Siedlerstellen entstehen 2

Nach dem 2. Weltkrieg waren noch weite Moorgebiete im westlichen Emsland landwirtschaftlich ungenutzt.

Das änderte der Emsland – Plan, der am 5. Mai 1950 vom Bundestag verabschiedet wurde.

Nun wurden Ottomeyer – Dampfpflüge eingesetzt:

Heuerleute bekommen Siedlungsland 1

Besiedlung des Cappelner Moores

Bis zum Jahre 1923/24 war das Gebiet des Cappelner Moores in der Gemarkung Schwagstorf nahezu unberührt. Große Teile von Moor- und Ödlandflächen lagen brach oder wurden nur zum Torf- bzw. Plaggenstechen genutzt. Fast sämtliche Vollerben, Halberben, Erb- und Markkötter aus Schwagstorf waren in diesem Gebiet Eigentümer eines Grundstücks. Mit Ausnahme von einigen unbefestigten Moor- und Sandwegen war es völlig unerschlossen.

Anfang der 20er Jahre wurde von der damaligen Regierung die Ansiedlung neuer landwirtschaftlicher Betriebe in die Wege geleitet und gefördert.

Im Gebiet des Cappelner Moores begann es mit einem Umlegungsverfahren — heute Flurbereinigung. Die Umlegungsfläche betrug 220 ha.

Dieses Verfahren lief über mehrere Jahre. Die Zuteilung der neuen Flächen erfolgte im Oktober 1929. In diesem Verfahren erwarb die Kreissiedlungsgesellschaft Wittlage eine Fläche von rund 124 Hektar. Für Wege wurde eine Fläche von rund acht und für Gräben eine von etwa fünf Hektar ausgewiesen.

Die Kreissiedlungsgesellschaft gab ihre Flächen an die Siedler weiter. Vorgesehen war, daß die Siedler für ihre Existenz eine Fläche von etwa elf bis zwölf Hektar benötigten. Aufgrund der Verschiedenheit der Flächen gab es Zu- oder Abschläge, so daß die tatsächliche Zuteilung zwischen neun bis zwölf Hektar lag. Einige Siedler hatten bereits in den Jahren 1923/24 selbst Grundstücke erworben. Große Unterstützung erfuhren sie durch den damaligen Kreisbaumeister Petsch und Landrat Glaß. Mit dem Bau der ersten Siedlungshäuser wurde 1923/24 begonnen. Die ersten Neubauten konnten im Herbst 1924 bezogen werden. Die meisten Siedler kamen aus den angrenzenden Gemeinden Venne, Hunteburg und Dielingen und hatten dort Heuerlingsstellen inne gehabt.

Ein kleiner Teil der Flächen wurde den Familien kultiviert übergeben. Der größte Teil, etwa sechzig Prozent, mußte von den Leuten noch selbst zur landwirtschaftlichen Nutzung hergerichtet werden. Maschinen waren nicht vorhanden, so daß nur Handarbeit übrigblieb. Dies geschah meistens unter Einsatz von Loren und Gleisen und mit Pferd und Wagen mit selbstgebauten Kippbehältern.

Die bekannten Pflüge der Firma Ottomeyer, Bad Pyrmont, die von zwei gegenüberstehenden Dampfmaschinen gezogen und achtzig Zentimeter tief pflügten, konnten wegen Geldmangels nicht eingesetzt werden. Dies geschah erst Mitte der dreißiger Jahre. Die Leistungen dieser Pflüge waren enorm. Noch heute sprechen die älteren Leute von diesen Maschinen.

In der Gemarkung Schwagstorf wurden von 1923 bis 1931 elf Siedlerstellen errichtet. Die Siedlerstelle des Friedrich Winter entstand im Jahre 1936. Zunächst wurde die Fläche erworben. Sein Heuerlingshaus im sogenannten »Alten Wolf« wurde 1942 durch eine Luftmine zerstört. Dann baute Siedler Winter ein neues Haus. Der Siedler Schomaker hat sein Haus auf Welplager Gebiet errichtet. Früher bewohnte er einen Kotten von Gut Wahlburg. Dieses Haus brach er ab und baute es an der Welplager Grenze wieder auf. Ebenso handelte Siedler Möhlmeyer, der zuvor im Kotten vom Gut Vorwalde wohnte.

Sämtliche Wege im Siedlungsgebiet waren unbefestigt. Die Entfernung bis zur Hunteburger Straße betrug bis zu zwei Kilometern. Das war für Kinder, die die Schulen in Broxten und Hunteburg besuchten, ein Schulweg von bis zu sieben Kilometern und eine echte Strapaze. So kam im Jahre 1951 der Plan auf, für die Kinder dieses Gebietes und zum Teil aus dem Ortsteil Vor dem Bruche eine eigene Schule zu fordern: Zu dieser Zeit waren genug Kinder für eine einzügige Schule vorhanden. Wiederholt wurden Besprechungen mit dem Schulrat Bibow geführt. Doch der Plan wurde von der Regierung abgelehnt, da die erforderliche Kinderzahl langfristig nicht gesichert war.

Die vor dem Kriege geplante Elektrifizierung dieses Raumes vor dem Bruche mußte wegen der Kriegsereignisse zurückgestellt werden. Sie wurde erst nach dem Krieg im Jahre 1948 fertiggestellt. Dieses besondere Ereignis war unter den unmöglichsten Bedingungen zustandegekommen. Die Leitungsmasten mußten selbst besorgt und unter Aufsicht der Nike aufgestellt werden. Der erforderliche Kupfer- und Aluminiumdraht mußte ebenfalls selbst besorgt und der Nike zum Montieren übergeben werden. Alle Gegenstände waren vor der Währungsreform nur gegen Butter, Speck, Eier, Kartoffeln usw. zu bekommen. Als aber erstmals das elektrische Licht eingeschaltet werden konnte, war dies ein Freudenfest, und die Älteren erinnern sich noch gerne an die sogenannten »Lämpchenfeste«, wofür die notwendigen Getränke (Rübenschnaps) selbst hergerichtet wurden.

 

Die ersten Wegebefestigungen erfolgten 1953 durch die Gemeinde Schwagstorf. Heute sind nahezu alle vorhandenen Wege asphaltiert. Damals, im Jahre 1953, wurden bei Friedrich Winter zehn Lastzüge Hochofenschlacke von Georgsmarienhütte und zwanzig Lastzüge auf den Wegen bei Büning und Schürmann abgeladen. Die erforderlichen Arbeiten wurden von den Siedlern im Wege der Hand-und Spanndienste ausgeführt.

Auf der Siedlerstelle Stegmann, heutiger Eigentümer ist Walter Winter, befand sich Anfang der dreißiger Jahre eine Hühnerfarm. Noch heute hört man häufig die Bezeichnung »Hühnerfarm«. Von 1936 bis zum Kriegsausbruch war in diesem Hause ein weibliches Arbeitsdienstlager eingerichtet. Die vier Siedlerstellen im sogenannten „Caldenhöfer Zuschlag« sind zehn Jahre später errichtet worden. Für die Siedler im „Cappelner Moor“ und „Caldenhöfer Zuschlag« war es keine leichte Arbeit. Sie können voller Stolz auf diese Jahre zurückblicken.

Seiten 141-146

Einsetzende Flurbereinigungen gaben den Heuerleuten keinen „Platz“ mehr

In diesem Buch wird auf den Seiten 145 bis 149 über die Flurbereinigung in Schwagstorf ab 1951 berichtet.

Und so geht Flurbereinigung:

Während viele Heuerleute vor der Flurbereinigung eher mit kleinen  – für die Bauern unrentablen – Flächen abgespeist wurden, fielen mit der „Verkopplung“ diese weg. Es gab nur noch größere Nutzflächen, die die Landwirte nun für sich allein beanspruchten…

 

Die Flurbereinigung—Teilnehmer fühlten sich benachteiligt

Von Wilhelm Jürgens

Im Jahre 1951 bereitete das Nieders. Kulturamt in Osnabrück eine Flurbereinigung in Schwagstorf vor.

In der ersten Anhörung waren einige dafür, doch viele dagegen. Man befürchtete, bei der Neuverteilung schlechteren Boden zu bekommen. Auch sah man die Notwendigkeit einer Flächenzusammenlegung nicht ein, denn um z. B. eine Fläche von 2 Scheffelsaat mit einem Gespann zu pflügen, benötigte man einen ganzen Tag. Außer einer Mähmaschine waren größtenteils größere Ackergeräte noch nicht vorhanden. Der Mist mußte mit der Forke aufgeladen und gestreut werden.

Besonders bei den größeren Betrieben setzte sich aber bald die Einsicht durch; daß eine Zusammenlegung ihre Vorteile hatte.

Nun ging es um die Größe des Flurbereinigungsgebietes. Einige der größten Betriebe fürchteten die Kosten und gaben nur Randgebiete in das Verfahren. Es mußte die Grenze des Gebietes genau festgelegt werden. Grenzsteine wurden gesetzt.

Innerhalb des Gebietes wurden nun Bodenproben entnommen, um die Güte jeder Parzelle festzustellen und zu kartieren. Dafür wurden vereidigte „Bodenschmecker“ eingesetzt. Dem Fachmann wurde ein „Hauer“ zugeteilt. Dieser mußte mit einem Holzhammer den Bohrer (Bodenentnahme) 50 bis 60 cm tief in den Boden schlagen.

 

Nach dem Herausziehen des Bohrers konnte man die Struktur des Bodens deutlich erkennen: Dicke der Humusschicht, Sand- oder Lehmuntergrund, Ortstein und vieles mehr. Auch wurde die Art der Gräser geprüft (Schachtelhalm ist Gift für die Milchkühe). Schließlich wurden die Ergebnisse der Begutachtung in einer Kane festgehalten. Das dauerte Wochen. Für das ganze Gebiet mußten die Bodenpunkte ermittelt werden.

Anschließend wurden vom Nieders. Kulturamt für jeden Flurbereinigungsteilnehmer die Bodenpunkte errechnet.

Jetzt hatte Bauer X nicht mehr 20 ha Besitz, sondern eine bestimmte Punktzahl. Diese war die Grundlage für die spätere neue Zuteilung.

Nun konnte man an die eigentliche Arbeit gehen: Straßen und Wege wurden neu eingemessen, Wasserläufe begradigt und ausgebaut. Acker- und Grünlandflächen sowie Wald wurden kartiert. Die Karte sah wie ein großer Fleckenteppich aus.

Der Felsener Esch, das Driehauser Feld, der Venner Esch, der Knoll und das Horster Feld waren die größten Flecken in diesem Teppich. Nun konnten die neuen Wege geplant werden. Sie sollten möglichst gradlinig und parallel zu Straßen oder Gräben verlaufen. So ist z. B. der alte Driehauser Feldweg total verschwunden.

Nach Beendigung dieser Arbeiten konnte bei einer Anhörung jeder Ei-gentümer seine Wünsche äußern. Verständlicherweise konnten nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Für die Flurbereinigungsbehörde begann nun die schwierigste Phase des Verfahrens: die neuen Flächen für jeden Besitzer mußten festgelegt werden.

Im Jahre 1957 waren die neuen Zuteilungspläne fertiggestellt. Von Raupen wurden die neuen Feldwege ausgeschoben. Für die neuen Parzellen mußten viele tausend Grenzsteine gesetzt werden. Als dann im Herbst 1957 bei dem Zuteilungstermin die neuen Flächen in Augenschein genommen werden konnten, war die Enttäuschung groß. Einige waren so empört, daß z. B. der Felsener Esch neu verteilt werden mußte.

Inzwischen sind 30 Jahre vergangen. Viele können sich an die alten Flächen nicht mehr erinnern.

Lieber ein Kind verlieren als eine Kuh!

Zunächst einmal diente in der stark  agrarisch geprägten vorindustriellen Gesellschaft die Haltung von Vieh vornehmlich der Eigenversorgung.

Das war insbesondere bei den Heuerleuten mit ihren geringen landwirtschaftlichen Flächen so.

Und hier hatte die Kuh unter den Nutztieren eine Sonderstellung. Sie war der lebenswichtige Eiweißlieferant.

Früher hieß es unter Heuerleuten: Lieber ein Kind verlieren als eine Kuh!

In diesem Ausspruch spiegelt sich die besondere Bedeutung der Kuh für die Heuerlingsfamilie wieder: Ein Kind konnte nachgezeugt werden – so abstoßend sich das aus heutiger Zeit auch anhören mag – eine Kuh konnte unter normalen Umständen für eine Heuerlingsfamilie erst über mehrere Jahre wieder erarbeitet werden. Der Verzicht auf Milch und Butter traf die Familie schwer, denn bei dem ohnehin schmalen Nahrungsangebot aus der Eigenversorgung fehlte ein wichtiger Nahrungsbaustein.

So kann man nach genauerer Sichtung der Heuerlingsliteratur davon ausgehen, dass  im Durchschnitt auf das gesamte Verbreitungsgebiet etwa 1,5 Kühe gehalten wurden. Nach der Aufteilung der Markengründe verloren die Heuerleute ja nahezu ersatzlos wichtige Weidegründe, die sie nur geringfügig kompensieren konnten durch die Beweidung der Wegeränder. Dafür war zusätzlich nun noch einen Hütung nötig, die fast durchweg von den Kindern übernommen werden musste, die Arbeitskraft eines Erwachsenen wurde an anderen Stellen dringender gebraucht. Deswegen konnte nun in vielen Heuerlingsfamilien nur noch eine Kuh gehalten werden, was in mehrfacher Hinsicht zu deutlichen Einbußen führte.

Auch die Schafhaltung war von dieser Entwicklung betroffen. Während vor Einführung der Markenteilungen in den Gebieten mit starkem Heideanteil einige Schafe (4 – 8) der Heuerleute in der Herde des Bauern mitlaufen durften und von einem Schäfer bewacht wurden, fehlten nun auch diese Voraussetzungen für eine erfolgreiche und den Unterhalt der Familie sichernde Viehhaltung. Dieser Makel konnte dann nur durch eine geringe Aufstockung des Schweinebestandes aufgefangen werden, eben so weit, wie es der Feldfruchtanbau auf den vorhandenen Ackerflächen ermöglichte. In der Schweinefütterung konnten nämlich – im Gegensatz zur Rinder – und Kuhhaltung – erfolgreich  Kartoffeln eingesetzt werden. Kartoffeln brachten nicht nur von der Erntemenge gegenüber dem Roggen größere Erträge. Auch in der Futterverwertung waren sie damals dem Getreide deutlich überlegen. Allerdings konnten sie nur gekocht als Schweinefutter verwertet werden. Das gab dann aber den früher so überaus begehrten – und heute verschmähten – Speck. Allerdings lässt sich heute noch auf Zeichnung und Fotos nachweisen, dass die überkommenen Schweinerassen eine recht dürftige Schlachtausbeute abgaben. Als das Borstenvieh noch zur Eichelmast in die Wälder getrieben wurden, waren es nicht selten Wildschweineber, die dort auftauchten und die bescheidenen Hausschweinzüchtungen wieder durchkreuzten, also wieder verschlechterten. Etwa um 1860 und in einigen Gegenden noch viel später wurden dann Schweinezuchten eingeführt, die ein erheblich besseres Schlachtgewicht erwarten ließen.

Immer wieder wurde von ehemaligen Heuerleuten in den Gesprächen darauf hingewiesen,  dass man damals der Aufzucht und Fütterung der Schweine einen ganz besonderen Stellenwert beigemessen habe. So erzählte im Jahre 2010 eine damals 86jährige noch sehr rüstige Frau, dass ihre Mutter sehr stolz darauf gewesen sei, dass der Dorflehrer sein jährliches Schlachtschwein ausschließlich bei ihr kaufte, weil es jeweils einen überdurchschnittlich guten Eindruck sowohl vom Gewicht als auch vom Gesamteindruck her gemacht habe. Das habe sich die Hürmanske allerdings auch teuer erkauft: Sie habe das Lehrerschwein regelmäßig mit Milchresten gefüttert, was zu einem weichen, hellen, ja fast glänzendem Borstenfell   geführt habe. Das sei dann immer wieder auch Dorfgespräch gewesen, ganz zum Verdruss einiger Bauern…

Ohnehin waren die Heuerleute ja auf Gedeih und Verderb – häufig im wahrsten Sinne des Wortes – auf möglichst „große“ Erfolge im Stall angewiesen. So waren sie peinlich darauf bedacht, dass in einem neuen Wurf Ferkel auch wirklich alle jungen Schweine am Leben blieben. Das war gar nicht selbstverständlich. So kam es in den engen Ställen durchaus vor, dass eine Sau eines oder gleich mehrere Ferkel tot lag. Das passierte besonders in den ersten Tagen nach der Geburt dann, wenn sie sich unkontrolliert hinlegte. Dabei erdrückte sie dann Mitglieder ihres Wurfes. Deshalb wachte man in den ersten Nächten am Stall. Die Heuerleute waren ja durch ihre enge Behausung ganz nahe am Geschehen: Wenn ein Ferkel erbärmlich schrie, waren sie schon da und konnten so Schlimmeres verhindern. Bei den Bauern mussten Knechte und Mägde diesen Wachdienst übernehmen, den diese dann auch schon mal verschliefen…

Dass etliche Bauern schon sehr genau beobachteten, was sich im Stall „ihrer“ Heuerleute abspielte, zeigt folgende Geschichte, die ein älterer Viehhändler erzählte, der auch noch viele  Geschäfte  mit Heuerleuten machte.  Nachdem er nun bei der Heuerfamilie sechs gemästete Schweine gekauft hatte – damals schon eine recht stolze Zahl für einen kleinen Heuermann – ging er auch zum Bauern rüber, um auch dort nach möglichen Umsätzen Ausschau zu halten. Sofort fragte die Bauersfrau nach dem Handelsgeschäft auf der benachbarten Heuerstelle. Dort habe ich sechs gute Mastschweine gekauft, erzählte ihr der Viehhändler. Völlig empört rannte die Bäuerin zu ihrem Mann und beschwerte sich: Hermann, da haben doch unsere Heuerleute sechs dicke Schweine verkauft, alles von unserem Land!

Auch andere ältere Viehkaufleute und ein Milchkontrolleur berichteten darüber, dass es ein Konkurrenzdenken in der die Haltung und Züchtung von Vieh und ebenfalls in der Produktion von Milch insbesondere von Seiten der Heuerleute gab: Sie waren fast täglich auf den Hof ihres Bauern tätig. Sie konnten also gute Erfahrungen im Umgang mit dem Vieh kopieren, erkannte Fehler jedoch vermeiden und so häufig bessere Ergebnisse beim Verkauf von Nutzvieh erzielen. Solche Begebenheiten erzählten sich schnell im Dorf herum, machten die Heuerleute stolz und einige Bauern ärgerten sich.

Sabine Wallmeier aus Brochterbeck berichtet über Heuerlingserfahrungen in ihrer Familie

 

Sabine Wallmeier, geb. 05.01.1967 als Älteste von 5 Kindern, Fachkauffrau für Außenwirtschaft, verheiratet, 2 erwachsene Kinder, kirchlich engagiert, Interesse an (Familien-)Geschichte(n)

Oma ist am 6. Februar 1917 in einem Heuerhaus in Lehen, Ibbenbüren geboren.

Opa ist am 1. März 1914 in Greven geboren.

1935 (im Alter von 21 Jahren) ist Opa als landwirtschaftlicher Gehilfe bei dem Bauern in Stellung gegangen. Dort hat er dann Oma kennengelernt.

Am 16. August 1936 erhielt Opa einen Einberufungsbescheid der Wehrmacht. Im November 1938 kehrte er nach Hause zurück und erhielt einen Anstellungsvertrag bei der Preussag.

Oma hat immer gesagt: „Du kannst ruhig bei der Preussag arbeiten — aber auf keinen Fall unter Tage.“ So wurde Opa Rangierer und später Fahrdienstleiter bei der Zechenbahn — bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1974.

Oma und Opa haben in einem 3-tägigen Kriegsurlaub von Opa 1940 kirchlich geheiratet, nachdem sie schon mehr als ein Jahr standesamtlich verheiratet waren.

Gewohnt haben Oma und Opa im Heuerhaus, wo Oma aufgewachsen war. Im Heuerhaus gab es drei Schlafzimmer; eine Küche, die quer durchs ganze Haus ging; eine Upkammer; eine Diele mit Schweinestall und Kuhstall. Die Toilette war draußen an der Diele angebaut. Hinterm Haus stand ein großer Birnenbaum.

Im Heuerhaus wohnten noch die Eltern von Oma — mit eigenem Schlafzimmer; Eine behinderte Schwester (Tante) von Oma, schlief in der Upkammer; Oma hatte einen Bruder, der Ordensbruder war. Wenn der zu Besuch kam, musste er in der Upkammer auf einem alten Strohsack schlafen und Tante schlief dann im Zimmer der Großeltern; 1948 ist der Großvater gestorben und die Tante hat ab dem Zeitpunkt in seinem Bett geschlafen;

Die beiden großen Geschwister von Mama teilten sich nicht nur ein Schlafzimmer, sondern auch ein Bett.

Mama (geb. 1946) und ihre beiden kleineren Geschwister schliefen im Schlafzimmer von Oma und Opa.

Wenn der Bauer rief, musste Opa kommen und helfen – nach der Schicht auf’m Pütt.

War beim Bauern Waschtag, musste Oma den ganzen Tag dort helfen. Erst als die Arbeit beim Bauern erledigt war, konnten sie sich um die eigene kleine Landwirtschaft kümmern. Sie hatten 2 Kühe und 2 Schweine.

Oma erzählte oft, dass sie als Schwangere mit dickem Bauch übern Wiem krabbeln musste und der Bauer unten stand und einfach nur sagt: „Bolle kannste datt ja ock nicht mehr!“ Er hat aber niemals gesagt: „Komm Wicht, lass das mal sein, das geht nicht mehr in deinem Zustand.“ Auch bei der Heuernte gab es keinen „Schwangerschaftsurlaub“. Hochschwanger musste Oma helfen und auch dann noch auf den Heuwagen klettern.

Im Heuerhaus war es feucht und nass.

Alte Fotos lagen in einem Karton und sind all verschimmelt.

Beim Umzug 1953 ins neue Haus mussten Oma und Opa neue Möbel kaufen, weil fast alle Möbel feucht und schimmelig waren.

Ein Schrank bekam eine neue Rückwand und wurde so mitgenommen – er wurde der Kleiderschrank von Mama und ihrer großen Schwester.

Sonntags hat Opa immer Sand in die Küche gestreut, damit es wieder schön aussah.

Die Toilette war draußen. Wenn einer von den Kindern nachts zur Toilette musste, ging die Großmutter immer mit raus.

Der Großvater hat fast immer mit den Kindern abends Lieder gesungen, denn es gab nicht mal ein Radio im Heuerhaus.

Die älteren Geschwister von Mama erinnern sich an einen Fliegeralarm:

Sie mussten nachts unter der Upkammer auf den Kartoffeln schlafen — mit einem weißen Kopfkissen.

Obwohl sie nichts hatten, sind die Kinder fröhlich aufgewachsen. Zum Spielen gab es einen Ball und das Wäldchen. Natürlich mussten sie auch bei der kleinen Landwirtschaft mitanpacken.

Trotzdem hatten sie eine glückliche Kindheit—kannten auch nichts anderes.

1953 haben Oma und Opa ein eigenes Haus – in der Nähe der Heuerstelle -gebaut. Hier sind dann die beiden jüngsten Geschwister von Mama geboren.

Der jüngste Bruder von Mama kannte das Heuerhaus nur noch von außen: Nachdem Oma und Opa ausgezogen waren, ist eine andere Familie dort eingezogen. Das Heuerhaus wurde Anfang der 1970er Jahren abgerissen.

Obwohl Oma und Opa nicht mehr in Heuer wohnten, musste die ganze Familie bei der Heu- oder Kartoffelernte helfen. Der jüngste Bruder von Mama hat daran noch schöne Erinnerungen, z. B. an die frische, kalte Milch, die man dann auf dem Feld zu trinken bekam, sagt aber auch „Ich glaube, es gab sowas wie Sippenhaft – die ganze Familie musste beim Bauern helfen.“ Opa hat noch beim Bauern geholfen, bis er 60 Jahre alt war.

Ein Kunstwerk zum Schweigemilieu?

 

Das oben beschriebene Phänomen Schweigemilieu wird durch die Lichtverhältnisse noch unterstrichen!

 

Hier sieht man das Kunstwerk deutlicher:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:De_Poaskearls_Kiny_Copinga.jpg

Acht Männer, die ohne Gesicht sind, die nichts hören, sehen und sagen – und möglichst sich auch noch verstecken. (vor der Kirche in Ootmarsum)

So war die Situation für viele Heuerleute über 400 Jahre: Nur nichts sagen zur Lebenssituation, sonst fliegt man aus der Heuer und wird als „Motzer“ nirgendwo anders aufgenommen.

Nach dem Ende des Heuerlingswesens in den 50er Jahren änderte sich dieses Schweigemilieu seltsamerweise nicht: Das Thema wurde weiterhin „totgeschwiegen“.

Über 20 Jahre wurde ich mit meinen Recherchen dazu in eine historische Schmuddelecke gestellt.

Erst das Erscheinen das Buches Wenn der Bauer pfeift….“ hat diese Situation grundsätzlich geändert. Insbesondere die fachspezifische Unterstützungen des Historikers Dr. Helmut Lensing hat dazu beigetragen.

Die Foto oben: Archiv Robben

 

 

 

 

 

Zwei Vorfahren wanderten 1846 aus

Immer wieder wird nach den Vorträgen zum Heuerlingswesen von Zuhörern berichtet, dass noch heute Kontakte bestehen zu ehemaligen Auswanderern aus der Familie nach Nordamerika.

So auch in diesem Falle.

Eine Besonderheit dabei ist, dass einer der beiden wieder in die Heimat zurück kam und in einen größeren Bauernhof heiratete…

 Klöpkes Haus  – Kleinausgabe eines Heuerhauses

In den benachbarten Niederlanden war der protestantische Glauben seit dem Ende des 16. Jahrhunderts zur vorherrschenden Religion geworden.

Besonders die katholischen Gläubigen hatten darunter zu  leiden. So durften katholischen Priester ab 1633 ihren seelsorglichen  Aufgaben nicht mehr nachkommen.

In diesen schwierigen Jahren für die Katholiken spielten die sogenannten Schläge oder Klöpkes eine wichtige Rolle. Klöpkes waren fromme Frauen, die alle möglichen Aufgaben erfüllten, um die Pfarreiarbeit in Gang zu halten: Die Klöpkes pflegten die Kommunikation zwischen Pastor und Gemeindemitgliedern. Sie warnten die Gläubigen, wenn ein Gottesdienst abgehalten und religiöse Erziehung betrieben wurde. Klöpkes waren unverheiratet und lebten gewöhnlich in einem eigenen kleinen Haus, oft auf einem Bauernhof. Zum Beispiel lautet die Volkszählung von 1748: „Fenne in Vinken bakhuys, ein Klopfer“.

Aus: http://www.klopkeshoes.nl/page/het-klopkeshoes-berghum

Dieses Klöpkeshoes erinnert an eine Kleinausgabe eines Heuerhauses.

 

Fotos: Archiv Robben

Nach Vorträgen zum Heuerlingswesen Videointerviews mit Zeitzeugen

Leider habe ich erst spät die Möglichkeit erkannt, Besucher (innen)  im Anschluss an die Vorträge zu ihren Erfahrungen mit dem Heuerlingswesen zu befragen.

Erst beim 100. Referat in Leeden bei Lengerich in Westfalen wurde diese Chance genutzt.

Im Anschluss an den Vortrag in Brochterbeck am 20. Juli 2018 ergab sich erneut die Möglichkeit, eine Reihe von Zeitzeugen zu interviewen.