Dr. Christian Westerhoff als Zeitzeuge – im Interview

Herr Dr. Westerhoff, für die Dokumentation von ehemaligen Heuerhäusern und für das Heuerlingswesen insgesamt kann man Sie als „Glücksfall“ bezeichnen: Ihre Vorfahren stammen aus dieser Sozialisationsform.

Gegenüber von meinem Elternhaus, das meine Eltern 1974 gebaut haben, stand bis zum Jahr 2003 das Haus, in dem meinen Großeltern seit 1933 als Heuerleute gelebt haben und das sie 1960 dem Bauer abkauften. Meine Großeltern haben das Haus zwar nach dem Kauf an verschiedenen Stellen modernisiert, aber in meiner Kindheit hatte sich der Zustand der 1960er und 1970er Jahre noch weitgehend erhalten. Ich hatte also quasi ein Heuerleute-Museum direkt vor der Haustür, zumal man an vielen Stellen auch noch erkennen konnte, wie das Haus vor 1960 ausgesehen hat. So verfügte das Haus z.B. weder über ein Badezimmer noch über ein WC. Wer auf die Toilette musste, hatte das Plumpsklo neben dem Misthaufen aufzusuchen! Auf der Diele gab es außerdem noch die Stangen, an denen man früher die Wurst zum Trocknen aufgehängt hatte.

Neben dem Haus meiner Großeltern haben sich zudem in meinem Heimatort Ossenbeck bei Damme (Landkreis Vechta) weitere deutliche Spuren des Heuerlingswesens erhalten. Das Dorf bestand in meiner Kindheit aus drei Bauernhöfen sowie sechs ehemaligen Heuerhäusern. Darüber hinaus gab es lediglich zwei Häuser, die nicht auf die Bauern und ihre Heuerleute zurückzuführen waren. Dabei handelte es sich um mein Elternhaus sowie das Haus unserer Nachbarn, die als Vertriebene in den Ort gekommen sind.

Als meine Schwiegereltern vor einigen Jahren auf einem Fest in der Region erzählten, dass ihr Schwiegersohn aus Ossenbeck stammen würde, wurden sie gefragt, von welchem Bauernhof ich denn stammen würde. Als sie sagten, dass ich von keinem Hof käme, bemerkte der Fragende: „Stimmt, ein paar Heuerleute gibt es in Ossenbeck ja auch noch!“

 

Schon in Ihrer Schulzeit haben Sie sich intensiver mit dem Heuerlingswesen beschäftigt.

Wesentlich verstärkt wurde meine Auseinandersetzung mit dem Heuerlingswesen durch die Erzählungen meiner Eltern und meiner Großmutter Josepha Westerhoff, die 2012 gestorben ist. In diesen Geschichten war das Heuerlingswesen noch sehr lebendig, auch wenn es bereits seit Jahrzehnten nicht mehr existierte! Die einfachen Verhältnisse und die Abhängigkeit vom Bauern wurden sehr eindrücklich geschildert, so dass man das Gefühl hatte, es handele sich um gerade erst Vergangenes. Das Heuerlingswesen hat in meiner Familie tiefe Spuren hinterlassen.

Zusätzliches Anschauungsmaterial bot das Museumsdorf Cloppenburg. Auch hier konnte man sich anhand der dort aufgestellten historischen Häuser plastisch vorstellen, wie die Vergangenheit ausgesehen hat. Die Unterschiede zwischen den Bauern- und den Heuerhäusern waren hier dank der Originaleinrichtung nicht zu übersehen!

 

Sie haben dann sogar ein Buch dazu geschrieben – bezogen auf Ihren Heimatort Ossenbeck

Kurz vor dem Abitur musste ich für einige Zeit ins Krankenhaus. Mein Geschichtslehrer Jürgen Kessel bot mir als Ausgleich für eine verpasste Klausur an, eine schriftliche Ausarbeitung zum Thema Regionalgeschichte anzufertigen. Diese Idee habe ich dankend angenommen. Ich wollte über die Heuerstelle meiner Großeltern schreiben, musste aber schnell feststellen, dass diese nur über sehr wenige schriftliche Unterlagen verfügten – leider ein typischer Befund bei ehemaligen Heuerleuten! Ich habe dann bei den Bauern nebenan angefragt, ob sie eventuell relevante Unterlagen hätten. Bei meinen Nachbarn Gers-Ossenbeck wartete dann eine große Überraschung auf mich: Bernard Gers-Ossenbeck vertraute mir eine Schublade an, in der sich historische Dokumente von 1775 bis Mitte des 20. Jahrhunderts türmten. Es war so viel Material, dass ich an einem bestimmten Punkt beschloss, ein Buch über die Geschichte meines Heimatortes zu schreiben. Archivaufenthalte und zahlreiche Gespräche mit heutigen und ehemaligen Bewohnern von Ossenbeck folgten, bis 2001 das Buch erschien.

Das Heuerlingswesen spielte hierbei eine wichtige Rolle. Als ich das Buch 2001 der Öffentlichkeit vorstellte, erlebte ich hitzige Debatten über das Heuerlingswesen. Ein Bauer meinte, dass die Verhältnisse im Heuerlingswesen zu negativ dargestellt werden würden. Demgegenüber betonten die ehemaligen Heuerleute, die sich zum Thema äußerten, dass meine Schilderungen keineswegs übertrieben seien, sondern voll und ganz mit ihren Erinnerungen übereinstimmten. Überrascht hat mich damals, wie emotional über eine Sozialstruktur debattiert wurde, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gab und die um sich 1960 relativ geräuschlos aufgelöst hatte. Ein Sachbuch brachte Menschen, die seit Jahrzehnten Tür an Tür lebten, dazu, plötzlich erbitterte Debatten zu führen. Offenbar sind die Verwerfungen, die das Heuerlingswesen hervorgerufen hat, nie aufgearbeitet worden, sondern wurden im Zuge des Wirtschaftswunders nur überdeckt und beiseitegeschoben. Als Reaktion auf das öffentliche Interesse habe ich anschließend noch mehrere Aufsätze zum Heuerlingswesen publiziert. Und jetzt bin ich sehr froh, dass Bernd Robben dem Thema eine ganz neue Resonanz verschafft!

 

Zu welchen Erkenntnissen sind Sie da speziell zum Zustand der Heuerhäuser gekommen?

An den Heuerhäusern in Ossenbeck ließ sich deutlich ablesen, dass sie wesentlich kleiner und einfacher waren als Bauernhäuser. Mehrere traurige Beispiele zeugen davon, wie sehr an den Heuerhäusern gespart wurde. Das Haus der Heuerleute Kröger war so baufällig, dass das Gesundheitsamt 1938 den Abriss verordnete. Und im Heuerhaus Schnuck soll es aufgrund der schlechten Luftverhältnisse sogar zu Tuberkulose-Fällen gekommen sein.

Das Besondere an Ossenbeck ist, dass hier noch im 20. Jahrhundert mehrere Heuerhäuser neu gebaut wurden. Während in anderen Regionen das Heuerlingswesen bereits auf dem Rückzug war, wurde hier noch in neue Häuser investiert. Allerdings wurde offenbar auch jetzt noch an den Baustoffen gespart. So stürzte 1939 der Giebel des Heuerhauses Westerhoff ein, das 1905 errichtet worden war. Gleichzeitig wurden auf den Heuerstellen im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr Nebengebäude errichtet. Da die Heuerleute im Oldenburger Münsterland ihren Viehbestand sowie ihren Bestand an Maschinen aufstockten, kamen zum Heuerhaus verschiedene Ställe, Scheunen und Schuppen hinzu, sodass einige Heuerstellen im Laufe der Zeit kleinen Höfen ähnelten. Auf der ehemaligen Heuerstelle meiner Großeltern wurden mehrere Gebäude allerdings erst gebaut, als man dem Bauer das Grundstück abgekauft hatte, denn erst jetzt handelte es sich ja um den eigenen Besitz.

In meiner Kindheit konnte ich zudem noch selbst miterleben, dass die Heuerhäuser immer weniger den Standards der Zeit entsprachen. Nach dem Ende des Heuerlingswesens lebten in den Häusern fast nur noch Menschen, die sich keine andere Bleibe leisten konnten. Ab Ende der 1980er Jahre wurden dann die meisten der ehemalgien Heuerhäuser abgerissen, um Neubauten Platz zu machen. In diese zogen dann in vielen Fällen Kinder der Bauern ein. Das Heuerhaus meiner Großeltern wurde ebenfalls 2003 durch einen Neubau ersetzt.

Dr. Christian Westerhoff

Dr. Christian Westerhoff studierte Geschichte und Politikwissenschaft in Osnabrück und Sheffield und promovierte 2010 in Erfurt zum Thema „Zwangs­arbeit im Ersten Weltkrieg. Rekrutierung und Be­schäftigung osteuropäischer Arbeitskräfte in den von Deutschland besetzten Gebieten“. 2009 bis 2011 absolvierte er das Referendariat für den höheren Bibliotheksdienst an der Zentral- und Landesbiblio­thek Berlin (ZLB). Anschließend koordinierte er das DFG-Projekt „ 1914-1918-Online. International En-cyclopedia of the First World War“ an der Freien Universität Berlin. Seit 2013 ist er Leiter der Bib­liothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart. Seit vielen Jahren be­schäftigt er sich mit dem Heuerlingswesen und hat hierzu verschiedene Publikationen vorgelegt, u.a.: „Ossenbeck. Kleiner Ort mit langer Geschichte“, Damme 2001; „Das Heuerlingswesen in der Bauer-schaft Ossenbeck und die Agrarmodernisierung im 20. Jahrhundert“, in: Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland, 53.2004; „Das späte Ende des Heuerlingswesens im Oldenburger Münsterland“, in: Jahr­buch für das Oldenburger Münsterland, 66.2017.

 

Leiter der Bibliothek für Zeitgeschichte in Württembergische Landesbibliothek Stuttgart

 

http://www.wlb-stuttgart.de/sammlungen/bibliothek-fuer-zeitgeschichte/kontakt/dr-christian-westerhoff/

Vortrag Nr. 103 in Horstmar

Die Nachfrage nach Vorträgen zum Heuerlingswesen hat sich durch die weitere Buchveröffentlichung „Heuerhäuser im Wandel“ noch verstärkt, so dass es zu ersten Absagen kommen musste.

Das hat auch den Grund, dass mit An- und Abreise, Aufbau, Referat und (zumeist umfangreicher) Diskussion etwa fünf Zeitstunden vergehen, so dass einschließlich der Fahrtkosten nicht einmal ein Mindestlohn …

Foto: Heuerhaus im Münsterland aus dem Archiv Skibicki

 

Eine solche Pressemeldung des Heimatvereins ist dann doch zusätzlicher Lohn, obwohl man sich als Referent nach so vielen Einsätzen selbst nicht mehr hören mag!

„Heuerlinge“, ein heute fast unbekannter Begriff, umfasste noch vor gar nicht langer Zeit eine große Bevölkerungsgruppe des Münsterlandes. Bernd Robben aus Emsbüren hielt am Dienstagabend im Borchorster Hof in Horstmar einen sehr lebendigen Vortrag über diese bäuerliche Schicht. Robben erwies sich nicht nur als Experte für dieses von der Geschichtsschreibung stiefmütterlich behandelte Thema, sondern auch als sehr geschickter Erzähler. Gespickt mit Anekdoten und Details von den Lebensumständen der Heuerlinge und Kötter fesselte er die Zuhörerschaft, die der Einladung des Heimatvereins gefolgt war. Das Heuerlingswesen bestand 400 Jahre bis nach dem 2. Weltkrieg in Nordwestdeutschland.  Die Heuerlinge lebten fast ausnahmslos am Rande des Existenzminimums. Sie mussten neben ihrer schweren Arbeit auf den ihnen zur Verfügung gestellten kleinen Ackerflächen und den unentgeltlichen Hilfeleistungen auf dem Hof  „ihres Bauern“ durch Hollandgängerei oder andere Nebentätigkeiten das Überleben ihrer Familie sichern.  Deshalb verschwand dieser Berufsstand auch vollständig, nachdem sich andere Verdienstmöglichkeiten in der Industrie auftaten. Am Ende seines Vortrags zeigte Robben noch Bilder von Heuerlingshäusern, die früher in der Regel klein und sehr einfach gebaut nur unzureichenden Schutz vor Wind und Wetter boten. Die Heimatfreunde erfuhren viel Neues über die Geschichte dieser bäuerlichen Schicht. „Diesem Referenten könnte ich stundenlang zuhören“, meinte am Schluss einer der Zuhörer.

Von: Margareta Schulte, Vorstandsmitglied, Heimatverein Horstmar

 

Kinderarbeit – gerade bei Heuerleuten

Nur Kinderarbeit in der Industrie wurde öffentlich gemacht!

Politisch und literarisch gewann die industrielle Kinderarbeit die größte und anhaltendste Beachtung. Das mag daran liegen, daß die „Auswüchse“ der Kinderfabrikarbeit besonders drastisch und augenfällig waren. Das wird auch damit zusammenhängen, daß die neuen Fabriken ohnehin die öffentliche Beachtung und die Kritik von „rechts“ und „links“ auf sich zogen. Hier war die Einbruchstelle für die Ächtung der Kinderarbeit.

Kinderarbeit in der Landwirtschaft blieb weitgehend unbeachtet!

Die landwirtschaftliche Kinderarbeit wurde am wenigsten beachtet und am längsten und intensivsten verteidigt. Das lag nicht nur an lange fortbestehenden Relikten vormoderner Lebensweise in der bäuerlichen Welt, an der anderen Wertigkeit dieses Teilproblems sowie an der im Vergleich zum Arbeiterkind weniger populären Sozialfigur Bauernkind, sondern auch an der bis ins 20. Jahrhundert reichen­den starken sozialen und politischen Stellung des ländlichen Adels sowie an dem interessenpolitischen Aufwand und der ideologischen Resonanz der Agrarvertreter. Schließlich konnte es aber nicht mehr verborgen bleiben, daß gerade in dem ideologischen Heiligtum „bäuerlicher Familienbetrieb“ die arbeitenden Kinder — ähnlich wie bei den Hausgewerben während und nach der Industrialisierung — zu Grenzfaktoren wurden, unter erheblichen psychischen und sozialen Kosten nur eine zwischenzeitliche Weiter­existenz  rückständiger Produktions- und Betriebsformen ermöglichten.

 

Dabei war die Kinderarbeit auf dem Lande besonders stark verbreitet:

Diese Informationen stammen aus diesem Buch:

Text auf Seite 11

Schaubild auf Seite 110

Mehr als 4/5 der Bevölkerung lebte in und von der Landwirtschaft

Die Länder Hannover, Braunschweig und Oldenburg, die wesentlichen Gebiete des niedersächsischen Wirtschaftsraumes, waren um diese Zeit rein agrarische Staaten — mehr als vier Fünftel der Bevölkerung lebten haupt- oder nebengewerblich von einer landwirtschaftlichen Tätigkeit. Auch in den kleineren Städten, den Ackerbürgerstädten mit selten mehr als 2000 Einwohnern, beschäftigte sich der weitaus größte Teil der Bewohner mit Erzeugung und Verkauf agrarischer Produkte.

Situation in  der Stadt Hannover

Selbst die Hauptstadt Kurhannovers war trotz ihrer rund 10 000 Einwohner ein bescheidener Ort, in dem um 1750 Handel und Wandel stagnierten, die Stadtwirtschaft auf Selbstbefriedigung unter Ausschaltung auswärtiger Konkurrenz eingestellt war, Hof, Beamtenschaft und Grundrentenbesitzer die wirtschaftlichen Hauptfaktoren bildeten, der Ertrag der städtischen Steuern, der ein Viertel der gesamten städtischen Einnahmen ausmachte, kaum zur Besoldung der wenigen städtischen Beamten reichte und die Kuh- und Schweineherden innerhalb des Stadtkerns noch eine das wirtschaftliche Leben beherrschende Rolle spielten.

Aus: Die Landwirtschaft Niedersachsens

Hg: Albrecht Thaer Gesellschaft, Celle 1964,

Darin: Wilhelm Treue, Die wirtschaftliche Entwicklung seit 1764, Seite 57

Heuerlingsbücher aus dem Bersenbrücker Raum

Diese beiden Fachbücher aus dem Bersenbrücker Raum waren neben den Studien von Jürgen Seraphim zum Heuerlingswesen aus dem Jahre 1946 die wichtigsten Grundlagen für meine über 20 jährigen Recherchen zu diesem ansonsten von den Fachwissenschaften vernachlässigten Thema.

Hans Triphaus

Das Heuerlingswesen im Nordteil des Altkreises Bersenbrück im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert, Quakenbrück 1987

 

 

Udo Hafferkamp

Beiträge zur Heimatgeschichte anlässlich 300 Jahre Heuerhaus/Heimathaus Berge 1696 - 1996, Quakenbrück 1996

Die Geschichte der Krone Holding

https://youtu.be/RxMcy2BWnNs

Sowohl die Familiengeschichte als auch die Historie der Landmaschinenfabrik, die zu einer weltweiten Holding gewachsen ist, hat enge Verknüpfungen mit dem Heuerlingswesen, vor allem in der Endphase.

Dr. Bernard Krone sen. ( in seiner Heimat im südlichen Emsland wird er mit großer Anerkennung BK 3 genannt) hat aus seiner Stiftung diese Dokumentation des Heuerlingswesens großzügig unterstützt.

Für die Arbeiten, die früher notgedrungen die Heuerleute erledigen musste, damit die Bauern die jeweilige Ernte überhaupt zeitgerecht unter „Dach und Fach“ bekamen, haben dann Landmaschinenfabriken wie Krone, van Lengerich, Grimme, Claas, Niemeyer, Kemper u. a. Maschinen erfunden und gebaut.

Viele ehemalige Heuerleute fanden dort gute Arbeit in ihrer Heimat.