De wiete Welt in Ossenbrugge

 

Auf dem Solarlux Campus in Melle  trafen sich 44 Aussteller und geschätzt 1200 Ahnenforscher aus dem ganzen Bundesgebiet und aus dem Ausland zum 70. Deutschen Genealogentag unter dem Motto „Van Ossenbrugge in de wiete Welt“ in Melle vom 5. bis zum 7. Oktober 2018.

Auch die „Heuerleute“ waren als Thema vertreten:

 

Weitere Berichte folgen…

Fotos: Archiv Robben

Unehelich geborene Säuglinge wurden vernachlässigt….

Ein „Ausnahmebuch“ mit erstaunlichen Forschungsergebnissen….

Der rückwärtige Klappentext informiert:

Die vorliegende Schrift erfaßt anhand des nördlich des Harzes ge­legenen Ortes Ditfurt exemplarisch die Bevölkerungsentwicklung einer Landgemeinde ab 1600.

Mit Hilfe von kirchlichen Tauf-, Trau- und Sterberegistern wurden — in Zeitabschnitte und nach Berufen der Männer aufgeteilt — u.a. folgende Daten ausgewertet: Heiraten, Mütter mit unehelichen Kin­dern, Ein- und Auswanderungen, Heiratsalter; Geborenenziffer, Kin­der pro Familie, Geburtenabstände, Alter der Frauen beim ersten und beim letzten Kind; Sterbeziffer, Sterbealter, Todesursachen; Ein­wohnerzahlen.

Die überregionale geschichtliche Entwicklung, außergewöhnliche Ereignisse oder das Leben hochstehender Persönlichkeiten sind viel­fach beschrieben worden. Selten dagegen hat man die gesamte Bevölkerung eines Ortes, die Lebensweise der arbeitenden Bevöl­kerung, die soziale Lage einfacher Menschen untersucht. Diese Forschungslücke wird hier am Beispiel eines Dorfes in Mitteldeutsch­land geschlossen.

Eine wichtige und richtige Schlussfolgerung. Sie muss aber insofern spezifiziert werden, dass die Lage der besitzlosen Landbevölkerung bisher von den beteiligten Wissenschaften vernachlässigt worden ist. 

Die arbeitende Bevölkerung ansonsten ist ab etwa 1850 durch Karl Marx und Friedrich Engels mit  einer enormen Fülle an Sekundärliteratur beschrieben worden.

Allein diese (wegen der Überschaubarkeit von mir reduzierte) Schautafel zeigt einen Einblick, der so bisher nirgendwo gefunden wurde.

Ledige Mütter haben offensichtlich z. T. ihre eigenen Säuglinge so vernachlässigt, dass diese starben, wenn der neue Ehepartner nicht der Vater war.

Diese Erkenntnisse sind sicherlich übertragbar auf andere Kommunen in Deutschland, denn die Lage der ledigen Frauen auf dem Lande war weitgehend identisch.

Etliche Taufregister in Ostdeutschland und Bayern weisen bis zu 25 Prozent uneheliche Geburten aus.

Ditfurt liegt außerhalb des Verbreitungsgebietes des Heuerlingswesens.

Fast in jeder Kommune gibt es Berichte über von Bauern geschwängerte Mägde. Gerade aus dem Raum Bersenbrück liegen mir mündliche Berichte darüber vor, dass diese junge Frauen entschädigt wurden durch eine Kuh als Mitgift. So fand die Schwangere in der Regel schnell einen Knecht als Ehepartner, um dann gemeinsam eine Heuerstelle anzustreten.

Foto: Archiv Robben

Harzforschungen 17

Peter Stephan, Ditfurt - Demographie und Sozialgeschichte einer Landgemeinde nördlich de Harzes über 400 Jahre, Wernigerode 2002, Seite 116

Siedlungen im Moor – kaum zu glauben

Heuerleute aus Dalum im Emsland konnten ihre Lage nicht mehr ertragen und siedelten am Schwarten Pohl am Rande des Bourtanger Moores.

 

 

In dieser Veröffentlichung ist die mutige – aber auch sehr schwierige – Kolonisation vergleichsweise umfangreich beschrieben. Das Buch ist vergriffen.

Übersicht über weitere Besiedlungen im Emsland:

K. Greshake: Schwartenpohl Geschichte eine Moorbrandsiedlung, Lingen 1963

Verweigerung der Heiratserlaubnis

 Amberger Nachrichten  v. 21.04.2001

Arme brauchten Erlaubnis zum Heiraten

http://www.asamnet.de/~maschmid/Bilder/Hirten.html

Im Heuerlingsgebiet Nordwestdeutschlands bestand nach dem Armenrecht ebenfalls die Möglichkeit der Heiratsverweigerung.

Im Grunde genommen hatten die Bauern die Vorauswahl: Gaben sie einem jungen Paar eine Heuerstelle, bekamen diese durchweg eine Heiratserlaubnis, weil sie sich eigenständig versorgen und auch nachkommende Kinder aufziehen konnten.

Auch von hierher kann sicherlich die These untermauert werden, dass im Vergleich zu anderen Teilen Deutschlands (z. B. Bayern und Ostdeutschland) das Heuerlingssystem nicht die schlechteste Sozialisationsform darstellte.

 Amberger Nachrichten  v. 21.04.2001

Interessante Literatur dazu:

  1. Schulz, Hubert: Ehebeschränkungen im 19. Jahrhundert, 2002
  2. Lipp, Carola: „Das Zwangszölibat der Mittellosen“, 1989
  3. Achtermann, Eberhard: 300 Gulden und ein Gewehr, 1987
  4. Matz, Klaus-Jürgen: Pauperismus und Bevölkerung, 1980
  5. Annemarie Ryter: Als Weibsbild bevogtet – Zum Alltag von Frauen im 19. Jahrhundert, 1994

Das Armenwesen (2)

Es gab auch Armut

In Ergänzung zu diesen Ausführungen ein Beispiel, das ich im Rahmen der Eröffnung des Doppelheuerhauses (Kotten) Olderdissen im Bauernhofmuseum in Bielefeld als „Stellwandinformation“ fand:

Die Armenkasse Werther versorgte sie 6 Wochen

.Der Westfälische Anzeiger berichtet im Jahr 1815 (Sp. 201 f.) über das Schicksal von Frauen, die sich in Ravensberg auf Bauernhöfen in Dörfern als Grobspinnerinnen verdingten.

„Solche Personen erlangen ein hohes Alter, ohne einen anderen Wohnort zu haben als die Gemeinde,in der sie 20, 30, 40 Jahre von Haus zu Haus gesponnen haben.“

Eine solche Person war die 80jährige Anne Marie Clemens aus Oelde im Münsterschen gebürtig, welche in hiesiger Gegend seit langen Jahren von Haus zu Haus gearbeitet hatte. Im März 1814 brach sie sich ein Bein. Die Armenkasse Werther versorgte sie 6 Wochen lang. Nach notdürftiger Heilung fand sie eine zeitlang beim ehemaligen Brotherren Unterkunft. Im Januar 1815 aber meldete der Meier zum Gottesberg in Isingdorf dem Cantonsbeamten, er wolle die ..Person“ endlich los sein. Bevor die alte Spinnerin wie geplant über ,,Grenze“ nach Ravensberg abgeschoben werden konnte, verstarb sie.

Landarbeitermarkt in Ostfriesland

Landarbeitermarkt in Hinte

Karte aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Hinte

 

Wie war die Situation der Landarbeiter um 1900?

(Jedenfalls recht anders als die der Heuerleute weiter südlich)

 

In der Marsch

Die Bauern in den Marschgebieten hatten mindestens 50 Hektar, in Einzelfällen bis 180 Hektar unter Bewirtschaftung. Auf den großen Plaatzen arbeiteten zumeist drei Knechte und drei Mägde.

  • Groote Knecht, Knecht und Lütje Knecht
  • Groote Maid, Maid und Lüttje Maid

Letztlich konnten ein oder mehrere Tagelöhner eine ständige Beschäftigung finden

auf der Geest und im Moor

Im Vergleich dazu waren die Höfe auf der Geest und in Moorgegenden viel kleiner. Moorkolonisten bewirtschafteten beispielsweise Höfe mit lediglich 3 bis 10 ha. Alle Familienangehörigen mussten auf dem Hof mitarbeiten. Trotzdem war es oft nicht möglich, den Lebensunterhalt zu erwirtschaften

Kleinbauern von den Geest- und Moordörfern, die in der Erntezeit (die Zeit der hohen Löhne) auf den Höfen der Marsch Geld hinzuverdienen wollten und Landarbeiter, die kein eigenes Land besaßen, hatten die Möglichkeit auf Arbeitermärkten ihre Arbeitskraft anzubieten. In Hinte und Pewsum gab es in der Saison jeden Samstag Arbeitermärkte.

Es kamen auch Landarbeiter von weiter her, z. B. aus dem Südoldenburgischen. Sogar aus Holstein und Hannover sollen Arbeiter gekommen sein. Vor allem junge, kräftige Männer (meist zwischen 15 und 30 Jahren) wanderten der Arbeit hinterher. Die langen Wege wurden häufig zu Fuß zurückgelegt, nur wenige hatten ein Fahrrad. Manche fuhren per Bahn mit einer Arbeiterkarte. So gab es einen speziellen Sonntagsarbeiterzug von Georgsheil nach Emden, damit die Arbeiter am Montag früh mit der Arbeit beginnen konnten.

Warum gab es in Hinte einen Arbeitermarkt?

Hinte lag sehr verkehrsgünstig (durch die Bucht von Sielmönken war Hinte mit dem Meer verbunden). Die Aa oder Ehe ein Nebenfluss der Ems, ermöglichte eine schiffbare Verbindung nach Emden. Später wurde daraus das „Hinter Deep“ (Hinter Tief)

1733 erhielt Hinte das Marktrecht. Auf dem „Großen Brüggenort“ wurde der Markt abgehalten. Der Platz eignete sich auch deshalb sehr gut, weil es dort einen Schiffsanlegeplatz gab. Noch heute gibt es diesen Platz bei der Muhte und dem neuen Rathaus.

Seit ca. 1850 wurden in Hinte Arbeitermärkte, auch „Menschenmärkte oder Arbeiterbank“ genannt, abgehalten. Diese Arbeitermärkte wurden gelegentlich mit Viehmärkten und Sklavenmärkten im Süden der USA verglichen. Dies trifft jedoch den Charakter der Arbeitermärkte nicht, weil die Arbeiter selbst ihre Arbeitskraft anboten, sie wurden nicht verkauft.

  • Für welche Arbeiten wurden Saisonarbeiter benötigt?

Die Erntearbeiten konnten nicht  allein von den Stammarbeitern bewältigt werden. Hauptsächlich ging es um das Schneiden von Gras und Getreide. Später wurden Arbeiter bei der Ernte von Hülsenfrüchten benötigt.

Vielfach kamen auch die Frauen der Arbeiter mit, die bei der Getreideernte für das Binden der Garben zuständig waren. Dies war eine sehr anstrengende Arbeit, weil sie mit vornübergebeugtem Oberkörper verrichtet werden musste. ·

Wie funktionierte ein Arbeitermarkt?

In der Saison versammelten sich Arbeiter und Bauern auf dem Marktplatz. Es sollen sich zeitweise mehr als 500 Arbeitssuchende auf dem Hinter Arbeitermarkt aufgehalten haben

Zunächst fanden diese Märkte am Sonntag vor dem Kirchgang statt. Später wurden sie auf den Samstagnachmittag verlegt, der deswegen arbeitsfrei war. Arbeiter konnten direkt mit den Bauern die Bedingungen für eine Beschäftigung aushandeln. Es kam aber auch vor, dass von Arbeitern gewählte Wortführer die Verhandlungen mit den Bauern führten. Die Bauern nahmen das Arbeitsgerät der Landarbeiter (Sicht und Bick oder Sense, Hammer und Haarstapel – eine Art keiner Amtes zum Dengeln der Sense naaren = dengeln) als Pfand mit zum Hof, wo es den Arbeitern am Sonntag ausgehändigt wurde.

Der auf dem Arbeitermarkt zwischen Bauer und Landarbeiter mündlich geschlossene Kontrakt bezog sich zumeist auf eine Woche. Die Arbeit begann am Montag früh und endete Samstagmittag. Suchte ein Arbeiter eine längere Beschäftigung, musste er häufiger den Arbeitgeber wechseln, indem er am Samstagnachmittag wieder zum Arbeitermarkt ging.

  • Wie war der Arbeitstag der Landarbeiter?

Die Arbeit begann am frühen Morgen, wenn kein Tau mehr auf dem Gras lag, manchmal ging es schon um 3 Uhr los. Für die Mittagspause, die meist nur eine halbe Stunde dauerte, bei großer Hitze auch länger, wurde das Essen aufs Feld gebracht. Häufig wurde so lange gearbeitet, bis die Dunkelheit einbrach. Die in der Nähe wohnenden Arbeiter (Nähe konnte auch einige Kilometer bedeuten) gingen nach der Arbeit nach Hause. Weiter entfernt Wohnende übernachteten in der Scheune im Heu oder Stroh, manche in Zelten, die von den Frauen der Arbeiter für diesen Zweck selbst genäht worden waren.

Dieser Text findet sich an einer Wand im Landarbeitermuseum in Suurhusen

Foto: Archiv Skibicki