Spökenkiekerei, auch Heuerleute waren beteiligt

Bei Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) erfahren wir:

Kennst du die Blassen im Heideland,
mit blonden, flächsenen Haaren?
Mit Augen so klar, wie an Weihers Rand.
Die Blitze der Welle fahren?
Oh, sprich ein Gebet, inbrünstig echt,
für die Seher der Nacht, das gequälte Geschlecht.

Im westfälischen und im niederdeutschen Sprachraum, so insbesondere im Emsland, dem Münsterland und auch in den angrenzenden Gebieten, wurden Menschen mit einem sog. „zweitem Gesicht“  als Spökenkieker bezeichnet. Diesen seltsamen Zeitgenossen sprach man die Fähigkeit zu,  Zukünftiges  vorhersagen zu können.

 

Figur eines Spökenkiekers vor dem Harsewinkler Rathaus

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Spoekenkieker.jpg

Heuerhäuser werden interessant für Gutbetuchte

Während in der Phase des  Wirtschaftswunders das Heuerlingswesen  sich innerhalb weniger  Jahre auflöste, weil sich zunehmend günstige Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft anboten, standen so immer mehr Heuerhäuser in landschaftlich reizvollen Lagen leer und ungenutzt da. Aufstrebende Unternehmer  kauften oder mieteten  gerade in dieser Zeit nun diese ansonsten dem Verfall preisgegebene historische Gebäude. So auch in diesem Fall.

 

Heinrich Weltring hätte kein Heuerling werden müssen…

… er war der älteste Sohn eines Bauern. Dennoch verdingte er sich zunächst als Knecht wie ein Heuermannssohn.

Foto: Emslandmuseum Lingen

Sein Leben nahm dann eine ganz andere Bahn: Er wurde Künstler!

Heinrich Weltring wurde 1847 in Baccum bei Lingen (Ems) geboren. Er starb 1917 in Thuine.

Der aus Messingen stammende Vater Hermann Martin Weltring, geborener Wobbe, heiratete in Baccum am 11. August 1846 Anna Maria Weltring, die Besitzerin des Hofes in Baccum war. Der Vater starb bereits mit 42 Jahren und die Mutter bewirtschaftete den Hof mit ihren unmündigen Kindern alleine weiter. Heinrich war zu diesem Zeitpunkt gerade acht Jahre alt. Um etwas Geld für die Familie zu verdienen, verdingte er sich nach der Schulzeit als Knecht auf dem Hof seines Onkels Clemens Sentker, geb. Weltring, im Ortsteil Ramsel. Als auch die Mutter 1868 im Alter von 42 Jahren verstarb, versuchte der damals 21-Jährige zunächst, den Hof mit seinen vier Geschwistern weiter zu bewirtschaften.

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Weltring am 15. Juni 2018

Er verpachtete dann den Hof an seinen Onkel und absolvierte ein künstlerische Ausbildung in Osnabrück und Berlin.

Weltring verkaufte 1880 den elterlichen Hof und arbeitete in Karlsruhe zunehmend erfolgreich als Künstler.

Foto: Emslandmuseum Lingen

Hier eine Skulptur aus der Zeit seiner besonderen Schaffenskraft.

1908 musste er allerdings mittellos in seine Heimat zurückkehren. Er fand daraufhin bei seinem Bruder August, der als Hauptlehrer im heimischen Emsland eine Volksschule leitete, ein Zuhause.

Wie war der Anteil der Heuerleute bei den Soldaten im 2. Weltkrieg?

Bisher ist – zumindest in diesem Kontext – nicht untersucht worden, ob der prozentuale Anteil der Heuerleute im Vergleich zu den Bauern bei der Einberufung zur Wehrmacht höher war.

Dieser Eindruck, teilweise mit lokalen Zahlen mündlich belegt, musste bei den Beiträgen von den Zuhörern nach den Vorträgen zum Heuerlingswesen immer wieder entstehen.

Der Kausalhintergrund wäre gegeben in der besonderen Rolle der Landwirtschaft zur Sicherung der Autarkie durch die Nationalsozialisten.

Diese Vergleichszahlen liegen für die Bauerschaft Gleesen im Landkreis Emsland vor:

Bis 1955 zählte der Ort neun Höfe und neun Heuerlingshaushalte.

Gefallene Soldaten aus Gleesen im 1. Weltkrieg

Heinrich Brinker, Sohn eines Heuermanns
Martin Eistrup, Bauernsohn
Bernhard Kötting, Bauernsohn
Heinrich Deiters, Bauernsohn
Hermann Graef, Bauernsohn
Heinrich von der Schwane, Sohn eines Heuermanns

 

 

 Gefallene Soldaten aus der Bauernschaft Gleesen im 2. Weltkrieg

Andreas Brinker, Sohn eines Heuermanns
Hans-Theo Haferkamp, Sohn eines Schleusen – Gehilfen
Franz Scheffka, Lehrer
Hermann Temmen, Sohn eines Heuermanns
Bernhard Markus, Sohn eines Heuermanns
Franz Risse, Sohn eines Heuermanns
Hermann Pouwels, Sohn eines Heuermanns
Paul Brinker, Sohn eines Heuermanns
Willi Warborg, Bauernsohn
Franz Rickling, Sohn eines Heuermanns

Fotos: Archiv Robben

Eröffnung des Doppelheuerhauses Olderdissen in Bielefeld

 

Im Bielefelder Bauernhofmuseum wurde am 10. Juni 2018  Olderdissens Kotten eröffnet.

 

 

Auf dem Foto (mit Schere) Bielefelds OB Pit Clausen, Museumsleiter Dr. Lutz Volmer, Dr. Ute Röder als Vorstandsmitglied der NRW – Stiftung und Marcus Stichmann, Geschäftsführer des Museums.

Die Theatergruppe Klio & Konsorten begeisterte mit vier themengebundenen szenischen Lesungen                                         –     Ungesunde dunkle Löcher                                                                                                                                           –     Gute und schlechte Colone                                                                                                                                           –     In die Fremde gehen                                                                                                                                                     –     Democratie

https://klioundkonsorten.weebly.com/uumlber-uns.html

Dort ist z. Zt. eine sehr informative Ausstellung zum Heuerlingswesen zu besichtigen.

Fotos: Archiv Robben

 

 

 

 

 

Weitere Überlieferungen zu Heuermann Nögel

 

Der Heuermann Nögel war anscheinend nicht sonderlich beliebt in seinem Heimatdorf und so hatte die Jugend der Bauerschaft ihm eine Tracht Prügel zugedacht. Als man den Plan in die Tat umsetzte, schrie Nögel fürchterlich: „Ich bin doch Nögel, kennt ihr mich nicht?“ Daraufhin erklärte die andere Seite: „Wir kennen dich genau, darum kriegst du jetzt ja auch eine Lage…“

Beim Ausbau des Dortmund-Ems-Kanal hatte Heuermann Nögel vorübergehend Arbeit gefunden. Als er nun oben auf einem Gerüst stehend den übrigen Arbeitern bei ihrer Tätigkeit zusah – er hatte dabei seine Hände tief in den Hosentaschen vergraben – kam der Vorarbeiter auf ihn zu und sagte: „Nögel,  pass auf, dass du deine Pfeife nicht verlierst!“ Daraufhin Nögel ganz lässig: „Nee!“  … worauf man wenige Sekunden später etwas ins Wasser platschen hörte.

aus Erzählungen meines Vaters Bernhard Robben (1915 - 2004)

Ein Heuermann als Spökenkieker

Der Spökenkieker und das Schützenfest.

In der Chronik des Hofes Tegeder berichtet deren Verfasser, Pastor Gerhard Tegeder (1875 – 1926) über einen seltsamen Vorfall auf einem Schützenfest in seinem Heimatdorf Gleesen im vergangenen Jahrhundert.

Die Spökenkiekerei war damals eine weit verbreitete Form der Wahrsagerei, und so hatte auch es in dieser Bauerschaft einen Spökenkieker, er wohnte in einem Heuerhaus des Bauern Tebben und hieß Nögel.

Vieles, was er vorhersagte, trat nicht ein, ein Ereignis jedoch versetzte die Bewohner des Dorfes in arges Erstaunen.

So war Nögel einige Wochen vor dem Schützenfest, das damals abwechselnd bei den Bauern des Dorfes stattfand und in dem betreffenden Jahr bei Kötting abgehalten werden sollte, bei Tegeder erschienen. Zunächst erzählte er recht belanglose Dinge. Dann sagte er nach einer Weile zum alten Tegeder: Teder, ick  wool di wall äs allene spräkken.“ Der Bauer ging nun allein mit ihm in die Stube. Nach einiger Zeit verabschiedete sich Nögel.

Nun berichtete der Vater seinen Söhnen über Nögels Worte. Der Spökenkieker habe ihn gewarnt vor dem Schützenfest. Nögel habe abends, als er von Tebben gekommen sei, in einem zweiten Gesicht gesehen, dass man einen Menschen beim Schützenfest aus dem Kötting Haus getragen habe. Er glaube, dass dort das Unglück geschehen werde. Den Heinrich Tegeder, ein Sohn des Hauses, habe er erkannt, und es habe ihm auch geschienen, als wenn Heinrich getragen wurde.

Das Schützenfest stand vor der Tür, und es lag der Gedanke nahe, dass dort etwas geschehen würde. Der alte Tegeder warnte seine Söhne, nicht zu viel zu trinken, damit sie einen klaren Kopf behielten. Unter der Hand war die Wahrsagerei des Nögel den jungen Leuten des Dorfes bekannt geworden, und sie versprachen sich gegenseitig, dafür zu sorgen, dass kein Streit entstehe. Sie wollten Nögel mit seiner -Spökenkiekerei blamieren.

Das Schützenfest kam, es wurde während des Tages in schönster Eintracht gefeiert. Da wollte Heinrich Tegeder, da die Mädchen nicht da waren, mit Heinrich Schnelling tanzen. Sie kamen vor dem Kuhstall Zufall und Heinrich Schnelling brach sich ein Bein. Andere sprangen hinzu, und als der erste Schreck überwunden war, trug man H. Schnelling mit vier Mann nach Hause. Als Nögel sie aus dem Haus kommen sah, sagte er: „So habe ich es gesehen.“

Nögel hatte sich nur in der Person des Verletzten geirrt.

Heuermann Brinker und der Teufel

 

Exkursionen mit dem Leiter des Emslandmuseums in Lingen – Dr. Andreas Eiynck – sind durchweg angefüllt mit interessantem Detailwissen.

Hier erzählt er auf dem Hof Tegeder in Gleesen südlich von Lingen:

Video: Archiv Robben

Der „spiritus rector“ des Heuerlingsbuches verstorben

Nachruf auf Dr. jur. Franz Möller

Der entscheidende Hinweis und Impuls für meine spätere zunehmende Beschäftigung mit dem Thema „Heuerlingswesen“ entstand so:

Aus Bramsche bei Lingen stammte der damalige Ministerialdirigent Dr. Franz Möller, der zunächst als noch recht junger Jurist persönlicher Referent des seinerzeitigen Bundestagspräsidenten Dr. Eugen Gerstenmaier war.

Danach übernahm er die Leitung der Bundestagsverwaltung. In dieser Eigenschaft baute er eine eigene Bücherei des Bundestages auf.

Später wurde er Landrat im Rhein-Sieg-Kreis und Mitglied des Bundestags.

Mehrfach im Jahr besuchte er sein Elternhaus und vertrat dann seinen Bruder Theo hinter der Theke im Gasthaus an der Kirche. Da wir beide – im zeitlichen Abstand  – Absolventen des Lingener Georgianums waren, gab es genügend Gesprächsanlässe.

Auch das Heuerlingswesen gehörte dazu.

So erhielt ich eines Tages Post aus Bonn.  Dr. Möller schickte  mir eine Kopie des Standardwerkes, die Dissertation von Hans-Jürgen Seraphim aus dem Jahre 1948 mit dem Appell:

Kümmere Dich mal um das Thema!

Diese Schrift lag nun an „meiner Bettkante“, sie hat mich nicht mehr losgelassen.

Daraus sind dann zwei Bücher entstanden und diese Website.

Auch zwischenmenschlich habe ich Dr. Franz Möller viel zu verdanken.

Zur Buchvorstellung Wenn der Bauer pfeift, müssen die Heuerleute kommen! war er in seinem hohen Alter von 85 Jahren aus dem Rheinland persönlich angereist.

Am 13. April 2018 ist er eine Woche nach dem Tod seiner Gattin in seinem Wohnort Bad Honnef verstorben.

Ehrenlandrat Dr. Franz Möller gestorben

http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/siebengebirge/bad-honnef/Ehrenlandrat-Franz-M%C3%B6ller-im-Alter-von-87-Jahren-gestorben-article3828855.html

https://lebenswege.faz.net/traueranzeige/franz-moller/53405282

http://diebadhonnefer.de/tod-von-ehrenlandrat-dr-franz-moeller-loest-tiefe-betroffenheit-aus/

http://www.general-anzeiger-bonn.de/region/sieg-und-rhein/sankt-augustin/Ehemaliger-Landrat-Franz-M%C3%B6ller-in-Hangelar-beigesetzt-article3834792.html