Weitere Verbände

Die Lengericher Heuerleute-Versammlung beschloss die Gründung eines Vereins auf christlicher Grundlage. Er solle mit dem sozialistischen „Nordwestdeutschen Heuerlings-Verband“, der sich kurz zuvor im benachbarten Kreis Bersenbrück unter Leitung des späteren SPD-Reichstagsabgeordneten Wilhelm Helling (1881-1925) konstituiert hatte, nichts zu tun haben und sich möglichst einer größeren christlichen Organisation anschließen.

In Frage kam der zentrumsnahe „Westfälische Bauernverein“ (WBV), der in diesen Tagen im Emsland massiv für sich warb, um die Organisationsrate unter den Bauern zu erhöhen und gleichzeitig sein angestammtes Terrain gegen den hier aktiv gewordenen rechtsorientierten und protestantisch geführten „Hannoverschen Landesverband“ zu verteidigen, der sich später dem weit rechts stehenden und unter deutschnationaler Führung befindlichen „Reichslandbund“ anschloss. Die Heuerleute hatten deshalb den Lingener WBV-Kreisvorsitzenden Carl Langenhorst (1880-1945)[i] aus Suttrup bei Freren eingeladen. Langenhorst hob hervor, dass der ins Leben gerufene Heuerlingsverein ein rein wirtschaftlicher Verein sei, der WBV hingegen ein wirtschaftspolitischer Verband. Deshalb sei in ihm ein Zusammenschluss aller erforderlich[ii]. Die emsländische WBV-Organisation machte sich 1920 unter dem Namen „Emsländischer Bauernverein“ (EBV) selbstständig[iii].

Bereits für den 16. Juni 1919 rief der Verband zur Gründung einer Ortsgruppe in Herzlake auf und für den 6. Juli in Haselünne. Eingeladen waren Heuerleute, Landarbeiter, Pächter und Dienstboten sowie in Haselünne die „hochw. Geistlichkeit“[iv]. Damit griff der Verband schon wenige Tage nach seiner Gründung über die Grenzen des Kreises Lingen hinaus. Einen Anschluss an den WBV, der von Bauern dominiert wurde, lehnte er ab.

Die Jahre 1919 und 1920 standen im Zeichen der Ausbreitung des „Vereins Christlicher Heuerleute, Pächter und Dienstboten“. Von der Gründungsversammlung im November 1919 in Freren ist ein Forderungskatalog des Interessenverbandes der ländlichen Unterschichten erhalten. Zu den Zielen, die der Verband verwirklicht sehen wollte, gehörten[v]:

  1. a) für die Heuerleute und Pächter:

– Schutz der Mitglieder in Miet- und Lohnsachen

– schriftliche Pachtverträge

– genaue Regelung der Arbeitshilfe bzw. den Verzicht darauf

– angemessene Entlohnung

– menschenwürdige Wohnungen

– Freiheit und Unabhängigkeit der politischen Betätigung

 

  1. b) für die Landarbeiter und ländlichen Dienstboten:

– Mindestlöhne nach den örtlichen Verhältnissen

 

Ende 1919 wurde die erste Ortsgruppe der Grafschaft Bentheim in Wietmarschen gegründet[vi]. Hier kam es zu einer Besonderheit. Der VCH war im Grunde eine Organisation katholischer Heuerleute und ländlicher Unterschichten. Vom Kreis Lingen dehnte er sich in die ebenfalls katholisch dominierten Emslandkreise Meppen und Hümmling aus, wobei im nördlichen Emsland seine Basis wegen der geringen Zahl der Heuerleute schwächer war als im Süden. Inwieweit hier verstärkt auf Knechte und Landarbeiter zurückgegriffen werden konnte, ist nicht bekannt. Im Kreis Aschendorf verzichtete der VCH noch auf eine Tätigkeit und den Ausbau einer Organisation. Vermutlich war die geringe Zahl der Heuerleute im Landkreis für diese Entscheidung ausschlaggebend. In der Grafschaft Bentheim gab es lediglich drei katholische Dörfer: Wietmarschen, Engden und Drievorden. Alle übrigen Ortschaften wiesen eine weit überwiegend reformierte oder altreformierte Einwohnerschaft auf. Trotz mancher Widerstände entschlossen sich viele evangelische Heuerleute des Bentheimer Landes, sich dem VCH anzuschließen. Für die strenggläubigen Protestanten war die Alternative, die Mitgliedschaft in einem Verband unter der Führung der seinerzeit noch klassenkämpferisch und stark atheistisch/kirchenfeindlich orientierten Sozialdemokratie, undenkbar. So gewann der VCH vornehmlich in der Niedergrafschaft Anhänger, kaum jedoch in der Obergrafschaft. Einerseits lebten in der Obergrafschaft wenig Heuerleute, andererseits gewann der kleinbäuerlich und protestantisch geprägte „Deutsche Bauernbund“ vor allem hier, doch auch in einigen Niedergrafschafter Gemeinden, Anhänger. Dabei setzte der „Deutsche Bauernbund“, der politisch der linksliberalen „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP) nahestand, vornehmlich auf konfessionelle Vorbehalte, um sich vom VCH und dem „Emsländischen Bauernverein“ abzusetzen[vii]. Im Osten des Kreises Lingen dehnte sich der VCH sogar über die Grenze des Emslands hinaus aus. Hier organisierte er hauptsächlich in den katholischen Gemeinden des Kreises Bersenbrück die Heuerleute, in den protestantischen Dörfern war demgegenüber größtenteils der sozialistische Heuerlingsverband präsent, den die katholischen Zentrumsanhänger jedoch vehement ablehnten. Beispielsweise existierte im Ort Grafeld, der zu 95% katholisch war, der VCH als einzige Heuerlingsorganisation[viii].

 

[i] Zu Langenhorst siehe: Bernhard Fritze/Helmut Lensing, Art. Langenhorst, Carl, in: EG Bd. 9, Haselünne 2001, S. 234-241.

[ii] FVB Nr. 23 vom 08.06.1919.

[iii] Zur Gründung landwirtschaftlicher Organisationen im Emsland während der Weimarer Republik siehe: Helmut Lensing, Die nationalsozialistische Gleichschaltung der Landwirtschaft im Emsland und in der Grafschaft Bentheim, in: EG Bd. 4, Bremen 1994 (weiterhin Lensing), 45-125, S. 48-51.

[iv] Volksfreund, Haselünne, Nr. 23 vom 07.06.1919, Haselünner Zeitung (weiterhin HZ) Nr. 26 vom 28.06.1919.

[v] FVB Nr. 47 vom 23.11.1919.

[vi] LVB Nr. 95 vom 26.11.1919.

[vii] Helmut Lensing, Der Deutsche Bauernbund in der Grafschaft Bentheim, in: Bentheimer Jahrbuch 1995 (= Das Bentheimer Land Bd. 133), Bad Bentheim 1994, S. 241-261.

[viii] Hans Triphaus, Das Heuerlingswesen im Nordteil des Altkreises Bersenbrück im ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Osnabrücker Nordlandes (= Schriftenreihe des Kreisheimatbundes Bersenbrück Nr. 19), Quakenbrück 1981, S. 46.