lebenskräfte die Krankheit immer mehr zurückgedrängt werden muß, damit die leidenden Glieder zur Gesundheit gelangen und sodann als wahrhaft lebendig dem Organismus wieder einverleibt werden können.

Wir dürfen darum bei der überhand nehmenden Verarmung der Heuerleute, solange wir noch Lebens­kräfte in uns verspüren, nicht ruhig bleiben; sondern wir müssen das Übel in allen seinen Ursachen angrei­fen und zu überwältigen suchen. Eine bloße Unter­stützung der Heuerleute, ohne daß die Ursachen ihrer Noth beseitigt wären, wird nur augenblicklich das Übel lindern, auf die Dauer aber nichts fruchten, indem die Noth stets wiederkehrt, die Mittel zur Un­terstützung aber endlich erschöpft werden. …

 

Zur Einleitung (Kapitel 1-3)

Nach der letzten Volkszählung von 1845 lebten im Fürstentum Osnabrück 153.412 Menschen. Davon entfielen ca. 25.000 auf die Städte Osnabrück, Qua­kenbrück, Fürstenau und die übrigen Kirchdörfer. Auf das sog. platte Land entfielen somit ca. 5/6 der Bevölkerung. Hiervon waren wiederum zu der Zeit etwa 2/3 Heuerleute. Es bestand demnach allgemein ein Verhältnis von 1 : 2 zwischen der landbesitzenden und der landlosen Bevölkerung.

Funke schreibt, daß dieses Zahlenverhältnis nicht überall gleich ist und gibt im Kapitel 4 nähere Ein­zelheiten. Für das Kirchspiel Menslage war nach einem Bericht[6] der Vogtei Menslage an die Regierung in Osnabrück das Verhältnis noch größer. Hier kamen auf 159 Grundbesitzerfamilien 372 Heuerleutefami­lien. Das ist ein Verhältnis von 1 : 2,33.

Im übrigen brauchen die weiteren Erklärungen von Funke zur Entstehung der Heuerleute hier nicht weiter erläutert zu werden, da diese hinlänglich oft beschrieben wurden und allgemein bekannt sind. Er schreibt jedoch unmißverständlich: … Wie der Stand der Heuerleute sich gebildet hat, darüber kann man nicht lange zweifelhaft sein, wenn man ihre Namen mit denen der Höfe, aus welchen eine Gemeinde be­steht, vergleicht. Es sind mit geringen Ausnahmen immer dieselben. …

Der Beschreibung der oft unzulänglichen Wohn­verhältnisse widmete er ausreichend Raum, da ihm diese doch sehr verbesserungswürdig erschienen. Um auch den Lesern, die nicht mit den hiesigen Ver­hältnissen vertraut waren, einen Einblick in die Wohnverhältnisse zu geben, ist im Text folgende Skizze eingefügt.

(Skizze fehlt hier)

Als Erklärung von ihm dazu:

Nehmen wir an, daß ein nach vorstehendem Grundrisse erbautes Haus von zwei (!) Familien be­wohnt würde, so wäre a der Doppelheerd, b die ge­meine Dreschdiele, c der Wasch- und Standort der Küchengeräthe, d Wohnstube, e Durtige zum Schla­fen, f Kammer für Aufbewahrung der Lebensmittel, g Stallung für das Vieh.

Bemerken müssen wir jedoch, daß f nicht selten fehlt und dann ein Heuerhaus verhältnismäßig um soviel kürzer zu sein pflegt.

Weiterhin schrieb Funke u.a.:

… Weil Keller in den Heuerhäusern fehlen, so müssen viele Lebensmittel, welche leicht verfrieren, im Durtig unterhalb des Bettes oder unter den Kisten, Koffern, Schränken und in Tonnen, welche die Ecken füllen, aufbewahrt werden. Alles, was die Familie während des Winters bedarf, ist also auf einem klei­nen Raum zusammengedrängt, und ist der Dunst davon oft Monate lang zu ertragen. Dazu kömmt noch der Staub der Spinnräder, die Ausdünstung der Men­schen bei Tage und bei Nacht usw., so daß man sich in der That oft wundern muß, wenn diese in einem solchen Raum noch gesund bleiben. …

 

Das Verhältnis der Heuerleute zu ihren Colonen beschreibt Funke als im allgemeinen recht gut und patriachalisch und durch gegenseitige Rücksicht­nahme gekennzeichnet. Er beklagt jedoch, daß der „moderne Zeitgeist die vorhandenen sittlichen Bande zerreißt“ und sich verderblich auswirkt. Er dachte dabei an die wachsende Entfremdung zwischen Colo­nen und Heuerleuten, auf die er zum Schluß des 8. Kapitels nochmal eindeutig hinweist (siehe dort in den betr. Erläuterungen).

Zum Schluß der Einleitung stellt Funke dann fest, daß in den vergangenen Jahrzehnten die Heuer­leute zunehmend verarmt sind, da ihnen die notwen­digen Erwerbsquellen fehlen. Die einzelnen Gründe sind in den folgenden Kapiteln 4 – 8 genauestens beschrieben. Als Beweis der großen Not schreibt er:

… Es muß in der That schlimmer stehen, als man meist zu glauben geneigt ist, wenn Schulen da sind, in welchen 1/4, ja sogar 1/3 der zu unterrichtenden Kinder arm sind, so daß für sie das Schulgeld aus Armen- oder Communalmitteln bezahlt werden muß; und dies ist in Ortschaften der Fall, wo vielleicht noch vor wenigen Jahren das fünfzehnte oder höch­stens das zwölfte Kind ein armes war. Alle diese armen Kinder sind aus dem Stand der Heuerleute.

 

Zu Kapitel 4

Da in diesem Kapitel interessante Angaben zur Lan­deskultur des ganzen Fürstentums Osnabrück ge­macht werden, folgt hier der Text in ungekürzter Originalfassung.

  • 4

Einfluß der Bodencultur auf die Lage der Heuer­leute

In den verschiedenen Theilen des Fürstenthums Osna­brück sind die Verhältnisse der Heuerleute keineswegs sich durchweg gleich, wenn sie auch überall drückend sein mögen. Freilich ruhen sie überall auf der glei­chen Grundlage; allein hierbei treten so viele Modifi­cationen ein, daß nicht blos die Lebensweise in dem nördlichen Theile (den Aemtern Fürstenau, Bersen­brück, Vörden und dem gegenwärtig mit Wittlage combinirten Hunteburg) und in den südlichen (den Aemtern Osnabrück, Iburg, Grönenberg und Witt­lage) vielfach verschieden ist, sondern häufig auch in ganz nahe bei einander liegenden Kirchspielen. Der fruchtbarere Theil des Fürstenthums ist im ganzen der südlichere. Im Amte Grönenberg kommen (vergl. Osnabr. Hausfreund, 1845, Nr. 11) auf die Qua­dratmeile 6100 Einwohner[7]; dieses Amt ist fast über­all gleichmäßig bebauet[8], eignet sich ganz vorzüglich zum Flachsbau und hat nur geringe Gebirgsstrecken und so gut als gar keine Heidestriche. Die Lage der Heuerleute ist hier indeß vorzugsweise ungünstig, weil die Gemeinheiten[9] so gut als ganz fehlen und ihr Haupterwerb hier von je her Spinnen und Weben gewesen ist. Ueberall zeigt sich, daß gerade die fruchtbareren Gegenden es sind, in welchen die Heu­erleute am wenigsten gut fortkommen, obwohl es ihnen keineswegs an Betriebsamkeit fehlt.

Nach Grönenberg kömmt das Amt Wittlage im engeren Sinne, welches ebenfalls durchweg fruchtbar ist, wenn auch schon auf die Gebirge eine größere Fläche fallen mag, und mehrere Bruchstriche vorhan­den sind; indeß sind die Bruchstriche zum großen Theil in Wiesen umgewandelt. Jedenfalls gehört das eigentliche Wittlage zu den freundlichsten und ange­bautesten Gegenden des Fürstenthums. Im hinzuge­kommenen Amte Hunteburg ist das Verhältniß ein anderes. Die Höhen, von welchen Wittlage durchzo­gen wird, setzen sich zwar in den Kirchspielen Oster­kappeln und Venne fort; allein das Laubholz schwin­det allmälig, namentlich hat Osterkappeln mehrere unfruchtbare Gebirgsstrecken; wohl angebaut dage­gen ist die nordöstliche Abdachung nach der Hunte und zum Theil deren Niederung um Bohmte, obwohl es auch hier in nördlicher Richtung an Heide nicht fehlt. Der ganze nördliche Theil des Amtes besteht aus großen Mooren und Brüchen, von welchen Hun­teburg halbinselartig von drei Seiten umgeben wird. Für die Cultivirung dieser Moor- und Bruchstriche, des Venner, Schweger, Cappeler und Welplager Moo­res und der eben benannten Brüche, kann jedenfalls noch viel geschehen und zwar sowohl durch Trocken­legung des Moores als Bewässerung der Bruchstriche, welches beides, mag auch der Fall des Gewässers nur gering sein, doch gewiß sehr wohl auszuführen wäre, zumal wenn hier eine Verbindung der Hase und Hunte bewirkt würde.

Wenn in Wittlage die Verhältnisse der Heuerleute sehr ungünstig erscheinen, weil Spinnen und Weben vorzugsweise als Erwerbsquellen zu betrachten sind, so stellen sich ihre Umstände in Hunteburg, wo es noch viele unbebaute Heide-, Bruch- und Moorflä­chen gibt, schon besser heraus, zumal da im ganzen in dieser Gegend die Wiesen gut sind, so daß verhält­nißmäßig viel Rindvieh und in den Bruchgegenden auch Gänse gehalten werden können. Im combinirten Amte Wittlage-Hunteburg kommen 4007 Einwohner auf die Quadratmeile,  obwohl Wittlage nicht gerin­ger bevölkert ist, als Grönenberg.

Der gebirgigste Theil des ganzen Fürstenthums ist das Amt Iburg, und wenn auch die nähere Ge­birgsumgebung des reizenden Iburg schön und lieb­lich sein mag, so können wir doch nicht alle Berge so nennen, indem die höheren derselben meistens kahl und öde sind; doch findet man an deren Fuße oft schöne Thäler, meistens von einem Bache bewässert, in welchen für die Wiesencultur gewiß noch Vieles geschehen könnte. Fruchtbar ist besonders der östli­che Theil des Amtes, wogegen die südwestliche Abda­chung des Gebirges nach dem Münsterschen Flach­lande große Heiden und kleine Moorstriche hat; doch kommen trotzdem 4237 E. auf die Quadratmeile. Auch hier ist besonders im östlichen Theile des Amtes der Flachs- und zugleich der Hanfanbau bedeutend. Das sog. Schier- und Segeltuch wird hier vorzugs­weise verfertigt.

Am wenigsten angebaut und auch bevölkert ist, wenn wir die Stadt Osnabrück nicht mit zählen, unter den südlichen Aemtern das Amt Osnabrück. Frucht­bar ist besonders die nähere Umgebung der Stadt Osnabrück und der oberhalb derselben an der linken Seite der Hase belegene Theil des Amtes; der nördli­che und östliche berg- und hügelige, also durchweg sehr unebene Theil mag fast eben so viele Sand-, Heide und Bergstriche haben, als angebautes Land und Wiesen. Mit Einschluß Onabrücks wohnen hier auf der Quadratmeile durchschnittlich 4923 Men­schen, ohne dasselbe 3993.

Weniger bevölkert ist der nördliche Theil des Fürstenthums. Der Boden ist hier mit Ausnahme der Hasegegenden wenig zum Flachsbau geeignet; daher waren hier die Heuerleute mehr auf den Ackerbau  gewiesen und gingen sodann auch mehr als aus dem südlichen Theile als Handarbeiter nach Holland. In den Heidegegenden, wo Schafe gehalten werden konnten, als die Marken noch nicht geteilt und mit Kiefern besamt waren, und theilweise noch gehalten werden, trat und tritt strichweise noch jetzt die Wollarbeit als Beschäftigung für die Nebenstunden statt der Bearbeitung des Flachses und Hanfes ein; doch findet dabei der bedeutende Unterschied statt, daß die Wollarbeit nie die Hauptbeschäftigung der Heuerleute gewesen ist, wie solches von der Arbeit in Flachs und Hanf zu behaupten steht. An der unteren Hase, wo der Flachsbau wieder bedeutender ist, hat man sich weniger auf Weben als auf Spinnen gelegt; indem nur Garn in bedeutenden Quantitäten von da in den Handel kam, wogegen der Absatz des Leinens immer unbedeutend geblieben ist.

Das Amt Vörden ist zwar an der Hase wohl an­gebaut, doch gibt es hier weite Heidestriche ( das Wittefeld) und Moore (das große Moor zwischen Vörden und Hunteburg); Am fruchtbarsten ist, wie­wohl nicht durchweg, das Kirchspiel Bramsche. Das Amt zählt 2649 Einw. auf die Quadratmeile. Der größte Theil der Population kommt auf die Hasege­gend, welche deßhalb sehr bevölkert ist, weil hier gute Wiesen eine erhöhte Agricultur möglich machen. Für die Anlage künstlicher Wiesen ist hier schon Vieles geschehen und wird noch unendlich viel mehr geschehen können. Freilich ist der Boden hier beson­ders im sog. Wittenfelde sandig, aber doch nicht der Cultur wiederstrebend; bei der niedrigen Lage würde wenigstens für einen Theil desselben wohl eine Be­wässerung möglich sein.

Das bevölkertste Amt in diesem nördlichen Theile ist Bersenbrück; in diesem Amte gehört das sog. Artland, die fruchtbare Niederung an der unteren Hase, welche die Kirchspiele Gehrde, Badbergen und Menslage und die Feldmarken der Stadt Qua­kenbrück umfaßt, zu den bevölkertsten Gegenden des Fürstenthums. Im Amte Bersenbrück kommen 3027 Menschen auf die Quadratmeile. Das Artland mag ungefähr Ein Drittel des Areals einnehmen, welches gegen 22.774 Einwohner zählt. Da von dieser Popu­lation 11.780 auf das Artland kommen, so würde dieses ungefähr 4.000 Menschen auf der Quadrat­meile ernähren. Es ist dies sehr viel, wenn man be­denkt, daß Badbergen Bruch-, Gehrde Bruch- und auch kleinere Heidstriche hat und das auf Menslage an der Nord- und Westgrenze zudem noch ein bedeu­tender Theil des sog. Hahnenmoores und Herberger Feldes kömmt.

Das über 7.200 Einwohner zählende große höher liegende Kirchspiel Ankum ist nur in den niederen Bauerschaften an der Grenze von Badbergen und Menslage fruchtbar, in den übrigen Theilen wird es vielfältig von unangebauten Heidhügeln durchzogen, hat aber schöne Bäche, welche mehr, als geschehen ist, zur Wiesencultur benutzt werden könnten.

Fruchtbarer sind im ganzen die kleineren Kirch­spiele Alfhausen und Bersenbrück, welche unweit der Hase liegen und daher mehr Wiesen haben. Auch enthält der Boden hier mehr Lehmtheile; doch können Flachs, Waizen, Gerste, Raps hier nur an ganz ein­zelnen Stellen gebaut werden.

Auch im Amte Bersenbrück haben wir die Er­scheinung, daß die Noth der Heuerleute im fruchtba­ren Artlande grösser ist als im übrigen Theile und zwar auch wieder aus dem einfachen Grunde, weil sie hier mehr eine gewerbetreibende als ackerbauende war. Würden erst hier solche Culturverbesserungen unternommen, wie es die Natur des Landes verlangt, so könnte es nicht fehlen, daß allen Heuerleuten ge­holfen werden könnte, und daß auch jetzt nicht über zu große Population zu klagen wäre. In keinem Theile des Fürstenthums wird nämlich wohl so leicht der Boden in der Weise durch eine Benutzung der Was­serkräfte umgestaltet werden können, wie na­ment­lich hier es möglich ist, wenn man nämlich aus der Hase unterhalb Bersenbrück links einen Ca­nal ablei­tete, durch welchen eine Bewässerung der unte­ren Bauerschaften des Kirchspiels Ankum und des links der Hase gelegenen Theils der Kirchspiele Bad­ber­gen und Menslage möglich gemacht würde, so daß die niedriger fließende sog. kleine Hase wieder zur Abwässerung diente. Die bereits vorhandenen Wiesen und Weiden würden nicht blos auf das außerordent­lichste verbessert, sondern zudem noch große Gras­flächen hervor gerufen werden, wie sie bis dahin im Fürstenthume nicht zu finden sind.

Der unfruchtbarste Theil des Fürstenthums ist das von Heidestrecken und Mooren durchzogene und dabei überall sandige Amt Fürstenau, wo nur 1.938 Menschen auf die Quadratmeile kommen. Und doch müssen wir behaupten, daß auch hier für die Cultur des Bodens Vieles geschehen könnte, da aus den vie­len Höhen überall Bäche hervorquellen, die aber längst nicht genug benutzt werden, so daß in diesem Amt, zumal die Heidschnucken immer mehr ver­schwinden, viel zu wenig Vieh für die Bedüngung des Ackers gehalten wird. Dazu kommt, daß auf dem mageren Sandboden die Kartoffel, welche dem Boden kein Stroh zurück gibt, unverhältnißmäßig viel gebaut wird, wovon die nothwendige Folge eine stete Ver­schlechterung des Ackerbodens ist. Die Heuerleute finden hier indeß noch besser ihr Auskommen als in vielen anderen Gegenden; deßhalb ist im Ganzen die Auswanderung, das Kirchspiel Bippen ausgenommen, noch nicht sehr bedeutend geworden.

Es ist einleuchtend, daß die verschiedene Boden­cultur des Fürstenthums auch auf die Heuerleute einen nicht zu verkennenden Einfluß übt. In Gegen­den, welche wie Grönenberg, das eigentliche Witt­lage, das südöstliche Iburg und Osnabrück und das ganze Artland, sehr bevölkert sind, kann der Colon dem einzelnen Heuerlinge weniger Land zur Bebau­ung geben, als dies in den minder angebauten Land­strichen der Fall ist. Oft sind es nur wenige Scheffel Saat, durchweg aber nicht soviel, daß der Heuerling das nöthige Brotkorn selbst bauen, geschweige etwas zum Verkaufe erübrigen kann. Es ist mithin nothwen­dig, daß eine Heuerlingsfamilie sich nebenbei etwas erwirbt, und dies geschah besonders in den genann­ten Theilen des Fürstenthums in dem Maße, daß wir sie in Beziehung auf die Heuerleute gar nicht acker­bauende, sondern nur gewerbetreibende Gegenden nennen können. Da die fruchtbaren Striche im Süden und die ganze Haseniederung im Norden sich sehr wohl zum Flachsbau eignen, so ist Spinnen und We­ben von jeher ein Haupterwerbszweig der ländlichen Population, besonders der Heuerleute gewesen, wie denn ja auch ein Spinnrad das alte Osnabrücksche Wappen ist. Auch Hanf gedeiht zum Theil recht gut, z.B. in dem südwestlichen Striche des Amtes Iburg, von wo aus hänfene, sogenannte Löwendleinen und Segeltücher in den Handel kommen.

In den nördlichen Aemtern wurde, die Gegend um Bramsche etwa ausgenommen, wenig Leinen zum auswärtigen Verkaufe gewebt, dagegen ist das Garn früher in großen Quantitäten nach Holland verkauft worden. Aus Menslage z.B. ging es vorzugsweise nach Enschede. In den unfruchtbaren Heidegegenden, wo Flachs nur in geringer Quantität und dabei von schlechterer Qualität gebaut werden konnte, wandte sich die häusliche Industrie der Wolle zu. Die großen Heideflächen gaben Gelegenheit, mit wenigen Kosten Heidschnucken zu halten, aus deren Wolle man ent­weder Strümpfe strickte oder das sogenannte Wol­laken bereitete und nach Holland absetzte.

 

Zu Kapitel 5

Der Verfall der häuslichen Industrie in Flachs,
Hanf und Wolle.

Zu diesem Thema schrieb Funke mehrere Seiten. Eingehend hat er die verschiedenen Probleme der häuslichen Textilverarbeitung beleuchtet. Es würde hier zu weit führen, wenn die an sich sehr interessan­ten Aspekte ausführlich beschrieben würden. Es ist allerdings erstaunlich, wie genau Funke auch über die internationalen Bezüge wie Zölle, Schiffsfrachtbedin­gungen, Einfluß der Baumwolle usw. informiert war. Kurz gefaßt kann man folgende Gründe für den Nie­dergang der heimischen Textilindustrie angeben:

  • Der Verdienst beim Spinnen von Flachs lohnte die Arbeit nicht mehr, so daß zum Teil schon der Flachs unverarbeitet verkauft wurde.
  • Das Weben von Leinen und Wollaken, daß an­fänglich einen besseren Verdienst versprach, wurde ebenfalls zunehmend unrentabler[10]. Die Gründe dafür sind die Konkurrenz der neuen Webmaschinen, die vermehrte Einführung von Baumwolle und Handelsbehinderungen durch Zölle beim Versand von Leinen in die tropischen Länder.

Funke betont in diesem Kapitel noch besonders, das die Heuerleute z.B. in den Kirchspielen Berge und Bippen nicht ganz so hart betroffen seien, da das dortige Verarbeiten von Wolle immer nur eine Ne­benbeschäftigung gewesen sei. In den Gegenden mit Flachsanbau und -verarbeitung sei dies wegen des hohen Arbeitsaufwandes fast die Hauptbeschäftigung der betroffenen Heuerleute gewesen.

 

Zu Kapitel 6

Die Verringerung des Verdienstes in Holland

Obwohl in der Heimatliteratur über die Hollandgän­ger viel berichtet worden ist, sollen hier doch einige authentische Aussagen des Zeitzeugen Funke aus­zugsweise angeführt werden.

… Als Handarbeiter, die nach Holland gehen, sollen jährlich gegen 25.000 die Brücke zu Lingen passiren. … Die Beschäftigung ist eine Verschiedene; doch ziehen die meisten dieser Arbeiter als Grasmä­her und Torfbaggerer fort. Andere sind Gärtner, Maurer, Tischler, Zimmerleute, Leimkocher, Matro­sen, Musikanten u.s.w. … Die Grasmäher gehen vorzüglich nach Nordholland, die Torfbaggerer mehr nach Groningen und Westfriesland; jene sind in der Regel ungefähr zwei Monate abwesend, ihr Verdienst betrug früher reichlich 30 bis 40 holländische Gul­den, welche sie frei zu Haus brachten; gegenwärtig ungefähr 20 holländische Gulden (= 10 Thaler Gold); diese sind gegen drei Monate abwesend und mochten früher wohl 100 holländische Gulden mit­bringen, wogegen sie jetzt 30 bis 40 Gulden mitzu­bringen pflegen. …

Eine große Heuer, bei der viel Land zu bestellen ist. konnte unter solchen Umständen, wo die Frau mit Kindern, die der Pflege vielleicht noch bedurften, allein zurückbleiben mußte, früher den Hollandgän­gern nur eine Last sein; sie wünschten sie daher auch gar nicht zu erlangen. Als noch 30 – 40 Gulden freies Geld in 6 Wochen und 80 – 100 Gulden in einem Vierteljahr verdient wurden, konnten die Pachtgelder beinahe  aus Holland geholt werden, wenn die Heuer nicht zu groß war. Der Verdienst mit Spinnen, Weben und sonstiger Handarbeit reichte dann für die weitere Unterhaltung einer Familie beinahe aus, zumal wenn  aus der Viehzucht auch noch Geld gemacht werden konnte. Es ist dieses alles jetzt wesentlich anders geworden. …

… Ganz versiegen wird diese Erwerbsquelle zwar nicht, indem die Holländer beim Torfbaggern und Grasmähen für den Augenblick mehr Leute nöthig haben, als das Land giebt; allein bei der Abnahme des Reichthums in Holland ist nicht daran zu denken, daß sie je wieder reichlicher fließen wird, zumal da die Holländer anfangen, solche Arbeiten, wie Heuen und Grasmähen, sogar das Torfbaggern selbst zu über­nehmen. …

… Es ist eine allgemeine Erfahrung, daß die Hol­landgänger nicht sehr alt werden – und wie könnte dieses auch wohl anders sein! Bei Tage Erhitzung und bei Nacht Erkältung, da sie kein Bett zu sehen be­kommen; dabei schwere Arbeiten mitunter halb im Wasser, und sogar noch schlechte Kost, indem sie sich alles, was nur möglich ist, abdarben; – welche Gesundheit könnte da für die Dauer bestehen! Als Hungerleider kehren sie zu ihren Familien zurück, nicht selten schon den Todeskeim in sich tragend. Welken sie dann frühzeitig dahin, so fällt meist die Familie der Gemeinde zur Last …

… Gutes Geld wurde früher auf holländischen Schiffen verdient. Zwar hat dieser Erwerb noch nicht völlig aufgehört, ist aber für das Ganze von keinem Belang mehr. Da der holländische Seeverkehr nie wieder das werden kann, was er früher war, vielmehr fortwährend abnehmen wird, so ist nicht daran zu denken, daß je wieder das Verhältniß einer früheren Zeit eintreten wird, in welcher Viele aus unserem Fürstenthume (besonders aus dem Kirchspiele Gehrde, auch aus Menslage) in ihren kräftigen, jün­geren Jahren auf Fahrten nach Ost- und Westindien und durch Theilnahme am Herings- und Wallfisch­fange in kurzer Zeit ein kleines Vermögen erworben haben, ja mitunter zu einigem Reichthume gelangt sind.

Fassen wir zusammen, was wir über den Handel und Verkehr mit Holland und über die Handarbeiten daselbst andeuteten, so dürfte die einfache Schluß­folge sein, daß die materiellen Vortheile, welche die hiesige Gegend von dort her hatte, sich fortwährend vermindern und daß keine Aussicht da ist, wie es in dieser Hinsicht besser werden kann; Daß es aber gegenwärtig bei dem  geringen Verdienste für Famili­enväter vortheilhafter ist, hier zu bleiben, als ihre Kräfte dem Auslande zuzuwenden, mögen auch noch immer unverheirathete junge Arbeiter, die hier nichts versäumen, dort leichter sich ein kleines Capital, womit sie ein eigenes Hauswesen anfangen, erwer­ben, als es hier in der Regel möglich ist.

 

Zu Kapitel 7

Die Nachtheile der Markentheilung für die Heuer­leute

In diesem Kapitel beschreibt Funke die Nutzung der gemeinsamen Mark durch die Heuerleute vor der Teilung.

  • Freier Vieheintrieb in die gemeinsame Weide. Sowohl Rindvieh, Schweine als auch Gänse. In Heidegegenden, wie in den Kirchspielen Berge und Bippen, auch Schafe. Durch eine relativ große Viehhaltung gewannen die Heuerleute durch die nächtliche Aufstallung viel Dünger für ihren Acker.
  • Freie Plaggengewinnung für die Ackerdüngung.
  • Freie Torf- und insbesondere Sandtorfgewinnung für die Feuerung. Freie Entnahme von Abfallholz ebenfalls für die Feuerung.

Nach der Teilung der Mark, die hauptsächlich in den Jahren zwischen 1820 und 1835 vorgenommen wurde[11] verloren die Heuerleute die oben aufgeführ­ten Nutzungsrechte, da ihnen kein Rechtsanspruch auf Beteiligung zustand. Die frühere Nutzung war ihnen als Mitglieder der jeweiligen Höfe gewährt worden.

Die fehlende Nutzung der Mark machte sich bei den vorgenannten Einnahmeausfällen bei der Flachs­verarbeitung und durch den geringeren Verdienst in Holland besonders schmerzlich bemerkbar.

Funke erklärte ausdrücklich, daß die Markentei­lung äußerst ungerecht gegenüber den Heuerleuten war und diese nicht hätten ausgeschlossen werden dürfen. Er schreibt:

… allein die Lage der Heuerleute hat sich da­durch nicht verbessert, sondern verschlechtert. Ein­mal wurde dieser Boden der Gesamtheit, wozu vor der Theilung die Heuerleute mit gehörten[12], entzogen und ging in den Privatbesitz über, so daß sie weiter keinen Nutzen davon hatten; und sodann wurde dieser getheilte Boden großentheils durch ihre Kräfte urbar gemacht, ohne daß ihnen der eigentliche Vortheil zufiel. …

… Freilich wurden in den Markentheilen oft neue Häuser von den neuen Eigenthümern derselben auf­gebaut und so manchen Familien eine Wohnstätte verschafft; nur müssen wir hinzusetzen, daß die Lage dieser Familien gewöhnlich eine solche war, daß sie sich wenig ihres Lebens freuen konnten. Wir glauben wenigstens dieses mit Sicherheit annehmen zu können, indem es durch diese nicht vorbereitete Vermehrung der Population dahin gekommen ist, daß unter 10 Heuerfamilien nach der Steuerrolle oft nicht mehr 1 oder 2 sich befinden, welche Personensteuer bezah­len. Die besitzlose Bevölkerung, das Proletariat unse­rer Fürstenthums, ist durch die Markentheilung ver­mehrt worden, was wir keineswegs als ein Glück für den Staat ansehen können; deren Wohlstand aber bedeutend verringert, was wir sehr beklagen müssen, und zwar um so mehr, da der Mensch, wenn ihn die schwere Noth des Lebens immer von neuem nieder­drückt, wenn all sein Sinnen und Trachten nur darauf hingeht, wie er sein Leben von einem Tage zum ande­ren fristet, am Ende alle Empfänglichkeit für die tieferen, sittlichen und religiösen Lebensrichtungen verliert. …

In den weiteren Ausführungen dieses Kapitel geht Funke auf den sittlichen und religiösen Aspekt der Verarmung noch eingehend ein. Dies entsprach na­türlich seiner Aufgabe als Seelsorger und gleichzeitig auch als Aufsichtsperson für die Schulen. Er beklagte sehr, daß die Kinder der Heuerleute vielfach zuviel mitarbeiten mußten – insbesondere als Viehhirten – und es sehr schwierig sei, sie auch nur einige Tage in der Woche zum Unterricht zu bekommen. Durch den mangelnden erzieherischen Einfluß befürchtete er eine zunehmende Verrohung und einen sittlich-religiösen Verfall bzw. eine Verwahrlosung.

 

Zu Kapitel 8

Die unbestimmten Dienste oder die Haushülfe

Die Preise für die Heuerstellen wurden nicht verrin­gert, obwohl die Nutzung der Mark entfallen war. Die Hausmiete war im allgemeinen nicht sehr hoch, aber die Hilfe, die die Heuerleute leisten mußten, wurde eher noch erhöht, da durch die neuen Grund­stücke aus der Mark mehr Arbeit auf den Höfen an­fiel. Diese sogenannten ungemessenen Dienste waren für den Heuermann besonders drückend, d. h. in vielen Fällen war die Hilfe, die ein Heuerling leisten mußte, nicht exakt festgelegt.

Funke betonte ausdrücklich, daß die Verhältnisse auf den Höfen in bezug auf die Heuerleute sehr unter­schiedlich waren. Aber neben harmonischen gab es doch wohl auch viele Fälle, in denen der Bauer zu­wenig Rücksicht auf seine Heuerleute nahm. Funke schreibt dazu u.a.:

Nicht selten tritt auch der Fall ein, daß die Heu­erleute plötzlich auf einzelne Stunden von dem Colo­nen zur Arbeit aufgerufen werden, was besonders nachtheilig ist, indem sie alsdann oft mitten in ihren Arbeiten dieselben liegen lassen müssen. Häufig wird ihnen dann nicht einmal die Kost verabreicht. Sind die Colonen billig[13], so muß das Drückende, welches in der Haushülfe liegt, in einem gewissen Grade schwinden. Ganz anders aber stellt sich das Verhält­niß heraus, wenn bei ihnen die Rede: „Wenn wir pfeifen, so müssen die Heuerleute kommen,“ eine Wahrheit geworden ist; – und Beispiele, wo solches der Fall ist, sind in der That nicht selten.

Es sind uns Fälle bekannt, wo sich die Heuerleute schon zur Ruhe niedergelegt hatten, als Bestellung zu Handdiensten auf den folgenden Tag Statt fanden, und wo auf die wohlbegründete Vorstellung, daß dieses nicht wohl möglich sei, indem sie dann selber bereits angefangene Arbeiten, die durchaus beendet werden müßten, zu ihrem größten Nachtheil liegen lassen genöthigt würden, nichts anderes erfolgte, als die Antwort: Ihr sollt kommen. …

… Wir können Beispiele[14] anführen, wo sie, ohne dem Heuermanne, mag er auch noch so nahe woh­nen, die geringste Nachricht zukommen zu lassen, wann die Hülfe stattfinden soll, sondern ohne weite­res, meist wenn das Wetter für die eigene Arbeit zu ungünstig erscheint, mit Pferden, Pflug und Wagen ankommen, um den Acker zu bestellen, mag der Heu­ermann zu hause sein oder nicht. Muß nicht solche Rücksichtslosigkeit, die ja leicht vermieden werden könnte, bei dem Heuermanne Bitterkeit erwecken?

Wir sind es jedoch der Wahrheit schuldig, hier zu bemerken, daß die Anzahl der Colonen, welche es mit ihren Heuerleuten wohl meinen, nicht gering ist, und daß in solchem Falle das Verhältniß ein durchaus billiges wird, so daß beide Theile sehr wohl mit den gegenseitigen Prästationen[15] bestehen könnten, wenn nur die übrigen Lebensbedingungen für die Heuer­leute günstiger wären.

Funke brachte noch weitere Beispiele und kam endlich zu dem Schluß, daß schriftliche Kontrakte mit genau festgelegter Hilfeleistung notwendig seien. Es ist merkwürdig, daß Funke die 1845 im Kirchspiel Menslage geschlossene Vereinbarung[16] zwischen Grundbesitzern und Heuerleuten nicht anführte. Denn in dieser Vereinbarung waren gerade die von ihm beklagten Mißstände einvernehmlich – zumindest versuchsweise – beseitigt. Man kann nur annehmen, daß er diesen Text schon vorher geschrieben hatte (siehe Einleitung) und dann bei der Buchausgabe nicht daraufhin korrigierte. Eine andere Möglichkeit ist, daß die genannte Vereinbarung relativ wirkungs­los geblieben war.

Deutlich schilderte Funke aber auch eine gewisse Entfremdung zwischen den Grundbesitzern und den besitzlosen Heuerleuten. Die wirtschaftliche Lage der Grundbesitzer hatte sich im Gegensatz zur Lage der Heuerleute allgemein verbessert. Funke sah etwa jetzt das Verhältnis so, wie es früher zwischen den Besit­zern der Höfe und den eigenbehörigen Bauern war.

… Wie früher der Gutsherr die Eigenbehörigen im Gegensatz von sich „Leute“ nannte, ebenso redet jetzt bereits der Colonus von „Leuten“, wenn er im Gegensatz von sich die Heuerleute bezeichnen will.

 

Zu Kapitel 9

Die Schul- Kirchen-, Communal- und Staatslasten
der Heuerleute

In diesem Kapitel beschreibt Funke die einzelnen Abgaben, Steuern und Schulkosten der Heuerleute. Allgemein hält er diese für niedrig und wenig bela­stend. Er möchte die Heuerleute eher noch mehr in die gemeindlichen Abgaben und Hand- und Spann­dienste eingebunden sehen. Sie sollten mehr vollwer­tige Glieder der Gemeinschaft sein, da:

… Politisch sind die Heuerleute durchaus unselb­ständig, indem sie weder als Mitglieder der Gemeinde noch des Staates auf irgend eine Weise vertreten sind[17], und doch bilden sie 2/3 der Bevölkerung unse­res Fürstenthums! Ja, nur zu oft werden sie als eine so gut als gar nicht vorhandene Menschenklasse be­trachtet. Auf Bauerschaftsversammlungen nicht ein­mal erscheinen sie mit; Verordnungen, welche dort bekannt zu machen sind und eben deshalb den Vor­stehern von der Obrigkeit zugehen, gelangen deßhalb nicht zur Kunde derselben; so geschieht es denn häu­fig, daß sie wider Gesetze fehlen, von deren Vorhan­densein sie gar keine Ahnung haben. Es wäre in der That wünschenswerth, daß es in dieser Hinsicht an­ders würde, und daß man namentlich bei Gemeinde­angelegenheiten das Interesse der Heuerleute wenig­stens nicht völlig außer Acht ließe.

 

Zu Kapitel 10

Der Luxus und die Vergnügungssucht

Ausführungen zu diesem Kapitel wollen wir uns er­sparen, da Funke hier allzusehr – jedenfalls nach unseren heutigen Vorstellungen – ganz allgemein einen Sittenverfall sah und beklagte. Zu wenig Spar­samkeit, dazu Putzsucht und Alkoholismus sind ja Themen, die zu allen Zeiten den jüngeren Leuten oft von der älteren Generation vorgeworfen werden. Außerdem gingen seine Vorwürfe hauptsächlich an die Dienstboten und gehörten demnach eigentlich gar nicht zum Thema seines Buches. Trotzdem widmete Funke diesem Punkt fast sechs Seiten.

 

Zu Kapitel 11

Die Stimmung der Heuerleute

Grundsätzlich erklärte Funke in diesem Kapitel, daß die Stimmung unter den Heuerleuten sehr schlecht sei und dies auch aus den dargelegten Gründen. In den vorhergehenden Abschnitten hat er ja m.E. auch sehr sachlich und deutlich die schwierige Lage derselben geschildert. Jetzt brachte er aber einen anderen Aspekt mit hinein:

… Es läßt sich zwar nicht leugnen, daß die Noth der Heuerleute, wie wir solches glauben nachgewie­sen zu haben, allerdings in den letzten Jahrzehnten  groß genug geworden ist; aber wenn die Behauptung wahr ist, daß Armuth an sich weder für ein Volk noch für den Einzelnen ein Unglück ist, wenn Religiosität, Einfalt und Sittenreinheit vorhanden ist: so findet diese Behauptung auch auf die Verhältnisse der Heu­erleute ihre Anwendung; denn gewiß würde die Noth derselben nicht so groß geworden sein, wenn mit einer lebendigen Religiosität die Einfalt des Gemüths und die Sittenreinheit bewahrt wäre. Weil aber bei zu Vielen der feste religiöse Grund verloren gegangen ist, so fehlt auch die rechte Ergebung und Geduld, welche im Vertrauen auf Gott ausharrt, und jene Hoffnung, welche nicht zu Schanden werden läßt.

Daß man in Zeiten der Noth sich schicken, sich einschränken und entsagen und entbehren, dabei aber mit verdoppelter Kraft arbeiten muß, davon will man nichts wissen. …

Wie oft hat Funke im vorherigen Teil eindeutig darauf hingewiesen, daß die große Not ihre Ursachen nicht bei den Heuerleuten selbst hatte. Und dann diese Gedanken, daß ihnen der rechte Glauben und die Ergebung in ihr Schicksal fehlen würden. Hiermit schob er ihnen einen Teil der Schuld selbst zu, gerade so wie heutzutage, wenn von verschiedenen Leuten z.B. den Arbeitslosen, unterschwellig auch eine Mit­schuld an ihrer Lage gegeben wird. Es klingt nach Selbstgerechtigkeit und sollte wohl eine allgemeine Warnung sein, sich in ein „Gottgewolltes Schicksal“ oder in die „Gottgewollte Ordnung“ zu fügen.

Zum Schluß des Kapitels relativiert er allerdings seine anfänglichen Aussagen, indem er schrieb:

… Wir müssen bekennen, daß sehr oft die Heuer­leute von vornherein in Lebensverhältnisse versetzt werden, in welchen ihnen ein sittlich-religiöses Le­ben, wenn auch geradezu nicht unmöglich gemacht, doch sehr erschwert wird, indem der feste gesunde Boden fehlt, auf welchem es sich entwickeln kann; die Sorge und Arbeit um das tägliche Brot reibt eine Heuerfamilie nur zu häufig, leiblich wie geistig, völ­lig auf. …

Funke bemerkte dann aber doch noch wieder, daß es früher besser gewesen sei – mit der Sparsamkeit und Ordnungsliebe. Die jungen Leute wären als Dienstboten durch reichliche Löhne usw. bei den Colonen verwöhnt (!), und jetzt als Heuerleute im eigenen Hauswesen könnten sie sich nicht an die frühere Sparsamkeit gewöhnen.

Es paßt in diesem Kapitel alles nicht recht zu­sammen – jedenfalls nicht für uns in unserer jetzigen Gedankenwelt, obwohl sich einem merkwürdige Analogien zur heutigen Zeit aufdrängen.

 

Wir kommen jetzt zum zweiten Teil des Buches mit dem Untertitel:

 

Mittel zur Verbesserung der Lage der Heuerleute

 

Zu Kapitel 12

Die Einwirkung der Auswanderung nach Amerika
auf den Zustand der Heuerleute

Bei der zunehmenden Verarmung[18] sah es Funke als ein Glück an, daß eine bedeutende Auswanderung in die USA stattfand. Nachteilig sei jedoch der enorme Kapitalabfluß. Sinngemäß schrieb er:

Aus Menslage sind in den letzten 10 Jahren (1836 – 1846) beinahe 400 Personen fortgezogen nach den USA, welche an Kapital etwa 30.000 Taler mitge­nommen haben. Das waren etwa 1/8 der Kirchspiels­bevölkerung[19]. Ein weiteres angegebenes Beispiel ist Gehrde, von wo in dem genannten Zeitraum etwa 500 Personen mit über 38.000 Taler auswanderten.

Funke bedauert natürlich auch den Verlust gerade vieler junger, strebsamer Leute. Weiterhin den begin­nenden geringeren Zuwachs an Kindern, da eben viele junge Familien und ledige Heiratsaspiranten den Weg in die USA nahmen. Andererseits wurden durch die Verringerung der Bevölkerung die Bedingungen für die verbleibenden Heuerleute besser. Die Colone mußten sich umstel­len:

… Auch in sofern hat die Auswanderung wohltä­tig eingewirkt, als die Behandlung der Heuerleute von Seiten der Colonen bereits eine viel humanere gewor­den ist. Hat derselbe fleißige und sparsame Heuer­leute, so ist er mehr als früher bestrebt, sich diese zu erhalten; auch wird bereits bei den durch mancherlei Unglücksfälle zurückgekommenen größere Nachsicht geübt.

So können wir denn nicht leugnen, daß die Aus­wanderung in vieler Hinsicht für die nach dem dama­ligen Zustande der Agricultur und bei den jetzigen ungünstigen Conjuncturen für Gewerbe und Handel übervölkerten Theile des Fürstenthums Osnabrück wohltätige Folgen gehabt hat; wenn auch oft sehr zu bedauern sein mag, daß manche, meist in der Kraft ihrer Jahre stehenden, tüchtigen Leute dem Vater­lande entzogen werden, unter dessen Schutz und Schirm sie von Jugend an nicht nur leiblich genährt, sondern auch durch Schule und Kirche für ein höhe­res, geistiges Leben erzogen wurden. …

 

Zu Kapitel 13

Die Vergrößerung der Heuern und die Verbesserung der Landwirthschaft durch Wiesencultur

Diesem Thema widmete Funke 22 Seiten seines Bu­ches und damit fast ein Viertel des gesamten Um­fangs. Neben der verbesserten Wiesenkultur behan­delte er aber auch die allgemeine Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsmethoden. Die breit angelegte Behandlung dieser Fragen lassen den Schluß zu, daß Funke ein guter Kenner der Materie war und ihm diese auch sehr am Herzen lag. Ob er aus einer Bauernfamilie stammte, wissen wir nicht, aber zur damaligen Zeit war die Nähe zur Landwirt­schaft allgemein doch noch sehr ausgeprägt.

Grundsätzlich wollte Funke den Heuerleuten durch eine Vergrößerung der Heuerstellen helfen. Dies war in unserer Gegend, die schon stark bevöl­kert war, nur durch intensivere Bodennutzung mög­lich. Die gewerbetreibenden Heuerleute – so bezeich­nete er ja vorne im Buch diese Volksschicht wegen der Flachsverarbeitung und der Saisonarbeit in Hol­land – sollte eine ackerbauende werden. Er gab fol­gende Maßnahmen zur Verbesserung der Landwirt­schaft und zur Erhöhung der Produktionskraft des Bodens an:

  • Schaffung von Rieselwiesen zur Erhöhung der Heuproduktion. Dies war wiederum Vorausset­zung für eine vergrößerte Viehhaltung.
  • Durch vergrößerte Viehhaltung mehr Dünger für das Ackerland, nach dem bekannten Motto: Das Grünland ist die Mutter des Ackerlandes.
  • Beide vorgenannten Maßnahmen als Vorausset­zung für die Kultivierung der mageren Heidesande in der aufgeteilten Mark. Eine Kultivierung ohne Zufuhr von Stalldünger hielt Funke damals für unmöglich und damit sinnlos.
  • Sind nicht genügend Flächen für Rieselwiesen vorhanden, sollte durch vermehrten Futterbau das Verhältnis zwischen Viehhaltung und Ackerbau verbessert werden.
  • Schaffung von Ackerbauschulen zur gründlichen Ausbildung der Landwirte, damit diese alle neuen Erkenntnisse, z.B. von Justus Liebig über den Nährstoffbedarf und -verbrauch der verschiedenen Nutzpflanzen, kennen lernen könnten.

Alle Maßnahmen zielten auf eine verbesserte Boden­kultur hin, damit den Heuerleuten die Möglichkeit für eine lebensfähige Landwirtschaft eröffnet würde. Diese sollten dann besonders intensiv Ackerfrüchte anbauen, die auf kleiner Fläche bei guter Pflege hohe Erträge bringen könnten. Funke sprach von der „Inneren Colonisation“, die dem Lande not täte. Er betonte immer wieder, daß eine große Viehhaltung die Voraussetzung für lebensfähige Heuerstellen sei. Unter anderem sollte dadurch auch eine bessere Er­nährung gewährleistet werden:

… Bei der Vermehrung des Viehbestandes wird der Heuermann bessere und kräftigere Nahrung ge­winnen, als er bisher zu genießen hatte, und zwar nicht nur insofern, als er ohne baare Auslagen gutes Fleisch für den eigenen Haushalt gewinnt, sondern auch, indem er – was wohl zu beachten ist – durch die vermehrte Michproduktion in den Stand gesetzt wird, mit seiner Familie kräftige Milchspeisen zu genießen. Der erschlaffende, leider in hiesiger Gegend nur zu viel getrunkene Kaffee und dessen Surrogate (Cichorien-, Roggen- und Gerstenkaffee etc.) würden dann selbst allmälig verdrängt werden. Es ist aber nicht wohl möglich, derartige, dem Landmanne keine Kraft gebenden Getränke zu verbannen, wenn Milch nur in geringer Quantität da ist und noch dazu Butter daraus gewonnen werden muß. …

Daß die übrigen Bedingungen für die Heuerleute ebenfalls verbessert werden sollten, war für Funke selbstverständlich. Schriftliche Heuerkontrakte, ge­sunde Wohnungen, keine ungemessenen Dienste, jährliche Abrechnungen usw. Diese Forderungen entsprachen eigentlich genau den Punkten der sog. „Menslager Vereinbarung zwischen Bauern und Heu­erleuten, die 1845 abgeschlossen wurde. Dieses Thema griff Funke im Schlußkapitel noch wieder auf.

Ganz allgemein sollte der Heuermann mehr Selb­ständigkeit bekommen und dadurch zu einem aner­kannten und vollwertigen Gemeindemitglied werden. Funke schlug sogar vor, daß die Heuerleute, da sie ja mehr Milchvieh halten sollten, diese zur Anspannung mit nutzen sollten. Dann brauchten sie die bisherige Pferdehilfe des Bauern auch nicht mehr zu bezahlen oder abzuarbeiten. Durch die relativ leichte Arbeit der Kühe würde der Milchertrag nur unwesentlich verringert.

 

Leider kann dies vorliegende Kapitel nicht um­fassend erläutert werden. Es sei auf den Vorsatz zu diesem Beitrag hingewiesen. Funke gab noch eine Fülle von Informationen z.B. über die Landwirtschaft in Belgien und England, die Wirkung einer Wiesen­berieselung, die hohe Bedeutung der Fruchtfolge, die Lage der Heuerleute in den Bezirken Arenberg-Mep­pen, Bentheim und Lingen u.v.m. Außerdem wies er oft auf betreffende Literatur hin.

Funke dachte seiner Zeit weit voraus und wollte auch durch seine Vorschläge anregen und erreichen, daß niemand aus Not seine Heimat verlassen müßte.

 

Zu Kapitel 14

Hebung der Industrie

Zum 1830 gegründeten Menslager Garnverein schreibt Funke in einer Fußnote:

Meistens haben sich solche Vereine, mit oft nicht unbeträchtlichen Einbußen der Theilnehmer, auflösen müssen. So auch ein Garn- und Leinenverein, welcher sich in den Jahren 1830-1831 im hiesigen Kirchspiel bildete und von der königl. Landdrostei zu Osna­brück, welche eine namhafte Summe mehrere Jahre zinsfrei herlieh, unterstützt wurde. Der Verein ließ Garn aufkaufen, gehörig sortiren und daraus breite Leinen, zunächst für Holland, weben. Der Anfang des Unternehmens war nicht ungünstig; man fand einen passenden Markt in Amsterdam und Edam. Bald in­deß lief die Conjunctur ungünstig entgegen, indem die baumwollenen Zeuge den Leinenbedarf in dem Maße verringerten, daß der Verein nur zu sehr nied­rigen Preisen Absatz fand. Die Folge war, daß das Geschäft ungeachtet der nicht unbedeutenden Aufop­ferungen, welche zunächst noch gemacht wurden, aufhören mußte.

Es ist inzwischen durch den Verein bewirkt wor­den, daß man anfing, bessere Garne zu spinnen und breitere und dabei schönere Leinen zu weben; denn es bewährte sich, daß die beste Waare sich am längsten auf dem Markte hielt und den meisten Vortheil brachte. Die tüchtigen und fertigen Weberinnen, welche aus dem Verein hervorgegangen sind, müssen freilich jetzt mehr oder weniger unbeschäftigt bleiben, würden aber unter günstigeren Handelsconjuncturen gewiß mit ihren starken, schönen und breiten Gewe­ben einen vortheilhaften Markt finden.

Vor dem Hintergrung dieser Entwicklung sah Funke nur in einer wesentlichen Verbesserung des Flachsanbaus und Verarbeitung eine Möglichkeit, auch in Zukunft noch an eine zusätzliche Verdienst­möglichkeit für Heuerleute zu denken. Er erklärte, daß z.B. in Belgien und besonders in Irland zwi­schenzeitlich eine enorme Qualitätssteigerung durch neue Verarbeitungsverfahren erfolgt sei. Außerdem sollte der Leinenverbrauch im eigenen Lande vergrö­ßert werden.

Weiterhin wies Funke auf die schwierige Zollsi­tuation für das Königreich Hannover hin und auf den aggressiven Außenhandel der englischen Industrie:

… Die Engländer führen einen Vernichtungskrieg gegen die deutsche Industrie, suchen sie überall aus dem Felde zu schlagen, und wie sehr dieses ihnen auf vielen Puncten gelungen ist, fühlen wir bereits auf das empfindlichste. Bei der Herrschaft, welche die englische Industrie gewonnen hat, wird indeß nicht nur der deutschen Industrie auswärts der Absatz ge­nommen, sondern dieselbe auch im Lande selber gehemmt. …

Ohne einen Zollverein für mindestens ganz Norddeutschland, der direkten Handel mit Übersee ermöglichen sollte, sah Funke jedoch auch für eine verbesserte Flachs- bzw. Leinenproduktion wenig Chancen.

 

Zu Kapitel 15

Schluß

Neben den in den Kapiteln 12-14 gemachten Vor­schlägen zur Verbesserung der Lage der Heuerleute, machte Funke zum Schluß noch weitere Vorschläge:

  • Einrichtung von Sparkassen.
  • Einrichtung von Vieh-Versicherungsvereinen
  • Gründung von Sparvereinen mit Funktionen wie sie später tatsächlich in den Bezugs- und Absatz­genossenschaften verwirklicht wurden.
  • Verbesserung des Armenwesens

 

Weiterhin stellte Funke noch Forderungen bezüglich der Heuerkontrakte auf, die jedoch schon 1845 in einer Vereinbarung zwischen den Bauern und Heuer­leuten grundsätzlich festgelegt wurden. Wie schon in den Erläuterungen zu Kapitel 8 gesagt, hat Funke diese Vereinbarung offensichtlich nicht zur Kenntnis genommen. Warum dies so ist, können wir leider heute nicht mehr nachvollziehen. Siehe dazu auch den Beitrag in diesem Heft: „Die Menslager Vereinba­rung zwischen Colonen und Heuerleuten von 1845.“

Zum Abschluß sollen jetzt noch die Schlußworte von Pastor Funke sein seelsorgerisches Anliegen deutlich machen:

… Daher ist unser Hauptaugenmerk bei der Her­vorhebung der Mittel zur Verbesserung der Lage der Heuerleute gewesen, überall darauf hinzuweisen, wie ein solcher Boden [zur Entwicklung der Arbeitskräfte der besitzlosen Bevölkerung] zu gewinnen sei. Damit ist aber noch längst nicht genug gethan; auch die Bevölkerung, welche den Boden gewinnt, muß eine gesunde sein. Diese aber ist nicht bloß durch die gegenwärtige Noth, sondern überhaupt durch die verweltlichte Richtung der Zeit nur zu häufig geistig verkümmert, ja mitunter wirklich verwahrlost. Hier muß das Christenthum mit seiner ganzen Lebensfülle als die läuternde Macht aller Zeiten eingreifen und, alles unlautere Wesen überwältigend, die Keime eines neuen wahrhaft sittlichen und religiösen Lebens wecken und zur Entwicklung bringen.

Wie dem Christenthume diese Einwirkung zu ver­schaffen sei, können wir hier nicht ausführen, da wir uns nur mit den äußeren Lebensverhältnissen einer wieder emporzuhelfenden Volksklasse beschäftigt und nur beiläufig deren neueres Leben berührt haben. Es ist aber die innere Belebung und Kräftigung auch der niederen, vielfältig verkommenen Volkselemente durch die evangelische Wahrheit die große Aufgabe der Zeit, ohne deren Lösung alle äußerliche Hülfe in der Noth nicht wahrhaft Heil und Segen bringen kann.

 

In diesen Schlußworten klingt m. E. die geistige Grundeinstellung mit pietistischen Elementen von Funke an, die dem durch Pastor Möllmann segens­reich aufgeklärten Kirchspiel Menslage wahrschein­lich offenbar geworden war und nicht zeitgemäß erschien. Wie schon eingangs geschildert, wollte man Pastor Funke nicht als Seelsorger haben. Siehe hierzu die unter Fußnote 1 und 2 angegebenen Beiträge. Ob auch seine im Buch geschilderten Sorgen und Vor­schläge zur Lage der Heuerleute ebenfalls zu dieser Ablehnung durch die Colone beitrugen, können wir nicht mehr nachvollziehen.

 

Es gab z.B. auch von der Regierung Bemühungen zur Verbesserung der Lage durch ein „Gesetz, die Verhältnisse der Heuerleute betreffend“, das 1848 herausgegeben wurde. Wahrscheinlich waren aber alle Maßnahmen nur unvollkommen, denn wie in Fußnote 18 gezeigt, hielt die Auswanderung unver­mindert an. Funke schrieb dazu, daß sogar relativ gutsituierte Heuerleute auswanderten, da diese, bevor ihre kleinen Ersparnisse durch die schlechte Lage aufgezehrt seien, vorausschauend sich zur Auswan­derung entschlossen hätten.

 

Trotz aller auch später noch vorgenommenen Verbesserungen, blieb die Lage der Heuerleute immer schwierig und das Verhältnis zwischen Bauern und Heuerleuten immer problembehaftet. Gelöst wurde das komplexe Verhältnis erst nach dem zweiten Welt­krieg durch die allmähliche Auflösung des Systems.

 

 

[1] siehe hierzu: Karl-Heinz Zissow in: „Kirchspiel Menslage, Beiträge zur Geschichte, 1990“, Kirche und Kirchspiel von der Gründung bis 1850, Seite 34/35.

[2] siehe hierzu: Lübbert zur Borg in: „Kirchspiel Menslage, Beiträge zur Geschichte, 1990“, 1845 – Es bleibt uns nur Amerika, Seite 119/125.

[3] „Colon“ war zu der Zeit die allgemeine Bezeich­nung für die Hofbesitzer.

[4] Besonders interessant sind die Ausführungen über die allgemeine Lage der Landwirtschaft im Fürsten­tum Osnabrück, die im Kapitel 4 dargestellt sind.

[5] gemeint sind nach unserem jetzigen Sprachge­brauch „Rücklagen“.

[6] St.A. Osnabrück Rep 360 Mens. Nr. 11, Amtsbe­richt.

[7] Eine (hannoversche) Meile sind 9.348 Meter. Eine Quadratmeile sind demnach 87,38 km².

[8] Gemeint ist hier der landwirtschaftliche Anbau.

[9] Gemeinsam genutzte Mark.

[10] Der Menslager Garnverein von 1830 hatte haupt­sächlich die Vermehrung und Verbesserung der Leinenweberei zum Ziel.

[11] Siehe hierzu auch den Beitrag „Die Markenteilung der Vierbauerschafter Mark“ in diesem Heft.

[12] An dieser Stelle ist folgende Fußnote von Funke eingefügt: In Beziehung hierauf sagt A. v. Haxthausen a.a.O. S.96: „Hut und Weide auf der ganzen Feldmark halten wir für ein Ueberbleibsel jenes uralten Gesamteigenthums, welches allen Gemeindegliedern an der ganzen Feldmark zustand, wovon sie nur stets die Nutznießung, nicht das Ei­genthum besaßen.“ Bei der Theilung sind aber die Heuerleute nicht als Gemeindeglieder angesehen worden. Wir wissen freilich wohl, daß die Heuer­leute auch vor der Theilung rechtlich selber keinen Antheil an der Mark hatten, sondern nur vermöge der Berechtigung ihres Grundherren; allein factisch wurden sie als berechtigt angesehen und mei­stentheils fand gar keine Beschränkung hinsichtlich der Benutzung Statt.

[13] Gemeint ist hier, daß der Colon auf die Arbeiten der Heuerleute Rücksicht nimmt.

[14] Dieses Beispiel gilt für die Pferdehilfe des Bauern für den Heuermann.

[15] Leistungen.

[16] Der Text dieser Vereinbarung ist weiter hinten in diesem Heft wiedergegeben.

[17] Zum Militärdienst waren die Heuerleute jedoch verpflichtet. Funke schreibt, daß fast nur Heuerleu­tesöhne zum Militärdienst kämen, da die Söhne der Grundbesitzer aus verschiedenen Gründen frei­gestellt werden könnten und sich notfalls freikauf­ten.

[18] Funke nennt einige Beispiele: In R(enslage) sind ein Drittel der Schulkinder arm, d.h. die Eltern kön­nen kein Schulgeld zahlen. In Kl. M(immelage) und H(ahlen) ein Viertel. 1845 waren im Kirchspiel von 500 Schulkindern 133 arme.

[19] Bis 1860 waren es dann fast 1.000 Menschen, was etwa einem Drittel entspricht.