Vortrag Nr. 103 in Horstmar

Die Nachfrage nach Vorträgen zum Heuerlingswesen hat sich durch die weitere Buchveröffentlichung „Heuerhäuser im Wandel“ noch verstärkt, so dass es zu ersten Absagen kommen musste.

Das hat auch den Grund, dass mit An- und Abreise, Aufbau, Referat und (zumeist umfangreicher) Diskussion etwa fünf Zeitstunden vergehen, so dass einschließlich der Fahrtkosten nicht einmal ein Mindestlohn …

Foto: Heuerhaus im Münsterland aus dem Archiv Skibicki

 

Eine solche Pressemeldung des Heimatvereins ist dann doch zusätzlicher Lohn, obwohl man sich als Referent nach so vielen Einsätzen selbst nicht mehr hören mag!

„Heuerlinge“, ein heute fast unbekannter Begriff, umfasste noch vor gar nicht langer Zeit eine große Bevölkerungsgruppe des Münsterlandes. Bernd Robben aus Emsbüren hielt am Dienstagabend im Borchorster Hof in Horstmar einen sehr lebendigen Vortrag über diese bäuerliche Schicht. Robben erwies sich nicht nur als Experte für dieses von der Geschichtsschreibung stiefmütterlich behandelte Thema, sondern auch als sehr geschickter Erzähler. Gespickt mit Anekdoten und Details von den Lebensumständen der Heuerlinge und Kötter fesselte er die Zuhörerschaft, die der Einladung des Heimatvereins gefolgt war. Das Heuerlingswesen bestand 400 Jahre bis nach dem 2. Weltkrieg in Nordwestdeutschland.  Die Heuerlinge lebten fast ausnahmslos am Rande des Existenzminimums. Sie mussten neben ihrer schweren Arbeit auf den ihnen zur Verfügung gestellten kleinen Ackerflächen und den unentgeltlichen Hilfeleistungen auf dem Hof  „ihres Bauern“ durch Hollandgängerei oder andere Nebentätigkeiten das Überleben ihrer Familie sichern.  Deshalb verschwand dieser Berufsstand auch vollständig, nachdem sich andere Verdienstmöglichkeiten in der Industrie auftaten. Am Ende seines Vortrags zeigte Robben noch Bilder von Heuerlingshäusern, die früher in der Regel klein und sehr einfach gebaut nur unzureichenden Schutz vor Wind und Wetter boten. Die Heimatfreunde erfuhren viel Neues über die Geschichte dieser bäuerlichen Schicht. „Diesem Referenten könnte ich stundenlang zuhören“, meinte am Schluss einer der Zuhörer.

Von: Margareta Schulte, Vorstandsmitglied, Heimatverein Horstmar

 

Kinderarbeit – gerade bei Heuerleuten

Nur Kinderarbeit in der Industrie wurde öffentlich gemacht!

Politisch und literarisch gewann die industrielle Kinderarbeit die größte und anhaltendste Beachtung. Das mag daran liegen, daß die „Auswüchse“ der Kinderfabrikarbeit besonders drastisch und augenfällig waren. Das wird auch damit zusammenhängen, daß die neuen Fabriken ohnehin die öffentliche Beachtung und die Kritik von „rechts“ und „links“ auf sich zogen. Hier war die Einbruchstelle für die Ächtung der Kinderarbeit.

Kinderarbeit in der Landwirtschaft blieb weitgehend unbeachtet!

Die landwirtschaftliche Kinderarbeit wurde am wenigsten beachtet und am längsten und intensivsten verteidigt. Das lag nicht nur an lange fortbestehenden Relikten vormoderner Lebensweise in der bäuerlichen Welt, an der anderen Wertigkeit dieses Teilproblems sowie an der im Vergleich zum Arbeiterkind weniger populären Sozialfigur Bauernkind, sondern auch an der bis ins 20. Jahrhundert reichen­den starken sozialen und politischen Stellung des ländlichen Adels sowie an dem interessenpolitischen Aufwand und der ideologischen Resonanz der Agrarvertreter. Schließlich konnte es aber nicht mehr verborgen bleiben, daß gerade in dem ideologischen Heiligtum „bäuerlicher Familienbetrieb“ die arbeitenden Kinder — ähnlich wie bei den Hausgewerben während und nach der Industrialisierung — zu Grenzfaktoren wurden, unter erheblichen psychischen und sozialen Kosten nur eine zwischenzeitliche Weiter­existenz  rückständiger Produktions- und Betriebsformen ermöglichten.

 

Dabei war die Kinderarbeit auf dem Lande besonders stark verbreitet:

Diese Informationen stammen aus diesem Buch:

Text auf Seite 11

Schaubild auf Seite 110

Mehr als 4/5 der Bevölkerung lebte in und von der Landwirtschaft

Die Länder Hannover, Braunschweig und Oldenburg, die wesentlichen Gebiete des niedersächsischen Wirtschaftsraumes, waren um diese Zeit rein agrarische Staaten — mehr als vier Fünftel der Bevölkerung lebten haupt- oder nebengewerblich von einer landwirtschaftlichen Tätigkeit. Auch in den kleineren Städten, den Ackerbürgerstädten mit selten mehr als 2000 Einwohnern, beschäftigte sich der weitaus größte Teil der Bewohner mit Erzeugung und Verkauf agrarischer Produkte.

Situation in  der Stadt Hannover

Selbst die Hauptstadt Kurhannovers war trotz ihrer rund 10 000 Einwohner ein bescheidener Ort, in dem um 1750 Handel und Wandel stagnierten, die Stadtwirtschaft auf Selbstbefriedigung unter Ausschaltung auswärtiger Konkurrenz eingestellt war, Hof, Beamtenschaft und Grundrentenbesitzer die wirtschaftlichen Hauptfaktoren bildeten, der Ertrag der städtischen Steuern, der ein Viertel der gesamten städtischen Einnahmen ausmachte, kaum zur Besoldung der wenigen städtischen Beamten reichte und die Kuh- und Schweineherden innerhalb des Stadtkerns noch eine das wirtschaftliche Leben beherrschende Rolle spielten.

Aus: Die Landwirtschaft Niedersachsens

Hg: Albrecht Thaer Gesellschaft, Celle 1964,

Darin: Wilhelm Treue, Die wirtschaftliche Entwicklung seit 1764, Seite 57

Heuerlingsbücher aus dem Bersenbrücker Raum

Diese beiden Fachbücher aus dem Bersenbrücker Raum waren neben den Studien von Jürgen Seraphim zum Heuerlingswesen aus dem Jahre 1946 die wichtigsten Grundlagen für meine über 20 jährigen Recherchen zu diesem ansonsten von den Fachwissenschaften vernachlässigten Thema.

Hans Triphaus

Das Heuerlingswesen im Nordteil des Altkreises Bersenbrück im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert, Quakenbrück 1987

 

 

Udo Hafferkamp

Beiträge zur Heimatgeschichte anlässlich 300 Jahre Heuerhaus/Heimathaus Berge 1696 - 1996, Quakenbrück 1996

Die Geschichte der Krone Holding

https://youtu.be/RxMcy2BWnNs

Sowohl die Familiengeschichte als auch die Historie der Landmaschinenfabrik, die zu einer weltweiten Holding gewachsen ist, hat enge Verknüpfungen mit dem Heuerlingswesen, vor allem in der Endphase.

Dr. Bernard Krone sen. ( in seiner Heimat im südlichen Emsland wird er mit großer Anerkennung BK 3 genannt) hat aus seiner Stiftung diese Dokumentation des Heuerlingswesens großzügig unterstützt.

Für die Arbeiten, die früher notgedrungen die Heuerleute erledigen musste, damit die Bauern die jeweilige Ernte überhaupt zeitgerecht unter „Dach und Fach“ bekamen, haben dann Landmaschinenfabriken wie Krone, van Lengerich, Grimme, Claas, Niemeyer, Kemper u. a. Maschinen erfunden und gebaut.

Viele ehemalige Heuerleute fanden dort gute Arbeit in ihrer Heimat.

Ausmaße der Trunksucht

 

Daß unmäßiges Saufen, wie es bei den Soldaten und Offi­zieren zu beobachten gewesen war, auch in der hiesigen ländlichen Bevölkerung Anklang fand, zeigen nicht nur die

Bemerkungen über den sonntäglichen Rausch der Bauern, sondern auch die Statistiken der Straftaten, die im Zusam­menhang mit Alkohol standen. So entfielen, wie U. Meiners aus den Brüchtenregister des Amtes Westerstede im Ammerland errechnete, von 100 Vergehen zwischen 1758 und 1761 allein 56 auf „Schlägereien, Zankereien und Saufe­reien im Wirtshaus.“ Zwischen 1762 und 1764 fiel das Er­gebnis noch extremer aus: Von 189 gebrüchten Vergehen fielen 151 in die Rubrik „Schlägerei und Saufen“. Mit dem Anstieg des Branntweinkonsums aber stieg vor allem das Ausmaß einzelner Exzesse. In einem Bericht aus Burhave, einem Kirchspiel (Ldkr. Wesermarsch), das knapp 1600 Einwohner zählte, heißt es dazu:

 

 

Text Seite 110

Mehrfach wird in diesem Buch darauf hingewiesen, dass überdurchschnittlich viele besitzlose Männer (also auch Heuerleute) zu den Trunksüchtigen gehörten.