„Der Dammer Mäßigkeitsverein von 1842“ von Dr. Jürgen Kessel

 

Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts  wandelten sich die Trinkgewohnheiten insbesondere  in der besitzlosen Bevölkerung (Heuerleute) zunehmend vom Bier hin zum hochprozentigen Schnaps innerhalb weniger Jahrzehnte. Mit der Nutzung von Kartoffeln in der Destillation sank der Schnapspreis enorm. So entstanden  Brennereien vor allem auch in Nordwestdeutschland, weil sich gerade hier günstige Bedingungen für den Kartoffelanbau boten.

Gegen den sich stark verbreitenden Alkoholismus bildeten sich Mäßigkeitsvereine. Das waren vor allem kirchliche Bewegungen.

Dr. Jürgen Kessel aus Damme hat sich intensiv mit dieser Thematik im Oldenburger Münsterland beschäftigt.

Im nachfolgenden Video-Interview informiert er dazu:

Herbert Warnking von Heimatverein Lohne stellt sich vor

Beitrag aus Oldenburgische Volkszeitung vom 16. März 2022

Ein Film von Herbert Warnking
Stadtmedienarchiv des Heimatvereins Lohne e.V

Ein Videointerview mit Herbert Warnking vom 17. März 2022 im Industriemuseum Lohne folgt in Kürze.

 

 

Beeindruckende Ausstellung in Damme: Massenauswanderung von Heuerleuten

 

Der Leiter des Stadtmuseums Damme

                                                               Wolfgang Friemerding 

konzipierte und stellte ausschließlich mit Eigenmitteln eine beeindruckende Sonderausstellung zur Massenauswanderung im 19. Jahrhundert zusammen. Aus dem Alten Amt Damme verließen vornehmlich Heuerleute aus sozialer Not die zugehörigen Orte Damme, Holdorf und Neuenkirchen.

Über ein Drittel der Bevölkerung nahm den beschwerlichen und ungewissen Weg in die Neue Welt auf sich. Auswanderungswillige hatten enorme Hürden zu überwinden: Die endgültige Loslösung von der alten Heimat, die Finanzierung der Überfahrt und des Neuanfangs in den USA, die amtliche Genehmigung der Ausbürgerung, die mehrwöchige Überfahrt auf hoher See, den Aufbau einer neuen Existenz. Agenturen im heimischen Raum halfen ihnen dabei.

Ein didaktisch und methodisch sehr gelungenes Lebensbildnis der äußerst bedrückenden Alltagsumstände der Heuerleute in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stimmt die Museumsbesucher/innen auf die Auswanderung und die damaligen Bedingungen im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ ein: Solch einen authentischen Geschichtsunterricht darf man nicht verpassen…

Landtechnik: Ein Kurzabriss zur Entwicklung des Pfluges

 

Um den Boden für den Fruchtanbau vorzubereiten, nutzen die Menschen in den einzelnen Kulturen zunächst Hacken, sie gingen dann zu Furchenstöcken und den Boden aufschlitzenden Haken über, die  schon teilweise von Tieren gezogen wurden.

Foto: Archiv Robben, aufgenommen im Museum Hohenheim

Eine entscheidende Verbesserung der Pflugtechnik setzte im   Hochmittelalter (etwa 1100 – 1300) ein: Das bisher nur die Erde aufritzende Bodenbearbeitungsgerät wurde von einem schollenwendenden Beetpflug mit Streichbrett und Vorwagen abgelöst.

Foto: Archiv Böckenhoff Greving

 

Foto: Archiv Dreyer

 

Foto: Archiv Robben, aufgenommen im Museum Hohenheim, bearbeitet Robben

Ein Nachteil des Beetpfluges war das fest montierte Streichbrett (Schar), welches die Erde stets auf die gleiche Seite legte. Die damit verbundenen Leerfahrten konnten erst mit dem Kehrpflug wettgemacht werden.

Foto: Archiv Robben, aufgenommen im Museum Ootmarsum/Niederlande

Im allgemeinen Aufschwungs der Landwirtschaft in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, die insbesondere gekennzeichnet wurden Allmendaufteilung (mit Flurbereinigungen), Beendigungen der ungenutzten Brachen und einer zunehmenden gezielten Düngerwirtschaft, erzeugte die Pflugentwicklung auch jeweils überregionales und sogar wissenschaftliches Interesses und zweckmäßige Neuerungen wurden auf den aufkommenden Ausstellungen prämiert.

Dabei stellte man in Fachkreisen fest, dass die leistungsfähigeren Beetpflüge vornehmlich aus England, Belgien und auch den Niederlanden stammten.

Foto: Archiv Robben, aufgenommen im Museum Hohenheim

Auch heute gilt der Pflug weitgehend als das wichtigste aller Ackergeräte, da er gleichzeitig durch Lockern, Vermischen und Wenden des Bodens die Aufnahme des Saatgutes entscheidend vorbereitet: Gut gepflügt ist halb geerntet.

Die besitzlosen Heuerleute,  Landarbeiter und Pächter besaßen in aller Regel weder Pflug noch Zugvieh. Für einen Tag der leihweisen Nutzung des Pfluggespanns hatten sie drei bis acht Pflichtarbeitstage auf dem Hof „ihres“ Bauern zu leisten.

“Bautz-Landmaschinen” als Beispiel für die Freisetzung von Landarbeitern und Heuerleuten

Josef Bautz erweiterte schon 1869 seine Schmiede zwischen Fulda und Würzburg und begann, einfache Grasmäher zu entwickeln.

Ab 1906 führte sein Sohn die mittlerweile entstandene Maschinenfabrik und vergrößerte dann den das Fertigungsprogramm ganz erheblich auf

  • Grasmäher,
  • Heurechen,
  • Gabelheuwender,
  • Trommelwender,
  • Trommelrechen,
  • Sternradheumaschinen,
  • Schubrechenwender,
  • Kreiselheuer,
  • Feldpressen,
  • Feldhäcksler,
  • Futterlader,
  • Ladewagen,
  • Bindemäher für Getreide und
  • Mähdrescher.
    So wurde Bautz zum einem der umfangreichsten Spezialisten für Erntemaschinen in ganz Deutschland. Aber durch ein zunehmendes Überangebot von Erntemaschinen verkaufte  Bautz 1969 die Firma an  Claas aus Harsewinkel.

Hier eine Übersicht in einer Auswahl aus damaligen Firmenprospekten, die mit freundlicher Genehmigung aus der umfangreichen Zusammenstellung von Klaus Dreyer stammen (Seniorchef der Landmaschinenfabrik “Amazone”)

Wie sich dadurch insgesamt die Beschäftigungszahlen aus der Landwirtschaft in die aufstrebende Industrie entwickelten, zeigt das Beispiel des Ortes Spelle im südlichen Emsland, wo auch heute noch eine der größten deutschen Landmaschinenfabriken produziert.

 

Holzauktionen – auch für ehemalige Heuerleute interessant

 

Etwa ab 1955 setzte bei fast allen Landwirten in Nordwestdeutschland eine rege Stallbautätigkeit ein.

Gründe dafür waren insbesondere:

  • der stärkere Einsatz von Kunstdünger bewirkte enorme Ertragsteigerungen,
  • die schnell zunehmende Mechanisierung auf dem Acker,
  • die Pferde als Zugtiere wurden innerhalb weniger Jahre abgelöst durch Traktoren. Deshalb brauchte  kein Hafer mehr angebaut werden als Pferdefutter. Diese Flächen standen nun zusätzlich für die vermehrte Haltung der Nutztierhaltung zur Verfügung.

Deshalb war Bauholz sehr begehrt.

In diese Zeit der enormen Veränderungen in der deutschen Landwirtschaft fiel der Wegzug fast aller Heuerleute, die nun in den Wirtschaftswunderjahren attraktivere Beschäftigungsmöglichkeiten fanden und vielfach Eigenheime  aufbauen konnten.

Auch sie kauften Bauholz.

Ein neues wissenschaftliches Handbuch beschäftigt sich mit den Heuerleuten in der Weimarer Republik

Dr. Christian Westerhoff berichtet darüber in

https://www.om-online.de/om/ein-blick-zuruck-ins-jahr-1902-die-vergessenen-landarbeiter-98021

https://www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/bibliothek-fuer-zeitgeschichte/kontakt/dr-christian-westerhoff/

Auszüge daraus:

Das Heuerlingswesen prägte über 3 Jahrhunderte weite Teile Nordwestdeutschlands. Heuerleute pachteten von einem Bauern ein Haus und ein Stück Land und mussten im Gegenzug auf dessen Hof arbeiten.

(…)

Im Fokus der Wissenschaft stehen Heuerleute kaum

Dennoch ist ihre Geschichte von Historikern bisher eher stiefmütterlich behandelt worden. Während das Heuerlingswesen in Ortschroniken und regionalgeschichtlichen Darstellungen immer wieder Erwähnung findet, blieb insbesondere seine Entwicklung im 20. Jahrhundert von der universitären Geschichtswissenschaft bisher weitgehend unbeachtet.

Dies dürfte zum einen damit zu tun haben, dass das Heuerlingswesen nur in Nordwestdeutschland existierte. In anderen Regionen Deutschlands bestimmten entweder Kleinbauern vor oder es gab wie in Ostelbien Landarbeiter ohne eigenen landwirtschaftlichen Betrieb. Zum anderen standen Landarbeiter wesentlich weniger im Fokus der Wissenschaft als Industriearbeiter, die sich mittels der Arbeiterbewegung zu einem nicht unwichtigen Akteur auf der politischen Bühne entwickelten.

Neues Handbuch widmet sich oft übersehenen Aspekten der Geschichte

Nun aber geht ein neues wissenschaftliches Handbuch der Weimarer Republik zumindest kurz auf das Heuerlingswesen ein. Das von Professor Dr. Benjamin Ziemann (Universität Sheffield) und Dr. Nadine Rossol (Universität Essex) herausgegebene Buch erscheint sowohl auf Deutsch als auch in englischer Sprache. Die englische Version erscheint beim renommierten Verlag Oxford University Press.

Das Buch nimmt oft übersehene Aspekte der deutschen Geschichte in der Zeit von 1918 bis 1933 in den Blick. Dazu gehören auch das Schicksal und das politische Verhalten der Landarbeiter, die in dieser Zeit noch immer einen nicht unbedeutenden Teil der Bevölkerung ausmachten. Denn die Weimarer Republik war eben nicht nur das rauschende Nachtleben der Großstadt Berlin, das wir aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“ kennen, sondern viele Menschen lebten nach wie vor in der Provinz.

Benjamin Ziemann beschreibt in seinem Beitrag zu Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft die zunehmende Enttäuschung vieler Landarbeiter über ausbleibende Verbesserungen ihrer Lage und die daraus resultierende Radikalisierung, die viele zu Feinden der ersten deutschen Demokratie werden ließ. „Die sozialpolitischen Errungenschaften der Republik blieben für die Landarbeiter im ostelbischen Preußen begrenzt, denn auch die SPD stellte die Interessen der städtischen Arbeiter, die Konsumenten von Lebensmitteln waren, in das Zentrum ihrer Politik“ erläutert Ziemann im Gespräch.

Heuerleute nutzen die Möglichkeiten der Demokratie

Ganz anders verhielt sich die Situation bei den Heuerleuten – eine Ausnahme, die laut Ziemann eine Erwähnung verdient. Die Heuerleute hatten die neuen Möglichkeiten der Demokratie schnell genutzt und nach der Novemberrevolution Interessenvertretungen gebildet, die sich für ihre Belange einsetzen.

(…)

Standhafte Befürworter und Verteidiger der Republik

Etwa 2000 Heuerleute sollen damals vor dem Nichts gestanden haben. Die Verbände der Heuerleute dankten es der Weimarer Republik und blieben bis 1933 „standhafte Befürworter und Verteidiger des republikanischen Staates“, wie Benjamin Ziemann es in seinem Buch formuliert. Der Reichslandbund, der die Interessen der Verpächter vertrat, fand sich hingegen schon früh im Lager der Demokratiefeinde wieder. Insofern handelt es sich bei der Heuerlingsbewegung um eine „Ausnahme und eine Erfolgsgeschichte, die nicht vergessen werden sollte“, so Ziemann.

Autor Ziemann stellt sein Werk am 17. Januar online vor

(…)

  • Info: Die Würdigung der Heuerlingsbewegung findet sich im Buch „Aufbruch und Abgründe. Das Handbuch der Weimarer Republik“, herausgegeben von Nadine Rossol und Benjamin Ziemann (Verlag: wbg). Die englische Version „The Oxford Handbook of the Weimar Republic“ ist bei Oxford University Press erschienen.

    • Professor Benjamin Ziemann stellt am 17. Januar (Montag) um 18 Uhr sein Buch im Rahmen der Vortragsreihe der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek vor. An der Veranstaltung kann ohne Anmeldung online teilgenommen werden über den Zugangslink: https://wlbstuttgart.my.webex.com/meet/wlb-stuttgart