Ab wann fand die besitzlose Landbevölkerung Aufnahme in den Städten
Wozu noch Sozialgeschichte? : eine Disziplin im Umbruch : Festschrift für Josef Mooser zum 65. Geburtstag von Pascal Maeder und Josef Mooser Göttingen 2012
In diesem Buch wird auf Seite 38 beschrieben, wie auch in anderen Regionen das Verhältnis zwischen Bauern und nichtbesitzenden Landbewohnern sich gestaltete und ab wann diese in Preußen endlich ständige Zuflucht in den Städten fanden.
Als Heuerleute Unternehmer werden wollten…
In allen Gegenden Norddeutschlands waren über viele Jahrzehnte
Heuerleute als Holzschuhmacher
unterwegs gewesen und hatten sich damit ein Zubrot verdient.
Insbesondere nach dem 2. Weltkrieg lösten zunehmend Maschinen die Herstellung dieses kostengünstigen Schuhwerks ab.
Einige Heuerleute kauften sich diese Fertigungsmaschinen, um so einen Vollerwerb einrichten zu können.
Mit der Auflösung des Heuerlingswesens in den 50er Jahren trugen die Menschen auf dem Lande auch keine Holzschuhe mehr.
Und zeitgleich mit dem Verschwinden der Holzschuhe begann auch der rapide Rückgang der Vermittlung der plattdeutschen Sprache an die nachfolgende Generation.
Die Lehrer setzten sich nun durch.
In Ergänzung zum Beitrag:
Ein Kotten aus Südlohn mit trauriger Vorgeschichte.
Dieses translozierte ehemalige Heuerhaus steht heute in der Museumsanlage in Vreden.
Foto: Archiv Robben
Der erste Besitzer war der Bauer Schulze Ebbink aus Südlohn im Kreis Borken. Im Jahre 1837 wurde sein Gehöft durch einen schweren Sturm verwüstet, was ihn in finanzielle Not brachte.
Darum verkaufte er dieses Heuerhaus.
Durch Heirat der Tochter des Nachbesitzers gelangte es 1892 in das Eigentum des Holzschumachers Johann Henrich Schlüter. Da dessen Beruf zu wenig einbrachte, war er auch noch als Tagelöhner und Holzfäller unterwegs. Leider begann er zu trinken und drangsalierte seine Frau und die Kinder, die dabei ebenfalls auf die schiefe Bahn gerieten.
Alkoholmissbrauch war damals schon weit verbreitet.
Foto: Heimatverein Vreden
Bernard Schlüter (1912-1980) war der jüngste Sohn aus dieser Ehe. Er blieb Junggeselle. Er starb verarmt im Alter von 68 Jahren. Zunächst wollte die Gemeinde Südlohn das Anwesen kaufen. Dann fühlte man sich dort jedoch von den hohen Wiederaufbaukosten abgeschreckt. So gelangte das ehemalige Heuerhaus in die historische Hofanlage von Vreden.
Siehe auch: Heuerhäuser im Wandel Vom ärmlichen Kotten zum individuellen Traumhaus Robben/Skibiki/Lensing/Strodt, Haselünne 2017, Seite 193
Justus Möser zur Lage der Heuerleute
Justus Möser wurde 1720 in Osnabrück geboren und starb dort 1794.
Er war aber weit darüber hinaus bekannt als
- Jurist: Er gilt als der Akteur, der das germanische in das römische Recht überführte. Damit hat er Einfluss auf das deutsche Recht genommen.
- Literat: Mösers schriftstellerische Leistungen sind umfangreich in den Bereichen Geschichte, Theater und Literatur.
- Historiker und Volkskundler: Er hat uns dabei
auch eine Fülle an Veröffentlichungen zum Brauchtum und der Volkskunde überlassen. - Politiker: Goethe lobte ihn als den „Patriarchen von Osnabrück“. Möser beförderte durch seine Schriften die Entwicklung des deutschen Nationalismus.
- Er hat sich auch zur Lage der Heuerleute geäußert:
Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Justus_M%C3%B6ser#/media/File:M%C3%B6serJ.jpg
Dieses Buch erschien 2001 in Osnabrück als Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung der Universität Osnabrück in Kooperation mit dem Museum Jannink in Enschede.
Dort findet sich auf Seite 13 diese Abhandlung Mösers zur Hollandgängerei in den Wöchentlichen Osnabrückischen Anzeigen aus dem Jahre 1767:
Heuermann Rudolf Dunkmann berichtet über sein Verhältnis zum Bauern
Es war oft damals zwischen dem Bauern, also dem Besitzer, und den Heuerleuten kein idealer Zustand.
Die Bauern, die hatten das noch so im Kopf, wie das früher war: Das sind unsere Dienstleute, die müssen es so machen, wie wir es wünschen.
Auf dem großen Hof Schulte-Herkendorf (war es üblich), bei einmal Blasen mußte einer kommen, bei zweimal Blasen, da mußten sie doppelt kommen. (Die Heuerlinge) konnten ruhig ihr Korn hochreif haben und gerne einfahren wollen, nichts, erst kam der Bauer.
Und das war bei unserem Bauern auch so ähnlich. Ich habe mich in der ersten Zeit drin geschickt. Ich bin zu Hause geblieben, bin zum Bauern gegangen und habe morgens um 4.00 Uhr die Sense gezogen und habe Gras gemäht. Man mußte ja praktisch.
Der (Bauer) war überhaupt so ein bißchen unbequem, der hatte auch so seine Mätzchen. Der wollte uns umwechseln von einer Heuerstelle in die andere. Und das ist ja wohl verständlich, daß man das nicht gerne tut. Dann nahm er uns das halbe Land weg, da konnten wir nur noch eine Kuh halten. Da haben wir uns auch mit abgefunden. Und dann starb mein Vater. Mein Vater war einer von der alten Sorte, der meinte, der Bauer, das wäre der Herrgott, und wenn der Bauer ins Haus kam, dann bebte er schon vor Angst.
Und als mein Vater nicht mehr da war, da mußte ich fürs Ganze geradestehen. Ich habe mich nicht ganz so unterkriegen lassen, ich habe etwas meinen eigenen Willen gezeigt. Und dann dauerte es vielleicht zwei Jahre, dann war ich auf der Suche nach einem Bauplatz. Ich habe meinen Bauern danach gefragt, wie es wäre, ob er nicht einen Bauplatz für mich hätte. Und seit der Zeit war der Mann wie umgewandelt.
Quelle: Sauermann, S. 51.
Der besonder Zeitzeuge Rudolf Dunkmann 2
Leinenaussteuer der angehenden Bäuerin
Zur Aussteuer einer Bauerntochter eines 25 – 30 ha großen Hofes gehörte ein Koffer voll Leinen, das waren 30 bis 50 Rollen. Gingen mehrere Töchter ab, dann verringerte sich natürlich die Aussteuer bei jeder einzelnen. Genähte Hemden bekam die Braut mindestens 13 mit. 13 mußten es sein, weil nur einmal vierteljährlich gewaschen wurde … Die Frauenhemden waren ziemlich lang und mit kurzen Ärmeln. „Weenlaschen“ wurden als vier eckige Achselstücke eingesetzt. Zur Verbreiterung nach unten wurden beiderseitig „Spielen“, das sind lange, keilförmige Einsätze, eingesetzt. Die Brauthemden waren für beide verziert. Das Hemd des Bräutigams war an der vergrößerten Halspasse, den Schultern und den Ärmelbündchen durch mit rotem Garn ausgeführtem Kreuzstichmuster verziert. Die Brauthemden wurden später nur noch als Leichenhemd benutzt. Die Braut brachte auch Hemden für den Bräutigam mit. Ein Totenlaken, das meine Mutter als Aussteuer mitbekommen hatte, wurde in meinem Elternhause zweimal bei Beerdigungen meiner Geschwister unter den Sarg gelegt. Die beiden Anfangsbuchstaben des Namens der Braut waren schlicht weiß in die Ecken der Bettwäsche und Tischdecken eingestickt … Die Näherin nähte die Aussteuer auf dem Hofe der Braut. Ihr wurde dort eine der vorhandenen Stuben zum Arbeiten zugewiesen. Gern zeigte die Braut ihre Aussteuer (den) Frauen aus der Nachbarschaft und der Verwandtschaft. Daran anschließend gab es dann ein „Köppken Koffei“ mit Zwieback. Vereinzelt wurde mal ein Leinenkoffer von innen mit Stoff ausgeschlagen.
Oft bekam die Braut als Mitgift ein Stück Vieh, meist Kuh oder Rind, mit. Dieses Tier wurde ungeschmückt hinter dem Kistenwagen mitgeführt. Heute hat man das nicht mehr.
Quelle: Sauermann, S. 134-135.
Der besondere Zeitzeuge: Heuermann Rudolf Dunkmann
Kaum ein anderer Heuerling hat so umfangreich und kompetent berichtet.
Insbesondere durch die Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftler Prof. Dr. Dietmar Sauermann (Uni Münster) kamen diese besonderen Zeitzeugnisse zustande.
Download:http://www.lwl.org/voko-download/BilderNEU/422_023Sauermann_MU.pdf
Deshalb sollen hier nachfolgend nach und nach Texte von ihm eingestellt werden:
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Lippische Ziegler
Östlich von Bielefeld befindet sich das Lipper Land.
Die Heuerleute aus dieser Gegend nennt man Lipper (Lippische) Ziegler wegen ihrer besonderen beruflichen Fähigkeiten.
Wegen der Kargheit der Lebensbedingungen in ihrer Heimat waren sie auf Wanderarbeit angewiesen. So boten sie vor allem in den nördlichen Teilen Deutschlands, aber auch in Dänemark und vor allem in den Niederlanden ihre Kenntnisse und Fertigkeiten in der Herstellung von Ziegeln an.
By K.-P. Wessel (Kreis Lippe.png) [Public domain], via Wikimedia Commons
Im 19. Jahrhundert verließen bis zu 40% aller männlichen Erwerbstätigen in jedem Frühjahr das Fürstentum Lippe. Bis zum Herbst arbeiteten sie im Norden Deutschlands, in den Niederlanden, in Skandinavien und Osteuropa auf Ziegeleien. Die saisonale Wanderarbeit der lippischen Ziegler geht bis in das 17. Jahrhundert zurück. Die Verwaltung des Fürstentums Lippe registrierte sie in allen Einzelheiten. Für die Jahre von 1778 bis 1869 gibt es im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen (LAV NRW), Abteilung Ostwestfalen-Lippe, in Detmold über 100.000 Daten zu mehr als 30.000 Zieglern. Nirgendwo sonst auf der Welt lassen sich so viele und dichte Informationen zu Saisonarbeitern mit Herkunft und Zielort für eine derart lange und frühe Zeit in diesem Umfang finden. Für die Geschichte der Migrationen, der Arbeit und der Familie sind sie von unschätzbarem Wert, aber auch für Genealogen mit Vorfahren aus Lippe.
Dank der Zusammenarbeit zwischen dem Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam (IISG) und dem LAV NRW werden diese Daten, eingebettet in ihrem historischen Kontext, zur Verfügung gestellt.
aus: http://www.iisg.nl/migration/ziegler/
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zieglerdenkmal-kalldorf.jpg
Knaben, kaum der Schule entlassen, blühende Jünglinge, Männer in den besten Jahren und solche, die dem Greisenalter nahe, sieht man mit großmächtigen Reisesäcken auf dem Rücken daher ziehen. Ist die Frostgefahr vorüber, so gehen sie wacker an die Arbeit. Sie graben Ton, mahlen ihn (früher in den schwerfällig von Pferden getriebenen Radradien), formen Steine und Pfannen, trocknen sie und bedienen den Ofen. Ein Ziegelmeister ordnet und überwacht alles. Ein eigener heimatlicher Koch sorgt für die notwendige Atzung. Diese ist derb und deftig.
Erbsen und immer Erbsen sind tägliche Kost und dazu Wurst, Speck und Schinken aus dem heimischen Vorrat. Denn das verdiente Bargeld muß der Gattin oder den alten Eltern heimgebracht werden, die inzwischen mit Hilfe der Kinder mühselig den Garten und das Stückchen Acker bestellt, für das Vieh, vor allem für die zahlreichen Ziegen gesorgt und Haus und Hof in Ordnung gehalten haben. Wehe dem, der sich zu unnützen Ausgaben hat verleiten lassen und die erwarteten 100 Taler nicht abgeben kann. Verachtung ist der Lohn.
O. Reißert, Weserbergland und Teutoburger Wald, Bielefeld 1909, Seite 123















