Zur Rolle vieler Heuerlingsfrauen – Studie einer Oberstufenschülerin

Erneut kam eine Anfrage einer Schülerin eines Gymnasiums aus dem ehemaligen westfälischen Heuerlingsgebiet zur damaligen Lage vieler Heuerlingsfrauen:

  • Warum ist die Rolle „der“ Heuerlingsfrau sowohl in der heimatgeschichtlichen als auch  wissenschaftlichen Literatur so wenig beschrieben? (Frage Schülerin)

Das Leben und der Alltag von Heuerlingsfrauen sind tatsächlich kaum dokumentiert, weil Frauen insgesamt eher selten in sozial- oder wirtschaftshistorischen Beschreibungen vorkommen. So liegen hier nur verhältnismäßig wenige Quellen vor, obwohl es sich bei den Landlosen bis etwa 1890 um die Mehrheitsbevölkerung handelte. Vielmehr waren es  Männer (fast ausschließlich besitzende Bauern) oder allenfalls  auch  ihre Familien, über deren Lage in der damaligen Agrarwelt berichtetet wurde. (Antwort Robben)

Der Klett Verlag hat ab 2020 die Titelbilder unseres Buches Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen! in den Oberstufenband Geschichte übernommen. Dazu wird noch berichtet werden. (Stand Dezember 2020)

Das trifft aber auf die besitzlose Landbevölkerung in ganz Deutschland zu.

  • Welche soziale Stellung hatte die Heuerlingsfrau in ihrem direkten sozialen Umfeld, aber auch in der Dorfgesellschaft?

Sie erlebte schon in ihrer Jugend die deutlich untergeordnete Rolle in der sozialen Schichtung.

So heirateten die allermeisten Heuerlingstöchter einen ebenfalls besitzlosen Bauernknecht, mit dem sie dann eine Heuerstelle antraten, um eine Familie gründen zu können.

Damit standen sie in der dörflichen Gesellschaftsstruktur ganz unten.

Die ständige Abrufbereitschaft, auf dem Hof des Bauern Dienst zu tun müssen, unterstrich ihre niedere soziale Stellung in besonderer Weise.

Nur aus dieser häufig tief verzweifelten Situation ist es auch zu verstehen, dass sich Heuerleute entschlossen, die Heuerstelle zu verlassen und ins „teuflische“ Moor zu ziehen, um dort ein „freies“ Leben führen zu können.

  •  Das Leben der Heuerlingsfrau gestaltete sich den Quellen zur Folge als sehr entbehrungsreich, besonders hart müssen dann die Wochen/ Monate gewesen sein in denen der Mann z.B. als Hollandgänger weg war. Welchen Herausforderungen standen der Frau gegenüber?
  • Das Leben der Heuerlingsfrau war entbehrungs- und äußerst arbeitsreich.

So hatte sie ihren Haushalt zu führen mit einer in aller Regel größeren Kinderschar, sie hatte das Vieh zumindest in Anteilen zu versorgen, der Gemüsegarten zur Eigenversorgung musste in den Sommermonaten in Ordnung gehalten werden und die anfallenden Arbeiten auf dem Bauernhof sowohl in der Ernte als dann auch beim Wäsche waschen waren zu erledigen.

Dabei war sie in ihrer besten Lebenszeit über Jahre mit Ausnahme der Stillzeit schwanger.

Dazu kamen die Gefahr des Kindbettfiebers und andere Komplikationen rund um die Geburt.

Während der Zeit des Hollandganges ihres Mannes musste sie den gesamten Heuerbetrieb versorgen.

Dazu gehörten in dieser Zeit insbesondere die Arbeiten auf dem Kartoffelacker, der möglichst unkrautfrei gehalten werden musste, damit die Ernte dadurch nicht gefährdet wurde.

  • War die Kompetenz und Stellung der Frau nach der Abwesenheit des Mannes gleich?

Dazu geben uns die vorhandenen Quellen kaum direkte Aussagen. Es hat sicherlich zu allen Zeiten auch starke Frauen gegeben, die sich in der Ehegemeinschaft Anerkennung und Respekt erworben haben.

Als zunehmend der billigere Schnaps aus den Kartoffeln gewonnen werden konnte, sind auch Heuerleute alkoholabhängig geworden.

Durch diesen Umstand hat es dann arg zerrüttete Familien gegeben. Aus dieser Misere heraus wurden etliche „Mäßigungvereine“ gegründet.

  • Wie stand es um die rechtliche Absicherung der Heuerlingsfrau im Todesfalle des Mannes? Behielt sie die Heuerlingstelle?

In aller Regel wurde ihr dann die Heuerstelle gekündigt. Der besitzende Bauer war ja dringend auf männliche Arbeitskräfte insbesondere während der Erntezeit angewiesen.

Aber in der Nachkriegszeit (ab 1945) ist es auch vorgekommen  –  zwei Beispiele sind dazu im Bereich Mettingen belegt -, dass die Frauen die Heuerstelle behalten durften.

Zusammenfassend muss ich allerdings sagen – und das ist bisher so von den Fachwissenschaftlern kaum formuliert worden:

Die angehenden Heuerlingsfrauen hatten fast durchweg die Chance, nach dem damals herrschenden Armenrecht eine Heiratserlaubnis zu bekommen und damit eine Familie gründen zu können.

Die Heuerstelle bot dazu die notwendige wirtschaftliche Grundlage.

In anderen Teilen Deutschlands war das aus unterschiedlichen Gründen nicht unbedingt gegeben.

So sind aus Ostdeutschland und insbesondere auch aus Bayern Zahlen belegt, dass bis zu einem Viertel der jüngeren Bevölkerung aus Armutsgründen diese Heiratserlaubnis nicht erhielt, aber dennoch kamen aus den Liebesverhältnissen Kinder zur Welt.

Darüber geben insbesondere Taufregister deutliche Auskunft.

Hier haben Historiker und Volkskundler noch einiges aufzuarbeiten. Das Thema ist allerdings – und das habe ich persönlich immer wieder erfahren müssen –  mit einer deutlichen Schweigementalität in der ländlichen Bevölkerung insgesamt auch heute noch belegt.

Auch im Geschichtsunterricht vieler Gymnasien kommen diese elementaren historischen Fakten kaum vor. Das wurde mir bei meinen 130 Vorträgen in Nordwestdeutschland von Schulhistorikern/innen  durchweg bestätigt. Allerdings wurde im Fachstudium auch nahezu ausschließlich die „besitzlose Industriebevölkerung“ ab Mitte des 19. Jahrhunderts behandelt.

 

 Bernd Robben

  1. März 2018

Video – Interviews mit Zeitzeugen

Leider habe ich erst nach meinem 104. Vortrag damit begonnen, die Gunst der Stunde direkt zu nutzen, um die jeweils anwesenden Zeitzeugen in einem Video – Interview über ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen zum Heuerlingswesen und seinen Begleiterscheinungen zu befragen.

 

Das geschah zum ersten Mal bei dem Vortrag in Leeden.

http://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Steinfurt/Tecklenburg/3225625-Altherrenclub-Vortrag-ueber-das-Leben-der-Heuerleute-Rasanter-Wechsel-vom-Knecht-zum-Handwerker

In diesem Artikel heißt es auch:

Es gab zu den Ausführungen von Bernd Robben viel Erstaunen und Applaus. Im Anschluss nahm er Video-Interviews mit einigen Interessierten auf, die aus ihrer Vergangenheit als Heuerleute berichteten. So erzählte Andreas Finke aus Leeden, dass er im Heuerhaus des Ritterguts Rehorst in Leeden mit der Familie gewohnt habe, Schmiedemeister geworden sei und später bei Amazone-Dreyer gearbeitet habe, um bei der Montage von Landmaschinen für Bauern mitzuwirken. Ein klassischer Fall. Robben bringt alle Interviews mit Einverständnis ins Internet. Er hat derzeit noch rund 800 Seiten Material, das er für die Nachwelt zu bearbeiten habe.

Zeitzeugenberichte

Leider habe ich erst nach meinem 100. Vortrag damit begonnen, die Gunst der Stunde direkt zu nutzen, um die jeweils anwesenden Zeitzeugen in einem Video – Interview über ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen zum Heuerlingswesen und seinen Begleiterscheinungen zu befragen.

Das geschah zum ersten Mal bei dem Vortrag in Leeden.

http://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Steinfurt/Tecklenburg/3225625-Altherrenclub-Vortrag-ueber-das-Leben-der-Heuerleute-Rasanter-Wechsel-vom-Knecht-zum-Handwerker

In diesem Artikel heißt es auch:

Es gab zu den Ausführungen von Bernd Robben viel Erstaunen und Applaus. Im Anschluss nahm er Video-Interviews mit einigen Interessierten auf, die aus ihrer Vergangenheit als Heuerleute berichteten. So erzählte Andreas Finke aus Leeden, dass er im Heuerhaus des Ritterguts Rehorst in Leeden mit der Familie gewohnt habe, Schmiedemeister geworden sei und später bei Amazone-Dreyer gearbeitet habe, um bei der Montage von Landmaschinen für Bauern mitzuwirken. Ein klassischer Fall. Robben bringt alle Interviews mit Einverständnis ins Internet. Er hat derzeit noch rund 800 Seiten Material, das er für die Nachwelt zu bearbeiten habe.

https://youtu.be/jSVsYihR46Q

 

 

Autonome Maschinen werden „moderne Heuerleute“

Früher waren es die Heuerleute, die nicht nur die Arbeitsspitzen auf den Höfen abdeckten, sie mussten auf Abruf jederzeit zur Verfügung stehen.

Insbesondere durch die rasanten Entwicklungen im (land)wirtschaftlichen Bereich seit der Zeit des Wirtschaftswunders zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwand das Heuerlingswesen.

Dabei waren die Heuerleute ausgezeichnete Fachleute für die Bauern, sie bewirtschafteten ja selbst ihre gepachteten Äcker und Weiden und waren Tierzüchter.

 …und heute…

aus:     http://www.dlg.org/3153.html

Der Kampf um (praktische) Talente

Stefan Teepker, Landwirt in Handrup/Emsland (Niedersachsen) und ehem. Vorsitzender Junge DLG

Stefan Teepker zum beruflichen Nachwuchs im Betrieb

Die demographische Entwicklung bringt gerade für die landwirtschaftlichen Betriebe eine besondere Herausforderung: Die sinkende Anzahl potentieller Fachkräfte für eine Aufgabe zu gewinnen, die aufgrund ihrer Arbeitsspitzen und Verankerung im ländlichen Raum nicht jedermanns Sache ist. Der Kampf um die besten (praktischen) Talente hat begonnen und die Landwirtschaft sollte dabei zu den Gewinnern zählen.

Ein Gespräch mit Stefan Teepker am 18. März 2018 beleuchtet die mögliche Entwicklung im technischen Bereich der Landwirtschaft:

Die Erprobungen in der Schlepperindustrie gehen in Richtung des autonomen Fahrens. Das ist heute schon möglich. Dabei werden wieder kleinere Traktorentypen um 100 PS favorisiert. Diese sind ökonomischer einsetzbar. Das wird Arbeitskräfte insbesondere in Spitzenzeiten einsparen.

Die „modernen Heuerleute“ werden also wahrscheinlich selbstfahrende Maschinen sein, die dann multifunktional einsetzbar sind…

Weitere interessante Informationen über diesen fortschrittlichen landwirtschaftlichen Betrieb finden sich hier:

https://www.facebook.com/teepker.de/

Die Familie Westerhoff (Ossenbeck) konnte das Heuerhaus kaufen

Hochdeutscher Text zur nachfolgenden Videoaufzeichnung (Archiv Robben)
Ich heiße Johannes Westerhoff,  bin in Ossenbeck bei Damme geboren und in einem Heuerhaus aufgewachsen.

1960 konnten wir das Heuerhaus vom Landwirt Niebur in Ossenberg kaufen.

Damals ging es mit der Landwirtschaft in den Heuerstellen in der Umgebung hier zu Ende.

Wir haben jedoch noch bis 1980 so weiter gewirtschaftet.  In der Zeit war auch noch ein wenig Geld in der Landwirtschaft zu verdienen mit Schweinen und Milchkühen.

Mein Vater war beschäftigt bei der Firma Leiber  ab 1961 und ich fand 1964 bei der Straßenmeisterei in Vechta eine Anstellung. Dort habe ich 40 Jahre gearbeitet.

Alles, was so an Arbeiten in der Landwirtschaft anfiel, haben wir gemeinsam erledigt.

Wir hatten auch noch die Möglichkeit, Torf als Brennmaterial zu graben und zwar so viel wir wollten. Aber wenn man eine Woche Torf gegraben hatte, dann war man das wirklich leid. Das musste man genau kennen, damit man nicht im Wasser stand.

Interessant war, dass wir das Heuerhaus kaufen konnten. Das kam sonst selten vor, weil die Bauern diese Häuser nicht abgeben wollten. Bei uns war es so, dass es dem Bauern finanziell wohl nicht so sehr gut ging: Der Bauer wollte heiraten und sein Bruder musste zeitgleich auch eine Ehe eingehen, dabei fiel die Aussteuer an und so wurde Geld gebraucht. Das war für uns die Gelegenheit.

Allerdings war es dann noch schwierig für mich, dort eine Baugenehmigung zu erhalten.

Aber das hat dann mit dem Wohlwollen der beteiligten Behörden doch geklappt.

Dr. Christian Westerhoff ist der Sohn von Johannes Westerhoff und seiner Ehefrau (rechts neben ihm)

In dieser Videoaufzeichnung gibt er weitere Auskünfte….

https://www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/bibliothek-fuer-zeitgeschichte/kontakt/dr-christian-westerhoff/

Erich Knemöller aus Lengerich/Westf. als Zeitzeuge

 

 

Erich Knemöller wurde 1931 im Raum Lengerich /Westfalen in einem Heuerhaus geboren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er einen eigenen Gärtnereibetrieb auf.

Er war darüber hinaus unermüdlich auch für die Allgemeinheit im Einsatz, so über Jahrzehnte im Rat der Stadt, in den Gremien der Kirche und des Heimatvereins, dessen Vorsitzender er 14 Jahre lang war. „Meine Frau hat mich dabei immer unterstützt!“

Sein Engagement wurde mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes geehrt.

Nach einem Vortrag zum Heuerlingswesen in Leeden im März 2018 war er mit anderen Zeitzeugen bereit, über seine Erfahrungen aus seiner Jugendzeit auch auf Plattdeutsch zu berichten, das er von Kindheit an beherrscht, nun aber lange nicht mehr gesprochen hat.

https://youtu.be/3PEhexhrltI

Das Alkoholproblem in den Dörfern früher

Ich habe diese problematischen Situationen in den Nachkriegsjahren bis etwa 1990 täglich beobachten können.

In jedem Dorf und jeder Bauerschaft in meiner Umgebung gab es eine ganze Reihe von männlichen Personen, die auch schon über Tag reichlich Alkohol tranken und für die Familie eine Mehrfelastung waren. Ein nicht geringer Teil der Einkünfte wurden schlichtweg versoffen. Dabei wurde mit zunehmendem Alter auch die äußere Erscheinungsform und das gesamte Verhalten durch den Alkohol geprägt.

So kann ich über einen Fall Mitte der 60er Jahre berichten: Mein Vater war ein hilfsbereiter Landwirt. Er sah, dass in einer Familie mit 5 Kindern der Ernährer durch seinen ständigen Suff nicht einmal in der Lage war, seiner Frau das nötige Brennholz zum Heizen und Kochen zu besorgen.

Kurzerhand brachte mein Vater mit unserem kleinen Trecker eine Sturzkarre mit gespaltenem Holz aus unserem Forst zu dem Unglückshaus und kippte die Ladung vor dem Garten ab.

Schon am nächsten Tag musste er feststellen, dass der stark alkoholabhängige Familienvater dieses Holz weiterverkauft hatte, um sich Alkohol dafür besorgen zu können.

Auch in Heuerlingsfamilien kamen solche Schicksale vor.

Der Plattdeutschkomponist und Sänger Bernd Niehenke aus Hasbergen bei Osnabrück beschreibt die Gefahren der Alkoholabhängigkeit in seinem eindrucksvollen Song Wacholder so:

 

Zeitzeugen im HV Hunteburg

Auch hier konnten wiederum Kurzinterviews per Video aufgezeichnet werden, die  wichtige Erscheinungsformen des Heuerlingswesens

– auch in aller Brutalität –

durch authentische Aussagen belegen.

Bernadette Wachelau aus Andrup

Bernadette berichtet von ihrer Mutter, die von einem Bauernhof stammt, auf dem es noch Heuerleute gab.

Immer wieder – so auch hier – wird davon erzählt, dass heranwachsende Bauernkinder von ihren Vätern  zu den Heuerleuten geschickt wurden, um diese insbesondere bei gutem Erntewetter kurzfristig zu Arbeiten auf dem Bauernhof einzubestellen. Das wurde von den Betroffenen durchweg als belastende Situation empfunden, zumal gerade dann auch die gleichen Tätigkeiten auf ihrem Heuerbetrieb dringend verrichtet werden mussten.

Auf dem elterlichen Hof von Bernadette Wachelau wurde dagegen zuerst die Ernte der Heuerleute geborgen, damit diese dann ohne Groll auf dem Bauernhof mithelfen konnten.

Außerdem hatten diese Heuerleute schon einen Fernseher….