Rattenplage damals

Der nachfolgende Beitrag über „Rattenerlebnisse“ des Malers Heinrich Hermanns (1864 – 1942), der auf dem Hümmling in den ersten beiden Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts auch Heuerhäuser sehr eindrucksvoll gemalt hat, stammt aus den Unterlagen von Elly von der Ahe aus Lähden. Leider fehlt dort die genaue Herkunft der Zeitungsmeldung.

… Ich musterte bei dem Flackern der Kerze den Raum, dessen Lehmboden absonderliche Löcher und Vertiefungen aufwies. Auf meine Frage, ob vielleicht Ratten dort seien, murmelte die Wirtin etwas Unverständliches und verschwand. In der Vorahnung, daß hier meines Bleibens wohl nicht sei, wollte ich meinen Reisekorb nicht öffnen und erbat mir ein Paar Holzschuhe, um etwas zum Anziehen zu handzuhaben. Nach diesen  Vorbereitungen begab ich mich zu Bett. Da kamen auch schon die Ratten. Sie huschten über meinen Kopf, Gesicht, Hände und tobten im Zimmer herum. Schnell ergriff ich die beiden Holzschuhe und schlug nach allen Seiten. Sobald ich Licht anzündete, war alles vorbei. In der Dunkelheit gingen Tumult und Freudensprünge wieder los. Teils bei Licht, teils in der Finsternis die Holzschuhe schwingend, verbrachte ich die Nacht, bis mir gegen Morgen, als der fahle Tagesschein durch das kleine Fenster hereinbrach und die lichtscheuen Gesellen fort blieben, vor Müdigkeit die Augen zufielen. Mit Schmerzen im Kopf und brennenden Augen erhob ich mich und nahm recht verdrießlich das Frühstück ein. Kurzentschlossen gings zum Herrn Lehrer, den ich gerade, des Feiertags wegen das Schabeisen schwingend, vor seinem blinden, über dem Tafelklavier hängenden Spiegel antraf. Ohne in seiner Arbeit innezuhalten hörte er meine Klagen und sagte dann ganz ruhig: „Ich habe mir schon gedacht, daß sie kämen. Sie gehören auch zu jenen nervösen Großstädtern, die sich durch solch kleine Belästigung in der Nachtruhe stören lassen.“ Nach kurzem Kriegsrat wurde ich bei einem Bauern untergebracht….

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Hermanns

Der Viehmarkt in Lingen, über Jahre der größte in der Bundesrepublik

… auch ein Treffpunkt für Heuerleute! 

Seit 1928 hatte Lingen einen Zentralviehmarkt. Vorher wurde in verschiedenen Straßen mit Vieh gehandelt. In der Bauerntanzstraße fand der Ferkelmarkt statt. Das Großvieh wurde auf dem Pferdemarkt an der Burgstraße aufgetrieben. Und auch in der Castellstraße wurde mit Großvieh gehandelt.

Das lockte auch viele Heuerleute in die Stadt, auch wenn sie nicht unbedingt viel umsetzen wollten. Auch für sie war der Viehmarkt eine willkommene Abwechslung in ihrem unterbäuerlichen Alltag. Sie waren ja auch ausgesprochene Kenner der verschiedenen Viehqualitäten, die sie zu Hause und auch auf dem Bauernhof erlebten. Man fühlte sich vertraut im Marktgeschehen und man traf natürlich viele Bekannte. So kamen dort auch Absprachen und andere Geschäfte zustande. Außerdem gab es unter den Viehhändlern interessante Typen, die den Handel zu einem Schauspiel werden ließen.

Mit der Zeit wurde der Viehauftrieb so groß, dass die Gassen zu eng wurden, und so beschloss der Rat 1927 auf dem ehemaligen Hüttenplatz an der Bahn, an der Alten Rheiner Straße einen Zentralviehmarkt zu errichten, auf einem Arial, was fast 20.000 m2 groß war, also 2 Hektar.

Der Markt fand alle 14 Tage statt. 1927 wurden 590 Pferde und 143 Rinder aufgetrieben. Im Krieg wurde dann kaum gehandelt. 1948 betrug der Auftrieb schon wieder 2.365 Pferde und 1.373 Rinder. Im Jahr 1954 wurden insgesamt 49.463 Tiere gezählt. Die Anzahl der gehandelten Pferde nahm ständig ab in den nächsten Jahren. So wurden 1962 noch insgesamt 35.545 Tiere aufgetrieben. Davon 4.740 Pferde, 29.299 Rinder und 1.200 Kälber 23 Schafe und 15 Ziegen. 1963 waren es weniger als 300 Pferde. Die ehemaligen Heuerleute hatten den Bauernhöfen den Rücken gekehrt und mittlerweile einen anderen lukrativerem als Platz gefunden. Dafür waren die Bauern gezwungen, sich Schlepper und andere entsprechende Landmaschinen zu kaufen. Dabei waren dann die Pferde überflüssig.

Während der Markttage waren nicht nur alle deutschen Mundarten zu hören, sondern auch Vertreter aller deutschen Nachbarstaaten waren anwesend. Auch dieses spricht dafür, dass der Lingener Zucht- und Nutzviehmarkt den guten Ruf von eh und je gehalten hat. Insbesondere die Lage Lingens war für einen großen Viehmarkt von Bedeutung. Die günstige Verbindung nach Ostfriesland und Südoldenburg und ebenso die Anbindung an das rheinische Industriegebiet durch Straßen. Holland und Belgien sind ebenso nahe gelegen. Und wo ein enges Markttreiben herrscht, da fanden sich dann auch die süddeutschen und die entfernter liegenden Franzosen ein.

Mit dem Vieh kam auch Geld in die Stadt. Wenn ein guter Handel abgeschlossen wurde, wollten etliche Händler auch noch gut speisen und trinken. In der Gaststätte Seemann war dann alles überfüllt. Aber auch die Kantine direkt Im Viehmarkt bot 400 Leuten Platz. Zwei Vertreter der emsländischen Bauernbank saßen vor Ort und nahmen Einzahlungen von Viehhändlern und Bauern entgegen.

In den siebziger Jahren nahm die Beschickung des Marktes in Lingen zusehends ab. Viele Bauern waren zur Direktvermarktung übergegangen. Schließlich wurde der Viehmarkt ganz eingestellt.

Ein ehemaliges Vierfamilienheuerhaus

Ein Vierfamilienheuerhaus habe ich während meiner über 20jährigen Recherchen noch nicht gefunden.

Dr. med. Bernd und Marie – Luise Abt stellen ihr Anwesen zu diesem Anlass vor:

https://tag-des-offenen-denkmals.de/denkmal/1188837605504/

Die Gaststätte „Hungriger Wolf“ in Schwagstorf

Etwa 800 Meter nordöstlich der beiden Thörnerhöfe (heute Thömer-Aumund und Füntelmann-Freier) findet sich an der Heerstraße Osnabrück.-Hunteburg-Bremen zwischen Horster Straße und der Straße „Altes Moor“ wiederum ein altes Gasthaus, das unter dem Namen .“Hungriger Wolf“ bekannt ist und als Vierfamilienheuerhaus des Gutes Krebsburg nach Ausweis der Buchstaben und Ziffern auf der Inschriftentafel über dem westlichen Dielentor von dessen Eigentümer „F`riedrich Clemens von .M“orsey und dessen Frau „S“ophie von „M“orsey „G“eborene von „B“othmer »1826″ errichtet wurde. Nach mündlicher Überlieferung sollen beim Bau dieses stattlichen, teils noch verputzten Bruchsteinge-bäudes, dessen Osthälfte etwa 1880/90 dem Abriß verfiel, Tiroler Maurer be¬schäftigt gewesen sein, die auf dem der Krebsburg eigenbehörigen Vollerbenhof Bretholt (jetzt: Böcker-Bretholt) im Schwagstorfer Ortsteil Horst Wohnung und Beköstigung erhielten. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allerdings gelangte der »Hungrige Wolf“ (heute: Abt) in den Besitz des Gutes Wahlburg. Derselbe Besitzerwechsel läßt sich bei einem Doppelheuerhaus mit dem Namen „Alter Wolf“ nachweisen, das annähernd 400 Meter nordwestlich des „Hungrigen Wolfes“ und gut 120 Meter südwestlich der Straße „Altes Moor“ lag und am 20. Oktober 1942 durch eine Luftmine schwer beschädigt und nicht wiederaufgebaut wurde.

Da auf fünf alten Karten von 1765/ 67, aus der Zeit um 1798, von 1805 und den Jahren 1834/50 die Bezeichnung „Hungriger Wolf“ beim „Alten Wolf“ eingetragen ist, hat also offensichtlich das im Krieg zerstörte Fachwerkgebäude, an das heute lediglich zwei stattliche Eichen erinnern, ursprünglich die früher weithin bekannte, Ende des 18. Jahrhunderts sogar auf großräumigen Kartenwerken verzeichnete Schenkwirtschaft „Hunriger Wolf“ beherbergt.

Quelle: Gerd-Ulrich Pirsch im Heimat-Jahrbuch 1988 Os.-Land

Hier: Seite 178 f

Lehrer in den Nebenschulen: häufig Heuerleute

Das „arme Dorfschulmeisterlein“ war häufig ein Heuermann…

… der im Sommer Hollandgänger war und im Winter „Schule hielt“. Sehr genaue Auskunft über die Verhältnisse am Ende des 18. Jahrhunderts in Teilen Nordwestdeutschlands erhalten wir aus den Visitationsberichten des „Lehrers der Lehrer“,  Bernhard Overberg aus Münster.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Heinrich_Overberg

Man unterschied damals die Hauptschulen in den Kirchdörfern von den Nebenschulen in den Bauerschaften. In den fortschrittlichen Leistungsgesellschaften heutiger Ausprägung weiß man, welchen enormen Stellenwert die Bildung des Nachwuchses hat. Damals war die Situation insbesondere der kleinen Nebenschulen mehr schlecht als recht.

Erst mit dem Ende des Heuerlingswesens wurde es der ländlichen Bevölkerung zunehmend möglich, auch weiterführende Schulen zu besuchen.

Theo Mönch – Tegeder, bis zu seinem Tode im Sommer 2018 Leiter der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) in Bonn, erzählte dazu:

Ich als Bauernsohn erinnere mich auch, dass Heuerlingskinder es in der Schule oftmals besonders schwer hatten. Sie galten per se als dumm und unkultiviert. Als es in den frühen 60er Jahren darum ging, die örtliche achtklassige Volksschule in ein mehrgliedriges Schulsystem zu integrieren aus Grundschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium, brach dieser Umstand noch einmal wieder auf.

Konkret ging es um die Entscheidung, in Emsbüren eine Realschule zu errichten.

Vehement plädierte ein hoch anerkannter Lehrer damals dagegen. Seine Begründung: Die wenigen klugen Schüler würden ihren Weg ins Gymnasium schon finden. Wichtig sei aber, für die vielen dummen Schüler Sonderschulen bereit zu stellen.

Wie sehr hat er sich doch geirrt!

Daran muss ich denken, wenn ich heute schulpolitische und familienpolitische Debatten verfolge. Unsere Gesellschaft verdumme, weil nur die Dummen noch Kinder bekämen, ist da zu hören. Ein Teil der Kinder, insbesondere jene aus schwierigen sozialen Verhältnissen, sei nicht mehr bildungsfähig. Vom abgehängten Prekariat ist die Rede. Meine Erfahrung ist eine andere. Intelligenz ist keine soziale Kategorie!

Niemand ist dumm, nur weil er aus schwierigen Verhältnissen kommt!

Das Emsland hätte sich nicht so entwickeln können, wenn nicht das große Potenzial sehr tüchtiger, gut ausgebildeter junger Leute gerade aus der Unterschicht der Heuerlings – Familien hätte aktiviert werden können. Es profitiert heute davon, dass sich Schule und Politik vor einem halben Jahrhundert eben nicht irgendwelchen Vorurteilen aufgesessen sind, sich nicht damit abgefunden haben, dass diese verarmte Landbevölkerung ja ohnehin als abgehängtes Prekariat zu bewerten sei. Die Erfahrung lehrt also: Das Emsland tut gut daran, der kommunalen Schul- und Familien- sowie der befähigenden Sozialpolitik höchste, ja strategische Bedeutung beizumessen.

Theo Mönch – Tegeder (Mitte) im Gespräch mit Pfarrer i. R. J. Underbrink und Architekt B. Botterschulte bei der Buchvorstellung Die letzten 80 Jahre im Emsland von Bernd Robben (Emsbüren 2012)

Foto: Archiv Robben

 

Das Innere der Heuerhäuser

 

Jacobi, C.:
Ledebur, A.:
Ueber die Verhältnisse der Heuerleute im Osnabrückschen nebst Vorschlägen für deren Verbesserung / Bearb. m. Rücks. a. d. Verhandlungen des Local-Gewerbe-Vereins im Amte Grönenberg durch den Vorstand desselben [C. Jacobi ; A. Ledebur] - Melle 1840
Osnabrück : Rackhorst in Komm. , 1840 - IV,

 

Vielfach furchtbare Enge

Jacobi und Ledebur zitieren 1840 den Bericht eines Arztes, der in Glane 1827 eine Epidemie bekämpfte und dabei in viele Heuerhäuser kam (S. 9). Dieser schrieb: Wo aber die Krankheit eine Familie befiel, da wurden meistens alle Glieder derselben durchsiechet, wenigstens in den Häusern der Heuerleute, deren beschränkter Raum keine Sonderung, zuweilen selbst nicht Lüftung der Zimmer gestattete … Man findet der Heuerwohnungen, vorzüglich in den Kirchspielen Glane und Laer, sehr viele, auf deren Erbauung weniger Sorgfalt und Fleiß verwendet wird, als auf die Einrichtung eines Schoppens. Man sieht es vielen von außen an, daß der Colonus [Bauer] mit großer Eile und kleinlicher Sparsamkeit dabei verfuhr … Es liegen eine Menge Familien in sogenannten Backhäusern, Speichern und Schoppen, oft so gedrängt, daß Alt und Jung, 6-7 an der Zahl in einem Durtig [Schlafbutze] die Schlafstelle haben. Dieser ist vielleicht dabei so kurz, daß ein mittelgroßer Mensch gekrümmt darin liegen muß; zudem sind die Stuben gewöhnlich so niedrig, daß nur kleine Personen aufrecht stehen, und so eng, daß außer Tisch und Ofen kaum ein Paar Stühle stehen können. – Man denke sich die ganze Brut den langen Winter hindurch in solchem Käfig eingesperrt!

Der „ewige“ Roggenanbau

Da der Roggen auch auf leichten oder sandigen Standorten vergleichsweise gute Erträge brachte, wurde diese Getreideart im Verbreitungsgebiet des Heuerlingswesens fast ausschließlich angebaut. Durch das lange Halm konnten auch besseren Stroherträge erreicht werden. Vornehmlich wurde Winterroggen ausgesät.

Allerdings fielen die früheren Erträge wegen mangelnder Düngung ungleich schlechter aus. In meiner Familie sind 25 bis 30 Zentner überliefert. Im Jahre 2014 wurden 122 Zentner im Durchschnitt geerntet. 2017 etwas über 100 Zentner.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/262518/umfrage/hektarertrag-von-roggen-in-deutschland/

 

Dieses Foto zeugt einen schwach gedüngten Roggenacker nach dem 1. Weltkrieg im Hümmling

Foto: Böckenhoff Grewing

cof

Diese Zeitungsmeldung ist eine zufällige Fundsache meiner Frau im Kreisarchiv Nordhorn. Leider wurde der genaue Nachweis nicht notiert.

Aber „Roggen“ dominierte…

 

 

Moor im Emsland im Vergleich

Unerschlossene Moore weckten durchweg Begehrlichkeiten sowohl bei

  • der besitzlosen Landbevölkerung als auch
  • bei den Landesherrn.

 

 

 

Hier eines der größten Moorgebiete in Deutschland

             Das Bourtanger Moor

Tabelle Moorbesiedlung von B. Robben

Karte vom Moor im Emsland: Kreisarchiv Meppen

Mitten im Moor eine Kirche: Hebelermeer

http://www.heuerleute.de/?s=hebelermeer

In diesem umfangreichen Bericht wird die Moorbesiedlung von ehemaligen Heuerleuten in unmittelbarer Nähe zur niederländischen Grenze im menschenfeindlichen Bourtanger Moor berichtet.

https://www.google.de/maps/search/hebelermeer/@52.7378039,7.0656302,4074m/data=!3m1!1e3

Der Grenzverlauf markiert sehr deutlich die unterschiedliche Bearbeitung des ehemaligen Moores, die der Mensch in „Kultur nimmt“:

Rechts auf deutschem Gebiet die Moorbrandkultur – sehr viel primitiver – und links wenige hundert Meter weiter haben die Niederländer mit ihrer durchdachten Fehnkultur sehr viel effektiver ertragreiche landwirtschaftliche Flächen geschaffen.

Nun war es für die Bewohner von Hebelermeer ein wichtiges Ziel, auch eine eigene Kirchen zu bauen:

Kirchenbau im Hochmoor

Die Backsteine für den Kirchbau wurden in Altenberge im Feldbrand mit Torf gefertigt. Von dort konnten sie bis Segberg auf Sandwegen gefahren werden. Danach wurde es immer schwieriger. Die Hebelermeerer Bauern hatten nur leichte Ackerwagen mit zehn Zentimeter breiten Felgen. Unter jedem Wagen hingen die typischen „Peärdeholsken“. Wo bei Wesuwermoor der feste Weg endete, wurde die Hälfte Steine abgeladen. Jetzt schnallte man den Pferden die Bretterschuhe unter, und so kroch das Gespann beschwerlich übers Torfmoor. Wenn Regen kam, wurde der Steintransport eingestellt. Das Anfahren des Materials zog sich laut Dorfchronik zwei Jahre hin. Am 19. Mai 1866 wurde die Kirche in Hebelermeer gesegnet.

https://www.noz.de/lokales/twist/artikel/1421199/johann-bernhard-hensen-und-der-schwierige-bau-der-hebelermeer-kirche-1#gallery&0&0&1421199

 

Foto und Zeitungsbericht: Horst Heinrich Bechtluft

 

Die Hochzeitsreise im Verbund mit der Übernahme einer Heuerstelle

Eine sehr einfühlsame Beschreibung der damaligen wirtschaftlichen und sozialen Lage junger besitzloser Landbewohner in Nordwestdeutschland ist dem plattdeutschen Autor Alfons Sander gelungen.

 

http://13.08.2015, https://www.noz.de/lokales/herzlake/artikel/605858/herzlaker-autor-alfons-sanders-wird-90-jahre-alt#gallery&0&0&605858

De Hochtiedsreise

von Alfons Sanders

Veldmanns August deinde bi Eenhuus-Buur as grote Knecht. Siene Bruut Greite was up Aoselaoge as Maoget. Se beiden wulln all lange un gern Hochtied holten, man se harn kien Huus, wor se intrecken kunnen. ’ne Hüürmannsstäe möss et all wäsen, ’n änner Unnerkaomen geef et hier tau Lande nich. So bleef ehr blot dat Eine, solange wachten, bit in de Ümmgägend maol ’n wat frei würd.

Se dröpen sück merst elkern Sönndagnommdag up den Weg unner de ollen Hoffeiken. Dann güngen se beide Arm in Arm dör’t Holt un an Feller un Wisken langs. Se möken Plöne, vertellden sück, wat se so in de Wäke seihn un beläwet harn un harn sück heller leif.

De Sommer har sien Beste daon. De Roggengorwen stünnen in Hocken, of se wörn all dröge in de Schüre. An düssen Sönndag köm Greite ehren August all achtern Aoselaoger Hoff taumeute. „Du, August, ick weit wat Neies“, begünnt se iewerig, „ick kann ja gaut mit miene Buurnlüe. Van Vömmdag heff de Buur mi verteilt, dat in Eeren de Hinrichs Wilm ut de Tied gaohn is. Nu sitt de Witfrau allennig up dat Hüürwark. Se will et upgäwen un nao ehre Dochter trecken. Wenn wi beiden Maut harn, de Stäe tau öwernähmen, mende use Buur, dann will he woll ’n gaut Woort för us inleggen.“ August greep siene Greite unner de Armes un böörde se hoch up. „Greite, du büst ’n Engel! Wisse hebbt wi beiden Maut, menst du nich uk?“ Un Greite straohlde öwer ‚t heile Gesicht: „Jao, August, wi beiden!“

Up de Stäe güngen de beiden taugange nao Eeren tau. Se proteden mit Künneken Buur. De wull sück dann noch äwen bi ehre Buuren — wor se in Stäe wörn — ümmhören. Wenn se beide ’n gauden Roop harn, dann kunn dat woll wat wern.

Man uk mit Hinrichs Fina, de Witfrau, proteden se. Jao, uk mit de kömen se däget kloor. Van ehr kunnen se sogor ’n groot Deil van de Huushollgen — wat se nich mehr brukede — günstig öwernähmen.

An den ännern Sönndag würden se mit Künneken Buur drocke kloor. Se kunnen all binnen kotten in dat Hüürhuus intrecken. Fief Hektor Land un Weiden kregen se taudeilt. Dorför möss August hunnert Daoge in’t Johr bi’n Buur helpen. So was dat up de mersten Hüürstäen Bruuk.

Nu was et Tied van Hochtied hollen. Man se wörn beide van Huus ut helsken sünig. Ehr meiste Geld; wor se lange öwer spoort harn, was ampat för de Huusholgen drup gaohn, de se van Hinrichs Fina öwernaohmen harn.

„Weißt du wat“, see August tau siene Greite, „wi beiden gaoht up Hochtiedsreise!“ „Dat kummp us ja noch dürer tau staohn, as Hochtied fieren“, mende Greite. Dann müsterde August siene Greite wat in ‚t Ohr, wat kieneine änners hören dröfte. „Jao“, see Greite un schmüsterde, „wenn dat so räken geiht, dann man tau!“ Dat Huus, wor se intrücken, leeg allennig un ’n Stück van ‚t Dörp weg. De Verwandtskup un uk de Naobers kregen Bescheed, dat dat junge Poor up Bruutreise güng un kiene Hochtied fieren wull. Dat was ja heel wat Neies un was uk gägen den Bruuk. Man se mössen et ja sümmes wäten.

De Pastor geef ehr den Sägen, un se beiden wören ein Poor. Ehr Küfferken un de Taske mit den Reiseproviant harn se all unnerstellt. So kunnen se van de Karke ut liekut nao’n Baohnhoff. In Lämkhusen stegen se in, un de Hochtiedsreise begünnt. Man in Essen/O. was ehre Reise all tauende. August wüssde hier gaut Bescheed. He nöhm dat Küfferken un Greite den Kort. Arm in Arm güngen se tau ‚t Hülsenmoor herin. Et was ’n mojen sünnigen Harfstdag. Achter einen groten Törfhoop foldeten se ehre wülln Däke uteine un löten sick bi’nänner daol. Dann was et an de Tied, dat de Hochtiedsmaoltied updisket würd.

Greite packede ut, wat se in ehren Wäenkorf mitbröcht har. Sogor ’nen Kauken har se backet, un den drögen Schinken, den August van Eenhuus-Buur mitkrägen har, har se anschnäen un ’n dick Stück d’r van mitnaohmen.

So fierden de beiden up ehre Ort un Wiese ehre Hochtied in ‚t Greune un glöweden, dat se de glückelsken Mensken unner Gottes moje Sünne wörn. Mit den lesden Aovendzug föhrden se weer trügge. Se trücken de Gardinen tau un stickeden in ’n Huuse kiene Lucht an. Löter wüss kien Menske, wänner se weerkaomen wassen.

in: Jahrbuch des Emsländischen Heimatbundes, Band 51, 2005, Seite 134 – 136

Foto: Kreismuseum Bersenbrück

 

Eine „Schnellübersetzung“ dazu:

Die Hochzeitsreise

August Feldmann war als Großnecht beim Bauern Einhaus angestellt. Seine Braut Grete diente in Aselage als Magd. Sie hatten sich schon lange vorgenommen, ihre Hochzeit zu planen. Sie fanden jedoch kein Haus, in das sie einziehen konnten. Sie warteten auf eine freiwerdende Heuerstelle, denn eine andere Wohnstätte gab es auf dem Lande nicht.

So war es ihr Los, ganz einfach zu warten.
Sie trafen sich zumeist sonntags nachmittags unter den alten  Hofeichen. Dann gingen sie Arm in Arm durch den Wald, die Felder und die Wiesen. Sie schmiedeten Pläne und erzählten sich, was beide in der Woche so erlebt hatten.

Die Sommerzeit war schon ein wenig fortgeschritten und die Ernte unter Dach und Fach.

An diesem Sonntag kam Grete ihrem August schon hinter dem Aselager Hof entgegen. „Du, August, ich habe eine Neuigkeit, “ erzählte sie eifrig. „ ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Bauersleuten. Heute Vormittag hat mir der Bauer erzählt, dass in Ehren der Wilhelm Hinrichs gestorben ist. Nun steht seiner Witwe alleine dort vor der Arbeit in ihrer Heuerstelle. Sie möchte den Betrieb aufgeben und zu ihrer Tochter ziehen. Wenn wir nun den Mut haben, diesen Betrieb zu übernehmen, dann will unser Bauer ein gutes Wort für uns einlegen.“ August hob seine Grete vor Freude in die Höhe. „Du bist ein Engel, natürlich haben wir beide den Mut, meinst du nicht auch…“ und Grete strahlte über das ganze Gesicht:  „Ja August, wir beiden!“
Sofort machten sich beide auf den Weg nach Ehren. Sie sprachen mit dem Bauer Künneken..
Dieser wollte sich aber zunächst noch mit den Landwirten, bei denen die beiden zurzeit in Diensten standen, erkundigen. Wenn sie beide dort einen guten Ruf hätten, dann könnte ein Vertrag wohl zustande kommen.

Auch mit der Witwe Fina Hinrichs sprach das junge Paar. Man wurde sich mit ihr über die Nachfolge einig. Von ihr konnten sie sogar einen großen Teil des Haushaltes günstig übernehmen.

Am folgenden Sonntag schlossen sie mit dem Landwirt Künneken als Vermieter  einen Pachtvertrag. Sie konnten schon nach kurzer Zeit in das neue Haus einziehen. 5 Hektar Land und Weiden bekamen sie zugeteilt, dafür musste August 100 Tage im Jahr bei dem Bauern helfen. So war es Brauch auch bei den meisten Heuerstellen.

Nun kam die Zeit, dass sie an die Hochzeit denken mussten. Sie waren es von ihren eigenen Familien her gewohnt, dass man recht sparsam Haushalten musste. Das meiste angesparte Geld war für die Übernahme des Haushaltes angelegt worden, das sie von Tina Hinrichs übernommen hatten.

„Weißt du was,“ sagt der August zu seiner Grete, „wir beiden gehen auf Hochzeitsreise!“ „ Das wird uns ja noch teurer werden als eine Hochzeitsfeier,“ meinte Grete. Dann flüstere August seiner Grete etwas ins Ohr, was niemand anderes hören durfte. Daraufhin lächelte Grete und kommentierte: “Wenn sich das so rechnen lässt, dann bin ich dafür…“
Die Verwandtschaft und auch die Nachbarn erhielten den Bescheid, dass das junge Paar auf Brautreise sich begeben würde und deshalb keine Hochzeit feiern würde. Das war nun etwas völlig Neues und stand gegen die bisherigen Gepflogenheiten. Aber im Dorf war man sich darüber einig, dass die jungen Leute das selbst zu entscheiden hätten.
Der Pastor gab seinen Segen und die beiden wurden ein Paar.

Ihr Köfferchen und die Tasche mit dem Reiseproviant hatten sie schon untergestellt. So konnten sie von der Kirche aus direkt zum Bahnhof wechseln. Sie stiegen in den Zug ein und die Hochzeitsreise begann.

Aber in Essen/Oldenburg war ihre Reise schon zu Ende. August wusste hier genau Bescheid. Er nahm das Köfferchen und den Korb. Arm in Arm spazierten sie ins Hülsenmoor hinein. Es war ein wunderschöner Herbsttag. Hinter einem großen Torfhaufen falteten sie ihre wollene Decke auseinander und nahmen gemeinsam darauf Platz. Dann war es an der Zeit, das Hochzeitsmahl zu halten. Grete packte aus, was sie in ihrem Weidenkorb mitgebracht hatte. Sogar einen Kuchen hatte sie gebacken und der trockene Schinken, den August von seinem Hofbauern mitbekommen hatte, wurde angeschnitten und ein dickes Stück davon gegessen. So feierten die beiden auf ihre Art und Weise ihre Hochzeit im Grünen und glaubten, dass sie die glücklichsten Menschen unter Gottes schöner Sonne wären.

Mit dem letzten Abendzug fuhren sie wieder zurück. Sie zogen die Gardinen zu und zündeten ein kleines Licht an. Später wusste kein Mensch aus ihrer Umgebung, wann sie wiedergekommen waren.

 

Das Foto zeigt eine Heuerlingshochzeit in Brockhausen bei Lingen. Es stammt aus dem Hofarchiv Brockhaus.