Auch hier konnten wiederum Kurzinterviews per Video aufgezeichnet werden, die wichtige Erscheinungsformen des Heuerlingswesens
– auch in aller Brutalität –
durch authentische Aussagen belegen.
Bernadette berichtet von ihrer Mutter, die von einem Bauernhof stammt, auf dem es noch Heuerleute gab.
Immer wieder – so auch hier – wird davon erzählt, dass heranwachsende Bauernkinder von ihren Vätern zu den Heuerleuten geschickt wurden, um diese insbesondere bei gutem Erntewetter kurzfristig zu Arbeiten auf dem Bauernhof einzubestellen. Das wurde von den Betroffenen durchweg als belastende Situation empfunden, zumal gerade dann auch die gleichen Tätigkeiten auf ihrem Heuerbetrieb dringend verrichtet werden mussten.
Auf dem elterlichen Hof von Bernadette Wachelau wurde dagegen zuerst die Ernte der Heuerleute geborgen, damit diese dann ohne Groll auf dem Bauernhof mithelfen konnten.
Außerdem hatten diese Heuerleute schon einen Fernseher….
Sein Großvater war noch Heuermann…
Hubert Hesselfeldt in der Lohner Runde (Dritter von links)
Er berichtet über sein Leben.
Geboren bin ich am 15 November 1936 als viertes von fünf Sonntagskindern der Eheleute Heinrich Hesselfeld und Josefa geb. Westerhoff in Moorkamp bei Lohne. Geboren bin ich morgens um sieben Uhr. Nach dem Hochamt wußte ganz Lohne, dass bei Hesselfelds ein kleiner Foss (Rothaariger) angekommen war. Das war wohl schon etwas Besonderes , meine älteren Geschwister hatten andere Haarfarben.
Mein Vater war Fleischbeschauer in der Gemeinde Lohne.
Nach meiner Grundschulzeit an der Knabenschule Lohne besuchte ich die Lohner Mittelschule. Nach drei Jahren wechselte ich zum Gymnasium Antonianum Vechta. Dort bestand ich 1956 mein Abitur. Bis 1959 studierte ich an der Pädagogischen Hochschule Vechta.
Von 1959 bis 1966 war ich Lehrer an der Katholischen Volksschule in Jever.
Von 1966 bis 1971 unterrichte ich an der Stegemannschule Lohne. (Haupschule)
1971 wurde ich dann Schulleiter an der Ketteler-Schule (Grundschule) Lohne, die 1976 einen Neubau bezog, an dem Weg, an dem ich auch geboren bin. Im Jahre 2000 wurde ich pensioniert.
Meine Nebenämter u.a.:
- 20 Jahre lang Vorsitzender des Lohner Ludgeruswerks (Volkshochschule )
- 12 Jahre lang Vorsitznder des Pfarrgemeinderats St. Gertrud
- Seit 1966 Vizepräses der Kolpingsfamilie St. Gertrud
Bei uns im Hause wurde nur Plattdeutsch gesprochen. Heute schreibe ich noch Plattdeutsche Kolumnen für die Oldenburgische Volkszeitung. Außerdem arbeite ich im Plattdeutschen Arbeitskreis der Universität Vechta mit, der von Prof. Kürschner geleitet wird.
Vier Geschichten zum obigen Video:
Meine Mutter war ein Heuerleutemädchen, wie man früher die Töchter von Heuerleuten nannte.
Sie lebte von 1903 bis zum Jahre 2000.
Im Jahre 1927 heiratete sie Heinrich Hesselfeld, Sohn eines Eigners aus Lohne.
Als die Schwester meines Vaters erfuhr, dass er beabsichtigte, die Josefa Westerhoff zu heiraten, schrieb sie ihm einen Brief nach Augsburg. Dort war mein Vater zu der Zeit als Gerber tätig.
In dem Brief stand: … Du willst doch wohl nicht die Josefa heiraten. Sie ist ein Heuerleutemädchen. Heute noch macht sie dir schöne Augen, aber bald verlangt sie dir Kleider und Schuhe ab…
Meine Mutter hat den Brief noch lange aufbewahrt. Meine Tante, das ist noch zu erwähnen, hat nie geheiratet.
Den Tod ihrer Mutter nannte meine Mutter immer als die schlimmste Zeit ihres Lebens. Im Heuerhaus Westerhoff lebten acht Kinder, der jüngste war gerade 7 Jahre alt. Die Mutter starb im Alter von 50 Jahren.
Bevor sie beerdigt wurde, mußte das gesamte Heu vom Boden der Diehle in die Scheune getragen werden. Die Tote war auf der Diehle aufgebahrt. Und nun durfte doch kein Heu auf die Tote in dem Sarg fallen. Die Diehlen an der Decke hatten viele Lücken und Zwischenräume. Nach der Beerdigung mußte das gesamte Heu dann wieder nach oben befördert werden.
Unsere Mutter hat oft gesagt, dass diese Arbeit für die Kinder zu dem Zeitpunkt fast noch schlimmer gewesen sei als der Tod der Mutter.
Als Kind hatte meine Mutter einmal drei Äpfel aus Heitmanns Garten gegessen, die am Straßenrand gelegen hatten. Sie hatte aber Heitmanns nicht gefragt, und deshalb mußte sie das dann ja wohl auch beichten. Nach der Beichte, so erzählte meine Mutter, habe sie das auch wieder gutmachen wollen.
Deshalb sei sie in den Garten ihres Bauern Tinnemann in Lohne gegangen, habe drei Äpfel in ihre Schürze getan und diese dann in Heitmanns Garten befördert. „Diese Äpfel gehörten ja unserm Bauern und Frau Tinnenmanns war auch noch meine Taufpatin .“
Als meine Mutter ihre Grundschulzeit beendet hatte, sollte sie auf Betreiben ihrer Lehrerin Frau Klövekorn die Höhere Schwesternschule in Vechta besuchen. Sie fuhr nach Vechta und meldete sich an der Schule an. Als sie wieder zu Hause ankam, berichtete sie alles ihrem Vater.
„Da bekam ich,“ erzählte meine Mutter, „erst einmal Prügel“. Und der Vater habe dann noch gesagt:
„Ick will doch kiene Klitzen von jau häbben. Gi schäölt arbeiten.“ (Ich will doch keine feinen Damen von euch haben. Ihr sollt arbeiten).
Auch nach dem Vortrag up Platt in Andrup bei Haselünne bildete sich spontan eine Gesprächsrunde, es sprudelten Erinnerungen an die auslaufende Zeit des Heuerlingswesens mit Siedlungsbewegungen etc.
Von links: Bernadette Wachelan, Werner Janning, Helmut Dulle, Ewald Thiering, Christa Berens, Annemarie Schlangen und W. Sabelhaus.
12. März 2018
Diese Gesprächsrunde fand sich spontan nach dem Vortrag Heuerhäuser im Wandel am 5. März 2018 im Industriemuseum in Lohne zu Interviewgesprächen zusammen.
Teilnehmer von links nach rechts: Benno Tegeler aus Vechta, Alfred Bödecker aus Lohne, Alfred Zerhusen aus Lohne, Hubert Hesselfeld aus Lohne, Ehepaar Westerhoff aus Damme /Ossenbeck. Auf dem Bild fehlt Paul Wilke aus Lohne.
Die einzelnen Video – Interviews folgen…
https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AIndustriemuseum_Lohne_Fassade.jpg
Nach fast genau zwei Jahren wieder im Industriemuseum Lohne…
… nun zum Thema Heuerhäuser im Wandel.
Besonders im Fokus standen dabei
Wiederum war dieser Vortrag mit etwa 100 Interessierten sehr gut besucht.
Auch die anschließende Diskussion zeigte ein großes Interesse an der Thematik.
Im Anschluss an den Vortrag waren noch sieben Zeitzeugen des Heuerlingswesens aus dem Oldenburger Münsterland bereit, über ihre persönlichen Erfahrungen aus der Jugendzeit heraus zu berichten.
Dabei herausgekommen sind einmalige Zeitdokumente, die hier nach und nach als Videobeiträge eingestellt werden sollen.
07. 03. 2018
Foto: Heimatverein Lohne Stefan Küpker
Die Weide als Baum war für den Heuermann in mehrfacher Hinsicht ein wichtiger, billiger und schnell nachwachsender Rohstofflieferant.
Daraus wurden große und kleine Körbe geflochten für den Eigenbedarf. Es konnten u. a. auch Aalkörbe damit gefertigt werden.
Etliche Heuerleute machten in Winterarbeit aber auch einen Vorrat an Flechtwerk zum Verkauf in der näheren Umgebung und auf Viehmärkten.
Dieses interessante Foto entstand im Raum Wagenfeld: Rechts ist eine „Allee“ ungepflegter Weidenbäume zu sehen, links haben sich starke Rümpfe jeweils beschnittener Weiden entwickelt.
Zu vermuten ist, dass die Bäume recht und links der Straße gleich alt sind.
Foto: Archiv Robben