Leben der Kolonistenfrau im Moor
Vorträge zu Heuerlingswesen
Wenn ein solch komplexes gesellschaftliches Phänomen, das bisher ganz offensichtlich sowohl im wissenschaftlichen Bereich als auch im sonstigen öffentlichen Leben nahezu tabuisiert zu sein schien, nun endlich in Buchform – offensichtlich sauber aufbereitet – erscheint, dann „elektrisiert das die Region“ (Neue Osnabrücker Zeitung vom Dezember 2014).
Der Verkauf gestaltete sich entsprechend, zurzeit (September 2016) geht die 5. Auflage in Druck.
Entsprechend groß war sofort die Nachfrage nach Vorträgen zum Thema, mittlerweile habe ich insgesamt ca. 70-mal vornehmlich in der Region referiert.
Die größte Veranstaltung in diesem Rahmen war in Lohne/Oldb. mit etwa 230 Zuhörern/innen.
Aber auch in den Niederlanden in der Nähe von Hilversum habe ich im Rahmen einer Fachtagung vor einem interessierten Publikum referiert.
Besonders interessant war eine Begegnung im Herbst 2015 bei den Biografietagen in Nordwalde im Münsterland.
Dort traf ich auf Lothar de Maizière: Am Nachmittag habe ich dort einen Vortrag über das Heuerlingswesen gehalten, abends referierte der erste demokratisch gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der Deutschen Demokratischen Republik über die historischen Fakten, die zur Wiedervereinigung Deutschlands geführt haben. Dabei offenbarte er auch Insiderwissen und es wurde allen Zuhörerinnen und Zuhörern hautnah deutlich, dass mehrere wirklich glückliche Umstände erst diese besondere historische Chance der Deutschen Geschichte ermöglicht haben.
Foto: Archiv Robben
Heuerhaus Butmeyer
Hermann Bembom aus Varenrode berichtet über ein Heuerhaus, das 2013 abgerissen wurde.
Heuerhaus Butmeyer
Eines der ältesten Häuser in Varenrode mit einer eisernen Jahreszahl von 1846 am Giebel angebracht, das Heuerhaus vom Landwirt Butmeyer, gegenüber vom Landwirt Strom, westlich der B 70 gelegen, wurde nun endgültig abgebrochen. Nachdem es jahrelang nicht mehr bewohnt war, machte es doch einen sehr verfallenen Eindruck und war direkt an der B 70 gelegen kein schöner Anblick mehr.
Wie alt dieses Anwesen war, lässt sich nicht mehr genau ergründen.
Helmut Boyer schreibt in dem Varenroder Buch:
„Der Besitz wird zum ersten Mal Ende des 18. Jahrhunderts genannt. Als das alte Erbe Brinker, westlich vom Alten Gasthaus Varenrode gelegen, um 1840 in unüberwindliche finanzielle Schwierigkeiten geriet, wollte der damalige Colon Hermann Heinrich Brinker 1843 zuerst ein Nebenhaus verkaufen. Name und Nähe zu einem der alten Vollerben legen die Vermutung nahe, dass es sich dabei um die heutige Heuerstelle von Butmeyer handelte. Der Verkauf wurde damals behördlicherseits nicht genehmigt“.
Nach anderen Unterlagen kaufte Butmeyer die „Reekersche Neubeuerei“ am 8.6.1844. Eine Versteigerung für 700 Taler soll am 12.5 1843 gewesen sein. (Reeker heute Storm)
An anderer Stelle steht „ Brinker, jetzt Butmeyer. Letztere kaufte die Neubauerei 1843 für1100 Gulden oder 1833 M 33 Pf.“
Wie aus der Varenrode Schulchronik zu entnehmen ist, wurde das Hauptkolonat Brinker dann 1947 gänzlich verkauft.
„Brinker auch Brinkmann Vollerbe Gutsherren eigenhörig dem Stifte Borghorst dann dem Fürsten Salin Horstmaar. Das Erbe wurde von Herrn Heinrich Brinker geb. Niehoff, welcher dem Lehrer Borgmann in Altenlünne das Haus angezündet hatte und daher fliehen musste, nach geleistetem Freikauf, jedoch incls. der sonstigen Gefälle und Abgaben, an den Kolon Heinr. Egbrink in der Nacht auf den 17. Mai 1847 für 2250 Gld. oder 3750 M. verkauft“
Brinker ist dann in der Nacht noch mit Ehefrau und 9 Kindern nach Amerika ausgewandert.
Das Brinker die Lehrerwohnung von Borgmann anzündete, hat wohl mit dem heftigen Streit der Varenroder und Heiteler Bevölkerung zu tun, den es um die Altenlünner Feldschule gab. Alle Kinder aus Plantlünne, Altenlünne, Heitel und Varenrode mussten nämlich zu dieser sogenannten Feldschule. Das war besonders den Varenrodern ein Dorn im Auge.
Die Bewohner des Butmeyerschen Heuerhauses mit der Nr. 34 lassen sich nicht mehr lückenlos nachvollziehen. Aus dem Varenroder Buch lässt sich entnehmen, das dem ersten Lehrer nach Wiederherstellung der der Varenroder Schule (1849), Lehrer Rauf, aus bestimmten Gründen Butmeyer das Anwesen nicht zur Verfügung stellen wollte. Wohl aber dessen Nachfolger Lehrer Weltring (1855) Um 1860 wird Böcker (Böker) als Heuermann Butmeyers genannt. Danach zog Brüning, aus Spelle stammend ein. Brüning war verheiratet mit Katharina Hesping aus Elte. Als im Winter 1906/07 das Haus von Kück abbrannte, wohnte die Familie dann vorübergehend in dem Butmeyerschen Kötterhaus.
Zum 1.November 1907 zogen dann die Eheleute Johann Bernhard Hoffrogge und Maria Agnes geb. Heskamp in die Heuerstelle ein. Johann Heinrich Hoffrogge wurde am 07.01 1845 auf dem Hof Hoffrogge (heute Bembom) am Sande geboren.
Die letzten Bewohner dieser Heuerstelle war die Familie Josef Wilken verheiratet mit Josefa geb. Hoffrogge. Sie zogen dann zu Ihrer Tochter nach Bawinkel.
Mit dem Abriss des Gebäudes ist wieder ein Stück Varenroder Geschichte zu Ende geschrieben.
Im Giebel ist aus geschmiedetem Eisen die Jahreszahl 1846 zu erkennen. Vermutlich wurde der Giebel in dem Jahr mit Klinkern ausgemauert, da in hiesiger Gegend bei Häusern dieser Art die Giebel vorher mit Brettern verkleidet waren. Das Gebäude selbst dürfte daher älter sein.
Dokumentation Bauernhäuser
Die ersten Siedler waren Heuerleute
Die ersten Siedler im Moor!
Während der allergrößte Teil der Flächen im Bourtanger Moor auf deutscher Seite unter Verwendung der sogenannten Moorbrandkultur besiedelt wurde, konnte in Papenburg ab 1661 eine geordnete und durchdachte Fehnkultur nach niederländischem Muster unter der Herrschaft von Velen entstehen.
Dabei entwickelten sich neue Wirtschaftsstrukturen, in deren Mittelpunkt ehemalige und noch aktive Heuerleute standen. Diese Wirkfaktoren sind in der nachfolgenden Darstellung bisher so noch nicht veröffentlicht worden.
Abschließend und umfassend kann diese Thematik hier noch nicht behandelt werden. Sie wird jeweils an passender Stelle sukzessive weiter entwickelt.
Die ersten Siedler errichteten auf dem Hochmoor einfache, fensterlose Behausungen aus Birkenstämmen. Das war eine Einraumhütte mit einer Kochstelle in der Mitte dieser elenden Kate, die noch keinen Schornstein besaß. Die Feuchtigkeit stieg aus dem nassen Boden auf und saß in den Wänden. Ein gesundes Wohnklima konnte dort nicht aufkommen.
Die erste Verbesserung in dieser „Wohnkultur“ war ein Giebel aus Ziegelsteinen, die man sich durch den Torfverkauf an die Ziegeleien im benachbarten Rheiderland besorgen konnte.
So entstand im Laufe der Jahrzehnte ein kleines festes – in aller Regel eigenes – Haus, an dem die Bedürftigkeit auch noch der zweiten und dritten Generation abzulesen war.
Fotos: Archiv Robben
Diese Schautafel in der von – Velen – Anlage „spricht Bände“…
In Weiterentwicklung dieses Teilthemas:
Das aufstrebende Papenburg gab Heuerleuten aus anderen Teilen des Verbreitungsgebietes Arbeit und Auskommen
- Die Flößer aus Greven
Für den Schiffbau wurden aus dem waldreichen Gebieten des Münsterlandes insbesondere Eichen über die Ems nach Papenburg geflößt
- Die Ziegler aus dem Lipperland
Die Lipper Ziegler arbeiteten als geschätzte Fachleute in den benachbarten Ziegeleien im Rheiderland
Lübbert zur Borg: Waisen wurden versteigert
Nun war und ist Menslage durch Pastor Funke mit seinem herausragenden Buch über über das Heuerlingswesen und die Menslager Vereinbarungen zwischen Heuerleuten und Bauern ein prädestinierter Ort auch für Forschungen Richtung Nordamerika und die Hollandgängerei.
Die Veröffentlichungen von Lübbert zur Borg in den Menslager Heften sind durchweg sauber recherchiert und zeugen von seinem historischen Wissen.
Er war durchaus selbstbewusst und zeigte das auch in der Bemerkung mir gegenübe
r:
Sie haben Glück gehabt, bei diesem Thema auf mich gestoßen zu sein…!
Das äußerte sich dann darin, dass ich nach meinen Besuchen auf seinem schönen Artländer Hof die Tonbänder voll hatte und mit Büchern und Kopien von Dokumenten bepackt die Heimreise antreten konnte.
Nicht alles davon konnte im Buch aufgenommen werden.
Hier ist nun Platz dafür!
Solche Geschichten erzählte er mir dann und legte eine Kopie der Abschrift des Dokumentes vor
Heuerlingswaisen wurden versteigert
Damals brauchte niemand wegen Armut zu verhungern, aber dennoch kamen wohl menschliche Tragödien vor. So lebte um 1830 in Klein Mimmelage, in Riesters Heuerstelle. eine Familie Middendorf. Johann Hermann Middendorf wohnte dort allein mit vier Kindern, weil die Frau und Mutter schon früh verstorben war. Er selbst war außerdem sehr krank. Nach seinem Tode wurde offenbar, dass seine wenigen Möbel schon zu Lebzeiten verpfändet waren. In den Nachlassverhandlungen kam zusätzlich heraus, dass sein geringer Besitz zum Teil als verschleppt und als nicht vorhanden gemeldet wurde. Die vier Waisenkinder mussten nun von der Bauerschaft Klein Mimmelage versorgt werden. Dazu fand eine Bauerschaftversammlung statt, woran alle teilnehmen konnten. Wer nun das wenigste Geld von der Armenkasse der Bauerschaft verlangte, dem wurden die Kinder zugesprochen. Er musste dann nur noch den entsprechenden Vertrag unterschreiben.
Das ganze Geschehen lief wie auf einer Auktion ab, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Die älteste Tochter Anna Adelheid war schon über 14 Jahre alt. Sie mußte eine Arbeitsstelle als Magd auf einem Bauernhof annehmen. Die dreizehnjährige Anna Maria kaum zur weiteren Erziehung bis zu ihrer Konfirmation zur Heuerlingsfamilie Heinrich Lürding in Gr. Nesslages. Die Zahlung an ihn betrug vier Reichstaler und 66 Grote für die Zeit von September 1829 bis Ostern 1830. Die damaligen Verhältnisse finden sich nun im damaligen Protokoll zur Ausaccordierung für die beiden kleinsten Kinder (vergleiche: Menslager Hefte Nummer zwei von Emma Burmester)
Unter dem heutigen Datum wurden die beiden jüngsten Kinder von Johann Hermann Middendorf
Namentlich
Johann Hemann, acht Jahre alt
Helena Margaretha, sechs Jahre alt
von dem Interessenten der Bauerschaft Kl. Mimmelage mindestfordernd ausaccordiert.
Foto: Archiv Robben
Gleichschaltung und Ende
Gleichschaltung und Ende des „Vereins Christlicher Heuerleute“: 1933
Im Wahlkampf zu den halbfreien Reichstags- und Landtagswahlen vom 5. März 1933 und den Provinziallandtags- und Kommunalwahlen vom 12. März engagierten sich führende VCH-Vertreter wieder für die Zentrumspartei, die Heinrich Kuhr erneut für den Provinziallandtag aufgestellt hatte. Bislang war es der im Emsland organisatorisch nur schwach vertretenen NSDAP nicht gelungen, in den Reihen der Heuerleute-Organisation Anhänger zu finden. Da ihre Unterwanderungstaktik beim EBV gescheitert war, gründete sie im Herbst 1932 in der Grafschaft Bentheim, einer frühen Hochburg der Nationalsozialisten, einen eigenen Bauernverband, den „Nationalen Bauernbund“. Diesem gelang es indes nicht, im Emsland Fuß zu fassen. Ebenso wenig verzeichnete der zur Gewinnung der ländlichen Wählerschichten geschaffene „Agrarpolitische Apparat“ der NSDAP im Emsland Erfolge. Die einzig namentlich bekannten Mitglieder, Emanuel Graf von Galen (1877-1950) aus Beversundern, Dr. Hermann Korte (1904-1958) aus Meppen und Johann Budde (1887-1962) aus Vrees[i], waren entweder Mitglieder des Verpächterverbandes oder wie Dr. Korte Unterstützer der großbäuerlichen Richtung.
Als entschiedener Verteidiger der Weimarer Republik galt der VCH naturgemäß als ein Gegner der NS-Bewegung. Da in diesem Verband NSDAP-Parteianhänger anscheinend nicht einmal in nachgeordneten Positionen zur Ablösung der Verbandsleitung zur Verfügung standen, ging der NS-Staat mit Repressionen gegen ihn vor. Bereits Ende März 1933 fand beim Vorsitzenden Heinrich Kuhr eine mehrstündige Hausdurchsuchung statt, die die Staatsanwaltschaft Berlin gegen alle Führungskräfte der „Deutschen Bauernschaft“ angeordnet hatte[ii]. Anfang April besetzte dann die SA in Lingen die Büros der christlichen Gewerkschaften und des VCH, wobei große Aktenbestände des Heuerleuteverbandes beschlagnahmt worden sein sollen[iii]. Die Aktion gegen den VCH erregte so großes Aufsehen, dass in der Presse überregional die Meldung verbreitete wurde, die SA habe den Geschäftsverkehr nicht unterbrochen bzw. es seien keine Akten beschlagnahmt worden, ohne aber die SA-Durchsuchungsaktion selbst zu dementieren[iv]. Gleichzeitig musste auf Intervention der NSDAP die Vergabe der Siedlerstellen auf dem Gut Geeste, wo die VCH-Siedlungsgesellschaft „Emsland“ wie dargestellt das Dorf Osterbrock schuf, unterbrochen werden[v].
Im Zuge der Gleichschaltung der emsländischen Landwirtschaft, die an anderer Stelle bereits ausführlich dargestellt wurde[vi], schufen die Nationalsozialisten nach der Demontage der wichtigsten NS-Gegner in den regionalen Führungsgremien des EBV am 28. April 1933 eine fünfköpfige „Bezirksführerschaft“ der Landwirtschaft. Führender Kopf war der erste Geschäftsführer des nationalsozialistischen Grafschafter „Nationalen Bauernbunds“, Leiter des Agrarpolitischen Apparats der NSDAP in der Region Emsland/Grafschaft Bentheim und nunmehriger hauptamtlicher Nordhorner Bürgermeister, Dr. Hermann Korte. Hier tauchte er allerdings in seiner Funktion als Landwirtschaftlicher Abschnittsfachberater im Agrarpolitischen Apparat der NSDAP auf. Ihm folgte der neue Vorsitzende des „Emsländischen Bauernvereins“, der Deutschnationale Otto Freiherr von Landsberg-Velen. Heinrich Kuhr vertrat den „Verein christlicher Heuerleute, Pächter und Kleinbauern“, der Nordhorner Landwirt Lambert Lödden (* 1886) nahm in der „Bezirksführerschaft“ Platz für den „Nationalen Bauernbund“ und der NSDAP-Provinziallandtagsabgeordnete Johann Budde aus Vrees als Vertreter des Verpächterverbandes und Landwirtschaftlicher Kreisfachberater des Agrarpolitischen Apparats für den Kreis Meppen, obwohl er aus dem Hümmling stammte. Die drei NSDAP-Mitglieder dominierten vollkommen die Bezirksführerschaft der emsländischen Landwirtschaft, zumal vom verbündeten Deutschnationalen kaum Widerstand zu erwarten war. Eindeutiger Verlierer der Gleichschaltung waren die Heuerleute mit ihrem Verband, da nun die Interessenvertreter der Verpächter, die während der Weimarer Republik gegenüber dem VCH politisch in die Defensive geraten waren, den Heuerlingsvertreter problemlos majorisieren konnten. Kuhrs Duldung in der neuen Führungsspitze der Landwirtschaft war wohl allein dem Umstand zu verdanken, dass er einerseits außerordentlich kompetent war und großen Rückhalt bei den Heuerleuten besaß, andererseits aus deren Reihen keinerlei parteitreuer und halbwegs fachkundiger Ersatz gefunden werden konnte. Umrahmt von vier Mitgliedern des „nationalen“ Lagers nutzten die Nationalsozialisten zwar seine fachliche Kompetenz und sein Ansehen, sein politischer Einfluss war aber eliminiert worden, zumal die Zentrumspartei seit der Reichskanzlerschaft Hitlers politisch vollständig ins Abseits geraten war.
In den etwa zwei Wochen später neu gegründeten fünfköpfigen Kreisführergemeinschaften der emsländischen Landwirtschaft und der daraufhin um zwei Mitglieder erweiterten Bezirksführergemeinschaft sah es dann für die Heuerlinge kaum besser aus. Die Heuerleute bzw. Neusiedler besaßen überall nur noch eine symbolische Vertretung, lediglich im Kreis Aschendorf war mit dem langjährigen VCH-Rechnungsführer Franz Speller, der in Kluse gesiedelt hatte, ein aktiver und bekannter Interessenvertreter der ländlichen Unterschichten aufgenommen worden.
Trotz allen staatlichen Drucks auf die Heuerleute-Organisation war der NSDAP kein bedeutender Einbruch in die Reihen der Heuerlinge gelungen, zumal die ersten agrarpolitischen Entscheidungen der neuen Staatsführung den Kleinbauern kaum Hilfe brachten. So bemühte sich Dr. Korte in der Folgezeit besonders darum, diese Gruppe für die NSDAP zu gewinnen. Im Juli 1933 berief er als Bezirksführer der emsländischen Landwirtschaft eine große Heuerleute-Versammlung des VCH in Haselünne ein. Der VCH-Vorsitzende Kuhr erschien nicht. Er ließ verlauten, sein Kriegsleiden mache ihm dies unmöglich. Der Protestant Dr. Korte versuchte, die katholischen Heuerleute für die NS-Regierung einzunehmen. Zunächst warf er der Jahrzehnte lang im Emsland dominierenden Zentrumspartei vor, die katastrophale Politik des letzten Jahrzehnts maßgeblich mitgetragen zu haben. Was das Zentrum in 60 Jahren – so Dr. Korte – nicht vermochte, habe die NSDAP innerhalb von fast sechs Wochen geschafft: die Ratifizierung des Reichskonkordats mit dem Vatikan. Weiterhin führte er laut „Lingener Volksboten“ aus: „Der nationalsozialistische Staat reiche jedem Bauern die Hand, der Willens sei zu ehrlicher und tatkräftiger Mitarbeit. Wer das aber nicht will, der erhalte die Faust“. Der Aufbau des Berufsstandes des Bauern sei so wichtig, „daß derjenige, der sich an die Aufgaben des Bauern nicht gewöhnen könne, diese im Konzentrationslager Börgermoor lernen müsse“[vii].
Die Heuerleute waren ungeachtet dieser Drohung mit der Einlieferung in das emsländische KZ Börgermoor noch nicht völlig mundtot gemacht worden, wie Bezirksführer Dr. Korte Ende August 1933 feststellen musste. Auf einer Versammlung der Bezirksführerschaft zur Heuerlingsfrage agitierte er gegen die seit Jahren von den Heuerleuten erhobene Forderung nach einer gesetzlichen Verpflichtung zu schriftlichen Heuerverträgen. Selbst auf dieser Versammlung verlangten die Heuerlinge danach. Doch der NS-Bauernführer erteilte ihnen eine Abfuhr. Da in der neuen Zeit, so behauptete der Bezirksbauernführer, Treu und Glauben wieder zu Ehren kämen, genügten mündliche Verträge. Geschriebene Worte führten lediglich zu einem Haften an Buchstaben, zu kleinlichen Streitereien und endlosen Prozessen[viii]. Damit stellte er sich in dieser jahrelangen Auseinandersetzung eindeutig auf die Seite der größeren Bauern, was keine Überraschung war, hatte er doch früher für deren Organisation gearbeitet. Die hier deutlich gewordene Unzufriedenheit der Heuerleute war durchaus nicht grundlos. Während der Weimarer Republik war ihr Verband eine höchst bedeutende Interessenorganisation geworden, die vor allem mit Hilfe der Zentrumspartei parlamentarisch viel für die ländlichen Unterschichten der Region hatte erreichen können. Die Heuerleute fühlten sich durch das Zentrum auf Reichs- und Landesebene sowie durch eine Vielzahl von Verbandsfunktionären in kommunalen Gremien parlamentarisch gut vertreten. Mit deren Unterstützung schuf die VCH-Siedlungsgesellschaft „Emsland“ eine Reihe neuer Bauernstellen für Heuerleute. Nach der Gleichschaltung dominierten in der Landwirtschaft allerdings völlig die Vertreter der größeren Bauern und der Verpächter. Die Aussichten auf einen sozialen Aufstieg hatten sich für die Heuerleute überdies drastisch verschlechtert, seit der NS-Staat im Sommer 1933 daran ging, im Emsland große Ödlandflächen, die sich die Heuerleute als ihre Siedlungsgebiete auserkoren hatten, durch Gefangene der neu errichteten Konzentrations- und Strafgefangenenlagern zu kultivieren. Aus ideologischen Gründen verzichtete man auf den Einsatz von Maschinen, etwa der Fa. Ottomeyer, die schon in der Weimarer Republik auf den Ödlandflächen tätig gewesen waren. Die Erschließung ging deshalb nur schleppend voran[ix]. Damit waren große Flächen auf unabsehbare Zeit dem Siedlungsdrang entzogen. Die Heuerleute mit ihrer besonders engen Verbindung zum Zentrum, das sich als letzte Partei der Weimarer Republik am 5. Juli 1933, dem staatlichen Druck nachgebend, selbst auflöste, mussten sich folglich als die eindeutigen Verlierer der nationalsozialistischen Neuorganisation der Landwirtschaft im Raum Emsland/Bentheim sehen. Auch ihre „Siedlungsgenossenschaft Emsland“ wurde gleichgeschaltet. Auf der letzten Sitzung im November 1933 übernahm der NS-Landwirtschaftsfunktionär Dr. Hermann Korte den Vorsitz der Genossenschaft[x], die anschließend wie der VCH und sämtliche übrigen alten Landwirtschaftsorganisationen zum Jahresende 1933 abgewickelt wurde. Damit endete sang- und klanglos die Geschichte einer Organisation, die im deutschen Nordwesten während der Weimarer Republik eine prägende Rolle gespielt hatte und durch ihre Tätigkeit vielen Heuerleuten und Knechten eine neue Lebensperspektive mit einem sozialen Aufstieg verschaffte. Darüber hinaus erreichte der VCH auch, dass sich gerade die ländlichen Unterschichten des Emslands während der Weltwirtschaftskrise nicht radikalisierten, ja sich sogar als besonders treue Anhänger der Zentrumspartei erwiesen.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren die sozialen und politischen Auseinandersetzungen zwischen Bauern und Heuerleuten nicht beendet. Zwar trat Heinrich Kuhr als CDU-Mitglied in die „Vereinigung des Emsländischen Landvolks“ (VEL) ein, die als Einheitsorganisation des gesamten Bauerntums der Region geplant war. Doch viele Heuerlinge folgten ihm nicht. Ihr Siedlungshunger war weiterhin groß. Sie forderten, im Zuge des Emslandplans neue Höfe zu erhalten. Unterstützung bekamen sie vom „Bauern-, Pächter- und Siedlerbund Niedersachsen“, der im Raum Emsland/Bentheim die Nachfolge des VCH angetreten hatte. Ihr emsländischer Geschäftsführer Franz Holthus (1909-1990) aus Lingen, ein gebürtiger Messinger, gehörte von 1953 bis 1955 für die Zentrumspartei dem Niedersächsischen Landtag an[xi]. Gerade die Heuerleute und Neusiedler erwiesen sich nach dem Krieg als die treuesten Anhänger der wiedergegründeten Zentrumspartei, die von der CDU „bis aufs Messer“ bekämpft wurde. Wegen ihrer sozialen Forderungen und Anti-Aufrüstungspolitik wurde das Nachkriegszentrum von der CDU nicht selten als „kommunistenfreundlich“ verleumdet, konnte sich aber in ihrer Hochburg auf lokaler Ebene noch bis in die 1960-er Jahre halten.
[i] Zur Geschichte des Agrarpolitischen Apparats im Emsland vgl.: LVB Nr. 218 vom 20.09.1933. Zur Tätigkeit von Galens im Verpächterverband und in der NSDAP siehe: Helmut Lensing, Emanuel von Galen-Beversundern – Sein Kontakt zum Nationalsozialismus und zum NS-Regime, in: Joachim Kuropka (Hrsg.), Streitfall Galen, voraussichtlich Vechta 2006.
[ii] Kuhr (wie Anm. 4), S. 69. Heinrich Lübke, der Geschäftsführer der „Deutschen Bauernschaft“, wurde sogar für Monate inhaftiert.
[iii] Münsterischer Anzeiger (weiterhin MA) Nr. 377 vom 09.04.1933, FVB Nr. 44 vom 12.04.1933.
[iv] LVB Nr. 88 vom 14.04.1933, MA Nr. 401 vom 16.04.1933, FVB Nr. 45 vom 15.04.1933, HZ Nr. 45 vom 15.04.1933.
[v] FVB Nr. 40 vom 03.04.1933.
[vi] Siehe dazu: Lensing (wie Anm. 12), S. 87-98, Martin Löning, Die Durchsetzung nationalsozialistischer Herrschaft im Emsland (1933-1935), in: Emsland/Bentheim. Beiträge zur Geschichte Bd. 12. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft, Sögel 1996, 7-353, S. 252.
[vii] Vgl.: LVB Nr. 172 vom 28.07.1933 (hier das Zitat), HZ Nr. 88 vom 26.07.1933 oder KVB Nr. 179 vom 28.07.1933.
[viii] EZ Nr. 199 vom 01.09.1933, LVB Nr. 202 vom 01.09.1933, Der Emsländer, Meppen, Nr. 27 vom 31.08.1933.
[ix] Siehe mit verharmlosender Berichterstattung: KVB Nr. 149 vom 23.06.1933 oder KVB Nr. 153-154 vom 28.06.1933.
[x] HZ Nr. 134 vom 14.11.1933.
[xi] Siehe dazu: Haverkamp (wie Anm. 2), S. 100-101. Zur Gründung der VEL und der Gegnerschaft zum neuen Heuerleuteverband vgl.: Walter Bien, 50 Jahre Landvolk. Chronik der Vereinigung des Emsländischen Landvolkes e.V. 1947-1997, Meppen 1997, S. 11-15, 18-19.
Agrarkrise und Endphase der Weimarer Republik: 1928 bis 1932
Dr. Helmut Lensing
Landwirte wie Heuerleute litten in den 1920-er Jahren nicht nur unter den massiven infrastrukturellen Defiziten in der Region Emsland/Bentheim. Vor allem die schlechten Wegeverhältnisse führten dazu, dass landwirtschaftliche Produkte nur schwer und unter überdurchschnittlichen Mühen und Kosten in den Handel gelangen konnten. Bei anhaltenden Schlechtwetterphasen musste dies sogar häufig unterbleiben. 1925 fiel die Ernte aufgrund eines besonders heißen Sommers mit heftigen Gewittern unterdurchschnittlich aus. Das Jahr 1926 war sehr nass; im Winter standen die Kartoffelmieten unter Wasser und bis weit in den Sommer hinein gab es Überschwemmungen[i]. Die Landwirte waren gezwungen, die großen Verluste bei der Heu-, Getreide- und Kartoffelernte aufgrund ihrer Geldmittelknappheit durch den kreditfinanzierten Kauf von Futtermittel für das Vieh auszugleichen. Die Hoffnung, 1927 die Schulden der Vorjahre abtragen zu können, erfüllte sich nicht. Es gab starken Frost im Winter und den niederschlagreichsten Sommer seit 50 Jahren[ii]. Dazu kam, dass der Staat, der wegen der Reparationszahlungen stetig in Geldverlegenheit war, erstmals die Region mit Finanzämtern ausstattete und auf die rasche Zahlung der Steuern drang. Im Emsland hatte die wirtschaftliche Not, die zur Abwanderung von Heuerleuten etwa in die rasant wachsende Textilindustrie Nordhorns führte, der Eigenbedarf der Bauern an Land sowie die Ödlandsiedlung bewirkt, dass von den 2608 Heuerstellen von 1927 drei Jahre später lediglich 2271 übriggeblieben waren[iii]. Im August 1928 bezifferte VCH-Geschäftsführer Josef Deters die Schuldenlast der rund 3000 Heuerlingsfamilien des Emslands auf 2,75 Millionen Mark. Notwendige Ertragssteigerungen seien nicht erreichbar, da aus Geldmangel kein Kunstdünger erworben werden könne. Die Schweinepreise seien seit langem im Keller, die letzten beiden Jahre habe es ausgesprochene Missernten gegeben. So könnten Kredite nicht abgetragen, ja selbst die Zinsen häufig nicht mehr bezahlt werden. Im Gegensatz zur Kritik der Bauern betonte Deters jedoch, Steuern und Abgaben würden zwar keine geringe, jedoch nicht die ausschlaggebende Rolle spielen. Er griff vehement diejenigen Verpächter an, die selbst die Steuerzahlung verweigerten, von ihren Heuerleuten jedoch unbarmherzig die Pacht ohne jede Kürzung eintrieben, obgleich sie öffentlich stets die Unrentabilität der Landwirtschaft beklagten[iv].
Zunächst zogen Heuerleute und Bauern noch an einem Strang, um die wirtschaftliche Situation der Landwirtschaft zu verbessern. Gemeinsam forderten sie in der „Landvolk-in-Not-Bewegung“ Ende 1927/Anfang 1928 Hilfen des Staates[v]. Doch schnell trennten sich die Wege. Während wichtige Führungspersonen der EBV-Kreisvorstände in den Landkreisen Bentheim, Meppen und Lingen zur „Deutsch-Hannoverschen Partei“ (DHP) oder der neugegründeten „Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei“ (CNBLP) überliefen, für die der Lingener EBV-Kreisvorsitzende Carl Langenhorst sogar als Spitzenkandidat zur Reichstagswahl vom Mai 1928 kandidierte, unterstützten die Heuerleute weiterhin das Zentrum. Von den beiden agrarischen Protestparteien hatten sie wenig zu erwarten. DHP wie die eher antidemokratische CNBLP unterstützten in der Siedlungsfrage ausschließlich das bäuerliche Konzept der „Siedlung vom Hofe“, was die Kritik des Heuerleuteverbandes herausforderte[vi]. Teile der „Deutschen Bauernschaft“, vor allem in Bayern und Schlesien, präsentierten zur Reichstagswahl eine eigene Partei der Klein- und Mittelbauern, die „Deutsche Bauernpartei“[vii]. Der VCH lehnte die Unterstützung dieser neuen Partei jedoch ab und setzte auf das Zentrum. Folglich erhielt in der ehemaligen CSVG-Hochburg Groß-Dohren das Zentrum bei der Reichstagswahl 80,2% der gültigen Stimmen, die CNBLP nur 5,4% und die DHP 4,5%.
Die großen Bauernorganisationen Deutschlands, so der republikfeindliche, rechtsgerichtete protestantische „Reichslandbund“, die christlich orientierte „Vereinigung der deutschen Bauernvereine“, der auch der EBV angehörte, die kleinbäuerliche „Deutsche Bauernschaft“ sowie der „Deutsche Landwirtschaftsrat“ gründeten am 20. Februar 1929 die „Grüne Front“, um angesichts der Agrarkrise gegenüber dem Staat landwirtschaftliche Interessen besser durchsetzen zu können. Während die dem Zentrum nahestehende „Vereinigung der deutschen Bauernvereine“ ankündigte, mit den beiden antidemokratischen Verbänden, dem „Reichslandbund“ und dem „Deutschen Landwirtschaftsrat“, nur in Sachfragen zusammenarbeiten zu wollen, ging die kleinbäuerliche „Deutsche Bauernschaft“ bald auf Distanz zur „Grünen Front“, da diese nicht nur die Weimarer Regierungen und den demokratischen Staat bekämpfte, sondern unter dem Einfluss der beiden Rechtsverbände kaum Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kleinbauern nahm[viii]. Ende 1930 schied schließlich die „Deutsche Bauernschaft“ offiziell aus der „Grünen Front“ aus[ix].
Im VCH regte sich sehr schnell Kritik an der „Grünen Front“. Georg Schulte, der Geschäftsführer der Siedlungsgenossenschaft „Emsland“, warf bereits im September 1929 in einem Leserbrief unter dem Titel „’Grüne Front’ oder 50 Jahre Rückschritt“ dieser Organisation vor, lediglich die Interessen der Großagrarier zu verfolgen. Beispielsweise nützten die von der „Grünen Front“ geforderten hohen Roggenzölle allein den großen Landbesitzern. Im Emsland werde Getreide fast ausschließlich als Futtermittel benötigt. Die Heuerleute und Kleinbauern würden meist die arbeitsintensive Veredelungswirtschaft betreiben, seien also Schweine- und Viehzüchter. Sie müssten ausländisches Kraftfutter, vornehmlich Getreide, hinzukaufen, weshalb eine Erfüllung dieses Begehrens der „Grünen Front“ sie hart treffen würde[x]. Dies löste umgehend eine Leserbriefkontroverse mit dem EBV aus[xi].
Zur Provinziallandtagswahl vom November 1929 und zu einem von Rechtsparteien angestrengten Volksbegehren, das sich gegen den Youngplan wie gegen die Regierung richtete, rief der VCH Versammlungen ein. Dabei bekämpfte er das Volksbegehren und warb für das Zentrum, das wiederum den Verbandsvorsitzenden Heinrich Kuhr nominiert hatte. So erklärte der VCH-Geschäftsführer: „In punkto Volksbegehren stehen auch die Kleinlandwirte in allen Teilen auf dem Boden des Zentrums, auch sie bekämpfen die unverblümten Machenschaften Hugenbergs und anderer. Schon in der Wahl am kommenden Sonntag werden die Kleinlandwirte dieses beweisen, sie werden beweisen, daß sie einig sind und geschlossen ihre Vertreter wählen. Besonders von der Provinziallandtagswahl gilt dieses. Der Verbandsvorsitzende Kuhr steht an der Spitze der Zentrumsliste. Selbst der lutherische Mitgliedsteil des Kreises Bentheim hat einstimmig erklärt, die Zentrumsliste zu wählen“. Auf diesen Versammlungen wurde zugleich die „Grüne Front“ heftig kritisiert[xii].
Zuvor hatte der VCH jedoch Anfang 1929 eine leidenschaftlich geführte interne Auseinandersetzung zu bestehen. Mitte Januar berichtete das protestantisch-rechtsgerichtete „Lingener Kreisblatt“ von der Generalversammlung des Verbandes, zu der 1000 bis 1200 Heuerleute erschienen waren. VCH-Geschäftsführer Josef Deters übte massive Kritik an einem Beschluss des Kölner Zentrumsparteitags zur Pachtfrage. Der emsländische Zentrumsvorsitzende Gerhard Schwenne (1889-1947), ein geistlicher Lehrer aus Lingen, verteidigte die Parteitagsentschließung. Das Zentrum habe den Schutz der Pächter im Sinn gehabt. Da aber die Heuerlinge eine Besonderheit des Emslandes und des Oldenburger Landes seien, habe man nicht detailliert auf deren Bedürfnisse eingehen können. Immerhin habe sich die Partei in ihrer Gesamtheit klar für einen Pachtschutz ausgesprochen und der VCH-Vorsitzende Kuhr in seiner Rede auf die Notlage des Emslands hingewiesen[xiii]. Kurz darauf, Mitte Februar, vermeldete die Presse, der VCH habe den Diplomlandwirt Dr. Rudolf Buddenböhmer aus Bohmte als Geschäftsführer angestellt[xiv]. Dies schlug ein wie eine Bombe. Die Entlassung und Ersetzung des VCH-Gründers und –Geschäftsführers Josef Deters wirbelte viel Staub auf. Der VCH berief für den 28. Februar 1929 eine Generalversammlung in Lingen ein, um über die Hintergründe aufzuklären. Dort kam es zu heftigen persönlichen Auseinandersetzungen und Deters wurde von vielen Heuerleuten wieder als Geschäftsführer gewählt[xv]. Der Verband stellte indes umgehend klar, die Wiederwahl Deters sei erst nach Abschluss der Versammlung von verbliebenen Heuerleuten getätigt worden, was keinerlei rechtliche Wirkung besitze[xvi]. Daraufhin verlangte eine Zuschrift den Rücktritt Kuhrs, wie dies von einer Versammlung von VCH-Vertrauensleuten aus dem Hümmling und dem östlichen Kreis Meppen in Holte bereits gefordert worden war. In dieser „Holter Erklärung“ kritisierten die VCH-Aktivisten Kuhrs Verhalten bei der Pachtschutzdebatte auf dem Kölner Zentrumsparteitag sowie die Entlassung Deters[xvii]. Der Verband lud nun zu zahlreichen Versammlungen im gesamten Verbreitungsgebiet ein. Ähnlich wie in Wietmarschen dürften sie überall abgelaufen sein. Hier sprachen der neue Geschäftsführer Dr. Buddenböhmer und der Lingener VCH-Kreisvorsitzende und Kreistagsabgeordnete Joseph Liebner aus Schapen. Inhaltlich wurde stets wenig von den Besprechungen öffentlich gemacht. Über die Wietmarscher Versammlung hieß es lapidar: „Sehr stark bewegte die Anwesenden die Entlassung des ehemaligen Geschäftsführers. Im übrigen wurde der gemeinsame genossenschaftliche Kunstdüngerbezug und der Bezug weiterer landwirtschaftlicher Bedarfsartikel durch die Hauptgenossenschaft landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe, der der Heuerleute-Verband angeschlossen ist, beschlossen“[xviii].
Der Lingener VCH-Kreisvorsitzende Liebner antwortete Mitte April 1929 in einer ausführlichen Presseerklärung auf die sogenannte „Holter Erklärung“. Darin behauptete er, der Verband habe in den letzen Wochen zahlreiche Neuaufnahmen verzeichnet und zusammengebrochene Ortsgruppen lebten jetzt wieder auf. Er selbst fordere schon lange ein Ende des „Systems Deters“. Bereits 1926 habe er die Entlassung des Verbandsgründers verlangt, da dieser die Geschäftsführung immer interessenloser betrieben und sich statt dessen intensiv um eigene Nebengeschäfte gekümmert habe. Durch öffentliche Äußerungen etwa zu den staatlichen Heuerleutekrediten (so etwa: „Wir nehmen die Kredite, zahlen sie aber nicht zurück!“), für die sich das Zentrum eingesetzt hatte, habe Deters den Verband schwer diskreditiert. Ferner warf Liebner Deters vor, bei Heuerleuten in schwindelhafter Weise trügerische Hoffnungen auf Siedlungsstellen genährt und nicht zuletzt für die Vermittlung von Siedlerstellen oder für Hilfe bei Streitfällen Gelder und Schinken gefordert zu haben. Überdies habe er zunehmend engen Verkehr mit Verpächtern, so dem Fürstlich Bentheimischen Rentmeister, geführt, was nicht zum Vorteil der Heuerleute gewesen sei. Wenn man Kuhr einen Vorwurf machen könne, dann den, Deters nicht schon früher beurlaubt zu haben[xix]. Dem entlassenen Geschäftsführer Deters gelang es, mehr als die erforderlichen 10% der Mitglieder dazu zu bewegen, schriftlich eine außerordentliche Generalversammlung über seine Entlassung zu fordern. Diese fand am 28. April 1929 in Lingen statt. Dazu veröffentlichte der VCH-Vorstand folgenden Aufruf an die Mitglieder:
Quelle: Lingener Kreisblatt Nr. 98 vom 27.04.1929.
Die außerordentliche Generalversammlung wurde von 1500 bis 1800 Heuerleuten besucht. Kuhr erläuterte erstmals öffentlich die Gründe für die Entlassung seines alten Weggefährten Deters im Februar. Deters selbst war nicht erschienen. Bei der Wiederwahl des bisherigen Vorstands verzeichnete dieser schließlich nur ganze drei Gegenstimmen. Anschließend informierte der Geschäftführer der „Deutschen Bauernschaft“, Heinrich Lübke, der wegen der Brisanz des Vorgangs eigens nach Lingen gereist war, über den Pachtschutz, Siedlungsfragen und die neue Einheitsorganisation „Grüne Front“[xx]. Anscheinend hatte Deters die Mitgliedschaft des VCH in der „Deutschen Bauernschaft“ in Frage gestellt, denn der Meppener „Katholische Volksbote“ kommentierte die Entscheidung dahingehend, dass nicht nur der Zwist im Verband nun beigelegt, sondern auch der Verbleib des Verbandes in der „Deutschen Bauernschaft“ sichergestellt sei[xxi]. Danach kehrte Ruhe im VCH ein, der anschließend zahlreiche Versammlungen einberief, so in Ohrtermersch im Kreis Bersenbrück, in Bimolten in der Niedergrafschaft, in Geeste im Kreis Meppen oder im Hümmlinger Dorf Lahn, also in allen Teilen des Verbreitungsgebiets, um eingegangene Ortsgruppen zu reaktivieren und über die Vorfälle zu informieren[xxii]. Folglich vermeldete der Verband am Ende des Jahres steigende Mitgliederzahlen[xxiii].
Auf der VCH-Generalversammlung Ende Dezember 1930 berichtete der Vorstand erneut von Mitgliederzuwächsen. Kuhr bekräftigte dort die Unterstützung der Heuerleute für das Zentrum und insbesondere für den regionalen Reichstagsabgeordneten Dr. Heinrich Brauns, der viel für die Siedlungsbemühungen getan habe. Von den Nationalsozialisten könnten die Heuerleute nichts erwarten. Abschließend kündigte Kuhr an, der Verband wolle nun im Kreis Aschendorf die Organisationstätigkeit aufnehmen[xxiv].
Angesichts der zunehmenden Gefährdung der Republik von Weimar intensivierte der VCH seine Versammlungstätigkeit, wobei neben berufspezifischen Fragen und der Siedlungsproblematik verstärkt aktuelle politische Themen behandelt wurden. So sprach sich der Verband beispielsweise in einer Zeitungsanzeige im August 1931 gegen den von den rechten Republikgegnern initiierten Volksentscheid gegen die Preußenregierung aus und empfahl den Mitgliedern, den Volksentscheid zu boykottieren oder mit „Nein“ zu stimmen[xxv]. 1932 warb der VCH in Aufrufen für die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten, um eine Präsidentschaft des NSDAP-Parteiführers Adolf Hitler zu verhindern[xxvi]. Die steigende wirtschaftliche Not trieb, so die Einschätzung des Verbandes, immer mehr Heuerleute in den VCH, um dessen Hilfen in Anspruch zu nehmen[xxvii]. Der politische Wind wehte dem Verband in der Weltwirtschaftskrise, von der im landwirtschaftlichen Bereich die extrem rechten Parteien profitierten, zunehmend entgegen. So wehrte sich der Bauernfunktionär und Zentrumspolitiker Clemens Hesemann (1897-1981) aus Handrup, 1933 kurzzeitig emsländischer Zentrumsvorsitzender, auf einer Wahlveranstaltung seiner Partei in Langen im Sommer 1932 gegen das Schlagwort der Rechtsparteien des Landstrichs vom „Siedlungsbolschewismus“, mit dem diese die Arbeit des VCH zu diskreditieren suchten. Er sprach sich eindeutig für die Siedlung aus[xxviii]. Trotz aller wirtschaftlichen Schwierigkeiten warb der Kleinbauernverband weiterhin für die Demokratie von Weimar. Auf einer Notkundgebung Anfang Januar 1933 in Lingen machten folglich die Verbandsvertreter den versammelten Heuerleuten und Knechten klar, nicht das „System“ sei an der Notlage schuld, sondern eine verfehlte Agrarpolitik[xxix]. Wo der Verband politisch stand, wurde bei dieser Gelegenheit wieder augenscheinlich demonstriert. Als Gastredner trat der regionale Zentrumsreichstagsabgeordnete August Wegmann (1888-1976) aus Oldenburg auf. Überdies beschlossen die Anwesenden, dem von den rechten Parteien wegen seiner fortschrittlichen Sozialpolitik heftig befehdeten ehemaligen Zentrumsminister Dr. Heinrich Brauns zu seinem 65. Geburtstag demonstrativ ein Glückwunschtelegramm zu senden[xxx].
[i] Siehe: FVB Nr. 87 vom 28.07.1925, ZuA Nr. 3 vom 05.01.1926, LT vom 29.09.1926. Vgl. ebenso: BZ Nr. 101 vom 16.08.1926 oder ZuA Nr. 7 vom 09.01.1926.
[ii] FVB Nr. 136 vom 12.11.1927, HZ Nr. 63 vom 03.08.1927 und EZ Nr. 260 vom 09.11.1927. Zum ganzen Komplex vgl.: BZ Nr. 111 vom 14.05.1929 und KVB Nr. 34 vom 20.03.1928.
[iii] Bölsker-Schlicht (wie Anm. 1), S. 439. Die „Ems-Zeitung“ bezifferte die Abwanderung von Heuerleuten in die Nordhorner Industrie im Februar 1929 für die letzten Jahre auf rund 350 Heuerlingsfamilien (EZ Nr. 28 vom 02.02.1929).
[iv] FVB Nr. 101 vom 27.08.1928.
[v] Helmut Lensing, Die Landvolk-in-Not-Bewegung von 1928 im Emsland, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 40/1994, Sögel 1993, S. 44-63.
[vi] Siehe etwa Deters Kritik an der diesbezüglichen Stellung des Loruper DHP-Landtagsabgeordneten Wilhelm Borgmann in: LVB Nr. 84 vom 19.07.1928. Der Nachfolger Pennemanns als Zentrumsreichstagsabgeordneter, Dr. Johannes Drees, war zwar Bauernfunktionär, hatte sich aber in seiner Dissertation mit der Heuerlingsfrage beschäftigt und stand vielen Forderungen des VCH aufgeschlossen gegenüber, zumal sein Bruder sogar in Kluse durch die „Siedlungsgenossenschaft Emsland“ siedeln konnte.
[vii] Fritsch (wie Anm. 75), S. 571. Die „Deutsche Bauernpartei“ zog mit acht Abgeordneten in den Reichstag ein.
[viii] Siehe dazu: Lutz Fahlbusch, Grüne Front (GF) 1929-1933, in: Fricke (wie Anm. 75), S. 72-75.
[ix] Fritsch (wie Anm. 75), S. 572.
[x] LVB Nr. 219 vom 20.09.1929.
[xi] Die Antwort des EBV in: LVB Nr. 229 vom 02.10.1929. Schulte widersprach dem heftig und erhielt in einer Zuschrift Unterstützung vom Provinziallandtagsabgeordneten Heinrich Bergmann aus Ankum, dem Vorsitzenden des Zentrums im Kreis Bersenbrück (LVB Nr. 237 vom 11.10.1929).
[xii] LVB Nr. 263 vom 12.11.1929. Der Medienmogul Alfred Hugenberg war der neue Vorsitzende der rechtsextremen „Deutschnationalen Volkspartei“, der vehement die Republik bekämpfte und die Großagrarier stützte. Die Grafschafter Bevölkerung war nicht, wie Buddenböhmer behauptete, größtenteils lutherisch, sondern reformiert und altreformiert.
[xiii] LVB Nr. 15 vom 18.01.1929, LKB Nr. 16 vom 19.01.1929, siehe auch: LT vom 17.12.1928.
[xiv] LKB Nr. 45 vom 22.02.1929.
[xv] LKB Nr. 52 vom 02.03.1929.
[xvi] LKB Nr. 55 vom 06.03.1929.
[xvii] LKB Nr. 83 vom 10.04.1929.
[xviii] LVB Nr. 90 vom 18.04.1929. Ähnlich in Nordhorn, wo sich mehrere Grafschafter Ortsgruppen trafen (LVB Nr. 93 vom 22.04.1929), in Emsbüren mit den Ortsgruppen Emsbüren, Listrup, Mehringen, Leschede, Ahlde und Elbergen, die sich über ihre Vernachlässigung durch Deters beklagten (LVB Nr. 97 vom 26.04.1929), in Schapen mit den Ortsgruppen Schapen, Spelle und Beesten, in Freren, in Lengerich oder in Holte für die Ortsgruppen des Südhümmlings (FVB Nr. 31 vom 13.03.1929).
[xix] LKB Nr. 92 vom 20.04.1929.
[xx] LKB Nr. 100 vom 30.04.1929, LVB Nr. 99 vom 29.04.1929, FVB Nr. 50 vom 29.04.1929.
[xxi] KVB Nr. 50 vom 30.04.1929.
[xxii] FVB Nr. 94 vom 12.08.1929.
[xxiii] LVB Nr. 290 vom 14.12.1929.
[xxiv] LVB Nr. 288 vom 12.12.1930.
[xxv] HZ Nr. 90 vom 04.08.1931.
[xxvi] EZ Nr. 80 vom 06.04.1932 oder FVB Nr. 43 vom 09.04.1932. Das offensive Eintreten für Hindenburg wurde vorher in Ortsgruppenversammlungen ausführlich begründet (siehe z.B. für die Ortsgruppe Dohren: HZ Nr. 33 vom 19.03.1932). Auch beim zweiten Wahlgang warb der VCH für Hindenburg (HZ Nr. 40 vom 07.04.1932).
[xxvii] FVB Nr. 154 vom 25.12.1931.
[xxviii] FVB Nr. 87 vom 20.07.1932.
[xxix] Lengericher Nachrichten, Ankum, Nr. 6 vom 08.01.1933.
[xxx] KVB Nr. 6 vom 07.01.09.1933.
Die Siedlungsanstrengungen des „Vereins Christlicher Heuerleute“
Dr. Helmut Lensing
Ab 1925 rückte der Kampf um den Pachtschutz, der immer nur befristet galt, in der öffentlichen Tätigkeit des VCH etwas in den Hintergrund. Nun konzentrierte sich die politische Arbeit des Verbands auf die Förderung der Siedlung. Der Landhunger der Heuerleute und ihr Wille, durch die Siedlung als selbstständige Landwirte finanziell und sozial aufzusteigen, war groß. Auch Heinrich Kuhr hatte 1923 seine Heuerstelle in Bramhar verlassen und im Bienerfeld gesiedelt. Das emsländische Zentrum, das die Brisanz dieser Frage erkannt hatte, lud deshalb für den 26. Mai 1926 zu einer Sitzung des Vorstands der „Zentrumsvereinigung Emsland“ mit Repräsentanten der Bauern, Pächter und Heuerleute ein. Anwesend waren außerdem Zentrumsabgeordnete, so der Landtagsabgeordnete Josef Hagemann als Mitglied des landwirtschaftlichen Ausschusses. Dieser berichtete über seine Bemühungen zur Emslandkultivierung und über die Arbeit der dazu eingesetzten „Deutschen Ödlandkultivierungsgesellschaft“ (Dökult). Die Partei versuchte, zwischen den Kontrahenten zu vermitteln. Einerseits unterstützte sie die Kultivierungsforderungen der Heuerlinge, da angesichts der riesigen Brachflächen im Emsland die Eigentümer den Aufwand nicht allein tragen könnten, dies also eine staatliche Aufgabe sei. Andererseits setzte sie sich aber auch für die finanzielle Unterstützung der bäuerlichen „Siedlung vom Hofe“ ein, bei der die Eigentümer Ödlandflächen zur Hoferweiterung bzw. zur Siedlung für nachgeborene Kinder schaffen wollten. Allerdings sollten staatliche Kultivierungsarbeiten nur nach einer Verständigung mit den bäuerlichen Eigentümern erfolgen[i]. So beschäftigte sich auch der Arbeitsminister Dr. Heinrich Brauns auf dem 2. emsländischen Zentrumsparteitag im Oktober 1926 in Lingen, bei dem die Landwirtschaftspolitik im Mittelpunkt stand, mit der Siedlungsfrage. Der VCH hatte deshalb seine Mitglieder, soweit sie Zentrumsanhänger waren, eigens zu einer Teilnahme aufgerufen, da Brauns einer der eifrigsten Förderer der Siedlung sei[ii]. Die regionale Presse berichtete nun verstärkt über Siedlungsfragen und Aktivitäten der Zentrumspartei zur Erleichterung der Ödlandkultivierung in der Region, so beispielsweise im November 1926 über einen parlamentarischen Vorstoß zur Melioration in Wietmarschen entlang des Süd-Nord-Kanals oder von einem Urantrag der Partei zur planmäßigen Besiedlung der Emslandmoore[iii].
Am 28. Oktober 1926 veranstaltete der „Verein Christlicher Heuerleute“ in Lingen eine große Siedlertagung, auf der Josef Hagemann, ein Vertreter der Landtagsfraktion der siedlungsfreundlichen linksliberalen „Deutschen Demokratischen Partei“ und der Geschäftsführer des „Reichsverbandes landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe“, Kulturingenieur Heinrich Lübke, sprachen. Die mit rund 2000 Menschen stark besuchte Versammlung beschloss, entweder selbst eine Siedlungsgenossenschaft zu gründen oder sich einer bestehenden anzuschließen[iv]. Schon wenig später machte der „Verein Christlicher Heuerleute“ Nägel mit Köpfen, da eine geeignete Gesellschaft nicht zur Verfügung stand. Auf einer Generalversammlung am 9. Dezember 1926 in Lingen gründete der VCH die „Siedlungsgenossenschaft Emsland“ mit Sitz in der Emsstadt. Vorsitzender wurde der VCH-Leiter Heinrich Kuhr. In den Vorstand wurde wegen seiner Verdienste um die Siedlung auch der Zentrumspolitiker Josef Hagemann gewählt[v]. Heinrich Kuhr berichtete über den Beginn der Tätigkeit: „Mit 20.000,- Mark Darlehen wurden die ersten Flächen in Lohe, Kreis Meppen, angekauft. Unter ihrem nimmermüden Geschäftsführer Dr. Schulte gelang es der Genossenschaft, bis 1933 = 261 Bauern anzusetzen“[vi]. Mit Dr. Schulte war ihr Geschäftsführer Georg Schulte gemeint, der nach dem Zweiten Weltkrieg Leiter der Lingener Zweigstelle der „Hannoverschen Siedlungsgesellschaft“ wurde.
Doch bis endlich die ersten konkreten Siedlungsmaßnahmen im Emsland in Angriff genommen werden konnten, verging Zeit – zuviel Zeit für die landhungrigen Heuerleute. So vermittelte die Dachorganisation der Kleinbauernverbände, der „Reichsverband landwirtschaftlicher Klein- und Mittelbetriebe“, alsbald Siedlungen im Osten, wo Güter aufgekauft wurden. In Giesenbrügge im Kreis Soldin in Ostbrandenburg siedelten 18 Familien aus dem Kirchspiel Lengerich, sieben aus dem Kirchspiel Bawinkel und fünf aus dem Kirchspiel Herzlake. Weitere Heuerleute aus dem Emsland ließen sich im unweit gelegenen Schönow im hinterpommerschen Kreis Pyritz und im nahe liegenden Hohengrape im Kreis Soldin/Neumark nieder. Einzelne Familien gingen nach Tempelhof oder nach Mecklenburg. Infolge des großen Kinderreichtums der Heuerleute waren es ansehnliche Gruppen, die damit das Emsland verließen. So fuhren am 2. Oktober 1929 aus dem Raum Lengerich vom Bahnhof Freren aus 80 Menschen nach Schönow. Die Ostsiedler bekamen Höfe von 15 bis 16 Hektar, wobei der Boden weitaus besser war als im Emsland. Die Neusiedler unternahmen sogleich beträchtliche Anstrengungen, um für eine Kirche und seelsorgliche Betreuung zu sorgen, denn Katholiken waren – mit Ausnahme von polnischen Saisonarbeitern – in der neuen Heimat unbekannt. 1945/46 mussten die ehemaligen Heuerleute die nun polnisch gewordenen Gebiete verlassen. Als sogenannte Rückwanderer fanden bis 1953 im Bourtanger Moor, etwa in der Bauerschaft Sustrumer Moor, 56 Familien neue Siedlerstellen[vii].
Doch dann setzte im Emsland ebenfalls die Siedlung ein. Insbesondere schuf die Siedlungsgenossenschaft neue Bauernhöfe im nördlichen Emsland, wie der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen ist. 1930 entfielen von den 199 Neusiedlerstellen im Emsland auf den
Kreis Aschendorf 83
Kreis Meppen 59
Kreis Hümmling 46
Kreis Grafschaft Bentheim 6
Kreis Lingen 5.
In der Grafschaft Bentheim sollten zwar weitaus mehr Siedlerstellen geschaffen werden, doch wehrten sich hier die Grundbesitzer mit Hilfe der DVP und der DNVP mit aller Macht gegen eine Enteignung oder auch nur den erzwungenen Verkauf von Ödland, das freiwillig niemand hergeben wollte[viii].
Tab. 5: Ankauf und Besiedlung von Ödlandflächen durch die Siedlungsgenossenschaft Emsland bis Ende 1930[ix]
| Größe in ha | Kulturland in ha | Ödland
in ha |
Siedler | Neubauten | |
| Lohe, Meppen | 86 | – | 86 | 8 | 8 |
| Apeldorn | 92 | – | 92 | 8 | 8 |
| Andrup | 20 | – | 20 | 2 | 2 |
| Lehrte | 12 | – | 12 | 1 | 1 |
| Bramsche | 12 | – | 12 | * | – |
| Dalum | 136 | – | 136 | 9 | 9 |
| Kl. Berßen | 42 | – | 42 | 4 | 4 |
| Lähden | 14 | – | 14 | 1 | 1 |
| Verßen | 64 | – | 64 | 5 | 5 |
| Bawinkel | 43 | – | 43 | 4 | 4 |
| Bookholt | 46 | – | 46 | 4 | 4 |
| Gr. Berßen | 349 | 6 | 343 | 30 | 30 |
| Kathen | 135 | 2 | 133 | 10 | 10 |
| Lastrup | 71 | 10 | 61 | 6 | 6 |
| Eisten | 24 | 1 | 23 | 2 | 2 |
| Wehm | 27 | 10 | 17 | 2 | 2 |
| Altharen | 73 | – | 73 | 7 | 7 |
| Bimolten | 23 | – | 23 | 3 | 3 |
| Bramhar, Meppen | 14 | – | 14 | 2 | 2 |
| Bückelte | 22 | – | 22 | 2 | 2 |
| Hüven | 13 | – | 13 | 1 | 1 |
| Lotten | 31 | – | 31 | 3 | 3 |
| Tinnen-Emmeln | 470 | – | 470 | 35 | 35 |
| Kluse | 487 | 2 | 485 | 38 | 38 |
| Sandheim, Meppen | 125 | 105 | 20 | 10 | 9 |
| Gersten | 8 | 1 | 7 | 1 | 1 |
| Schwefingen | 17 | – | 17 | 2 | 2 |
| Gesamt | 2456 | 137 | 2319 | 199 | 197** |
* Anliegerstelle. ** In Bramsche und Sandheim war jeweils schon ein Gebäude vorhanden.
Trotz aller Klarstellungen und diesbezüglichen Veröffentlichungen warfen die Verpächter dem VCH und der Siedlungsgenossenschaft unverdrossen vor, sie würden sich dafür einsetzen, ihr Land entschädigungslos enteignen zu lassen. Dem trat Heinrich Kuhr Anfang 1929 in der Presse mit folgenden Zeilen öffentlich entgegen:
„Als ich im Dezember 1919 zum erstenmale im Reichsarbeitsministerium mit dem Referenten des Herrn Reichsarbeitsministers (Sozialdemokrat) eine Besprechung über die kommende Pachtschutzordnung hatte, wurde mir die Frage vorgelegt: „Ob wir nicht eine Bewegung einleiten wollten, die darauf hinauslief, das Heuerlingsverhältnis in ein Eigentumsverhältnis auf dem Wege der Enteignung zu überführen“. Diese unvermutete Frage ließ mich nach einigen Augenblicken Bedenken mit einem absoluten Nein antworten. Zur Begründung habe ich damals ausgeführt, daß ich es allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht vertreten werden könne, generell alle Heuern auf diesem Wege in Eigentum zu überführen, da die zum größten Teil parzellierten und viel zu kleinen Heuerstellen keine angemessene Existenzbasis darstellten, um allein aus dem Ertrage dieser Stellen eine Familie ernähren zu können. Des weiteren wies ich darauf hin, daß nach der Reichsverfassung eine Enteignung nur gegen Entschädigung in Frage käme. Es wäre aber nicht vertretbar, aus einem Heuermann einen Schuldner des Verpächters zu machen“[x].
Selbst während der Weltwirtschaftskrise setzte die VCH-Siedlungsgenossenschaft ihre Tätigkeit erfolgreich weiter fort. So schuf sie zwei völlig neue Ortschaften, nämlich Renkenberge bei Lathen im Kreis Aschendorf und Osterbrock im Kreis Meppen. Hier hatte die Siedlungsgenossenschaft „Emsland“ 1932 das Gut Geeste mit 832 Hektar von der Harpener Bergbau AG gekauft sowie in Renkenberge eine Ödlandfläche von 663 Hektar. Während diese Flächen noch besiedelt wurden, beendeten geänderte politische Umstände ein drittes Großprojekt. Im Bourtanger Moor erwarb die Siedlungsgenossenschaft 1930/31 rund 2600 Hektar zusammenhängende Moor- und Heideflächen, die anschließend erst einmal vom „Freiwilligen Arbeitsdienst“ entwässert wurden. Doch bevor hier die Siedlung im großen Maßstab beginnen konnte, wurde die Siedlungsgenossenschaft – wie weiter unten beschrieben wird – durch den NS-Staat gleichgeschaltet und bald darauf aufgelöst. Das Land Preußen kaufte die Flächen in Sustrum und Walchum auf[xi]. Immerhin waren in der Siedlung Kluse bereits 44 Neusiedlerstellen errichtet worden[xii], auch die Schaffung des neuen Siedlerdorfes Hasselbrock konnte noch in Angriff genommen werden[xiii]. Der VCH und die Siedlungsgenossenschaft veröffentlichten stetig Berichte, die vom Fortschritt der Siedlungsbemühungen und vom Kauf neuer Ödlandflächen kündeten oder der Information von Siedlungswilligen dienten, wobei sie zur Unterrichtung der Heuerleute über die Siedlung sogar das hochmoderne Medium Film einsetzten[xiv].
Wie stark der Siedlungshunger der Heuerleute war, zeigt die Mitgliederzahl der Siedlungsgenossenschaft. Aufgenommen wurden hier nur Personen, die nach einer strengen Prüfung Willen und Eignung zur Siedlung nachweisen konnten.
Tab. 6: Mitgliederzahlen der „Siedlungsgenossenschaft Emsland“[xv]
1926 109
1928 306, davon wurden 147 angesiedelt
1929 338
1930 370
1931 398
[i] LVB Nr. 63 vom 01.06.1926, KVB Nr. 63 vom 03.06.1926. Die Generalversammlung des EBV forderte 1926, für jede Mark, die die Dökult zur Ödlandkultivierung vom Staat bekäme, müssten im Gegenzug die Bauern ebenfalls eine Mark für die Siedlung vom Hofe erhalten (Herzlake-Holter Zeitung, Haselünne, Nr. 44 vom 02.06.1926).
[ii] LVB Nr. 122 vom 19.10.1926, LVB Nr. 126 vom 28.10.1926.
[iii] LVB Nr. 132 vom 11.11.1926, LVB Nr. 130 vom 06.11.1926, LVB Nr. 131 vom 09.11.1926, LVB Nr. 136 vom 20.11.1926 , LVB Nr. 143 vom 07.12.1926 oder LVB Nr. 148 vom 18.12.1926.
[iv] LVB Nr. 125 vom 25.10.1926, LT vom 03.11.1926, KVB Nr. 128 vom 03.11.1926.
[v] LT vom 14.12.1926, Haverkamp (wie Anm. 2), S. 93.
[vi] Kuhr (wie Anm. 4), S. 69. Zu Schulte: Haverkamp (wie Anm. 2), S. 93.
[vii] Siehe dazu ausführlich: Josef Grave, Heuerleute – West-Ostsiedler – Rückwanderer. Auf den Spuren emsländischer Familien in Hinterpommern und Ostbrandenburg, in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes Bd. 41/1995, Sögel 1994, S. 330-342, sowie zu der Auswanderung in der Presse: LVB Nr. 244 vom 19.10.1929 (aus Wettrup gehen zehn Heuerlingsfamilien nach Pommern, eine Familie siedelt in Handrup, zwei in Oldenburg und drei Heuerleute haben im Ort einen Hof bekommen), LVB Nr. 250 vom 26.10.1929 (Lengericher VCH-Vorsitzender Gräber wandert nach Pommern aus), FVB Nr. 19 vom 12.02.1930 oder FVB Nr. 87 vom 20.07.1932.
[viii] Siehe beispielhaft den Kampf in Bookholt, wo 1000 Morgen Ödland enteignet werden sollten (ZuA Nr. 15 vom 18.01.1929, ZuA Nr. 224 vom 23.09.1929 oder Bentheimer Zeitung (weiterhin BZ) Nr. 116 vom 18.05.1928 mit einem beigebundenen Flugblatt der DVP gegen die Siedlungsgenossenschaft „Emsland“).
[ix] Geschäftsbericht der Siedlungsgenossenschaft „Emsland“, Lingen, bis zum 31. Dezember 1930, in: LVB Nr. 181 vom 11.08.1931.
[x] Kuhr, Untergang (wie Anm. 52).
[xi] Siehe dazu und zur Siedlungsgenossenschaft „Emsland“: Christof Haverkamp, Die Erschließung des Emslandes im 20. Jahrhundert als Beispiel staatlicher regionaler Wirtschaftsförderung. Hrsg. von der Emsländischen Landschaft (= Emsland/Bentheim. Beiträge zur Geschichte Bd. 7), Sögel 1991, S. 41-46. In Osterbrock siedelten vornehmlich Heuerleute aus der Frerener und Lengericher Umgebung (FVB Nr. 44 vom 12.04.1933 und FVB Nr. 69 vom 10.06.1933).
[xii] HZ Nr. 52 vom 05.05.1932. Die Siedler waren Heuerleute aus Setlage, Thuine, Andervenne und Freren (FVB Nr. 53 vom 02.05.1932).
[xiii] EZ Nr. 261 vom 14.11.1933.
[xiv] HZ Nr. 14 vom 31.01.1931. Siehe zum Vorherigen z.B.: FVB Nr. 24 vom 24.02.1930, KVB Nr. 70 vom 24.03.1931 oder BZ Nr. 191 vom 17.08.1931.
[xv] Eigene Zusammenstellung aus Zeitungsberichten.



















