Lehrer in den Nebenschulen: häufig Heuerleute

Das „arme Dorfschulmeisterlein“ war häufig ein Heuermann…

… der im Sommer Hollandgänger war und im Winter „Schule hielt“. Sehr genaue Auskunft über die Verhältnisse am Ende des 18. Jahrhunderts in Teilen Nordwestdeutschlands erhalten wir aus den Visitationsberichten des „Lehrers der Lehrer“,  Bernhard Overberg aus Münster.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Heinrich_Overberg

Man unterschied damals die Hauptschulen in den Kirchdörfern von den Nebenschulen in den Bauerschaften. In den fortschrittlichen Leistungsgesellschaften heutiger Ausprägung weiß man, welchen enormen Stellenwert die Bildung des Nachwuchses hat. Damals war die Situation insbesondere der kleinen Nebenschulen mehr schlecht als recht.

Erst mit dem Ende des Heuerlingswesens wurde es der ländlichen Bevölkerung zunehmend möglich, auch weiterführende Schulen zu besuchen.

Theo Mönch – Tegeder, bis zu seinem Tode im Sommer 2018 Leiter der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) in Bonn, erzählte dazu:

Ich als Bauernsohn erinnere mich auch, dass Heuerlingskinder es in der Schule oftmals besonders schwer hatten. Sie galten per se als dumm und unkultiviert. Als es in den frühen 60er Jahren darum ging, die örtliche achtklassige Volksschule in ein mehrgliedriges Schulsystem zu integrieren aus Grundschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium, brach dieser Umstand noch einmal wieder auf.

Konkret ging es um die Entscheidung, in Emsbüren eine Realschule zu errichten.

Vehement plädierte ein hoch anerkannter Lehrer damals dagegen. Seine Begründung: Die wenigen klugen Schüler würden ihren Weg ins Gymnasium schon finden. Wichtig sei aber, für die vielen dummen Schüler Sonderschulen bereit zu stellen.

Wie sehr hat er sich doch geirrt!

Daran muss ich denken, wenn ich heute schulpolitische und familienpolitische Debatten verfolge. Unsere Gesellschaft verdumme, weil nur die Dummen noch Kinder bekämen, ist da zu hören. Ein Teil der Kinder, insbesondere jene aus schwierigen sozialen Verhältnissen, sei nicht mehr bildungsfähig. Vom abgehängten Prekariat ist die Rede. Meine Erfahrung ist eine andere. Intelligenz ist keine soziale Kategorie!

Niemand ist dumm, nur weil er aus schwierigen Verhältnissen kommt!

Das Emsland hätte sich nicht so entwickeln können, wenn nicht das große Potenzial sehr tüchtiger, gut ausgebildeter junger Leute gerade aus der Unterschicht der Heuerlings – Familien hätte aktiviert werden können. Es profitiert heute davon, dass sich Schule und Politik vor einem halben Jahrhundert eben nicht irgendwelchen Vorurteilen aufgesessen sind, sich nicht damit abgefunden haben, dass diese verarmte Landbevölkerung ja ohnehin als abgehängtes Prekariat zu bewerten sei. Die Erfahrung lehrt also: Das Emsland tut gut daran, der kommunalen Schul- und Familien- sowie der befähigenden Sozialpolitik höchste, ja strategische Bedeutung beizumessen.

Theo Mönch – Tegeder (Mitte) im Gespräch mit Pfarrer i. R. J. Underbrink und Architekt B. Botterschulte bei der Buchvorstellung Die letzten 80 Jahre im Emsland von Bernd Robben (Emsbüren 2012)

Foto: Archiv Robben

 

Das Innere der Heuerhäuser

 

Jacobi, C.:
Ledebur, A.:
Ueber die Verhältnisse der Heuerleute im Osnabrückschen nebst Vorschlägen für deren Verbesserung / Bearb. m. Rücks. a. d. Verhandlungen des Local-Gewerbe-Vereins im Amte Grönenberg durch den Vorstand desselben [C. Jacobi ; A. Ledebur] - Melle 1840
Osnabrück : Rackhorst in Komm. , 1840 - IV,

 

Vielfach furchtbare Enge

Jacobi und Ledebur zitieren 1840 den Bericht eines Arztes, der in Glane 1827 eine Epidemie bekämpfte und dabei in viele Heuerhäuser kam (S. 9). Dieser schrieb: Wo aber die Krankheit eine Familie befiel, da wurden meistens alle Glieder derselben durchsiechet, wenigstens in den Häusern der Heuerleute, deren beschränkter Raum keine Sonderung, zuweilen selbst nicht Lüftung der Zimmer gestattete … Man findet der Heuerwohnungen, vorzüglich in den Kirchspielen Glane und Laer, sehr viele, auf deren Erbauung weniger Sorgfalt und Fleiß verwendet wird, als auf die Einrichtung eines Schoppens. Man sieht es vielen von außen an, daß der Colonus [Bauer] mit großer Eile und kleinlicher Sparsamkeit dabei verfuhr … Es liegen eine Menge Familien in sogenannten Backhäusern, Speichern und Schoppen, oft so gedrängt, daß Alt und Jung, 6-7 an der Zahl in einem Durtig [Schlafbutze] die Schlafstelle haben. Dieser ist vielleicht dabei so kurz, daß ein mittelgroßer Mensch gekrümmt darin liegen muß; zudem sind die Stuben gewöhnlich so niedrig, daß nur kleine Personen aufrecht stehen, und so eng, daß außer Tisch und Ofen kaum ein Paar Stühle stehen können. – Man denke sich die ganze Brut den langen Winter hindurch in solchem Käfig eingesperrt!

Der „ewige“ Roggenanbau

Da der Roggen auch auf leichten oder sandigen Standorten vergleichsweise gute Erträge brachte, wurde diese Getreideart im Verbreitungsgebiet des Heuerlingswesens fast ausschließlich angebaut. Durch das lange Halm konnten auch besseren Stroherträge erreicht werden. Vornehmlich wurde Winterroggen ausgesät.

Allerdings fielen die früheren Erträge wegen mangelnder Düngung ungleich schlechter aus. In meiner Familie sind 25 bis 30 Zentner überliefert. Im Jahre 2014 wurden 122 Zentner im Durchschnitt geerntet. 2017 etwas über 100 Zentner.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/262518/umfrage/hektarertrag-von-roggen-in-deutschland/

 

Dieses Foto zeugt einen schwach gedüngten Roggenacker nach dem 1. Weltkrieg im Hümmling

Foto: Böckenhoff Grewing

cof

Diese Zeitungsmeldung ist eine zufällige Fundsache meiner Frau im Kreisarchiv Nordhorn. Leider wurde der genaue Nachweis nicht notiert.

Aber „Roggen“ dominierte…

 

 

Moor im Emsland im Vergleich

Unerschlossene Moore weckten durchweg Begehrlichkeiten sowohl bei

  • der besitzlosen Landbevölkerung als auch
  • bei den Landesherrn.

 

 

 

Hier eines der größten Moorgebiete in Deutschland

             Das Bourtanger Moor

Tabelle Moorbesiedlung von B. Robben

Karte vom Moor im Emsland: Kreisarchiv Meppen

Mitten im Moor eine Kirche: Hebelermeer

http://www.heuerleute.de/?s=hebelermeer

In diesem umfangreichen Bericht wird die Moorbesiedlung von ehemaligen Heuerleuten in unmittelbarer Nähe zur niederländischen Grenze im menschenfeindlichen Bourtanger Moor berichtet.

https://www.google.de/maps/search/hebelermeer/@52.7378039,7.0656302,4074m/data=!3m1!1e3

Der Grenzverlauf markiert sehr deutlich die unterschiedliche Bearbeitung des ehemaligen Moores, die der Mensch in „Kultur nimmt“:

Rechts auf deutschem Gebiet die Moorbrandkultur – sehr viel primitiver – und links wenige hundert Meter weiter haben die Niederländer mit ihrer durchdachten Fehnkultur sehr viel effektiver ertragreiche landwirtschaftliche Flächen geschaffen.

Nun war es für die Bewohner von Hebelermeer ein wichtiges Ziel, auch eine eigene Kirchen zu bauen:

Kirchenbau im Hochmoor

Die Backsteine für den Kirchbau wurden in Altenberge im Feldbrand mit Torf gefertigt. Von dort konnten sie bis Segberg auf Sandwegen gefahren werden. Danach wurde es immer schwieriger. Die Hebelermeerer Bauern hatten nur leichte Ackerwagen mit zehn Zentimeter breiten Felgen. Unter jedem Wagen hingen die typischen „Peärdeholsken“. Wo bei Wesuwermoor der feste Weg endete, wurde die Hälfte Steine abgeladen. Jetzt schnallte man den Pferden die Bretterschuhe unter, und so kroch das Gespann beschwerlich übers Torfmoor. Wenn Regen kam, wurde der Steintransport eingestellt. Das Anfahren des Materials zog sich laut Dorfchronik zwei Jahre hin. Am 19. Mai 1866 wurde die Kirche in Hebelermeer gesegnet.

https://www.noz.de/lokales/twist/artikel/1421199/johann-bernhard-hensen-und-der-schwierige-bau-der-hebelermeer-kirche-1#gallery&0&0&1421199

 

Foto und Zeitungsbericht: Horst Heinrich Bechtluft

 

Die Hochzeitsreise im Verbund mit der Übernahme einer Heuerstelle

Eine sehr einfühlsame Beschreibung der damaligen wirtschaftlichen und sozialen Lage junger besitzloser Landbewohner in Nordwestdeutschland ist dem plattdeutschen Autor Alfons Sander gelungen.

 

http://13.08.2015, https://www.noz.de/lokales/herzlake/artikel/605858/herzlaker-autor-alfons-sanders-wird-90-jahre-alt#gallery&0&0&605858

De Hochtiedsreise

von Alfons Sanders

Veldmanns August deinde bi Eenhuus-Buur as grote Knecht. Siene Bruut Greite was up Aoselaoge as Maoget. Se beiden wulln all lange un gern Hochtied holten, man se harn kien Huus, wor se intrecken kunnen. ’ne Hüürmannsstäe möss et all wäsen, ’n änner Unnerkaomen geef et hier tau Lande nich. So bleef ehr blot dat Eine, solange wachten, bit in de Ümmgägend maol ’n wat frei würd.

Se dröpen sück merst elkern Sönndagnommdag up den Weg unner de ollen Hoffeiken. Dann güngen se beide Arm in Arm dör’t Holt un an Feller un Wisken langs. Se möken Plöne, vertellden sück, wat se so in de Wäke seihn un beläwet harn un harn sück heller leif.

De Sommer har sien Beste daon. De Roggengorwen stünnen in Hocken, of se wörn all dröge in de Schüre. An düssen Sönndag köm Greite ehren August all achtern Aoselaoger Hoff taumeute. „Du, August, ick weit wat Neies“, begünnt se iewerig, „ick kann ja gaut mit miene Buurnlüe. Van Vömmdag heff de Buur mi verteilt, dat in Eeren de Hinrichs Wilm ut de Tied gaohn is. Nu sitt de Witfrau allennig up dat Hüürwark. Se will et upgäwen un nao ehre Dochter trecken. Wenn wi beiden Maut harn, de Stäe tau öwernähmen, mende use Buur, dann will he woll ’n gaut Woort för us inleggen.“ August greep siene Greite unner de Armes un böörde se hoch up. „Greite, du büst ’n Engel! Wisse hebbt wi beiden Maut, menst du nich uk?“ Un Greite straohlde öwer ‚t heile Gesicht: „Jao, August, wi beiden!“

Up de Stäe güngen de beiden taugange nao Eeren tau. Se proteden mit Künneken Buur. De wull sück dann noch äwen bi ehre Buuren — wor se in Stäe wörn — ümmhören. Wenn se beide ’n gauden Roop harn, dann kunn dat woll wat wern.

Man uk mit Hinrichs Fina, de Witfrau, proteden se. Jao, uk mit de kömen se däget kloor. Van ehr kunnen se sogor ’n groot Deil van de Huushollgen — wat se nich mehr brukede — günstig öwernähmen.

An den ännern Sönndag würden se mit Künneken Buur drocke kloor. Se kunnen all binnen kotten in dat Hüürhuus intrecken. Fief Hektor Land un Weiden kregen se taudeilt. Dorför möss August hunnert Daoge in’t Johr bi’n Buur helpen. So was dat up de mersten Hüürstäen Bruuk.

Nu was et Tied van Hochtied hollen. Man se wörn beide van Huus ut helsken sünig. Ehr meiste Geld; wor se lange öwer spoort harn, was ampat för de Huusholgen drup gaohn, de se van Hinrichs Fina öwernaohmen harn.

„Weißt du wat“, see August tau siene Greite, „wi beiden gaoht up Hochtiedsreise!“ „Dat kummp us ja noch dürer tau staohn, as Hochtied fieren“, mende Greite. Dann müsterde August siene Greite wat in ‚t Ohr, wat kieneine änners hören dröfte. „Jao“, see Greite un schmüsterde, „wenn dat so räken geiht, dann man tau!“ Dat Huus, wor se intrücken, leeg allennig un ’n Stück van ‚t Dörp weg. De Verwandtskup un uk de Naobers kregen Bescheed, dat dat junge Poor up Bruutreise güng un kiene Hochtied fieren wull. Dat was ja heel wat Neies un was uk gägen den Bruuk. Man se mössen et ja sümmes wäten.

De Pastor geef ehr den Sägen, un se beiden wören ein Poor. Ehr Küfferken un de Taske mit den Reiseproviant harn se all unnerstellt. So kunnen se van de Karke ut liekut nao’n Baohnhoff. In Lämkhusen stegen se in, un de Hochtiedsreise begünnt. Man in Essen/O. was ehre Reise all tauende. August wüssde hier gaut Bescheed. He nöhm dat Küfferken un Greite den Kort. Arm in Arm güngen se tau ‚t Hülsenmoor herin. Et was ’n mojen sünnigen Harfstdag. Achter einen groten Törfhoop foldeten se ehre wülln Däke uteine un löten sick bi’nänner daol. Dann was et an de Tied, dat de Hochtiedsmaoltied updisket würd.

Greite packede ut, wat se in ehren Wäenkorf mitbröcht har. Sogor ’nen Kauken har se backet, un den drögen Schinken, den August van Eenhuus-Buur mitkrägen har, har se anschnäen un ’n dick Stück d’r van mitnaohmen.

So fierden de beiden up ehre Ort un Wiese ehre Hochtied in ‚t Greune un glöweden, dat se de glückelsken Mensken unner Gottes moje Sünne wörn. Mit den lesden Aovendzug föhrden se weer trügge. Se trücken de Gardinen tau un stickeden in ’n Huuse kiene Lucht an. Löter wüss kien Menske, wänner se weerkaomen wassen.

in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes, Band 51, 2005, Seite 134 – 136

Foto: Kreismuseum Bersenbrück

 

Eine „Schnellübersetzung“ dazu:

Die Hochzeitsreise

August Feldmann war als Großnecht beim Bauern Einhaus angestellt. Seine Braut Grete diente in Aselage als Magd. Sie hatten sich schon lange vorgenommen, ihre Hochzeit zu planen. Sie fanden jedoch kein Haus, in das sie einziehen konnten. Sie warteten auf eine freiwerdende Heuerstelle, denn eine andere Wohnstätte gab es auf dem Lande nicht.

So war es ihr Los, ganz einfach zu warten.
Sie trafen sich zumeist sonntags nachmittags unter den alten  Hofeichen. Dann gingen sie Arm in Arm durch den Wald, die Felder und die Wiesen. Sie schmiedeten Pläne und erzählten sich, was beide in der Woche so erlebt hatten.

Die Sommerzeit war schon ein wenig fortgeschritten und die Ernte unter Dach und Fach.

An diesem Sonntag kam Grete ihrem August schon hinter dem Aselager Hof entgegen. „Du, August, ich habe eine Neuigkeit, “ erzählte sie eifrig. „ ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Bauersleuten. Heute Vormittag hat mir der Bauer erzählt, dass in Ehren der Wilhelm Hinrichs gestorben ist. Nun steht seiner Witwe alleine dort vor der Arbeit in ihrer Heuerstelle. Sie möchte den Betrieb aufgeben und zu ihrer Tochter ziehen. Wenn wir nun den Mut haben, diesen Betrieb zu übernehmen, dann will unser Bauer ein gutes Wort für uns einlegen.“ August hob seine Grete vor Freude in die Höhe. „Du bist ein Engel, natürlich haben wir beide den Mut, meinst du nicht auch…“ und Grete strahlte über das ganze Gesicht:  „Ja August, wir beiden!“
Sofort machten sich beide auf den Weg nach Ehren. Sie sprachen mit dem Bauer Künneken..
Dieser wollte sich aber zunächst noch mit den Landwirten, bei denen die beiden zurzeit in Diensten standen, erkundigen. Wenn sie beide dort einen guten Ruf hätten, dann könnte ein Vertrag wohl zustande kommen.

Auch mit der Witwe Fina Hinrichs sprach das junge Paar. Man wurde sich mit ihr über die Nachfolge einig. Von ihr konnten sie sogar einen großen Teil des Haushaltes günstig übernehmen.

Am folgenden Sonntag schlossen sie mit dem Landwirt Künneken als Vermieter  einen Pachtvertrag. Sie konnten schon nach kurzer Zeit in das neue Haus einziehen. 5 Hektar Land und Weiden bekamen sie zugeteilt, dafür musste August 100 Tage im Jahr bei dem Bauern helfen. So war es Brauch auch bei den meisten Heuerstellen.

Nun kam die Zeit, dass sie an die Hochzeit denken mussten. Sie waren es von ihren eigenen Familien her gewohnt, dass man recht sparsam Haushalten musste. Das meiste angesparte Geld war für die Übernahme des Haushaltes angelegt worden, das sie von Tina Hinrichs übernommen hatten.

„Weißt du was,“ sagt der August zu seiner Grete, „wir beiden gehen auf Hochzeitsreise!“ „ Das wird uns ja noch teurer werden als eine Hochzeitsfeier,“ meinte Grete. Dann flüstere August seiner Grete etwas ins Ohr, was niemand anderes hören durfte. Daraufhin lächelte Grete und kommentierte: “Wenn sich das so rechnen lässt, dann bin ich dafür…“
Die Verwandtschaft und auch die Nachbarn erhielten den Bescheid, dass das junge Paar auf Brautreise sich begeben würde und deshalb keine Hochzeit feiern würde. Das war nun etwas völlig Neues und stand gegen die bisherigen Gepflogenheiten. Aber im Dorf war man sich darüber einig, dass die jungen Leute das selbst zu entscheiden hätten.
Der Pastor gab seinen Segen und die beiden wurden ein Paar.

Ihr Köfferchen und die Tasche mit dem Reiseproviant hatten sie schon untergestellt. So konnten sie von der Kirche aus direkt zum Bahnhof wechseln. Sie stiegen in den Zug ein und die Hochzeitsreise begann.

Aber in Essen/Oldenburg war ihre Reise schon zu Ende. August wusste hier genau Bescheid. Er nahm das Köfferchen und den Korb. Arm in Arm spazierten sie ins Hülsenmoor hinein. Es war ein wunderschöner Herbsttag. Hinter einem großen Torfhaufen falteten sie ihre wollene Decke auseinander und nahmen gemeinsam darauf Platz. Dann war es an der Zeit, das Hochzeitsmahl zu halten. Grete packte aus, was sie in ihrem Weidenkorb mitgebracht hatte. Sogar einen Kuchen hatte sie gebacken und der trockene Schinken, den August von seinem Hofbauern mitbekommen hatte, wurde angeschnitten und ein dickes Stück davon gegessen. So feierten die beiden auf ihre Art und Weise ihre Hochzeit im Grünen und glaubten, dass sie die glücklichsten Menschen unter Gottes schöner Sonne wären.

Mit dem letzten Abendzug fuhren sie wieder zurück. Sie zogen die Gardinen zu und zündeten ein kleines Licht an. Später wusste kein Mensch aus ihrer Umgebung, wann sie wiedergekommen waren.

 

Das Foto zeigt eine Heuerlingshochzeit in Brockhausen bei Lingen. Es stammt aus dem Hofarchiv Brockhaus.

 

 

Siedlerstellen entstehen 2

Nach dem 2. Weltkrieg waren noch weite Moorgebiete im westlichen Emsland landwirtschaftlich ungenutzt.

Das änderte der Emsland – Plan, der am 5. Mai 1950 vom Bundestag verabschiedet wurde.

Nun wurden Ottomeyer – Dampfpflüge eingesetzt:

Heuerleute bekommen Siedlungsland 1

Besiedlung des Cappelner Moores

Bis zum Jahre 1923/24 war das Gebiet des Cappelner Moores in der Gemarkung Schwagstorf nahezu unberührt. Große Teile von Moor- und Ödlandflächen lagen brach oder wurden nur zum Torf- bzw. Plaggenstechen genutzt. Fast sämtliche Vollerben, Halberben, Erb- und Markkötter aus Schwagstorf waren in diesem Gebiet Eigentümer eines Grundstücks. Mit Ausnahme von einigen unbefestigten Moor- und Sandwegen war es völlig unerschlossen.

Anfang der 20er Jahre wurde von der damaligen Regierung die Ansiedlung neuer landwirtschaftlicher Betriebe in die Wege geleitet und gefördert.

Im Gebiet des Cappelner Moores begann es mit einem Umlegungsverfahren — heute Flurbereinigung. Die Umlegungsfläche betrug 220 ha.

Dieses Verfahren lief über mehrere Jahre. Die Zuteilung der neuen Flächen erfolgte im Oktober 1929. In diesem Verfahren erwarb die Kreissiedlungsgesellschaft Wittlage eine Fläche von rund 124 Hektar. Für Wege wurde eine Fläche von rund acht und für Gräben eine von etwa fünf Hektar ausgewiesen.

Die Kreissiedlungsgesellschaft gab ihre Flächen an die Siedler weiter. Vorgesehen war, daß die Siedler für ihre Existenz eine Fläche von etwa elf bis zwölf Hektar benötigten. Aufgrund der Verschiedenheit der Flächen gab es Zu- oder Abschläge, so daß die tatsächliche Zuteilung zwischen neun bis zwölf Hektar lag. Einige Siedler hatten bereits in den Jahren 1923/24 selbst Grundstücke erworben. Große Unterstützung erfuhren sie durch den damaligen Kreisbaumeister Petsch und Landrat Glaß. Mit dem Bau der ersten Siedlungshäuser wurde 1923/24 begonnen. Die ersten Neubauten konnten im Herbst 1924 bezogen werden. Die meisten Siedler kamen aus den angrenzenden Gemeinden Venne, Hunteburg und Dielingen und hatten dort Heuerlingsstellen inne gehabt.

Ein kleiner Teil der Flächen wurde den Familien kultiviert übergeben. Der größte Teil, etwa sechzig Prozent, mußte von den Leuten noch selbst zur landwirtschaftlichen Nutzung hergerichtet werden. Maschinen waren nicht vorhanden, so daß nur Handarbeit übrigblieb. Dies geschah meistens unter Einsatz von Loren und Gleisen und mit Pferd und Wagen mit selbstgebauten Kippbehältern.

Die bekannten Pflüge der Firma Ottomeyer, Bad Pyrmont, die von zwei gegenüberstehenden Dampfmaschinen gezogen und achtzig Zentimeter tief pflügten, konnten wegen Geldmangels nicht eingesetzt werden. Dies geschah erst Mitte der dreißiger Jahre. Die Leistungen dieser Pflüge waren enorm. Noch heute sprechen die älteren Leute von diesen Maschinen.

In der Gemarkung Schwagstorf wurden von 1923 bis 1931 elf Siedlerstellen errichtet. Die Siedlerstelle des Friedrich Winter entstand im Jahre 1936. Zunächst wurde die Fläche erworben. Sein Heuerlingshaus im sogenannten »Alten Wolf« wurde 1942 durch eine Luftmine zerstört. Dann baute Siedler Winter ein neues Haus. Der Siedler Schomaker hat sein Haus auf Welplager Gebiet errichtet. Früher bewohnte er einen Kotten von Gut Wahlburg. Dieses Haus brach er ab und baute es an der Welplager Grenze wieder auf. Ebenso handelte Siedler Möhlmeyer, der zuvor im Kotten vom Gut Vorwalde wohnte.

Sämtliche Wege im Siedlungsgebiet waren unbefestigt. Die Entfernung bis zur Hunteburger Straße betrug bis zu zwei Kilometern. Das war für Kinder, die die Schulen in Broxten und Hunteburg besuchten, ein Schulweg von bis zu sieben Kilometern und eine echte Strapaze. So kam im Jahre 1951 der Plan auf, für die Kinder dieses Gebietes und zum Teil aus dem Ortsteil Vor dem Bruche eine eigene Schule zu fordern: Zu dieser Zeit waren genug Kinder für eine einzügige Schule vorhanden. Wiederholt wurden Besprechungen mit dem Schulrat Bibow geführt. Doch der Plan wurde von der Regierung abgelehnt, da die erforderliche Kinderzahl langfristig nicht gesichert war.

Die vor dem Kriege geplante Elektrifizierung dieses Raumes vor dem Bruche mußte wegen der Kriegsereignisse zurückgestellt werden. Sie wurde erst nach dem Krieg im Jahre 1948 fertiggestellt. Dieses besondere Ereignis war unter den unmöglichsten Bedingungen zustandegekommen. Die Leitungsmasten mußten selbst besorgt und unter Aufsicht der Nike aufgestellt werden. Der erforderliche Kupfer- und Aluminiumdraht mußte ebenfalls selbst besorgt und der Nike zum Montieren übergeben werden. Alle Gegenstände waren vor der Währungsreform nur gegen Butter, Speck, Eier, Kartoffeln usw. zu bekommen. Als aber erstmals das elektrische Licht eingeschaltet werden konnte, war dies ein Freudenfest, und die Älteren erinnern sich noch gerne an die sogenannten »Lämpchenfeste«, wofür die notwendigen Getränke (Rübenschnaps) selbst hergerichtet wurden.

 

Die ersten Wegebefestigungen erfolgten 1953 durch die Gemeinde Schwagstorf. Heute sind nahezu alle vorhandenen Wege asphaltiert. Damals, im Jahre 1953, wurden bei Friedrich Winter zehn Lastzüge Hochofenschlacke von Georgsmarienhütte und zwanzig Lastzüge auf den Wegen bei Büning und Schürmann abgeladen. Die erforderlichen Arbeiten wurden von den Siedlern im Wege der Hand-und Spanndienste ausgeführt.

Auf der Siedlerstelle Stegmann, heutiger Eigentümer ist Walter Winter, befand sich Anfang der dreißiger Jahre eine Hühnerfarm. Noch heute hört man häufig die Bezeichnung »Hühnerfarm«. Von 1936 bis zum Kriegsausbruch war in diesem Hause ein weibliches Arbeitsdienstlager eingerichtet. Die vier Siedlerstellen im sogenannten „Caldenhöfer Zuschlag« sind zehn Jahre später errichtet worden. Für die Siedler im „Cappelner Moor“ und „Caldenhöfer Zuschlag« war es keine leichte Arbeit. Sie können voller Stolz auf diese Jahre zurückblicken.

Seiten 141-146

Einsetzende Flurbereinigungen gaben den Heuerleuten keinen „Platz“ mehr

In diesem Buch wird auf den Seiten 145 bis 149 über die Flurbereinigung in Schwagstorf ab 1951 berichtet.

Und so geht Flurbereinigung:

Während viele Heuerleute vor der Flurbereinigung eher mit kleinen  – für die Bauern unrentablen – Flächen abgespeist wurden, fielen mit der „Verkopplung“ diese weg. Es gab nur noch größere Nutzflächen, die die Landwirte nun für sich allein beanspruchten…

 

Die Flurbereinigung—Teilnehmer fühlten sich benachteiligt

Von Wilhelm Jürgens

Im Jahre 1951 bereitete das Nieders. Kulturamt in Osnabrück eine Flurbereinigung in Schwagstorf vor.

In der ersten Anhörung waren einige dafür, doch viele dagegen. Man befürchtete, bei der Neuverteilung schlechteren Boden zu bekommen. Auch sah man die Notwendigkeit einer Flächenzusammenlegung nicht ein, denn um z. B. eine Fläche von 2 Scheffelsaat mit einem Gespann zu pflügen, benötigte man einen ganzen Tag. Außer einer Mähmaschine waren größtenteils größere Ackergeräte noch nicht vorhanden. Der Mist mußte mit der Forke aufgeladen und gestreut werden.

Besonders bei den größeren Betrieben setzte sich aber bald die Einsicht durch; daß eine Zusammenlegung ihre Vorteile hatte.

Nun ging es um die Größe des Flurbereinigungsgebietes. Einige der größten Betriebe fürchteten die Kosten und gaben nur Randgebiete in das Verfahren. Es mußte die Grenze des Gebietes genau festgelegt werden. Grenzsteine wurden gesetzt.

Innerhalb des Gebietes wurden nun Bodenproben entnommen, um die Güte jeder Parzelle festzustellen und zu kartieren. Dafür wurden vereidigte „Bodenschmecker“ eingesetzt. Dem Fachmann wurde ein „Hauer“ zugeteilt. Dieser mußte mit einem Holzhammer den Bohrer (Bodenentnahme) 50 bis 60 cm tief in den Boden schlagen.

 

Nach dem Herausziehen des Bohrers konnte man die Struktur des Bodens deutlich erkennen: Dicke der Humusschicht, Sand- oder Lehmuntergrund, Ortstein und vieles mehr. Auch wurde die Art der Gräser geprüft (Schachtelhalm ist Gift für die Milchkühe). Schließlich wurden die Ergebnisse der Begutachtung in einer Kane festgehalten. Das dauerte Wochen. Für das ganze Gebiet mußten die Bodenpunkte ermittelt werden.

Anschließend wurden vom Nieders. Kulturamt für jeden Flurbereinigungsteilnehmer die Bodenpunkte errechnet.

Jetzt hatte Bauer X nicht mehr 20 ha Besitz, sondern eine bestimmte Punktzahl. Diese war die Grundlage für die spätere neue Zuteilung.

Nun konnte man an die eigentliche Arbeit gehen: Straßen und Wege wurden neu eingemessen, Wasserläufe begradigt und ausgebaut. Acker- und Grünlandflächen sowie Wald wurden kartiert. Die Karte sah wie ein großer Fleckenteppich aus.

Der Felsener Esch, das Driehauser Feld, der Venner Esch, der Knoll und das Horster Feld waren die größten Flecken in diesem Teppich. Nun konnten die neuen Wege geplant werden. Sie sollten möglichst gradlinig und parallel zu Straßen oder Gräben verlaufen. So ist z. B. der alte Driehauser Feldweg total verschwunden.

Nach Beendigung dieser Arbeiten konnte bei einer Anhörung jeder Ei-gentümer seine Wünsche äußern. Verständlicherweise konnten nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Für die Flurbereinigungsbehörde begann nun die schwierigste Phase des Verfahrens: die neuen Flächen für jeden Besitzer mußten festgelegt werden.

Im Jahre 1957 waren die neuen Zuteilungspläne fertiggestellt. Von Raupen wurden die neuen Feldwege ausgeschoben. Für die neuen Parzellen mußten viele tausend Grenzsteine gesetzt werden. Als dann im Herbst 1957 bei dem Zuteilungstermin die neuen Flächen in Augenschein genommen werden konnten, war die Enttäuschung groß. Einige waren so empört, daß z. B. der Felsener Esch neu verteilt werden mußte.

Inzwischen sind 30 Jahre vergangen. Viele können sich an die alten Flächen nicht mehr erinnern.

Lieber ein Kind verlieren als eine Kuh!

Zunächst einmal diente in der stark  agrarisch geprägten vorindustriellen Gesellschaft die Haltung von Vieh vornehmlich der Eigenversorgung.

Das war insbesondere bei den Heuerleuten mit ihren geringen landwirtschaftlichen Flächen so.

Und hier hatte die Kuh unter den Nutztieren eine Sonderstellung. Sie war der lebenswichtige Eiweißlieferant.

Früher hieß es unter Heuerleuten: Lieber ein Kind verlieren als eine Kuh!

In diesem Ausspruch spiegelt sich die besondere Bedeutung der Kuh für die Heuerlingsfamilie wieder: Ein Kind konnte nachgezeugt werden – so abstoßend sich das aus heutiger Zeit auch anhören mag – eine Kuh konnte unter normalen Umständen für eine Heuerlingsfamilie erst über mehrere Jahre wieder erarbeitet werden. Der Verzicht auf Milch und Butter traf die Familie schwer, denn bei dem ohnehin schmalen Nahrungsangebot aus der Eigenversorgung fehlte ein wichtiger Nahrungsbaustein.

So kann man nach genauerer Sichtung der Heuerlingsliteratur davon ausgehen, dass  im Durchschnitt auf das gesamte Verbreitungsgebiet etwa 1,5 Kühe gehalten wurden. Nach der Aufteilung der Markengründe verloren die Heuerleute ja nahezu ersatzlos wichtige Weidegründe, die sie nur geringfügig kompensieren konnten durch die Beweidung der Wegeränder. Dafür war zusätzlich nun noch einen Hütung nötig, die fast durchweg von den Kindern übernommen werden musste, die Arbeitskraft eines Erwachsenen wurde an anderen Stellen dringender gebraucht. Deswegen konnte nun in vielen Heuerlingsfamilien nur noch eine Kuh gehalten werden, was in mehrfacher Hinsicht zu deutlichen Einbußen führte.

Auch die Schafhaltung war von dieser Entwicklung betroffen. Während vor Einführung der Markenteilungen in den Gebieten mit starkem Heideanteil einige Schafe (4 – 8) der Heuerleute in der Herde des Bauern mitlaufen durften und von einem Schäfer bewacht wurden, fehlten nun auch diese Voraussetzungen für eine erfolgreiche und den Unterhalt der Familie sichernde Viehhaltung. Dieser Makel konnte dann nur durch eine geringe Aufstockung des Schweinebestandes aufgefangen werden, eben so weit, wie es der Feldfruchtanbau auf den vorhandenen Ackerflächen ermöglichte. In der Schweinefütterung konnten nämlich – im Gegensatz zur Rinder – und Kuhhaltung – erfolgreich  Kartoffeln eingesetzt werden. Kartoffeln brachten nicht nur von der Erntemenge gegenüber dem Roggen größere Erträge. Auch in der Futterverwertung waren sie damals dem Getreide deutlich überlegen. Allerdings konnten sie nur gekocht als Schweinefutter verwertet werden. Das gab dann aber den früher so überaus begehrten – und heute verschmähten – Speck. Allerdings lässt sich heute noch auf Zeichnung und Fotos nachweisen, dass die überkommenen Schweinerassen eine recht dürftige Schlachtausbeute abgaben. Als das Borstenvieh noch zur Eichelmast in die Wälder getrieben wurden, waren es nicht selten Wildschweineber, die dort auftauchten und die bescheidenen Hausschweinzüchtungen wieder durchkreuzten, also wieder verschlechterten. Etwa um 1860 und in einigen Gegenden noch viel später wurden dann Schweinezuchten eingeführt, die ein erheblich besseres Schlachtgewicht erwarten ließen.

Immer wieder wurde von ehemaligen Heuerleuten in den Gesprächen darauf hingewiesen,  dass man damals der Aufzucht und Fütterung der Schweine einen ganz besonderen Stellenwert beigemessen habe. So erzählte im Jahre 2010 eine damals 86jährige noch sehr rüstige Frau, dass ihre Mutter sehr stolz darauf gewesen sei, dass der Dorflehrer sein jährliches Schlachtschwein ausschließlich bei ihr kaufte, weil es jeweils einen überdurchschnittlich guten Eindruck sowohl vom Gewicht als auch vom Gesamterscheinungsbild her gemacht habe. Das habe sich die Hürmanske allerdings auch teuer erkauft: Sie habe das Lehrerschwein regelmäßig mit Milchresten gefüttert, was zu einem weichen, hellen, ja fast glänzendem Borstenfell   geführt habe. Das sei dann immer wieder auch Dorfgespräch gewesen, ganz zum Verdruss einiger Bauern…

Ohnehin waren die Heuerleute ja auf Gedeih und Verderb – häufig im wahrsten Sinne des Wortes – auf möglichst „große“ Erfolge im Stall angewiesen. So waren sie peinlich darauf bedacht, dass in einem neuen Wurf Ferkel auch wirklich alle jungen Schweine am Leben blieben. Das war gar nicht selbstverständlich. So kam es in den engen Ställen durchaus vor, dass eine Sau eines oder gleich mehrere Ferkel tot lag. Das passierte besonders in den ersten Tagen nach der Geburt dann, wenn sie sich unkontrolliert hinlegte. Dabei erdrückte sie dann Mitglieder ihres Wurfes. Deshalb wachte man in den ersten Nächten am Stall. Die Heuerleute waren ja durch ihre enge Behausung ganz nahe am Geschehen: Wenn ein Ferkel erbärmlich schrie, waren sie schon da und konnten so Schlimmeres verhindern. Bei den Bauern mussten Knechte und Mägde diesen Wachdienst übernehmen, den diese dann auch schon mal verschliefen…

Dass etliche Bauern schon sehr genau beobachteten, was sich im Stall „ihrer“ Heuerleute abspielte, zeigt folgende Geschichte, die ein älterer Viehhändler erzählte, der auch noch viele  Geschäfte  mit Heuerleuten machte.  Nachdem er nun bei der Heuerfamilie sechs gemästete Schweine gekauft hatte – damals schon eine recht stolze Zahl für einen kleinen Heuermann – ging er auch zum Bauern rüber, um auch dort nach möglichen Umsätzen Ausschau zu halten. Sofort fragte die Bauersfrau nach dem Handelsgeschäft auf der benachbarten Heuerstelle. Dort habe ich sechs gute Mastschweine gekauft, erzählte ihr der Viehhändler. Völlig empört rannte die Bäuerin zu ihrem Mann und beschwerte sich: Hermann, da haben doch unsere Heuerleute sechs dicke Schweine verkauft, alles von unserem Land!

Auch andere ältere Viehkaufleute und ein Milchkontrolleur berichteten darüber, dass es ein Konkurrenzdenken in der die Haltung und Züchtung von Vieh und ebenfalls in der Produktion von Milch insbesondere von Seiten der Heuerleute gab: Sie waren fast täglich auf den Hof ihres Bauern tätig. Sie konnten also gute Erfahrungen im Umgang mit dem Vieh kopieren, erkannte Fehler jedoch vermeiden und so häufig bessere Ergebnisse beim Verkauf von Nutzvieh erzielen. Solche Begebenheiten erzählten sich schnell im Dorf herum, machten die Heuerleute stolz und einige Bauern ärgerten sich.