Ausstellung: Tödden & Hollandgänger

 

Die Migration gehört zu den aktuellen Themen unserer Zeit. Besonders das Emsland und die niederländische Provinz Friesland waren früher Herkunfts- und Zielregion zahlreicher Arbeits-migranten – mit allen damit verbundenen Chancen und Problemen.

Im Rahmen des Themenschwerpunktes „Migra­tion“ im Geschichtsnetzwerk der Ems-Dollart-Region haben das Emslandmuseum Lingen und das Fries Landbouw Museum in Leeuwarden dieses Thema aufgegriffen und Ausstellung aufbereitet.

Seit dem 17. Jahrhundert zogen tausen­de Saisonarbeiter aus dem Emsland und den angrenzenden Gebieten alljährlich als Grasmäher und Torfstecher in die Nieder­lande. Andere reisten dort als Händler mit dem Packen über Land und verdienten so den Lebensunterhalt für ihre Familien in der Heimat. Nicht selten ließen sich Holland­gänger auch dauerhaft in den Niederlan­den nieder.

Wanderhändler gründeten dort stationäre Geschäfte und wurden niederländische Staatsbürger.

Viele Familien im Emsland sind Nachfahren einstiger Hollandgänger und Wanderhändler. Manche Arbeitsmigranten ließen sich auch dauerhaft In Friesland nieder. So sind viele Friese auch Nachkommen von Migranten aus Deutschland, die manche heutzutage wohl als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnen würden. Heute gibt es im Emsland wie in Friesland wie­der viele Wanderarbeiter, vor allem aus Osteu­ropa. Hinzu kommen Migranten aus Afrika und Asien, die hier ebenfalls nach Arbeit suchen ­in einer Region, in der Arbeitsmigration schon eine lange Geschichte hat.

(Text entstammt dem Einladungsflyer – mit Genehmigung von Dr. Eiynck als Museumsleiter)

 

„Witwe auf Abbruch“

Der Urgroßvater von Dr. Jochen Adams wurde als Sohn eines großen Bauern in der Umgebung von Havixbeck im Westmünsterland geboren.

Da sein ältester Bruder den Hof erbte, musste er sich schon in jungen Jahren entscheiden, wie er sein Leben gestalten wollte. Dazu blieben ihm nur wenige Möglichkeiten.

  • Er konnte sich einem Orden anschließen
  • oder als Onkel,  „Öhm“ genannt, auf dem Hof verbleiben.
  • In beiden Fällen hätte das die Ehelosigkeit für ihn bedeutet.

So begab er sich auf die Wanderschaft und hielt dabei Ausschau nach einer sogenannten „Stehbrut“: In seltenen Fällen gab es  weibliche Erben auf einer Hofstelle.

Tatsächlich landete er auf einem solchen Hof in Leer bei Borghorst. Obwohl er selbst erst um die 30 Jahre alt war, bemühte er sich um die über 60jährige verwitwete Hofbesitzerin. Sein Werben war erfolgreich und so wurde die „Witwe auf Abbruch“, wie sie im Verwandtenkreis augenzwinkernd bezeichnet wurde, geheiratet.

Schon nach recht kurzer Zeit verschied seine Gattin.

Nun stand er schon in recht jungen Jahren einem respektablen Hof vor.

Aus dieser jetzt günstigen Position heraus hielt er nach der vorgegebenen Trauerzeit Ausschau nach einer altersgemäßen Partnerin. Dabei hatte er wiederum Glück und heiratete nun erneut eine Hofbesitzerin nach dem Motto: Hektar zu Hektar.

Dieser Ehe entstammte die Oma von Dr. Jochen Adams. Er berichtete, dass seine Großmutter erst im hohen Alter über diese Herkunft sprach: Sie empfand ihre Abstammung aus einer Zweitehe als Makel. So waren damals die Zeiten.

   Gab es auch Heuerleute in unserem Nachbarland?

Scholten /Schulze in den Niederlanden

oder

   Gab es auch Heuerleute in unserem Nachbarland? 

                                                

 

Dazu schickte Dr. Franz Josef Tinnefeld aus Bocholt folgenden Brief:

Vor einigen Jahren habe ich bei einem Besuch jenseits der Grenze im Raum Bocholt- Barlo/Winterswijk in der Bauerschaft Woold beim heutigen Roerdink – Hof eine Infotafel entdeckt, auf der die Scholten – Geschichte im Winterswijker Raum in einem kurzen Abriss dargestellt wird. Ich habe seinerzeit die Infotafel fotografiert und übersende Ihnen als Anlage den holländischen Text zu ihrer Kenntnisnahme.

Die Schulze/Schuldheiße waren früher eine Gesellschaftsklasse von reichen, hörigen Bauern die zwischen 1600 und 1900 die Rechte der früheren adligen Großgrundbesitzer (Gutshofbesitzer)übernommen haben. Sie maßen sich einen großzügigen Lebensstil an.

Gebunden an den Hof

Im Mittelalter waren alle Winterswijker Bauern hörig. Sie konnten ihre Wohnstätten nicht verlassen, konnten aber auch nicht aus ihren Häusern vertrieben werden. Hörige Bauern gehörten zu einem Gutshof, z.B. zu dem Gutshof Lohn oder zu den Abtissen von Vreden.

Echte Schulzen und Tegederschulzen

Jeder Hof stand unter der Obhut von einem Schulten, einem Adligen,  der den Hofherrn vertrat. An den Hoftagen, wenn der gesamte Hof im Freien tagte, mussten die wichtigsten hörigen Bauern dem Schulzen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Diese „Ratsherren“ oder Beisitzer werden Tegederschulzen genannt.

Eine gelungene Machtergreifung

Als ca. 1600 Winterwijk zu den Niederlanden kam, konnten die alten deutschen Gutshofbesitzer ihre Rechte nicht mehr richtig handhaben. Dadurch haben die Tegederschulzen sich zu einer neuen Führung in Winterwijk entwickelt. Schon um 1650 ließen sie sich nicht mehr als Tegederschulzen sondern als Schulzen ansprechen, ein essentieller Unterschied.

Eine gekonnte Heiratspolitik

Die neuen Schulzen heirateten nach 1700 nur noch Standesgleiche, im Klartext mit anderen Schulzen-Familien. Das Erbe wird nicht mehr geteilt zwischen den Kindern, sondern bleibt in einer Hand erhalten. Der älteste Sohn erbte somit alles, während den Geschwistern eine Existenz auf dem Hof geboten wurde.

Die Tatsachen vollendet

Die Schulzenfamilien entwickelten sich so zum reichen Bauernadel, der sich als rechtmäßiger Besitzer sämtlicher Bauernhöfe betrachtete, die zum früheren Gutshof gehörten. Die Bewohner der Bauernhöfe behielten die gleichen Hörigenpflichten, insbesondere um an den Hilfetagen auf dem Schulzehof zur Arbeit zu kommen. Die Schulzen kauften am Ende sogar die alten adligen Gutshöfe von Winterswijk. In einem Prozess in 1821 wurde die bereits seit 15o Jahre bestehende Situation juristisch festgeschrieben.

Halbe Schulze

Das Bürgerliche Gesetzbuch, das 1838 eingeführt wurde, zwang die Schulzen ihre Besitztümer anteilsgleich auf die Kindern zu teilen. Ab diesem Zeitpunkt bekamen jüngere Söhne einen der früheren Leihbauernhöfe überschrieben. Diese wurden dann als halbe Schulze betrachtet. Meistens wurden diese jedoch stark aufgewertet. Und so wurde die sichtbare Existenz der Schulz-Familien in Winterwijk immer deutlicher.

Der Schulzbauernhof

Im 1900 Jahrhundert entstehen die typischen Schulzehäuser. Das Haus hat das Ansehen eines Herrenhauses, welches quer vor dem alten Hof erstellt wurde. Bei diversen Schulzehöfen wurde die Bebauung umgedreht, das bedeutete, dass bei einem Umbau Wirtschaftsteil und Wohnungsteil zur Straße hin getauscht wurden. Der alte Hofzugangsweg wurde somit eine baumumsäumte Allee, wodurch das Schulze-Anwesen vom Bauernhof zu einem Landgut gewandelt wurde.

 Wenn die Gräuelglocke läutet

Ein echter Schulze lebte zum größten Teil von den Pachteinnahmen und beschäftigte sich meistens bevorzugt mit Waldanbau und dem Züchten und Ausbilden von Pferden. Wenn der Schulze seine Pächter für einen Arbeitseinsatz brauchte, läutete er die Glocke, die oben am Haus befestigt war. Dann musste man seine eigene Arbeit ruhen lassen, um umgehend anzutreten. Dieser Gegenstand –  die Glocke –  wurde dann auch umgangssprachlich Gräuelglocke genannt. (Frage Bernd Robben: Waren diese Pächter womöglich Heuerleute?)

 

Im Jahre 1468 verlieh Herr Hendrik van Gemen dem Herrn Henrick Roerdinck und Egbert Meerdynck „myne hofluede“ das Recht, auf den Hoftagen beim Rosenboom um als Tegeder zu erscheinen. Ihre wichtigste Aufgabe war es, aller Öffentlichkeit zu zeigen, was Recht ist, – anders gesagt – zu erklären, was Hofrecht bedeutet sowie Vorgehensweisen zu bestimmten Situation vorzuschreiben. Man nannte das tuugen oder Zeugen, hierher stammt der Begriff Tegeder.

übersetzt von Ben Collet

 

 

Aus der Dorfschmiede zu „high­tech“ im Krankenhaus 1

Gerd Holterhues wurde als ältester Sohn eines Dorfschmiedes im südlichen Emsland geboren. In seiner Kindheit wurden dort vornehmlich noch Pferde beschlagen.

Zunehmend kamen dann die Schlepper auf und mit ihnen neu entwickelte Landmaschinen wie Miststreuer, Kartoffelroder und andere.

Der Aufgabenbereich in der elterlichen Schmiede veränderte sich enorm.

Er gehörte zu den ersten Schülern, die aus der Klasse 8 der Volksschule zur Realschule wechseln konnten. Durch den anschließenden Besuch einer sich  ebenfalls in dieser Zeit entwickelnden Fachoberschule konnte er dann ein Ingenieurstudium absolvieren.

Danach arbeitete er etwa 10 Jahre in der Landmaschinenindustrie.

Im Anschluss daran übernahm er die technische Leitung des Bonifatius Hospitals in Lingen und wurde damit  aktiver Zeitzeuge einer bisher nie dagewesenen technischen Entwicklung.

Er berichtet auf platt über die Zeit, die sich direkt an die Nachheuerlings – Ära anschloss.

Heuerleute aßen anders, um die Mühen zu überstehen

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, dass Hollandgänger die Strapazen der Grasmahd von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit dem Trinken von flüssigem  Schweinefett zu überstehen versuchten und deshalb auch Speckfretters genannt worden.

Weiteres Beispiel: Heuerleute werden Neubauern

In diesem Buch werden mehrere Beispiele dafür vorgestellt, dass es Heuerleuten gelingt, Eigentum an Grund und Boden zu erwerben.

Hof Wessing

Die Eheleute Hermann Bernard Többen (*1766 t 1841) und Anna Maria geb. Schulte, (* 1773 – 1818) bewohnten das Heuerhaus des Colons Meerlüken, Haus Nr. 9 (heute Hof Niemann, Sandhasenstraße).

Deren Tochter Margaretha Aleid vermählte sich. 22 Jahre alt, am 17. 11. 1822 mit Johann Albert Wessing, 28 Jahre alt. Seine Eltern waren Johann Bernard Wessing und Anna Gesina geb. Kühlenborg. Sie wohnten in der Heuer des Colon Otten in Laxten. In dieser Ehe wurden drei Kinder geboren.

Kurze Zeit später erwarb die Familie Wessing-Többen die im Brögber-Felde gele­gene Neubauerei vom Excolon Meerlüken. Nach Zahlung von 700 Gulden wur­den sie am 29.01.1824 Besitzer.

Die Genenerationsfolge wurde fortgesetzt durch die Heirat des Sohnes Johann Ber­nard Wessing am 08.01.1861 mit Maria Gesina Lüttel (*07.11.1829), Tochter des Heuermanns Theodor Hermann Lüttel und seiner Ehefrau Margaretha geb. Keuter aus Brögbem.

Nach der Markenteilung 1858/61 zählten zu der Neubauerei Wessing folgende Flächen: Am kleinen Kamp, am Hauskampe, an Heuermann Hilbers seinen Grün­den, im Ochsenbruch und im Linger-Felde. Die Flächengröße betrug insgesamt 10,4 Hektar und erhöhte sich bis 1880 auf 12,5 Hektar. Dafür hatte Wessing 1872 jährlich 2 Rt und 64 Deut an Steuern zu zahlen.

Zusätzliche finanzielle Belastungen im alltäglichen Leben wie Landerwerb oder die Ausstattung abgehender Kinder, waren nur durch Nebenerwerb, der haupt­sächlich im Winter ausgeübt wurde, auszugleichen. So standen im Hause Wessing in der Mitte des vorherigen Jahrhunderts zwei Webstühle mit Zubehör und fünf Webkämme. Durch die Arbeit der Familie an diesen Geräten wurde eine zusätz­liche Einkommensquelle erschlossen, die Bargeld brachte und zum Wohlstand beitrug. Aus einem Übergabevertrag aus dieser Zeit geht hervor, was die Töchter als Mitgift in die Ehe bekamen: Eine Kuh, ein aufgemachtes Bett, Hausgeräthe, zwei irdene Schüsseln, vier Teller, vier zinnerne Löffel, zwei hölzerne Stühle, Spin­del und Haspel.

Tochter Maria Adelheid Carolina Wessing (*13.05.1862) übernahm den Hof und ehelichte am 16. 09. 1879 den Zimmermann [siehe Inschrift am Heimathaus] Johann Hermann Bruns (* 23. 01. 1851). Er stammte aus Klosterholte. Aus die­ser Ehe stammten drei Kinder. Am 02. 03. 1893 starb die Mutter Carolina Wessing im Alter von dreißig Jahren. Kurz vorher waren ihr 15 Monate alter Sohn und die Großmutter Gesina Wessing, 62 Jahre alt, gestorben.

Der Witwer Johann Hermann Bruns, genannt Wessing, ging am 27.06.1893 die zweite Ehe mit Maria Anna geb. Droste aus Biene ein. Es wurden vier Kinder geboren, die den Namen Bruns erhielten, später aber auch Wessing schrieben.

Bernhard Joseph Wessing heiratete 1914 Maria Helena Moss, die Tochter des Neubauern Albert Moss und seiner Ehefrau Anna Helena geb. Heidemann.

Die älteste Tochter Maria heiratete den Schmiedemeister Josef Marcus. Das Ehe­paar eröffnete an der Duisenburger Straße eine Schmiedewerkstatt mit Laden.

Rosa Bunge, Max Weinert (Herausgeber) Brögbern, Bauerschaft - Dorf - Ortsteil, Bröbern 1998, Seite 165- 167

Foto: Heimatverein Brögbern