Franz Vehn (Klosterholte) zum Heuerhaus

Im Heuerhaus konnten wir drei Kühe und ein Rind halten. Auf der anderen Seite der Diele war ein Spitzdrescher aufgestellt, der angetrieben wurde von einer Göpeleinrichtung draußen, die von einem Pferd gezogen wurde.

Die Dreschmaschine wurde vom Dachboden mit Getreidebunden „gefüttert“. Danach wurde das ausgedroschene Korn in einer Schwingmühle gesäubert.

Auch die anderen Heuerleute hatten mittlerweile solch eine einfache Dreschmaschine. Wir besaßen auch ein Pferd, das war bei Heuerleuten selten.

Franz Vehn (Klosterholte) zur Heuerstelle

 

Zur Heuerstelle gehörten 5 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche.

Die Weideflächen waren so klein, dass der Bauer sie selbst nicht gebrauchen konnte.

Wenn der Landwirt rief, mussten wir zur Arbeit erscheinen.

Meine  Mutter brauchte nicht – wie das auf anderen Höfen üblich war – bei der großen Wäsche helfen, dafür aber in der Getreideernte.

Der  Bauer hatte damals schon eine Mähmaschine, wir als Heuerleute mussten noch mit der Sense sowohl das Gras als auch das Getreide mähen.

Zeitzeugen HV Bawinkel

Von Links: Franz Schulten (Plankorth), Otto Triphaus (Klosterholte), Leo Mettem (Bawinkel), Heinz Overberg (Clusorth) und Franz Vehn aus Klosterholte.

Zur Rolle vieler Heuerlingsfrauen – Studie einer Oberstufenschülerin

Erneut kam eine Anfrage einer Schülerin eines Gymnasiums aus dem ehemaligen westfälischen Heuerlingsgebiet zur damaligen Lage vieler Heuerlingsfrauen:

  • Warum ist die Rolle „der“ Heuerlingsfrau sowohl in der heimatgeschichtlichen als auch  wissenschaftlichen Literatur so wenig beschrieben? (Frage Schülerin)

Das Leben und der Alltag von Heuerlingsfrauen sind tatsächlich kaum dokumentiert, weil Frauen insgesamt eher selten in sozial- oder wirtschaftshistorischen Beschreibungen vorkommen. So liegen hier nur verhältnismäßig wenige Quellen vor, obwohl es sich bei den Landlosen bis etwa 1890 um die Mehrheitsbevölkerung handelte. Vielmehr waren es  Männer (fast ausschließlich besitzende Bauern) oder allenfalls  auch  ihre Familien, über deren Lage in der damaligen Agrarwelt berichtetet wurde. (Antwort Robben)

Der Klett Verlag hat ab 2020 die Titelbilder unseres Buches Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen! in den Oberstufenband Geschichte übernommen. Dazu wird noch berichtet werden. (Stand Dezember 2020)

Das trifft aber auf die besitzlose Landbevölkerung in ganz Deutschland zu.

  • Welche soziale Stellung hatte die Heuerlingsfrau in ihrem direkten sozialen Umfeld, aber auch in der Dorfgesellschaft?

Sie erlebte schon in ihrer Jugend die deutlich untergeordnete Rolle in der sozialen Schichtung.

So heirateten die allermeisten Heuerlingstöchter einen ebenfalls besitzlosen Bauernknecht, mit dem sie dann eine Heuerstelle antraten, um eine Familie gründen zu können.

Damit standen sie in der dörflichen Gesellschaftsstruktur ganz unten.

Die ständige Abrufbereitschaft, auf dem Hof des Bauern Dienst zu tun müssen, unterstrich ihre niedere soziale Stellung in besonderer Weise.

Nur aus dieser häufig tief verzweifelten Situation ist es auch zu verstehen, dass sich Heuerleute entschlossen, die Heuerstelle zu verlassen und ins „teuflische“ Moor zu ziehen, um dort ein „freies“ Leben führen zu können.

  •  Das Leben der Heuerlingsfrau gestaltete sich den Quellen zur Folge als sehr entbehrungsreich, besonders hart müssen dann die Wochen/ Monate gewesen sein in denen der Mann z.B. als Hollandgänger weg war. Welchen Herausforderungen standen der Frau gegenüber?
  • Das Leben der Heuerlingsfrau war entbehrungs- und äußerst arbeitsreich.

So hatte sie ihren Haushalt zu führen mit einer in aller Regel größeren Kinderschar, sie hatte das Vieh zumindest in Anteilen zu versorgen, der Gemüsegarten zur Eigenversorgung musste in den Sommermonaten in Ordnung gehalten werden und die anfallenden Arbeiten auf dem Bauernhof sowohl in der Ernte als dann auch beim Wäsche waschen waren zu erledigen.

Dabei war sie in ihrer besten Lebenszeit über Jahre mit Ausnahme der Stillzeit schwanger.

Dazu kamen die Gefahr des Kindbettfiebers und andere Komplikationen rund um die Geburt.

Während der Zeit des Hollandganges ihres Mannes musste sie den gesamten Heuerbetrieb versorgen.

Dazu gehörten in dieser Zeit insbesondere die Arbeiten auf dem Kartoffelacker, der möglichst unkrautfrei gehalten werden musste, damit die Ernte dadurch nicht gefährdet wurde.

  • War die Kompetenz und Stellung der Frau nach der Abwesenheit des Mannes gleich?

Dazu geben uns die vorhandenen Quellen kaum direkte Aussagen. Es hat sicherlich zu allen Zeiten auch starke Frauen gegeben, die sich in der Ehegemeinschaft Anerkennung und Respekt erworben haben.

Als zunehmend der billigere Schnaps aus den Kartoffeln gewonnen werden konnte, sind auch Heuerleute alkoholabhängig geworden.

Durch diesen Umstand hat es dann arg zerrüttete Familien gegeben. Aus dieser Misere heraus wurden etliche „Mäßigungvereine“ gegründet.

  • Wie stand es um die rechtliche Absicherung der Heuerlingsfrau im Todesfalle des Mannes? Behielt sie die Heuerlingstelle?

In aller Regel wurde ihr dann die Heuerstelle gekündigt. Der besitzende Bauer war ja dringend auf männliche Arbeitskräfte insbesondere während der Erntezeit angewiesen.

Aber in der Nachkriegszeit (ab 1945) ist es auch vorgekommen  –  zwei Beispiele sind dazu im Bereich Mettingen belegt -, dass die Frauen die Heuerstelle behalten durften.

Zusammenfassend muss ich allerdings sagen – und das ist bisher so von den Fachwissenschaftlern kaum formuliert worden:

Die angehenden Heuerlingsfrauen hatten fast durchweg die Chance, nach dem damals herrschenden Armenrecht eine Heiratserlaubnis zu bekommen und damit eine Familie gründen zu können.

Die Heuerstelle bot dazu die notwendige wirtschaftliche Grundlage.

In anderen Teilen Deutschlands war das aus unterschiedlichen Gründen nicht unbedingt gegeben.

So sind aus Ostdeutschland und insbesondere auch aus Bayern Zahlen belegt, dass bis zu einem Viertel der jüngeren Bevölkerung aus Armutsgründen diese Heiratserlaubnis nicht erhielt, aber dennoch kamen aus den Liebesverhältnissen Kinder zur Welt.

Darüber geben insbesondere Taufregister deutliche Auskunft.

Hier haben Historiker und Volkskundler noch einiges aufzuarbeiten. Das Thema ist allerdings – und das habe ich persönlich immer wieder erfahren müssen –  mit einer deutlichen Schweigementalität in der ländlichen Bevölkerung insgesamt auch heute noch belegt.

Auch im Geschichtsunterricht vieler Gymnasien kommen diese elementaren historischen Fakten kaum vor. Das wurde mir bei meinen 130 Vorträgen in Nordwestdeutschland von Schulhistorikern/innen  durchweg bestätigt. Allerdings wurde im Fachstudium auch nahezu ausschließlich die „besitzlose Industriebevölkerung“ ab Mitte des 19. Jahrhunderts behandelt.

 

 Bernd Robben

  1. März 2018

Video – Interviews mit Zeitzeugen

Leider habe ich erst nach meinem 104. Vortrag damit begonnen, die Gunst der Stunde direkt zu nutzen, um die jeweils anwesenden Zeitzeugen in einem Video – Interview über ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen zum Heuerlingswesen und seinen Begleiterscheinungen zu befragen.

 

Das geschah zum ersten Mal bei dem Vortrag in Leeden.

http://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Steinfurt/Tecklenburg/3225625-Altherrenclub-Vortrag-ueber-das-Leben-der-Heuerleute-Rasanter-Wechsel-vom-Knecht-zum-Handwerker

In diesem Artikel heißt es auch:

Es gab zu den Ausführungen von Bernd Robben viel Erstaunen und Applaus. Im Anschluss nahm er Video-Interviews mit einigen Interessierten auf, die aus ihrer Vergangenheit als Heuerleute berichteten. So erzählte Andreas Finke aus Leeden, dass er im Heuerhaus des Ritterguts Rehorst in Leeden mit der Familie gewohnt habe, Schmiedemeister geworden sei und später bei Amazone-Dreyer gearbeitet habe, um bei der Montage von Landmaschinen für Bauern mitzuwirken. Ein klassischer Fall. Robben bringt alle Interviews mit Einverständnis ins Internet. Er hat derzeit noch rund 800 Seiten Material, das er für die Nachwelt zu bearbeiten habe.

Zeitzeugenberichte

Leider habe ich erst nach meinem 100. Vortrag damit begonnen, die Gunst der Stunde direkt zu nutzen, um die jeweils anwesenden Zeitzeugen in einem Video – Interview über ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen zum Heuerlingswesen und seinen Begleiterscheinungen zu befragen.

Das geschah zum ersten Mal bei dem Vortrag in Leeden.

http://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Steinfurt/Tecklenburg/3225625-Altherrenclub-Vortrag-ueber-das-Leben-der-Heuerleute-Rasanter-Wechsel-vom-Knecht-zum-Handwerker

In diesem Artikel heißt es auch:

Es gab zu den Ausführungen von Bernd Robben viel Erstaunen und Applaus. Im Anschluss nahm er Video-Interviews mit einigen Interessierten auf, die aus ihrer Vergangenheit als Heuerleute berichteten. So erzählte Andreas Finke aus Leeden, dass er im Heuerhaus des Ritterguts Rehorst in Leeden mit der Familie gewohnt habe, Schmiedemeister geworden sei und später bei Amazone-Dreyer gearbeitet habe, um bei der Montage von Landmaschinen für Bauern mitzuwirken. Ein klassischer Fall. Robben bringt alle Interviews mit Einverständnis ins Internet. Er hat derzeit noch rund 800 Seiten Material, das er für die Nachwelt zu bearbeiten habe.

https://youtu.be/jSVsYihR46Q

 

 

Die Familie Westerhoff (Ossenbeck) konnte das Heuerhaus kaufen

Hochdeutscher Text zur nachfolgenden Videoaufzeichnung (Archiv Robben)
Ich heiße Johannes Westerhoff,  bin in Ossenbeck bei Damme geboren und in einem Heuerhaus aufgewachsen.

1960 konnten wir das Heuerhaus vom Landwirt Niebur in Ossenberg kaufen.

Damals ging es mit der Landwirtschaft in den Heuerstellen in der Umgebung hier zu Ende.

Wir haben jedoch noch bis 1980 so weiter gewirtschaftet.  In der Zeit war auch noch ein wenig Geld in der Landwirtschaft zu verdienen mit Schweinen und Milchkühen.

Mein Vater war beschäftigt bei der Firma Leiber  ab 1961 und ich fand 1964 bei der Straßenmeisterei in Vechta eine Anstellung. Dort habe ich 40 Jahre gearbeitet.

Alles, was so an Arbeiten in der Landwirtschaft anfiel, haben wir gemeinsam erledigt.

Wir hatten auch noch die Möglichkeit, Torf als Brennmaterial zu graben und zwar so viel wir wollten. Aber wenn man eine Woche Torf gegraben hatte, dann war man das wirklich leid. Das musste man genau kennen, damit man nicht im Wasser stand.

Interessant war, dass wir das Heuerhaus kaufen konnten. Das kam sonst selten vor, weil die Bauern diese Häuser nicht abgeben wollten. Bei uns war es so, dass es dem Bauern finanziell wohl nicht so sehr gut ging: Der Bauer wollte heiraten und sein Bruder musste zeitgleich auch eine Ehe eingehen, dabei fiel die Aussteuer an und so wurde Geld gebraucht. Das war für uns die Gelegenheit.

Allerdings war es dann noch schwierig für mich, dort eine Baugenehmigung zu erhalten.

Aber das hat dann mit dem Wohlwollen der beteiligten Behörden doch geklappt.

Dr. Christian Westerhoff ist der Sohn von Johannes Westerhoff und seiner Ehefrau (rechts neben ihm)

In dieser Videoaufzeichnung gibt er weitere Auskünfte….

https://www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/bibliothek-fuer-zeitgeschichte/kontakt/dr-christian-westerhoff/

Erich Knemöller aus Lengerich/Westf. als Zeitzeuge

 

 

Erich Knemöller wurde 1931 im Raum Lengerich /Westfalen in einem Heuerhaus geboren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er einen eigenen Gärtnereibetrieb auf.

Er war darüber hinaus unermüdlich auch für die Allgemeinheit im Einsatz, so über Jahrzehnte im Rat der Stadt, in den Gremien der Kirche und des Heimatvereins, dessen Vorsitzender er 14 Jahre lang war. „Meine Frau hat mich dabei immer unterstützt!“

Sein Engagement wurde mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes geehrt.

Nach einem Vortrag zum Heuerlingswesen in Leeden im März 2018 war er mit anderen Zeitzeugen bereit, über seine Erfahrungen aus seiner Jugendzeit auch auf Plattdeutsch zu berichten, das er von Kindheit an beherrscht, nun aber lange nicht mehr gesprochen hat.

https://youtu.be/3PEhexhrltI

Zeitzeugen im HV Hunteburg

Auch hier konnten wiederum Kurzinterviews per Video aufgezeichnet werden, die  wichtige Erscheinungsformen des Heuerlingswesens

– auch in aller Brutalität –

durch authentische Aussagen belegen.

Bernadette Wachelau aus Andrup

Bernadette berichtet von ihrer Mutter, die von einem Bauernhof stammt, auf dem es noch Heuerleute gab.

Immer wieder – so auch hier – wird davon erzählt, dass heranwachsende Bauernkinder von ihren Vätern  zu den Heuerleuten geschickt wurden, um diese insbesondere bei gutem Erntewetter kurzfristig zu Arbeiten auf dem Bauernhof einzubestellen. Das wurde von den Betroffenen durchweg als belastende Situation empfunden, zumal gerade dann auch die gleichen Tätigkeiten auf ihrem Heuerbetrieb dringend verrichtet werden mussten.

Auf dem elterlichen Hof von Bernadette Wachelau wurde dagegen zuerst die Ernte der Heuerleute geborgen, damit diese dann ohne Groll auf dem Bauernhof mithelfen konnten.

Außerdem hatten diese Heuerleute schon einen Fernseher….