Gutes Bauernhaus in Holland
BAUERNHAUS IM HOLLÄNDISCHEN DORFE BELLINGWOLDE
Das holländische Dorf Bellingwolde liegt ganz nahe der Grenze
zwischen Deutschland und den Niederlanden. Es steht auf dem Boden des gleichen Bourtanger Moores, das in Deutschland, nämlich im Ems land, fast unkultiviert blieb, während auf dem gleichen Boden in Holland eine im wahrsten Sinne volkswirtschaftliche Arbeit geleistet wurde, die dem Ganzen u n d dem Einzelnen diente. Das Bauernha us des vorstehenden Bildes ist nicht etwa eine Ausnah meerscheinung für das Grenzdorf Bellingwolde, sondern ein Typ im Sinne einer holländischen Selbstverständlich keit. Aber im deutschen Emsland sind Bauern und Heuerlinge nicht sehr weit vom Verhungern. Ungezählte Heuerlingsfamilien schlafen in „Butzen“, schlafen auf Strohlager in einer geräumigen Kiste, über sich das durchlöcherte Dach, durch das Regen und Schnee fällt. Die Tuberkulose ist ihr jahrzehnte langes, ach, jahrhundertelanges Schicksal.
Das Fahrrad machte mobil
Georg (George) Vennemeyer
Heinrich Kuhr – ein Siedlungspionier
Heinrich Kuhr gab den Heuerleuten eine Stimme
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges kehrten zahllose emsländische Heuerleute von der Front zurück in die Heimat. In der Regel waren sie vor dem Krieg nicht über ihre eigenen Heimatsgrenzen hinaus gelangt. Nun besaßen sie aber Kenntnis über die Lebensumstände in anderen Landstrichen, was ihnen ihre nicht selten elende Lage drastisch vor Augen führte. Wirtschaftlich befanden sie sich ganz und gar in Abhängigkeit von dem Bauern, der ihnen Land zur Bewirtschaftung verpachtet hatte. Häufig wohnten sie bei ihm im hofeigenen Heuerhaus zur Miete. Die Gegenleistungen der Heuerleute waren von Ort zu Ort sehr unterschiedlich und reichten von landwirtschaftlichen Hilfsarbeiten und/oder der Zahlungen in Bargeld bis hin zur Unterstützung der Bauernfamilie beim Brotbacken oder beim Waschen. Die genaue Ausgestaltung dieser gegenseitigen Verpflichtungen basierte durchweg auf mündlichen Vereinbarungen. Hieran entzündete sich in der Nachkriegszeit ein folgenreicher Streit.
Am Himmelfahrtstag 1919 wurden die Heuerleute des Lingener Landes aktiv. Auf einer Protestkundgebung in Lengerich forderte Josef Deters aus Handrup eine ausreichenden politische Vertretung der Heuerleute und Knechte sowie die Verabschiedung neuer Gesetze, um die ländlichen Löhne, den Pachtschutz und die Mieten verbindlich zu regeln.
Zur Förderung dieses Begehrens gründete man den Verein christlicher Heuerleute, Kleinbauern und Pächter (VCH). Diesem Verein schloss sich der Heuerlingssohn Heinrich Kuhr aus Bramhar/Kreis Meppen an.
Kuhr hatte noch sieben Geschwister und kannte die Armut der Heuerleute aus eigener Anschauung. 1920 heiratete der kriegsversehrte Heuermannsohn die Heuermannstochter Josephine Hilbers aus Bramhar/Kreis Lingen und arbeitete bis 1926 auf der väterlichen Heuerstelle.
1923 erwarb er im Bienerfeld 11 Hektar Land, das er nebenbei nach und nach kultivierte. Schließlich zog er als Siedler nach Bienerfeld um.
Inzwischen war Heinrich Kuhr zum führenden Heuerlingsvertreter der Region Emsland/Grafschaft Bentheim aufgestiegen. Aufgrund des enormen Mitgliederzuwachses stellte die VCH Anfang 1920 den Gründer Josef Deters als hauptamtlichen Geschäftsführer ein und wählte Kuhr zum Vorsitzenden.
Sitz der Organisation wurde nun Lingen. Kuhr vertrat den Verband bei Verhandlungen mit Ministerien in Berlin. Zusammen mit einem verbündeten Heuerlingsverband aus der Osnabrücker Region konnte noch 1920 die Verabschiedung eines vorläufigen Pachtschutzgesetzes durch den preußischen Landtag erreicht werden. Es bewahrte die Heuerleute davor, von einem Tag zum anderen gekündigt zu werden. Der VCH dehnte sich über das ganze Emsland, Grafschaft Bentheim und die katholischen Teile des angrenzenden Osnabrücker Umlandes aus.
1923 hatte der Verband unter Führung Kuhrs ca. 3000 Mitglieder und war neben dem emsländischen Bauernverband (EBV) die einflussreichste Organisation des Emslandes. Bedeutende Repräsentanten des EBV besaßen einflussreiche Positionen in der emsländischen Zentrumspartei. Die Heuerleute sahen demgegenüber im Osnabrücker Sekretär der katholischen Arbeiterverbände, Josef Hagemann, den Mann ihres Vertrauens. 1919 noch ein Spitzenkandidat der Zentrumspartei, war Hagemann zu Gunsten des EBV Vertreters Theodor Pennemann aus Brual zur Reichstagswahl 1920 und auch 1924 auf einen aussichtslosen Listenplatz abgerutscht. Die aufgebrachten Heuerleute, deren Hoffnung auf eine Aufwertung Hagemanns enttäuscht worden waren, wanderten unter der Führung von Josef Deters 1924 daher in Scharen zu einer neuen Splitterpartei ab.
Im Gegensatz zu Deters engagierte sich Kuhr, bereits 1921 für die katholische Zentrumspartei in den Lingener Reichstag eingerückt, in dieser neuen Partei jedoch nicht. Aufgrund ihrer schweren Wahlniederlage kam das Zentrum Ende 1924 den Heuerleuten politisch und personell entgegen. Kuhr wurde daher von 1925 bis 1933 als Spitzenkandidat des Zentrums in den Hannoverschen Provinziallandtag entsandt und gelangte gleichzeitig in den einflussreichen Lingener Kreisausschuss, in dem er bis 1937 verblieb. Zur Förderung der Siedlungspläne konstituierte der VCH 1926 die erfolgreich arbeitende Siedlungsgenossenschaft „Emsland“. Als treibende Kraft wurde Heinrich Kuhr ihr Vorsitzender. Bis Ende 1930 konnten bereits auf fast 2500 Hektar gekauften bzw. enteigneten Ödland ehemalige Heuerleute angesiedelt werden.
Wegen der Enteignung von Land war Kuhr bei den Großbauern verrufen und galt in ihren Reihen als der „rote Heinrich“. Kuhr war ein Freund des späteren Bundespräsidenten Heinrich Lübke, der seiner Fürsprache 1922 die Berufung zum Geschäftsführer eines Zusammenschlusses von Kleinlandwirteverbänden verdankte. 1932 konnte Kuhr als Vorsitzender der Siedlungsgenossenschaft „Emsland“ das Dorf Osterbrock aufbauen – Kuhrs Lebenswerk.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten brachte das abrupte Ende für die christliche Heuerleutebewegung und ihre Siedlungspläne, da die emsländischen Ödlandflächen jetzt mit Straf – und Konzentrationslagern überzogen wurden.
Doch 1945 gehörte Heinrich Kuhr zu den Männern der ersten Stunde. Die britischen Besatzungsbehörden beriefen ihn in den Lingener Kreistag und in den Bezirkslandtag für den Regierungsbezirk Osnabrück. Dort war der Heuerleutevertreter für Ernährung, Landwirtschaft und Siedlungswesen verantwortlich.
1946 betätigte sich Kuhr an den Vorbereitungen zur Gründung des Emsländischen Landvolks, dessen stellvertretender Vorsitzender er bei der Konstituierung im Februar 1946 wurde.
Altersbedingt nahm Kuhr Anfang der 1960er Jahre Abschied von der Politik.
Aus dem Leben einer Heuerlingsfrau
Der Bericht von Theresia Brüning, die in einem Heuerhaus aufgewachsen ist und dann mit vierzehn Jahren direkt nach der Volksschule noch einige Jahre – ganz selbstverständlich für eine Heuerlingstochter – als Magd auf einem Bauernhof im benachbarten Dorf gearbeitet hat.
Familienfoto Heuerleute Brinker, links neben ihrer Mutter im hellen Kleid steht Theresia.
Aus dem Leben einer Heuerlingsfrau
Ein um etwa 1800 eingeheirateter Vorfahre war Schreiber. Mein Urgroßater und mein Großvater waren Weber und Musiker. Wie mein Vater berichtete, habe mein Großvater jährlich manchmal 200 Mark mit dem Musizieren auf Bauernhochzeiten verdient. Mein Vater fand keinen Gefallen am Musizieren. Er verdiente beim Bau des Dortmund – Ems – Kanals, wie so viele junge Männer damals, Geld dazu. Das Weberhandwerk brachte auch nicht mehr viel ein, da überall große Fabriken mit der Weberei begannen. Mein Großvater hatte noch zwei Webstühle besessen und zeitweilig zwei Gesellen beschäftigt. Wenn man dabei das kleine Haus betrachtet und noch acht Kinder mitgerechnet, hatte die Hausfrau wohl alle Hände voll zu tun. Aber davon wird auch im Tagebuch meines Vaters nichts erwähnt!
Mit „unserem“ Bauern verband uns ein den Umständen entsprechend recht gutes Verhältnis, wobei mein Vater sehr gefügig war und die Beziehung Bauer – Heuermann respektierte. Nachdem seine Mutter gestorben war, und seine jüngste lebende Schwester sich verehelicht hatte, heiratete mein Vater zum ersten Mal 1905. Bis 1910 wurden drei Jungen geboren. Dann starb 1911 im Oktober seine Frau an Tuberkulose. Sie hatte sich diese Krankheit zugezogen, nachdem sie ihr Ehebett der Schwester meines Vaters zur Aussteuer mitgegeben hatte. Es muss wohl kein Geld da gewesen sein, um der Schwägerin ein neues Gerät zu kaufen. Die Frau meines Vaters erhielt dafür das Oberbett einer jüngeren Schwester meines Vaters, die kurz vorher an Tuberkulose gestorben war. Als jüngste Schwester der Frau meines Vaters vom Tod ihrer Schwester erfuhr, soll sie gesagt haben: „Den Bernd kannst du nicht allein lassen, den musst du nun heiraten“.
So heiratete meine Mutter mit 21 Jahren ihren Schwager am 13. Februar 1912, nahm 3 kleine Kinder als ihre eigenen an und übernahm die Pflege des alten Schwiegervaters. Dazu noch die Pflichten einer Heuerligsfrau. Im Herbst 1913 wurde ihr erstes Kind geboren.
1914 brachte Weltkrieg aus.
Mein Vater musste den Krieg vom Anfang bis zum Ende mitmachen. In der Kriegszeit starb der Großvater, es wurden noch zwei Kinder geboren. Was meine Mutter damals mitgemacht hat, können wir heute nur noch ahnen.
Weil durch die Verwandtschaft von anno dazu mal unser Haus unser Eigentum war, brauchte beim Bauern nicht zu viel gearbeitet zu werden. Aber auch so wird es nicht an Arbeit gemangelt haben. Je Scheffelsaat muss ein bestimmter Teil an den Bauern abgegeben werden und für je zwei Scheffelsaat einen Tag unentgeltlich geholfen werden. Nach dem ersten Weltkrieg wurde statt mit Korn mit Geld bezahlt.
Die Bauersfrau nahm meine älteste Schwester mit zwei Jahren zu sich. Wohl aus Ohnmacht sagten meine Eltern zu und gaben ihr Kind außer Haus. Uns jüngeren sagte Vater später: „… und wenn ihr nur trockenes Brot zu essen hat, geht kein Kind aus dem Haus. Ich habe es schwer bereut“. Wenn er im Krieg im Urlaub war, wurde auch meine Schwester geholt. Die sagte aber nur: „Geht der fremde Mann endlich wieder.“ Sie hatte bis zu ihrer Entlassung wenig Kontakt zu ihrem Elternhaus. Es muss für Mutter sehr schwer gewesen sein, zumal wir bei dem Bauern auf dem Hofraum wohnten. Jeden Tag sah sie das Kind und konnte ihm doch nicht zeigen, wie lieb sie es hatte. Im Abstand von jeweils eineinhalb bis zwei Jahren wurden insgesamt zwölf Kinder geboren. An Verhütung oder gar Abtreibung wurde aus christlicher Überzeugung gar nicht gedacht. Das Sprichwort: „Mehr Kinder, je mehr Vater unser“ hatte große Bedeutung. Aber wie hat meine Mutter das alles verkraftet? Es bleibt für uns Jüngere eine große Frage, die wir uns als Kinder nie gestellt haben.
Wenn wir auch nicht die meiste Arbeit beim Bauern zu leisten hatten, so kam doch alle Vierteljahre die große weiße Wäsche, die – egal ob Mutter in Umständen war, oder ein Kind stillte – getan werden musste .
Nun vergleiche man den Zustand von damals mit dem von heute. Am ersten Tag wurde die Wäsche in einer großen hölzernen Wanne in lauwarmer Lauge eingeweicht. Mit bloßen Füßen wurde die Wäscher getreten, damit alles gut durchziehen konnte. Am anderen Tag wurde alles mit der Hand ausgewrungen. Weil damals fast alles aus selbst gewebtenten Leinen gefertigt war, war das bestimmt keine leichte Arbeit für eine Hochschwangere. Nach dem Kochen der Wäsche im großen Futterkessel, der vorher gut gereinigt worden war, oder im Waschkessel, musste alles auf dem Rubbelbrett oder mit der Hand in der heißen Waschlauge gewaschen werden. Danach wurde alles dreimal gespült. Das Wasser musste aus der „Pütte“ (Brunnen) geholt werden, etwa 20 bis 30mal pro Waschgang. Danach war aber noch lange nicht Feierabend. Hat meine Mutter den überhaupt je gekannt? Zuhause warteten ja noch die Kinder. Die Kühe wollten gemolken werden. Das war alles nicht so einfach wie heute. Für die Schweine wurde der Futterkesseln gekocht. Die kleinen Kartoffeln, Futterrübenblätter oder Brennnesseln kamen in den Kessel mit ein oder zwei Eimern Wasser. Wenn alles gar war, musste es verkleinert werden, und dann konnten die Schweine gefüttert werden. Das war eine Zeit raubende Arbeit und der Tag hat nur 24 Stunden.
Nebenbei musste der eigene Gemüsegarten gepflegt werden. Auf den Kartoffeln – und Rübenfeldern musste die Mutter im Frühjahr tagelang beim Bauern jäten und hacken. Am schlimmsten aber war die Erntezeit. Als mein Bruder Paul, geboren am 8.7.1926, klein war, musste einer der älteren Brüder, er war sechs Jahre alt, den Kleinen aus der Wiege nehmen, in einen Handwagen legen und zum Mutter aufs Feld bringen. Sie war beim Bauern beim Roggen mähen, und die Zeit, nachhause zu gehen und das Kind zu stillen, gab es nicht. Sie setzte sich dann hinter eine Roggen Garbe und stillte den Kleinen.
Zwei Jahre später wurde ich im August geboren. Als meine Brüder sechs und acht Jahre alt waren, mussten sie mit Mutter aufs Feld und das Korn mit dem Bick zusammenziehen, damit sie nur noch die Garben zu binden brauchte. Sie war im achten Monat schwanger mit dem zehnten Kind.
Ich erinnere mich an einen Sommertag, als die Mutter wieder beim Bauern auf dem Felde arbeitete. Wir waren mit den Bauernkindern auf dem. Ich wusste, dass Mutter krank war und ihr die Arbeit schwer fiel, ich selber war im ersten oder zweiten Schuljahr und sollte Mutter beim Garben zusammenkratzen helfen. Nun sah ich die junge Bauersfrau, die sich an der großen Dielentür anlehnte und aufs Feld hinausschaute. Voll Zorn und Grimm habe ich sie angesehen und bei mir gedacht: „So eine Ungerechtigkeiten. Mutter ist krank und muss zum Roggen mähen, und die braucht das nicht.“
Dieses Bild habe ich noch heute vor Augen. Ich ahnte damals als Kind ja nicht die volle Abhängigkeit vom Bauern. Wenn die Kinder neun oder zehn Jahre alt waren, kamen sie normalerweise als Kuhjunge oder Köchin zu einem Bauern.
Bernd, der zweiter Halbbruder, hat als Säugling Krämpfe gehabt und war seitdem behindert. Er kam als Kind zu Vaters Bruder, der selber keine Kinder hatte. Als meine Eltern bemerkten, dass er es dort nicht gut hatte, nahmen sie ihn wieder zu sich. Für uns Kleinen war er dann später das Kindermädchen. Er spielte mit uns und führte uns im Bollerwagen spazieren. Sein Verstand reichte auch später nicht an den eines Zehnjährigen heran, aber man konnte sich ganz auf ihn verlassen.
Meine beiden 12 und 13 Jahre alten Schwestern waren nicht zuhause, um der Mutter zu helfen. Von den sechs Jungen vor mir konnte Mutter wohl auch keine große Unterstützung erwarten. Meinen Vater kannte ich nur als „älteren Mann“, der durch eine Verletzung etwas hinkte. Als Nebenverdienst hatte er den Milchwagen nach Plantlünne zu fahren, so dass er jeden Vormittag außer Hauses war. Als mein jüngster Bruder 1931 geboren wurde, war meine Mutter schon krank. Sie musste an der Galle und später noch zweimal am Unterleib operiert werden.
Um die Eltern zu unterstützen, gaben die älteren Geschwister einen Teil ihres verdienten Geldes zuhause ab. Kindergeld wie heute gab es nicht. 1935 heirateten meine beiden ältesten Brüder und meine älteste Schwester. Da alle sehr genügsam waren, hatten sie sich noch eine kleine Aussteuer erspart.
Wir drei Jüngsten brauchten als Kinder nicht aus dem Haus. Der Zweitjüngste starb an Krämpfen, während meine Mutter noch im Wochenbett lag. Ich erinnere mich, dass Mutter davon erzählte: „Ich wusste, dass er tot war. Dennoch habe ich ihn bis zum nächsten Morgen bei mir im Bett gehalten. Ich konnte das kleine Ding doch nicht einfach weg legen.“
Obwohl der Vater, wahrscheinlich als Folge der Kinderzahl und seiner Behinderung am Bein, sehr streng war, haben wir eine schöne Kindheit verbracht. Trotz ihrer Krankheit spielte Mutter an den Sommerabenden manchmal mit uns „Blinde Kuh“ oder „Sack hüpfen“. Mit mir spielte sie „Ball an die Wand“, was sie mit 2 und 3 Bällen konnte. Darauf war ich richtig stolz. Sie muss auch sehr gut im Handarbeiten gewesen sein, denn begeistert zeigte sie mir ihre Handarbeiten aus der Schulzeit. Alles wurde schön aufbewahrt. War die Woche ausgefüllt mit landwirtschaftlichen Arbeiten, so wurden im Sonntagnachmittag nach dem Kirchgang und dem Lesen der Handprostille und des Kirchenbotens unsere Kinderstrümpfe und die Socken der Jungen gestopft. Einmal hatte Mutter durch eine Bekannte etwas vom „Strickstopfen“ gehört. Sie ließ nun nicht mehr locker, bis sie diese Kunst beherrschte. Man konnte damit in den selbstgestrickten Strümpfen die große Löcher vor den Knien so stopfen, dass es fast nicht mehr auffiel. Sparsamkeit war Mutter zur zweiten Natur geworden.
Wir Kleineren waren nun soweit herangewachsen, dass sie wenig Arbeit mit uns hatte, wir konnten vielmehr ihr schon einige Aufgaben abnehmen.
Dann kam der zweite große Krieg.
Die beiden ältesten Brüder wurden sofort eingezogen. Danach wurde mein Vater ernsthaft krank. Er starb im Februar 1940, 61 Jahre alt, an Embolie und Herzversagen. Ich sehe Mutter noch weinend am Herd stehen und höre sie sagen: „Ich hätte ihn so gerne noch gepflegt, wenn er nur geblieben wäre.“ Meine jüngste Schwester kam wieder ins Haus, um der kränkelnden mit Mutter zu helfen und für sie die Arbeiten beim Bauern zu verrichten.
Der Krieg holte alle meine Brüder, einen nach dem anderen, aber einer war immer zuhause, um die Männerarbeit zu verrichten. Hatte er das Alter zur Einberufung, dann kam der nächste nach Hause, bis auch er eingezogen wurde. Nach dem Fünften erhielt Mutter die Nachricht, sie könne einen Sohn reklamieren. Als die Reklamation lief, kam die Nachricht, gerade derjenige sei in Russland gefallen. Ein Jahr später wurde ihr eigener ältester Sohn Trichinen krank entlassen. 1943 kam die Vermisstenachricht des dritten Sohns. Gott sei Dank hatte er sich kurze Zeit später aus einem Lazarett gemeldet, er hatte den linken Arm verloren. 1944 fiel der jüngste der eingezogenen acht Söhne mit 18 Jahren.
War es der Krebs, der Mutter zu schaffen machte oder konnte ihr Herz das alles nicht mehr verkraften? Sie starb im Mai 1945 kurz nach dem Ende des Krieges im Alter von 54 Jahren, ausgezehrt und verbraucht.
Nie habe ich sie verdrießlich oder böse gesehen. Wenn sie Ärger hatte, so hat sie uns das nicht gezeigt. Unsere Dummheiten hat sie immer stillschweigend ausgebügelt. Der jüngste Halbbruder sagte 1945, als er aus der Gefangenschaft kam: „ich habe sie nie verzagt gesehen. Sie hat uns nie merken lassen, dass wir nicht „ ihre“ Kinder waren“.
Er weinte dabei still.
Theresia Brinker (2015) Archiv Robben
Ein Pferd – nichts für den Heuermann
Das Pferd war die bessere Hälfte des Bauern…
Wie an anderer Stelle schon ausführlich erörtert (Seite..) hatten die Pferde auf den Bauernhöfen eine ganz besondere Stellung. Es war der besondere Stolz des Hofbesitzers, mindestens zwei gute Pferde nicht nur im Stall zu haben, sondern diese auch in seiner „kleinen“ Welt präsentieren zu können. Und diese begrenzte Welt richtete sich weit gehend auch danach, wie weit man an einem Tage mit dem Pferdefuhrwerk oder der Kutsche ausfahren konnte.
Foto: Archiv Robben
Ein Pferd – nur ein Statussymbol für den Heuermann?
Da die landwirtschaftliche Nutzfläche der Heuerstelle in aller Regel gerade ausreichte, um ein oder zwei Kühe und wenige Schweine zu halten, war für die allermeisten Heuerleute dagegen ein Pferd reiner Luxus. Die Futtergrundlage ließ eine rentable Pferdehaltung einfach nicht zu.
Deshalb war in fast allen – meist mündlichen – Heuerverträgen eine Gespannpflicht des Bauern dem Heuermann gegenüber festgelegt. Allerdings wurde die Aushilfe durch den Landwirt auch berechnet.
Foto: EL Heimatbund
Und gerade diese Rechnung fanden viele Heuerleute halt besonders belastend, weil sie die Berechnungsschlüssel kaum akzeptieren konnten. Im günstigsten Fall wurde eine Pferdestunde mit der Arbeitsleistung von drei Menschenstunden verrechnet. An manchen Orten – eher noch auf manchen Höfen – wurde im Verhältnis 1:6 zu Gunsten des Bauern getauscht.
Die Wertschätzung der Frau damals
Ein „besonderes“ Beispiel für die Stellung der Frau auf dem Lande damals soll hier vorgestellt werden – und dabei stand die Heuerlingsfrau noch weit unter der Bäuerin:
Während eine tragende Stute drei Monate vor und nach dem Abfohlen geschont wurde, galt für die schwangere Frau auf dem Lande eine Schonfrist von lediglich sechs Tagen: drei vor der Entbindung und drei danach.
Die Erklärung dafür, die von älteren Zeitzeugen durchweg bestätigt wird, kann für uns heute nur unglaublich sein:
Während ein Pferd ähnlich wie eine Kuh ungemein teuer und somit kaum zu ersetzen war, fand sich ein Ersatz für eine verstorbene Frau ganz schnell in der Reihe der unverheirateten sog. Tanten oder der Mägde. So wurde in der Regel auch schon nach drei Monaten wieder geheiratet. Ein Blick in die Kirchenbücher belegt das.
Die berühmte Malerin Paula Modersohn-Becker berichtete dazu aus dem Teufelsmoor bei Bremen.
Eine wahre Geschichte hier aus der Gegend: Jemand kommt in ein Bauernhaus und will den Bauern sprechen. Die Frau steht am Feuer und sagt: „He hett sick een beten hinleggt. Wi hebbt en beten unruhige Nacht hat. Sie hatte nämlich nachts ein Kind bekommen.
Rabenstein, S. 3
Dadurch war der Heuerling wiederum in besonderem Maße von seinem Bauern abhängig: Er musste um die Gespannhilfe anfragen. Ähnlich wie bei der Heu – und Getreideernte – nur nicht ganz so extrem – war er hier auch auf die Gunst des Bauern angewiesen. Bei der Frühjahresbestellung der Äcker etwa war es in aller Regel so, dass bei der günstigen Witterung zunächst die Felder auf dem Hof gepflügt wurden, erst dann wurden die Flächen auf der Heuerstelle versorgt. Gerade auch diesen Zustand empfanden viele Heuerlingsfamilien als äußerst belastend. Deshalb suchten sie nach einer Abhilfe. Die billigste Alternative war: Der Heuermann spannte ich selbst vor den Pflug. Das ist wohl in seltenen Fällen so geschehen, wie es das Foto zeigt. Um in dieser Hinsicht unabhängig zu sein, spannten etliche Heuerleute ihre Kuh oder einen Ochsen an. Diese Tierart war den Pferden zwar weit unterlegen in der Zugleistung und auch in der Schnelligkeit, aber man war eben unabhängig.
Dennoch waren einige Heuerlinge so stolz, dass sie sich ein Pferd anschafften. Aus Erzählungen in verschiedenen Orten wird dazu allerdings berichtet, dass die Bauern das nur mit Häme betrachteten und entsprechend kommentierten.
Als später Molkereien aufkamen, haben viele Heuerleute den täglichen Fuhrdienst der Milchkannen übernommen. So konnten sie durch die Bezahlung für diese Tätigkeit sich nun ein Pferd als Zugtier leisten, das sie auch in ihrem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb einsetzen könnten.
Fotos: HV Emlichheim
In einigen Orten haben auch Fuhrdienste angeboten. Das wird aus Herzlake und Bersenbrück berichtet. Hier waren Bruchsteine für den Hausbau zu transportieren. Als dann der Kunstdünger aufkam, ließen sich etliche Bauern damit durch Fuhrunternehmer beliefern. Mit aufkommender Industrie konnten die Straßenverhältnisse deutlich verbessert werden. So mussten zumeist von den Bahnhöfen aus die Materialien zu den Baustellen geliefert werden. Aber auch Holztransporte fielen immer häufiger an wegen zunehmender Bautätigkeit.
Unhaltbare Zustände noch 1929
Emslandnot!
Ein Zeitungsbericht aus dem Jahre 1929, erschienen in der Berliner Ausgabe der Deutschen Allgemeinen Zeitung, beschreibt die die damalige Situation im Emsland, wie der Reporter sie bei seiner Bereisung erlebt hatte:
Dieser nachfolgende Zeitungsartikel kam zustande, weil in den Jahren 1927 und 1928 die deutsche Landwirtschaft eine tiefe Krise erschütterte. Da in der Grafschaft und im Emsland ohnehin eine große Rückständigkeit zum übrigen Deutschland bestand, steigerte sich diese Notsituation so, dass es zum Steuerstreik und zu Demonstrationen kam2. Daher entschloss sich der damalige Osnabrücker Regierungspräsident, überregionale Pressevertreter in das Emsland zur Bereisung einzuladen, um so auf die unhaltbaren Zustände auch in Regierungskreisen in Berlin aufmerksam zu machen und auf diesem Wege Fördergelder für die Emslanderschließung zu erhalten. So berichteten drei weitere überregionale Zeitungen fast deckungsgleich über die unmenschlichen damaligen Verhältnisse in dieser Region
Von einer „Emslandnot“ hatte die große Öffentlichkeit namentlich in der östlichen Hälfte des Reiches und ganz besonders in Berlin bisher noch kaum etwas vernommen. Daher horchte man überrascht und einigermaßen ungläubig auf, als vor wenigen Tagen im Reichstag Hilfe aus öffentlichen Mitteln für das kulturell vernachlässigte Emsland nachdrücklich gefordert wurde.
Ein großer Teil des Emslandes, und zwar 75.000 Hektar, sind heute noch mit Moor und Heide bedeckt. … Tatsächlich haben wohl nur die wenigsten Teilnehmer dieser Fahrt in dieser äußersten Nordwestecke des Reiches Zustände vermutet, wie man sie jenseits unserer Ostgrenze in verluderten polnischen Dörfern findet. Die Wohnungsverhältnisse der Kleinbauern und Heuerlinge spotten vielfach selbst den primitivsten hygienischen Anforderungen und können ohne Übertreibung nur als menschenunwürdig bezeichnet werden.
Wie die Berichte der Ortspolizeibehörden melden, sind etliche Familien unzureichend untergebracht. Dieses „unzureichend“ ist ein sehr milde gewählter Ausdruck für diese jämmerlichen Hütten, deren besonders hervorstechendes Merkmal die so genannten Butzen sind, eingebaute niedrige Schlafschränke ohne Zugangsmöglichkeit für Luft und Licht, die gegebene Brutstätten sind für die im Emsland stark verbreitete Tuberkulose.
In einem Heuerhause, das besichtigt wurde, schlafen in zwei solchen Butzen die Eltern, zwei Söhne und Töchter im Alter von 21 Jahren bis herab zu einem drei Monate alten Säugling. Im Kreise Aschendorf zählt man noch heute 747 Häuser mit 1500 solcher Butzen, im Kreise Bentheim noch über 800 Für die Ersetzung durch Bettstellen werden vom Kreise, von den Gemeinden und von der Landesversicherungsanstalt Prämien von 100 Mark ausgesetzt. Wie gerechtfertigt diese Notstandsmaßnahme ist, zeigen die Zahlen der tödlich verlaufenden Tuberkulosefälle: Allein im Kreise Meppen kamen 1925 auf 10.000 Einwohner 15 Tuberkulose -Tote, während die Durchschnittszahl in Preußen 10,93 auf 10.000 Einwohner beträgt.
Die Ernährungsweise der ländlichen Bevölkerung ist außerordentlich armselig, das tägliche Gericht sind für weite Kreise Kartoffeln und Brei. Die in den engen Wohnräumen von den morschen Deckenbalken herabhängenden Speckseiten können darüber nicht hinwegtäuschen: Sie stellen den Fettnahrungsbedarf einer Familie für das ganze Jahr dar.
er Boden, soweit er nicht dem Moore abgerungen werden muss, besteht größtenteils aus stark sandigen oder lehmigen Grünländereien, deren Anbauwert durch den seit Jahrhunderten immer wiederholten einseitigen Roggenanbau noch verschlechtert worden ist und unter Aufwendung erheblicher Arbeit und Geldmittel, besonders für künstliche Düngung, langsam behoben werden kann. Nicht weniger ungünstig sind die wasserwirtschaftlichen Verhältnisse des Emslandes. Nicht nur die Ems, sondern auch die übrigen kleineren Wasserläufe befinden sich zum großen Teil noch in ungeregeltem Zustande. Dadurch, dass die vorhandenen Entwässerungsgräben die großen Wassermengen aus dem regenreichen Gebiet nicht entfernt aufnehmen und ableiten können, ereignen sich im Frühjahr und Herbst häufig große Überschwemmungen, die oft den völligen Verlust der Grünfutterernte zur Folge haben.
Nun die Verkehrsverhältnisse: Da die infolge der ungünstigen Bodenverhältnisse die leistungsschwachen Gemeinden keine größeren Mittel für den Bau von Straßen aufwenden konnten, sind im Emsland heute noch 112 Gemeinden ohne befestigte Straße und können die nächste Landstraße nur auf Sand- und Moorwegen erreichen, die bei Regenwetter völlig unpassierbar sind, wovon sich die Teilnehmer an der Besichtigungsfahrt durch eigenen Augenschein überzeugen konnten.
Es ist vorgekommen, dass Verstorbene wochenlang in ihrer Wohnung liegen bleiben mussten, da der Zustand der Wege es unmöglich machte, sie zu einem Friedhof zu bringen. Ganz besonders übel sieht es in dieser Beziehung im Kreise Hümmling aus, der weder eine Bahnstation noch auch nur einen Kilometer Provinzialstraße aufzuweisen hat. Im Kreise Meppen sind noch 46 Prozent aller Gemeinden ohne jeden Anschluss an eine befestigte Straße. Zu allen diesen Übeln tritt die Ungunst der an sich milden klimatischen Verhältnisse. Selbst in den wärmsten Sommermonaten begünstigen die Moor- und Sandböden das Auftreten von Nachtfrösten, so dass kaum ein Monat des Jahres vollkommen frostfrei bleibt.
Wenn man den Fuß über die holländische Grenze setzt, dann offenbart sich erst in geradezu beschämender Weise die Vernachlässigung des deutschen Emslandes. Das Bourtanger Moor, das sich vom Emsland aus weit in holländisches Gebiet erstreckt, ist jenseits der deutschen Grenze restlos kultiviert, während es auf deutscher Seite eine melancholisch stimmende, düstere Einöde ist, der nur hier und dort menschliche Unternehmungslust Ackerland abgerungen hat
Schlechtes Bauernhaus in Deutschland
B A U E R N H A U S I N S C H Ö N I N G H S D O R F
Dieses Bauernhaus gehört zu einem der besseren im Emsland. Neben den Bauern steht der Heuerling, der nach neuzeitlichen Begriffen Mieter ist und Mitarbeiter. Dieses fast mittelalterliche Verhältnis, das den „Mieter und Mitarbeiter“ zwingt, auf seiner Scholle zu bleiben, erklärt sich aus der Struktur dieses landschaftlichen Gebietes. Wegen der weiten Entfernung zwischen den einzelnen Bauernhöfen war das Zustandekommen eines landwirtschaftlichen Arbeiterstandes, dessen Angehörige von Hof zu Hof gehen, undenkbar. Daher blieben die Heuerlinge durch Generationen bei den Generationen der Bauern . Es wäre ihnen, da sich im laufe der Generationen ein Vertrauens verhältnis zwischen Bauer und Heuerling ergab, dann gut ergangen, wenn es dem Bauer gut ergangen wäre. Aber der Bauer litt Not, weil ihm die Verkehrswege zu den Absatzmärkten fehlten. Diese Verkehrswege fehlen zum größten Teile auch heute noch. Daher leidet der Bauer des Emslandes noch immer Not, nicht nur zu seinem Schaden, sondern zum Schaden des Volksganzen.
Vom Heuerling zum Neubauern (Brockmann/Schröder)
von Walter Brockmann und Karl-Heinz Schröder
In unserer Gegend (Grönegau, heute Stadt Melle) waren die Worte „Heuerhaus“ und „Heuerling“ zwar nicht unbekannt, wurden aber von der Bevölkerung kaum benutzt. Man sagte Kotten, oder, da ja früher fast nur Platt gesprochen wurde, Kourten und zu denen, die darin wohnten, Koürter oder dee Kourten Lühe.
Nachdem der 1822 in Sehlingdorf geborene Johann Heinrich Brockmann die 1819 in Oberholsten geborene Elisabeth Margarete Dickbreder am 30. Juli 1846 in Oldendorf gehei- ratet hatte, zog das junge Paar in das Hofgebäude Nr. 4a des aufgelösten Halberbe Wienker in Niederholsten. Das Hofgebäude hatte der Colon Niewöhner in Niederholsten erworben und diente als Heuerstätte.
Als das Halberbe Wienker, Niederholsten Nr. 4, aufgehoben wurde, weil der Besitzer nach Amerika auswanderte, kaufte Heinrich Brockmann mehrere Grundstücke von diesem Halberbe. Als Erstes erwarb er 1850 ein Waldgrundstück „Auf der Wagenhorst“ in Oberholsten. Ein Waldstück war damals unentbehrlich für die Landwirtschaft, denn man benötigte nicht nur Holz zum Heizen, sondern auch Einstreu für die Viehställe.
Im Viehschatzregister von 1864 steht Johann Heinrich Brockmann unter Hausnummer 4a noch als Heuerling mit drei Kühen und einem Mastschwein verzeichnet. Da er kein Pferd besaß, musste er mit seinen Kühen den Acker bearbeiten, die dadurch nicht mehr viel Milch geben konnten. Um etwas dazu zu verdienen, arbeiteten die Männer der „Kleinen Leute“ im Winter als Hausschlachter, Holzfäller oder im Steinbruch. Die Schinken des für den Eigenbedarf geschlachteten Schweins wurden verkauft, obwohl man die sicher gerne selbst gegessen hätte, aber wie sollte man sonst an Geld kommen? Von dem was von den Feldern geerntet wurde, konnte auch nicht viel verkauft werden, denn das wurde für den Eigenbedarf benötigt. Der Ertrag war früher bedeutend geringer als heute, denn es gab noch keinen Kunstdünger. Auch wurde zu der Zeit von den Frauen noch Flachs gesponnen und Leinen gewebt, welches dann verkauft wurde.
Von dem Erlös und aufgrund sparsamer Haushaltsführung kaufte Heinrich Brockmann weitere Ländereien hinzu, unter anderem vom ehemaligen Gut Feldmühle in Grambergen und dem aufgehobenen Viertelerbe Melcher in Niederholsten. Unklar ist, wie die Familie das nötige Geld erwirtschaften konnte. Denn Heuerleute, oder wie man hier sagte Kottenleute, gehörten zu den Armen, weil sie von ihrem Erwirtschafteten kaum leben konnten.
Von den sechs Jungen der Familie verstarb einer bereits im Kindesalter. Da in dieser Zeit für junge Männer kaum Aussicht bestand eine Arbeit zu bekommen oder auf einen Bauernhof einheiraten zu können, sind zwischen 1866 und 1881 vier Söhne der Familie nach Amerika ausgewandert und in Cincinnati sesshaft geworden. Ein weiterer Grund für die große Auswanderungswelle in diesen Jahren war die Annektierung des Königreichs Hannover durch Preußen im Jahre 1866. In Preußen herrschte die allgemeine Wehrpflicht, die es im Königreich Hannover nicht gegeben hatte, und der wollte man sich möglichst entziehen. Die beiden Mädchen heirateten und blieben im Kirchspiel Oldendorf.
Im Jahre 1870 erwarb Heinrich Brockmann von der Gemeinde Niederholsten eine auf einer Anhöhe gelegene Restfläche der Mark „Im Westerhauser Heg“, die früher als Versammlungs- und Veranstaltungsplatz gedient hatte. Hier errichtete er ein vom Colon Meyer zu Westerhausen erworbenes Fachwerkhaus, welches aus dem aufgelösten Vollerbe Kienker zu Westerhausen stammte. Was man mit einem aus Steinen gebauten Haus nicht machen kann, das geht mit einem Fachwerkhaus. Es wurde in Westerhausen abgebaut und in Nie- derholsten wieder aufgebaut, und bekam als Neubauerei die Hausnummer 13.
Gemeinsam mit seiner Frau Margarete setzte Johann Heinrich Brockmann alles da- ran, die neue Hofstelle so, wie im Grönegau üblich und den benachbarten Hofstellen vergleichbar, zu gestalten. Wegen der Hanglage auf einer Anhöhe gab es wenig Mutter- boden, aber viele Steine. Um einen Hausgarten anzulegen, trug Heinrich Brockmann den steinigen Boden etwa einen halben Meter tief ab. Nun wurde bei den Säuberungen im Herbst der Aushub aus den Gräben der Umgebung und der Schlamm aus dem Mühlenteich mit Pferd und Wagen auf die ausgehobene Fläche gebracht. So entstand nach sehr viel Mühe und Arbeit, da die Erde mit der Schaufel bewegt werden musste, weil es da- für noch keine Maschinen gab, ein fruchtbarer Garten. Mit den im Aushub gefundenen größeren Steinen errichtete er eine Feldsteinmauer. Zur weiteren Einfriedung pflanzte er Dornenhecken. Für deren Bewässerung musste seine Frau Margarete das Wasser aus einem etwa 200 Meter entfernten Tümpel holen, da der Brunnen hierfür nicht genügend Wasser hergab. Auf Fragen nach dem Zweck seiner Arbeiten antwortete er: „Dat sall een Paradies wäden“.
Man hatte als Neubauer zwar nicht weniger Arbeit, aber man arbeitete jetzt für sich selbst und nicht mehr überwiegend für den Verpächter, denn für die Pacht musste beim Bauern gearbeitet werden. Eine Frau, die im Bauernkotten groß geworden war und 1923 heiratete, hat uns folgendes erzählt: „Ich hatte einen jungen Mann kennengelernt, des- sen Eltern ein kleines landwirtschaftliches Anwesen besaßen, welches er erben sollte. Es war jedoch so klein, dass eine Familie davon kaum leben konnte. Sie besaßen nur drei Kühe und kein Pferd, mussten also mit den Kühen ackern. Das Anwesen hatte etwa die Größe einer Heuerstelle. Darum hatte sein Vater Schneider gelernt und sorgte somit für ein zweites Standbein. Kurz vor unserer Hochzeit hat meine Mutter, die nur Platt sprach, Folgendes zu mir gesagt: ‚Du wess et doa nicht lichte häbben, oaber wenn et di auk man- gens schwoor fällt, lött et vorüöber tehn. Et is eegen Kraum un du arbeetes foor ju süm- mes un nich mee foor annere Lühe.‘“
Im Meller Kreisblatt konnte man am 26. Mai 1885 folgende Nachricht lesen:
„Der Neubauer Heinrich Brockmann aus Niederholsten ging am Nachmittag des 24. Mai, dem 1. Pfingsttag, mit seiner Frau zu Fuß zum Gottesdienst nach Oldendorf. Unterwegs wurden sie von einem schweren Gewitter überrascht. Ein Blitzstrahl traf den geachteten und beliebten Neubauer und tötete ihn auf der Stelle. Seine fünf Schritte vor ihm gehende Frau wurde niedergeworfen und schwer verletzt.“
Jetzt musste der Sohn Hermann, der bereits 1882 Elise Caroline Christoffer aus Hal- tern bei Belm geheiratet hatte, als Nachfolger seines Vaters die Neubauerei übernehmen. Um mehr Vieh unterbringen zu können, wurde das Fachwerkhaus um einen massiven Anbau erweitert. Inzwischen war die Familie auch um zwei Töchter und vier Söhne angewachsen. Dank der frühen Landkäufe des Vaters war die Familie „aus dem Gröbsten heraus“, wie man auf dem Lande zu sagen pflegte.
Dann gab es jedoch einen herben Rückschlag. Am 6. September 1907 brannte das Fachwerkhaus mitsamt dem Anbau vollständig nieder. Die auf dem Bild am rechten Bildrand zu sehende Scheune, in der sich auch der Schweinestall befand, ist bei dem Brand erhalten geblieben. Alles, was sie nicht selbst unterbringen konnten, wurde in der Nach- barschaft untergebracht. Sich in Notfällen gegenseitig zu helfen und zu unterstützen, das war früher in der Nachbarschaft selbstverständlich, denn in diese Lage konnte jeder mal geraten. Eine große Hilfe waren auch die bäuerlichen Verwandten von Frau Elise, denn sie spendeten Inventar und Futtermittel für das Vieh. Die inzwischen 88-jährige Oma Margarete kam zu ihrer Tochter Katharina in Dierkers Kotten in Niederholsten. Sie starb bereits drei Monate später am 8. Dezember 1907. Es wurde sofort mit dem Bau eines neuen Hauses begonnen, denn ohne Haus und Vieh ist keine Landwirtschaft zu betreiben. Der Neubau wurde jetzt aber als Massivhaus aus Backsteinen errichtet und es konnte noch im selben Jahr Richtfest gefeiert werden.
Jede Möglichkeit um zusätzliches Geld zu verdienen nahm Hermann Brockmann wahr, denn die noch vorhandenen Schulden mussten ja irgendwie getilgt werden. Als in der Gemeinde Buer Arbeiter für Erdarbeiten benötigt wurden, ging er über einen länge- ren Zeitraum jeden Tag zu Fuß von Niederholsten nach Buer. Jeder musste damals sein eigenes Handwerkzeug zur Arbeit mitbringen. An Hermanns Schaufel, die auf seiner Schulter lag, hingen der Henkelmann und die in einem roten Halstuch eingewickelten Brote. Ein weiterer Nebenerwerb für Hermann war Kühe treiben. Für einen Viehhänd- ler trieb er die Kühe zu den Märkten oder Käufern. Damit die Kühe zusammenblieben, wurden sie mit Ketten aneinander gebunden. An Kuhketten herrschte dadurch auf dem Hof auch später kein Mangel. Die älteste Tochter heiratete den Bäckermeister Lübker und wohnte in Osnabrück an der Langen Straße. Ein Sohn und die zweite Tochter waren inzwischen auch verheiratet und wohnten in Barkhausen/Porta. Als Elise ihre beiden Kinder in Barkhausen besuchte, wurde sie dort am 13. Dezember 1925 von einem Auto tödlich überfahren. Der Sohn August hatte Tischler gelernt und wohnte in Melle. Da der als Hoferbe vorgesehene Sohn im Ersten Weltkrieg im Alter von 21 Jahren gefallen war, musste Wilhelm, der Jüngste, später den Hof übernehmen.
Weil Herman immer darauf geachtet hatte, dass der Arbeitgeber bei seinen Beschäftigungen auch Marken für seine Invalidenkarte kaufte, war er einer der Ersten in der Bauerschaft, die später eine Rente bekamen. Der Arbeitgeber bekam für den abgeführten Rentenbeitrag eine Wertmarke, die in die Invalidenkarte des Arbeitnehmers geklebt wur- de. Die Rente musste früher am Ersten des Monats bei der Post abgeholt werden. Wenn Hermann seine Rente von der Post in Oldendorf abgeholt hatte und ihm auf dem Rück- weg jemand aus der Bauerschaft begegnete, dann hielt er ein Geldstück hoch und sagte:
„Ik häwwe Vandage oll mien Geld vodeent.“
Trotz der vielen und schweren körperlichen Arbeit ist Hermann 83 Jahre alt geworden. Er starb am zweiten Weihnachtstag 1934. Der Sohn Wilhelm, der bereits 1923 Frieda Wellenkötter aus Grambergen geheiratet hatte, bewirtschaftete den Hof über die schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre des Zweiten Weltkrieges hinaus, bis der jüngste Sohn Günter das Anwesen übernahm. Inzwischen leben schon die nächsten beiden Generati- onen auf dem Anwesen. Infolge der allgemeinen Entwicklung wird jedoch auf diesem, wie auf vielen anderen Bauernhöfen, keine Landwirtschaft mehr betrieben. Als Johann Heinrich Brockmann den Grundstein für seine Neubauerei legte, da hat er bestimmt nicht damit gerechnet, dass 130 Jahre später auf seinem Anwesen keine Landwirtschaft mehr betrieben wird.
Anmerkung:
Der vom Blitz erschlagene Johann Heinrich Brockmann war der Urgroßvater der beiden Autoren Walter Brockmann und Karl-Heinz Schröder.
Brockmann, Walter/Schröder, Karl-Heinz:Vom Heuerling zum Neubauern in: Jahrbuch Osnabrücker Land 2015, Seite 47-51














