Der heutige Domkapitular Alfons Strodt (Osnabrück)

Kindheit und Jugend

Alfons Strodt wurde 1949 in Osterbrock auf einem Siedlerhof geboren. Er wuchs plattdeutsch inmitten von acht weiteren Geschwistern in einer unbeschwerten Kindheit auf.

Sein Vater Aloys war noch in Heuerlings -Verhältnissen im benachbarten Bramhar/Lingen groß geworden. Der ergriff 1933 die Gelegenheit, in die Eigenständigkeit zu gehen und erwarb die Siedlerstelle 1 auf dem ehemaligen „Gut Geeste“.

 

Im Hause Strodt wurde Plattdeutsch gesprochen, aber auch Deutsch: nämlich beim gemeinsamen Beten und wenn Besucher kamen, die kein Platt verstanden. 

Alfons besuchte zunächst die Volksschule in Osterbrock, da sprach er noch mit den meisten Mitschülern Platt. Im Gymnasium Meppen hat er sich dann sonderbarerweise mit keinem der Mitschüler mehr auf Platt unterhalten, obwohl die meisten doch zu Hause auch niederdeutsch sprachen.

Studium in Rom

Das siebenjährige Theologiestudium in Rom begann für ihn mit dem Erlernen der ihn nun umgebenden Alltagssprache Italienisch und der Vertiefung seiner Kenntnisse in Latein. Denn in den ersten beiden Jahren  waren alle Vorlesungen in Philosophie und Theologie noch in lateinischer Sprache.

Ab dem Herbst 1971 war das Regelstudium dann in Italienisch, Optionalkurse gab es in Deutsch, Englisch und Spanisch. Strodt tat sich mit den Sprachen nicht schwer, bedauerte aber sehr, in Rom keinen Menschen zu haben, mit dem er plattdeutsch reden konnte. In der ansonsten wunderbaren Atmosphäre der Ewigen Stadt spürte er zum ersten Mal, wie sehr er in seiner Familie, seinem Dorf und der plattdeutschen Sprachen beheimatet war und litt manchmal unter Heimweh. Darüber half ihm das Verfassen von plattdeutschen Gedichten hinweg. Er war immer sehr bewegt, wenn Pilger aus Nordwestdeutschland kamen, wenn Busse mit den Kennzeichen MEP, LIN, ASD, VEC oder CLP etwa beim Vatikan anhielten. Dann stürmte er sofort auf die Leute zu, sprach sie an und man verstand sich sofort: Watt, du kumms ut Osterbrook bi Möppen?….

 

Aufenthalte in Spanien und Frankreich ermöglichten ihm den Zugang zu den jeweiligen Landessprachen und Kulturen und Traditionen, so dass er in diesen Sprachen Gottesdienste und Predigten halten konnte. Später kam dann noch das Niederländische dazu.

Im Gespräch gibt Alfons Strodt zu bedenken: Plattdeutsch als Grundlage und dann Hochdeutsch ab dem 6. Lebensjahr in der Schule waren wohl eine gutes Fundament zum weiteren umfangreichen Spracherwerb.

Alfons Strodt als Kaplan

Ich wurde ich zunächst nach Rulle versetzt, wo insbesondere die Bauern noch Plattdeutsch sprachen. Das war allerdings mehr ein westfälisches Platt. Dort konnte ich mich aber doch recht gut eingewöhnen. Ähnlich war es im nachfolgenden Einsatzort in Voxtrup. Ich merkte immer recht deutlich, dass auch dort vornehmlich die Bauersleute sich freuten, wenn sie mit mir platt sprechen konnten. Damit hatte ich einen besonderen Zugang zu diesen Menschen.

 Als Sekretär des Bischofs

Im Jahre 1984 wurde Alfons Strodt von dem damaligen Bischof von Osnabrück Helmut Hermann Wittler zu dessen persönlichen Sekretär berufen. Damit verbunden war die Beauftragung der Förderung der geistlichen Berufe. Bischof Helmut Hermann äußerte sich auch zum Plattdeutschen  mal so: Alfons, man merkt immer wieder, dass Du aus der plattdeutschen Kultur kommst! Und das war nicht negativ gemeint. Denn ihm war aufgefallen, dass plattdeutsch-tickende Menschen bildlicher, direkter und weniger abstrakt denken und sprechen.

Auch bei Wittlers Nachfolger im Amt des Bischofs, dem von einem Bauernhof aus Velen kommenden Ludwig Averkamp, war Strodt noch ein Jahr als Sekretär tätig. Mit ihm und seiner Schwester habe ich mich oft auf Platt unterhalten.

 Pfarrer in Haren

Der Unterschied zwischen dem Emsland und Osnabrück war und ist eindeutig die regionale Ausprägung der plattdeutschen Sprache. Hier im Emsland ist mein Zuhause. Schon nach der ersten Sitzung war mir klar, dass eine Klärung des jeweiligen Sprachgebrauchs anstand: Man hampelte rum zwischen Plattdeutsch und Hochdeutsch. Deshalb wurde beschlossen, in den Diskussionen plattdeutsch sprechen und die Protokolle auf Hochdeutsch zu formulieren.

Somit hatte ich als Priester das Privileg, mittendrin im Geschehen zu sein.

Dieser Umstand war hier besonders wichtig, weil ich eine schwierige Hypothek meines Vorgängers aufzuarbeiten hatte. So war auch da der Zugang zu den Betroffenen über das Plattdeutsche eine wesentliche Hilfe, denn da war viel Vertrauen in die Kirche kaputt gegangen. Und ich glaube, dass ich durch die Möglichkeit der plattdeutschen Sprache einen anderen Zugang hatte, der auch in der Direktheit dieser Sprache liegt und verschlossene Türen viel leichter öffnen kann. Das war insgesamt eine schwierige Zeit für alle Beteiligten, für die gesamte Pfarrgemeinde.

Pfarrer in Nordhorn

Hier war der Plattdeutschanteil in der priesterlichen Arbeit nicht so intensiv wie in Haren. Ich merkte die unterschiedliche Mundartprägung in der Nieder- und Obergrafschaft und den Einfluss des Niederländischen, der größer ist als im Emsland. Besonders interessant waren die plattdeutschen Begegnungen mit meinen evangelischen Kollegen, die fast durchweg aus Ostfriesland stammten.

Wenn ich in meiner Funktion als Geistlicher zu älteren Menschen ins Krankenhaus kam und sie erlebten, dass ich Plattdeutsch sprach, dann fingen sie an zu leuchten und fragten erstaunt: Watt, I  bünt Pastor?…. und dann hatte ich gleich einen ganz besonderen Zugang. Vor allen Dingen bei Menschen, die durch ihr Alter wieder „in der Kindheit“ waren, heute sprechen wir von Demenz. Dann fühlten diese Menschen sich gleich  geborgen und zu Hause.

 Resümee als Domkapitular 

 Als Domkapitular seit 2005 habe ich wieder Gelegenheit, mit emsländischen Mitbrüdern regelmäßig Platt zu sprechen, und Bischof Franz-Josef Bode freut sich jedes Mal, wenn er uns zuhören kann. Es sieht darin auch ein Zeichen, dass es uns gut geht.

Plattdeutsch ist eine Sprache, das ist kein Dialekt. Ein Zeichen, dass es uns gut geht!

Ich sehe, dass immer weniger Leute es sprechen. Und viele, die es noch ein wenig sprechen können, sprechen es in Hochdeutsch mit ein paar plattdeutschen Wörtern. Aber damit sprechen sie kein originäres Platt mehr.

Platt ist für mich auch ein Stück Heimat, die verloren geht. Ich glaube nicht, dass es dort noch ein Umschwenken geben wird.

Dabei ist es solch eine reiche Sprache, die nicht abstrakt ist, mit so vielen Bildern. Allerdings hat sich die plattdeutsche Sprache auch nicht entsprechend weiterentwickelt in den letzten Jahrzehnten. Anders dagegen ist es im Hochdeutschen. Dort sind eine Reihe von Anglizismen eingezogen.

Das kann ich heute auch im Italienischen und Spanischen verspüren. Ich bin ja nun seit 42 Jahren aus Italien weg. Wenn ich heute wieder dorthin komme, dann verspüre auch dort eine Weiterentwicklung im Wortmaterial, ähnlich ist es in Spanien.

Ich stelle also deutlich eine Weiterentwicklung in den mir geläufigen lebenden Sprachen fest.

Im Plattdeutschen ist es parallel so, dass dort mehr hochdeutsche Wörter sich eingeschleust haben ohne dort angenommen worden zu sein. Das zeigt sich zum Beispiel am Wort „Welthandelsorganisation“, das lässt sich nicht originär in die plattdeutsche Sprache einfügen.

Das kann man persönlich so erleben, wenn man sich einmal die Mühe macht, tägliche Nachrichten in originäres Platt zu setzen. Dann muss man sich richtig hinsetzen und in die Satzbaustruktur eingreifen, indem man kurze prägnante Sätze formuliert,  die mit dem Originaltext nur noch im Inhalt Ähnlichkeit haben. Man muss dann nach Wörtern suchen, die eigentlich in ganz anderen Bildern zu Hause sind. Da hat die plattdeutsche Sprache ganz einfach den Anschluss verpasst. Martin Luther kam ja aus dem Plattdeutschen, er hat damals hochdeutsche Wörter geprägt. Aber es ist wohl unwahrscheinlich, dass wir heute wieder einen ähnlichen Reformator bekommen, der die plattdeutsche Sprache wieder in dieser Weise voranbringt.

Spruch seines von ihm hoch geschätztenVaters:

Alltied nen kloaren Kopp hollen und up’t Hätte lustern. Und dann kannste doun, wo et di am meisten hentreck.

Domkapitular Alfons Strodt lebt im ganz in der Nähe des Doms zu Osnabrück, etwa so sieht er ihn, wenn er aus dem Hause tritt…

Foto: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ADom-Osnabr%C3%BCck.jpg

Foto Haren: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/78/Haren_Emsbr%C3%BCcke.JPG

 

 

Einmalige Übersicht zu Heuerverhältnissen in Lohne

Dieser Veröffentlichung gelingt es in einprägsamer Weise, die besondere wirtschaftliche Lage der Heuerleute in und um Lohne/Oldenburg zu dokumentieren:

Besonders interessant ist hier der hohe Anteil der Seefahrer unter den Heuerleuten

 

Zwischenbilanz nach anderthalb Jahren

15. Januar 2018

Diese Website www.heuerleute.de wurde vor anderthalb Jahren bei WordPress (vorher jimdo) online gestellt.

In dieser Zeit sind mit dem heutigen Tage fast genau 340.000 Seiten aufgerufen worden.

Nach der Zählung von WordPress haben sich mittlerweile insgesamt 819 Seiten angesammelt.

Dabei handelt es sich bei www.heuerleute.de weiterhin um eine Art  „Ansammlung“ von eher kurzen Beiträgen zur Thematik in Nachfolge der beiden Bücher und der rund 100 Vorträge.

Hier muss und kann immer wieder nachstrukturiert werden…

Diese unorthodoxe Vorgehensweise mag in Fachkreisen vereinzelt auf Kritik stoßen, die Rückmeldungen von Interessierten ermuntern zum Weitermachen.

In diesem Jahr soll zunehmend erneut „über den Tellerrand“ geschaut werden. Dazu ist eine weitere Recherche – Tour im August vorgesehen.

Dabei wird wiederum über die besitzlose Landbevölkerung in anderen Teilen des deutschen Sprachraums (also auch in Österreich mit seinen Schwabenkindern und in der Schweiz mit dem bis heute nachwirkenden Verdingwesen) vor dem Hintergrund der mittlerweile umfangreichen Studien zum Heuerlingswesen in Nordwestdeutschland  berichtet werden.

Dazu soll ab Mitte des Jahres eine spezielle Website angelegt werden.

Mehrere Fachwissenschaftler haben bereits ihre unterstützende Mitarbeit durch entsprechende Beiträge und Beratung zugesagt.

Zur Lage einer kranken Heuerlingsfrau

 Ein Fallbeispiel

Schon beim ersten Betrachten fällt ein deutlicher Unterschied zwischen den beiden Personen auf: Der geradezu trotzig dreinschauende Mann, der sein ausgesprochen preußisches Selbstbewusstsein zur Schau stellt.

Daneben sehen wir die „arme“ Ehefrau, die die Welt nicht mehr sehen mag. Sie schaut nach unten, wenn sie nicht gar die Augen geschlossen hat.

Hier handelt es sich um ein Heuerlingspaar aus dem südlichen Emsland. Die Frau hat ein schweres Schicksal zu tragen, bei ihrem sechsten Kind hat sie einen Gebärmuttervorfall erlitten, der damals nicht zu operieren war. Für den medizinischen Laien: Die Gebärmutter ist im Rahmen der Geburt aus dem Unterleib der Frau herausgetreten und sie lässt sich nicht dauerhaft wieder in den Innenkörper zurückführen. Erst eine gynäkologische Operation kann hier Abhilfe schaffen. Diese gab es aber damals noch nicht.

Da braucht man keine große Vorstellungskraft, wie auf der einen Seite diese Frau körperlich leidet und sie dadurch nahezu völlig eingeschränkt ist, sie aber auf der anderen Seite angesichts der Fülle der zwangsläufig täglich anfallenden Arbeiten im Haus, auf der Diele,  draußen im Garten und auf dem Feld ihr Elend doppelt schlimm empfinden muss.

In diesem Falle mussten die Kinder stellvertretend für die Mutter Pflichtarbeiten auf dem Hof übernehmen und natürlich auch zuhause noch intensiver mithelfen.

Dieser heute kaum noch vorstellbare körperliche Makel barg außerdem noch die ständige Gefahr in sich, dass hier ein enormes Einfallstor für Infektionskrankheiten gegeben war.

So geht insbesondere Jürgen Schlumbohm  in seiner umfangreichen Fallstudie über den Ort Belm  in der Nähe von Osnabrück auch auf die Krankheiten und die Sterbehäufigkeit ein:

Lebensläufe, Familien, Höfe: Die Bauern und Heuerleute des Osnabrückischen Kirchspiels Belm in proto-industrieller Zeit, 1650-1860, Göttingen 1994; 2. Auflage 1997. ISBN 3-525-35647-1

Gerade rund um die Geburt von Kindern lag für die Mütter ein besonderes Sterberisiko, vornehmlich beschrieben mit dem Begriff „Kindbettfieber“. Für uns heute kaum noch vorstellbar ist wohl, dass der zurückbleibende  Ehemann in der Regel schon nach zwei oder drei Monaten wieder heiratete. Aber die Arbeit musste weitergehen und getan werden…

Foto: Archiv Robben

Die ersten Schulerlebnisse von Martha Herkenhoff (Hagen)

Als die Heuerlingstochter Martha Herkenhoff (geb. Koch) 1934 in die Schule kam, musste sie erst einmal Hochdeutsch lernen, denn zu Hause wurde nur Platt gesprochen. Es dauerte einige Zeit, bis sie im Unterricht wie die anderen reden konnte, so erzählt sie. Und diese Zweisprachigkeit hat sie bis heute begleitet.  Erlebnisse aus der Schulzeit und ihrem weiteren Leben hat die in Hagen am Teutoburger Wald lebende Martha Herkenhoff in plattdeutscher Sprache aufgeschrieben und als Buch herausgebracht. Etliche Texte daraus finden sich auf dieser Website.

 

Und das Video dazu:

Bericht eines ehemaligen Chefarztes…

… eines Krankenhauses in Norddeutschland ( geb. 1930 ) – mir persönlich bekannt

Hier handelt es sich um ein absolutes Tabuthemen im Süden Deutschlands. Da wird ganz hart „gemauert“.

Ich habe auch dazu – beim Blick über den Tellerrand des Heuerlingswesens – schon im vorletzten Jahr in mehreren Orten Bayerns recherchiert und Videointerviews geführt. Hier Beispiele dazu:

http://www.heuerleute.de/das-heuerlingswesen-im-vergleich-zu/zeitzeugen-als-gewaehrsleute/august-knoefer/

http://www.heuerleute.de/das-heuerlingswesen-im-vergleich-zu/zeitzeugen-als-gewaehrsleute/anni-grumbach/

http://www.heuerleute.de/ludwig-zellhuber/

Auch in diesem Sommer plane ich weitere Gespräche – vornehmlich in Baden und Württemberg, aber auch in Niederbayern und der Oberpfalz –  mit ausgesuchten Zeitzeugen.

 Als junger Ass. Arzt habe ich in Süddeutschland einen Landarzt wiederholt vertreten. Dazu gehörten auch Hausbesuche im entsprechenden Landkreis. Dabei hatte ich den Eindruck, dass die alten Leute auf den Höfen, die nicht mehr arbeiten konnten, schlecht untergebracht und schlecht versorgt wurden.

Ich habe den sehr erfahrenen Landarzt, der noch während des letzten Krieges mit der Kutsche seine Hausbesuche machte, darauf angesprochen. Er sagte mir, dass meine Vermutungen auch seinen Beobachtungen entsprächen. Er meinte, dass nirgends so schlimm mit alten Menschen umgegangen werde, wie auf einem Bauernhof, wenn sie nicht mehr arbeiten können, sondern nur noch zur Last fallen. Die Dunkelziffer der Menschen, die so umkommen, sei wahrscheinlich hoch!