Heute kaum vorstellbar: Das Emsland zwischen den Weltkriegen! Meldung 1

12. November 2016                                                                                                                       Seite 661 16

So schlimm sah sicherlich nicht jedes Heuerhaus in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts aus, aber…

Ein Zeitungsbericht aus dem Jahre 1929, erschienen in der Berliner Ausgabe der Deutschen Allgemeinen Zeitung, beschreibt die damalige Situation in Teilen des Emslandes, wie der Reporter sie bei seiner Bereisung erlebt hatte.

Dieser nachfolgende Zeitungsartikel kam zustande, weil in den Jahren 1927 und 1928 die deutsche Landwirtschaft eine tiefe Krise erschütterte. Da in der Grafschaft und im Emsland ohnehin eine große Rückständigkeit zum übrigen Deutschland bestand, steigerte sich diese Notsituation so, dass es zum Steuerstreik und zu Demonstrationen kam.

Daher entschloss sich der damalige Osnabrücker Regierungspräsident, überregionale Pressevertreter in das Emsland zur Bereisung einzuladen, um so auf die unhaltbaren Zustände auch in Regierungskreisen in Berlin aufmerksam zu machen und auf diesem Wege Fördergelder für die Emslanderschließung zu erhalten. So berichteten zwei weitere überregionale Zeitungen fast deckungsgleich über die unmenschlichen damaligen Verhältnisse in dieser  Region.

Sie wissen zu berichten, dass sich diese Zustände bis in die fünfziger Jahre hinein mehr im nördlichen und mittleren Emsland nur unwesentlich verbesserten.

Durch die Emslanderschließung (ab 1950) und das fast gleichzeitig einsetzende Wirtschaftswachstum (auch Wirtschaftswunder genannt) im Nachkriegsdeutschland änderten sich aus heutiger Sicht kaum vorstellbar schnell die Verhältnisse zum Besseren.

So sah es also in Teilen des Emslandes etwa zur Zeit vor dem 2. Weltkrieg aus

Von einer „Emslandnot“ hatte die große Öffentlichkeit namentlich in der östlichen Hälfte des Reiches und ganz besonders in Berlin bisher noch kaum etwas vernommen. Daher horchte man überrascht und einigermaßen ungläubig auf, als vor wenigen Tagen im Reichstag Hilfe aus öffentlichen Mitteln für das kulturell vernachlässigte Emsland nachdrücklich gefordert wurde.

Ein großer Teil des Emslandes, und zwar 75.000 Hektar, sind heute noch mit Moor und Heide bedeckt.Tatsächlich haben wohl nur die wenigsten Teilnehmer dieser Fahrt in dieser äußersten Nordwestecke des Reiches Zustände vermutet, wie man sie jenseits unserer Ostgrenze in verluderten polnischen Dörfern findet. Die Wohnungsverhältnisse der Kleinbauern und Heuerlinge spotten vielfach selbst den primitivsten hygienischen Anforderungen und können ohne Übertreibung nur als menschenunwürdig bezeichnet werden.

Wie die Berichte der Ortspolizeibehörden melden, sind etliche Familien unzureichend untergebracht. Dieses „unzureichend“ ist ein sehr milde gewählter Ausdruck für diese jämmerlichen Hütten, deren besonders hervorstechendes Merkmal die so genannten Butzen sind, eingebaute niedrige Schlafschränke ohne Zugangsmöglichkeit für Luft und Licht, die gegebene Brutstätten sind für die im Emsland stark verbreitete Tuberkulose.

In einem Heuerhause, das besichtigt wurde, schlafen in zwei solchen Butzen die Eltern, zwei Söhne und Töchter im Alter von 21 Jahren bis herab zu einem drei Monate alten Säugling. Im Kreise Aschendorf zählt man noch heute 747 Häuser mit 1500 solcher Butzen, im Kreise Bentheim noch über 800. Für die  Ersetzung durch Bettstellen werden vom Kreise, von den Gemeinden und von der Landesversicherungsanstalt Prämien von 100 Mark ausgesetzt. Wie gerechtfertigt diese Notstandsmaßnahme ist, zeigen die Zahlen der tödlich verlaufenden Tuberkulosefälle:

Allein im Kreise Meppen kamen 1925 auf 10.000 Einwohner 15 Tuberkulosetote, während die Durchschnittszahl in Preußen 10,93 auf 10.000 Einwohner beträgt.

Die Ernährungsweise der ländlichen Bevölkerung ist außerordentlich armselig, das tägliche Gericht sind für weite Kreise Kartoffeln und Brei. Die in den engen Wohnräumen von den morschen Deckenbalken herabhängenden Speckseiten können darüber nicht hinwegtäuschen: Sie stellen den Fettnahrungsbedarf einer Familie für das ganze Jahr dar.

Der Boden, soweit er nicht dem Moore abgerungen werden muss, besteht größtenteils aus stark sandigen oder lehmigen Grünländereien, deren Anbauwert durch den seit Jahrhunderten immer wiederholten einseitigen Roggenanbau noch verschlechtert worden ist und unter Aufwendung erheblicher Arbeit und Geldmittel, besonders für künstliche Düngung, langsam behoben werden kann.

Nicht weniger ungünstig sind die wasserwirtschaftlichen Verhältnisse des Emslandes. Nicht nur die Ems, sondern auch die übrigen kleineren Wasserläufe befinden sich zum großen Teil noch in ungeregeltem Zustande. Dadurch, dass die vorhandenen Entwässerungsgräben die großen  Wassermengen aus dem regenreichen Gebiet nicht entfernt aufnehmen und ableiten können, ereignen sich im Frühjahr und Herbst häufig große Überschwemmungen, die oft den völligen Verlust der Grünfutterernte zur Folge haben.

Nun die Verkehrsverhältnisse:el-strassen

Da infolge der ungünstigen Bodenverhältnisse die leistungsschwachen Gemeinden keine größeren Mittel für den Bau von Straßen aufwenden konnten, sind im Emsland heute noch 112 Gemeinden ohne befestigte Straße und können die nächste Landstraße nur auf Sand und Moorwegen erreichen, die bei Regenwetter völlig unpassierbar sind, wovon sich die Teilnehmer an der Besichtigungsfahrt durch eigenen Augenschein überzeugen konnten.

Es ist vorgekommen, dass Verstorbene wochenlang in ihrer Wohnung liegen bleiben mussten, da der Zustand der Wege es unmöglich machte, sie zu einem Friedhof zu bringen. Ganz besonders übel sieht es in dieser Beziehung im Kreise Hümmling aus, der weder eine Bahnstation noch auch nur einen Kilometer Provinzialstraße aufzuweisen hat. Im Kreise Meppen sind noch 46 Prozent aller Gemeinden ohne jeden Anschluss an eine befestigte Straße. Zu allen  diesen Übeln tritt die Ungunst der an sich milden klimatischen Verhältnisse. Selbst in den wärmsten Sommermonaten begünstigen die Moor- und Sandböden das Auftreten von Nachtfrösten, so dass kaum ein Monat des Jahres vollkommen frostfrei bleibt.

Wenn man den Fuß über die holländische Grenze setzt, dann offenbart sich erst in geradezu beschämender Weise die Vernachlässigung des deutschen Emslandes. Das Bourtanger Moor, das sich vom Emsland aus weit in holländisches Gebiet erstreckt, ist jenseits der deutschen Grenze restlos kultiviert, während es auf deutscher Seite eine melancholisch stimmende, düstere Einöde ist, der nur hier und dort menschliche Unternehmungslust Ackerland abgerungen hat.

Foto oben: Moormuseum Geeste

Foto unten: Kreisbildstelle Lingen

Wieviel Arbeitshilfe und indirektes Geld von Heuerleuten…..

 

… steckt in diesem stolzen Gotteshaus in Bawinkel?

Der Großraum um dieses Dorf herum war bekannt für besonders zahlreiche Heuerhäuser pro Bauernhof (bis zu 10). Zum anderen waren hier die unbezahlten Dienste vergleichsweise häufig zu leisten.

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Foto: Archiv Robben

 

Nur keinen Baum fällen: Beispiel 2 und 3

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Das Brennholz musste trocken gelagert werden: Einfacher Schuppenanbau, der schnell wieder abgerissen werden konnte, wenn die Heuerstelle gekündigt wurde…

10 .November 2016                                                                                                   Seite 659

Fotos: Archiv Robben

Nur keinen Baum fällen 1

Wollte der Heuerling aus Platznot – die war fast durchweg gegeben – notdürftig erweitern, weil vielleicht schon wieder ein Kind unterwegs war, dann musste er erst den Bauern fragen.

Ein Baum durfte dafür in aller Regel aber nicht gefällt werden.

Dieses Beispiel findet sich noch heute so in Langen bei Lingen: Hier wohnen Martin und Rendel Skibicki.

Martin arbeitet als Fotograf am neuen Buchprojekt Heuerhäuser im Wandel mit.

Diese Linde bildet den Mittelpunkt der Küche…

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Foto: Archiv Skibicki

Wie steht es um das Heimatwesen in Nordwestdeutschland?

Bei der Beschäftigung mit dem Heuerlingswesen seit nunmehr über 30 Jahren stößt man ständig auf Heimatvereine und Kreisheimatverbände.

Daraus ergibt sich die Erkenntnis, dass das Heuerlingswesen ein elementarer Teil der Heimatvereinsbewegung in Nordwestdeutschland überhaupt ist.

  • So stammen nicht wenige Mitglieder auch heute noch aus dieser ehemaligen Sozialisationsform, die in früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten bis zu 80% der Dorfbevölkerung ausmachte.
  • Nicht von ungefähr sind viele Heimathäuser deshalb ehemalige Heuerhäuser.
  • Die Entstehungszeit etlicher Heimatvereine der Region fällt in die Zeit  nach dem recht zügigen Verschwinden des Heuerlingswesens insbesondere in zeitlicher und kausaler Folge des sog. Wirtschaftswunders.
  • In mittlerweile über 70 Vorträgen von Syke im Norden bis nach Vreden im Süden konnten zur derzeitigen Verfasstheit in den einzelnen Heimatvereinen – aber auch in mehreren Kreisverbänden –  Erkenntnisse gewonnen werden, die hier in Kürze – recht kurz – zusammengefasst werden sollen.grenzen_strassen_bruecken_2
  • Das derzeitige Kernproblem ist eindeutig die Altersstruktur. Diese beiden Fotos vom 06. November 2016  – zur Verfügung gestellt vom Kreis Steinfurt – zeigen die nahezu in allen Regionen durchgehende Erscheinung: Die Mitglieder der Heimatvereine sind in der Mehrzahl über 60 Jahre alt. Bei meinen Vorträgen zähle ich bewusst: Das Verhältnis von über 50 Jährigen zu den jüngeren Zuhörern  ist fast durchweg 10 : 1. Das kann am Thema liegen. Aber auch dort bestätigt man auf Nachfrage keinen Unterschied zu anderen Veranstaltungen.
  • Eine erfreuliche Ausnahme zu diesem Themenkomplex waren die Rahmenbedingungen beim Vortrag in Lohne/Oldb. Es erschienen 228 Zuhörer/innen. Die Sitzplätze reichten bei weitem nicht aus. Die jüngeren Teilnehmer – eine beachtliche Zahl – saßen auf den Treppenstufen bis in den dritten Stock im Industriemuseum.
  • Über diesen Heimatverein  – und mehrere andere positive Beispiele – wird noch berichtet werden.
  • ...zum Vergrößern bitte anklicken...
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Nachfrage bei Landwirten auf dem Hümmling

In Werpeloh, Börger und Spahnharrenstätte gab es keine Heuerleute. Die Bauernhöfe waren zu klein und zu arm.

Es wurden Nachbarskinder aus Esterwegen und z.B. Breddenberg  „eingekauft“, die dann für die Bauern arbeiten mussten.

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Heuerleute als Wilderer

Großes Aufsehen erregte zum Jahresende 1928 eine Massenverhaftung von über vierzig Personen in Emsbüren und den Dörfern der Umgebung, wie Helmut Lensing in der Emsbürener Ortsgeschichte berichtet:lithografie_von_louis_kramp_fuer_ezink_die_wilddiebe1_ca1830

Ihnen wurde Wilddieberei vorgeworfen, was im Emsland zu dieser Zeit zweifellos eine nicht unübliche Art war, den schmalen Küchenzettel zu erweitern. Doch die große Anzahl der Verhafteten und die Umstände ihrer Inhaftierung trieben die Leute auf die Barrikaden. Ein als Landvermesser getarnter Beamter des Westfälischen Jagdschutzverbandes hatte mit reichlichem Einsatz von Alkohol die Verhaftungswelle ausgelöst. Die Beschuldigten und deren Familien schalteten ihren wegen seines Einsatzes für die Heuerleute bekannten Zentrums-Landtagsabgeordneten Josef Hagemann, einen Gewerkschaftssekretär aus Osnabrück, ein. Auch der DHP-MdL Wilhelm Borgmann aus Lorup brachte den Fall vor den Preußischen Landtag. Besondere Empörung erregte laut Zeitung die Tatsache, daß zuvor ein bekannter Adliger aus der Nähe Lingens dafür, daß er einen auf seinem Grundstück ohne Erlaubnis angelnden Arbeiter derart anschoß, daß dieser wochenlang im Krankenhaus liegen mußte, lediglich 5 Mark Strafe zu zahlen hatte. In diesem Fall sei es dagegen gleich zu einem riesigen Polizeiaufgebot und teilweise wochenlangen Inhaftierungen gekommen, obwohl ein wesentlich geringfügiger Tatbestand zu Grunde liege. Da der Kriminalist selbst Opfer seines reichlichen Alkoholeinsatzes geworden war, mit dem der Geständnisse entlocken und die Einwohner zum Wildern verführen wollte, wurden schließlich nur einige wenige der Angeklagten zu Geldstrafen wegen Jagdvergehens … verurteilt (Lensing,s. u., S. 231).

 

Noch heute wird auf Jagdgesellschaften im südlichen Emsland über dieses Ereignis gesprochen und ein wenig Jagdlatein ist sicherlich dazu gekommen. So wird gemunkelt, der betreffende Adelige habe mit Vornamen tatsächlich „Wilderich“ geheißen. Dies entspricht jedoch nicht den Tatsachen, denn es handelte sich um dessen Vater.

Aus: Saxlinga – Kirchspiel – Gemeinde, 1175 Jahre Emsbüren, Herausg. von Christine Hermanns, Emsbüren 1994. Darin: Helmut Lensing, Emsbüren in der Weimarer Republik, Seite 231

Foto: Wikimedia commons

 

Ein Sinnbild der Standesunterschiede

05. November 2016                                                                                                  Seite 652

Diese bewusst „unreine“ Fotomontage zeigt in besonderer Weise den Klassenunterschied zwischen Bauern und Heuerleuten.

 

Fotomontage: Bernd Robben
Fotogrundlage:Archiv Kreisbildstelle Lingen

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