Erich Knemöller aus Lengerich/Westf. als Zeitzeuge

 

 

Erich Knemöller wurde 1931 im Raum Lengerich /Westfalen in einem Heuerhaus geboren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er einen eigenen Gärtnereibetrieb auf.

Er war darüber hinaus unermüdlich auch für die Allgemeinheit im Einsatz, so über Jahrzehnte im Rat der Stadt, in den Gremien der Kirche und des Heimatvereins, dessen Vorsitzender er 14 Jahre lang war. „Meine Frau hat mich dabei immer unterstützt!“

Sein Engagement wurde mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes geehrt.

Nach einem Vortrag zum Heuerlingswesen in Leeden im März 2018 war er mit anderen Zeitzeugen bereit, über seine Erfahrungen aus seiner Jugendzeit auch auf Plattdeutsch zu berichten, das er von Kindheit an beherrscht, nun aber lange nicht mehr gesprochen hat.

https://youtu.be/3PEhexhrltI

Zeitzeugen im HV Hunteburg

Auch hier konnten wiederum Kurzinterviews per Video aufgezeichnet werden, die  wichtige Erscheinungsformen des Heuerlingswesens

– auch in aller Brutalität –

durch authentische Aussagen belegen.

Bernadette Wachelau aus Andrup

Bernadette berichtet von ihrer Mutter, die von einem Bauernhof stammt, auf dem es noch Heuerleute gab.

Immer wieder – so auch hier – wird davon erzählt, dass heranwachsende Bauernkinder von ihren Vätern  zu den Heuerleuten geschickt wurden, um diese insbesondere bei gutem Erntewetter kurzfristig zu Arbeiten auf dem Bauernhof einzubestellen. Das wurde von den Betroffenen durchweg als belastende Situation empfunden, zumal gerade dann auch die gleichen Tätigkeiten auf ihrem Heuerbetrieb dringend verrichtet werden mussten.

Auf dem elterlichen Hof von Bernadette Wachelau wurde dagegen zuerst die Ernte der Heuerleute geborgen, damit diese dann ohne Groll auf dem Bauernhof mithelfen konnten.

Außerdem hatten diese Heuerleute schon einen Fernseher….

Hubert Hesselfeld (Lohne) als Zeitzeuge

Hubert Hesselfeldt in der Lohner Runde (Dritter von links)

 

Er berichtet über sein Leben.

Geboren bin ich am 15 November 1936 als viertes von fünf Sonntagskindern der Eheleute Heinrich Hesselfeld und Josefa geb. Westerhoff in Moorkamp bei Lohne. Geboren bin ich morgens um sieben Uhr. Nach dem Hochamt wußte ganz Lohne, dass bei Hesselfelds ein kleiner Foss (Rothaariger) angekommen war. Das war wohl schon etwas Besonderes , meine älteren Geschwister hatten andere Haarfarben.

Mein Vater war Fleischbeschauer in der Gemeinde Lohne.

Nach meiner Grundschulzeit an der Knabenschule Lohne besuchte ich die Lohner Mittelschule. Nach drei Jahren wechselte ich zum Gymnasium Antonianum Vechta. Dort bestand ich 1956 mein Abitur. Bis 1959 studierte ich an der Pädagogischen Hochschule Vechta.

Von 1959 bis 1966 war ich Lehrer an der Katholischen Volksschule in Jever.

Von 1966 bis 1971 unterrichte ich an der Stegemannschule Lohne. (Haupschule)

1971 wurde ich dann Schulleiter an der Ketteler-Schule (Grundschule) Lohne, die 1976 einen Neubau bezog,  an dem Weg, an dem ich auch geboren bin. Im Jahre 2000 wurde ich pensioniert.

Meine Nebenämter u.a.:

  • 20 Jahre lang Vorsitzender des Lohner Ludgeruswerks (Volkshochschule )
  • 12 Jahre lang Vorsitznder des Pfarrgemeinderats St. Gertrud
  • Seit 1966 Vizepräses der Kolpingsfamilie St. Gertrud

Bei uns im Hause wurde nur Plattdeutsch gesprochen. Heute schreibe ich noch Plattdeutsche Kolumnen für die Oldenburgische Volkszeitung. Außerdem arbeite ich im Plattdeutschen Arbeitskreis der Universität Vechta mit, der von Prof. Kürschner geleitet wird.

 

Vier Geschichten zum obigen Video:

 

Meine Mutter war ein Heuerleutemädchen, wie man früher die Töchter von Heuerleuten nannte.

Sie lebte von 1903 bis zum Jahre 2000.

Im Jahre 1927 heiratete sie Heinrich Hesselfeld, Sohn eines Eigners aus Lohne.

Als die Schwester meines Vaters erfuhr, dass er beabsichtigte, die Josefa Westerhoff zu heiraten, schrieb sie ihm einen Brief nach Augsburg. Dort war mein Vater zu der Zeit als Gerber tätig.

In dem Brief stand: … Du willst doch wohl nicht die Josefa heiraten. Sie ist ein Heuerleutemädchen. Heute noch macht sie dir schöne Augen, aber bald verlangt sie dir Kleider und Schuhe ab…

Meine Mutter hat den Brief noch lange aufbewahrt. Meine Tante, das ist noch zu erwähnen, hat nie geheiratet.

 

Den Tod ihrer Mutter nannte meine Mutter immer als die schlimmste Zeit ihres Lebens. Im Heuerhaus Westerhoff lebten acht Kinder, der jüngste war gerade 7 Jahre alt. Die Mutter starb im Alter von 50 Jahren.

Bevor sie beerdigt wurde, mußte das gesamte Heu vom Boden der Diehle in die Scheune getragen werden. Die Tote war auf der Diehle aufgebahrt. Und nun durfte doch kein Heu auf die Tote in dem Sarg fallen. Die Diehlen an der Decke hatten viele Lücken und Zwischenräume. Nach der Beerdigung mußte das gesamte Heu dann wieder nach oben befördert werden.

Unsere Mutter hat oft gesagt, dass diese Arbeit für die Kinder zu dem Zeitpunkt fast noch schlimmer gewesen sei als der Tod der Mutter.

 

Als Kind hatte meine Mutter einmal drei Äpfel aus Heitmanns Garten gegessen, die am Straßenrand  gelegen hatten. Sie hatte aber Heitmanns nicht gefragt, und deshalb mußte sie das dann ja wohl auch beichten. Nach der Beichte, so erzählte meine Mutter, habe sie das auch wieder gutmachen wollen.

Deshalb sei sie in den Garten ihres Bauern Tinnemann in Lohne gegangen, habe drei Äpfel in ihre Schürze getan und diese dann in Heitmanns Garten befördert. „Diese Äpfel gehörten ja unserm Bauern und Frau Tinnenmanns war auch noch meine Taufpatin .“

 

Als meine Mutter ihre Grundschulzeit beendet hatte, sollte sie auf Betreiben ihrer Lehrerin Frau Klövekorn die Höhere Schwesternschule in Vechta besuchen. Sie fuhr nach Vechta und meldete sich an der Schule an. Als sie wieder zu Hause ankam, berichtete sie alles ihrem Vater.

„Da bekam ich,“ erzählte meine Mutter, „erst einmal Prügel“. Und der Vater habe dann noch gesagt:

„Ick will doch kiene Klitzen von jau häbben. Gi schäölt arbeiten.“ (Ich will doch keine feinen Damen von euch haben. Ihr sollt arbeiten).

 

Andruper Gesprächskreis

Auch nach dem Vortrag up Platt in Andrup bei Haselünne bildete sich spontan eine Gesprächsrunde, es sprudelten Erinnerungen an die auslaufende Zeit des Heuerlingswesens mit Siedlungsbewegungen etc.

Von links: Bernadette Wachelan, Werner Janning, Helmut Dulle, Ewald Thiering, Christa Berens, Annemarie Schlangen und W. Sabelhaus.

 

12. März 2018

Vortrag Nr. 103 in Horstmar

Die Nachfrage nach Vorträgen zum Heuerlingswesen hat sich durch die weitere Buchveröffentlichung „Heuerhäuser im Wandel“ noch verstärkt, so dass es zu ersten Absagen kommen musste.

Das hat auch den Grund, dass mit An- und Abreise, Aufbau, Referat und (zumeist umfangreicher) Diskussion etwa fünf Zeitstunden vergehen, so dass einschließlich der Fahrtkosten nicht einmal ein Mindestlohn …

Foto: Heuerhaus im Münsterland aus dem Archiv Skibicki

 

Eine solche Pressemeldung des Heimatvereins ist dann doch zusätzlicher Lohn, obwohl man sich als Referent nach so vielen Einsätzen selbst nicht mehr hören mag!

„Heuerlinge“, ein heute fast unbekannter Begriff, umfasste noch vor gar nicht langer Zeit eine große Bevölkerungsgruppe des Münsterlandes. Bernd Robben aus Emsbüren hielt am Dienstagabend im Borchorster Hof in Horstmar einen sehr lebendigen Vortrag über diese bäuerliche Schicht. Robben erwies sich nicht nur als Experte für dieses von der Geschichtsschreibung stiefmütterlich behandelte Thema, sondern auch als sehr geschickter Erzähler. Gespickt mit Anekdoten und Details von den Lebensumständen der Heuerlinge und Kötter fesselte er die Zuhörerschaft, die der Einladung des Heimatvereins gefolgt war. Das Heuerlingswesen bestand 400 Jahre bis nach dem 2. Weltkrieg in Nordwestdeutschland.  Die Heuerlinge lebten fast ausnahmslos am Rande des Existenzminimums. Sie mussten neben ihrer schweren Arbeit auf den ihnen zur Verfügung gestellten kleinen Ackerflächen und den unentgeltlichen Hilfeleistungen auf dem Hof  „ihres Bauern“ durch Hollandgängerei oder andere Nebentätigkeiten das Überleben ihrer Familie sichern.  Deshalb verschwand dieser Berufsstand auch vollständig, nachdem sich andere Verdienstmöglichkeiten in der Industrie auftaten. Am Ende seines Vortrags zeigte Robben noch Bilder von Heuerlingshäusern, die früher in der Regel klein und sehr einfach gebaut nur unzureichenden Schutz vor Wind und Wetter boten. Die Heimatfreunde erfuhren viel Neues über die Geschichte dieser bäuerlichen Schicht. „Diesem Referenten könnte ich stundenlang zuhören“, meinte am Schluss einer der Zuhörer.

Von: Margareta Schulte, Vorstandsmitglied, Heimatverein Horstmar

 

Ausmaße der Trunksucht

 

Daß unmäßiges Saufen, wie es bei den Soldaten und Offi­zieren zu beobachten gewesen war, auch in der hiesigen ländlichen Bevölkerung Anklang fand, zeigen nicht nur die

Bemerkungen über den sonntäglichen Rausch der Bauern, sondern auch die Statistiken der Straftaten, die im Zusam­menhang mit Alkohol standen. So entfielen, wie U. Meiners aus den Brüchtenregister des Amtes Westerstede im Ammerland errechnete, von 100 Vergehen zwischen 1758 und 1761 allein 56 auf „Schlägereien, Zankereien und Saufe­reien im Wirtshaus.“ Zwischen 1762 und 1764 fiel das Er­gebnis noch extremer aus: Von 189 gebrüchten Vergehen fielen 151 in die Rubrik „Schlägerei und Saufen“. Mit dem Anstieg des Branntweinkonsums aber stieg vor allem das Ausmaß einzelner Exzesse. In einem Bericht aus Burhave, einem Kirchspiel (Ldkr. Wesermarsch), das knapp 1600 Einwohner zählte, heißt es dazu:

 

 

Text Seite 110

Mehrfach wird in diesem Buch darauf hingewiesen, dass überdurchschnittlich viele besitzlose Männer (also auch Heuerleute) zu den Trunksüchtigen gehörten.