Fritz Reuter (1810–1874) gehört zu den bedeutendsten niederdeutschen Dichtern
Er verfasste 1858 seine Verserzählung Kein Hüsung. In diesem Werk demonstriert er einen sozialkritischen Realismus, der in der Literatur zeitweise im neunzehnten Jahrhundert auftaucht wie auch bei Theodor Fontane, Gottfried Keller oder Wilhelm Raabe.
Obwohl Fritz Reuter eher als der Meister der humorvollen, plattdeutschen Literatur gilt, gelang ihm bei diesem Werk eine vorzügliche Beschreibung der damaligen Missstände im Verhältnis der Landbesitzenden zu den Landlosen im deutschen Osten. Allerdings bedauerte Reuter offenbar später seine deutliche Kritik an den vorherrschenden sozialen Verhältnissen. So schrieb er am 16. Dezember 1859 an den holländischen Stadtbibliothekar in Antwerpen, F. Mertens: „[…] und ich bin ein Tor gewesen und habe mir mit meinem politischen Gedicht Kein Hüsung das ganze Wespennest des mecklenburgischen Junkertums auf den Hals geladen.“
Aus: Antje Erdmann – Degenhardt, Weihnachten bei Fritz Reuter. Husum 2004, Seite 21
Das Jahr 1847 in Mecklenburg: Viele Jahre hat Johann dem Baron bereits als Tagelöhner gedient. Er liebt Mariken, die ein Kind von ihm erwartet, kann sie jedoch nicht heiraten, weil er kein Hüsung, also vom Baron kein Wohnrecht auf dessen Land hat. Trotz seiner Dienste verweigert ihm der Baron das Hüsung, als er erfährt, dass Mariken Johanns Frau werden soll. Mariken gesteht Johann, dass sie sich einst dem Baron verweigert hat und sie ihm seither verhasst ist. Als Mariken wiederum die Baronin um Hüsung bittet, reagiert diese empört auf Marikens voreheliche Schwangerschaft und jagt sie davon. Mariken hat Selbstmordgedanken, die Johann ihr jedoch vertreiben kann. Lieber will er mit ihr fortgehen.
Als Marikens Vater Brand schwer erkrankt, erlaubt der Baron nicht, einen Arzt zu holen. Als eines seiner Pferde erkrankt, wird sofort nach einem Viehdoktor geschickt. Als Vater Brand stirbt, untersagt der Baron den Bauern, an seiner Beerdigung teilzunehmen, weil sie auf seinen Feldern die Rüben ernten sollen. Als Johann wenig später den Stall des Barons ausmistet, führt er wütend Selbstgespräche, in denen er sich über die Ungerechtigkeit der Welt allgemein und die des Barons speziell beklagt. Als der Baron unbemerkt hinzutritt, kommt es zur Konfrontation. Nachdem der Baron Johann mit einer Peitsche geschlagen hat, ersticht Johann den Baron mit seiner Mistgabel. Der Verwalter Oll Daniel verhilft Johann zur Flucht und versorgt ihn kurze Zeit später mit Geld und Essen. Johann flieht außer Landes und die anderen Bauern verraten ihn nicht.
Zu Weihnachten bringt Mariken das Kind auf die Welt. Sie lebt, unterstützt von den Bauern, in ihrem Elternhaus. Als ihr mitgeteilt wird, dass sie in Kürze auf einem Nachbarhof arbeiten soll, stimmt sie zu. Sie verweigert sich erst, als sie hört, dass sie ihr Kind weggeben soll. Die Baronin, zu der Mariken in einer kalten Winternacht mit ihrem Sohn eilt, versagt ihr und ihrem „Mörderkind“ jede Hilfe. Auf dem Rückweg vom Gut bricht Mariken mit ihrem Baby im Arm am Wegesrand zusammen. Am nächsten Morgen findet Oll Daniel die tote Mariken. Ihr Kind hat überlebt.
Zehn Jahre später kehrt Johann ins Dorf zurück. Er ist die letzten Jahre auf Wanderschaft gewesen, hat die Revolution 1848 miterlebt und die Bauern zum Aufbegehren gebracht. Er holt seinen Sohn ab, mit dem zusammen er weiterziehen will. Auch der in die Jahre gekommene Oll Daniel, der den Jungen großgezogen hat, soll mit den beiden kommen, entscheidet sich jedoch, sein Hüsung zu beanspruchen – im Himmel bei Mariken.
Der heute 80jährige Ernst Plöchinger hat einen kleinen Hof in Mittelfirmiansreut direkt an der deutsch/tschechischen Grenze von seinen Eltern geerbt.
Der Besitz liegt in einer Höhe von 1050 m. Deshalb kann hier kein Getreide angebaut werden, es wächst auch kein Obst. Lediglich Kartoffeln und Gras sind hier zu ernten.
Inwohner – ein verdrängtes Kapitel bayerischer Agrargeschichte
… so titelt Dr. Helmut Bitsch seinen Aufsatz in dem Buch
rund um eine Wanderausstellung in acht Freilicht- und Landwirtschaftsmuseen Süddeutschlands, erschienen 1997 in Windsheim.
Diese Veröffentlichung entstand aus der einmütigen Erkenntnis der beteiligten 12 Volkskundler und Historiker:
Die Geschichte, die Arbeitsbedingungen der ländlichen Unterschichten, der Mägde, Knechte und Landarbeiter, ist in weiten Bereichen noch immer ein Desiderat der volkskundlichen und kulturwissenschaftlichen Forschung. (Seite 6)
Parallelen zur Lebenssituation der Heuerleute werden deutlich.
Allerdings fügt Dr. Bitsch, der ehemalige Leiter des Landwirtschaftsmuseums Regen, in einem Gespräch hinzu:
Den „Inleuten“ wurde in der Regel jährlich das vermietete Inhaus wieder gekündigt, damit auf der einen Seite keine näheren Beziehungen zwischen den Kindern der Bauern und der Landlosen entstehen konnten, auf der anderen Seite erwuchsen so keine Ansprüche an die Armenkassen der Gemeinden.
Das Landwirtschaftsmuseum Regen kann mit einer besonders beeindruckenden Ausstellung zur Geschichte der Landwirtschaft aufwarten.
Auch darüber fand ein Gespräch mit dem derzeitigen Leiter Roland Pongratz statt.
Weitere Begegnungen und Video – Interviews mit interessanten Gesprächspartnern werden folgen.
Ab 02. Dezember bin ich für eine Woche zu regionalen Recherchen zum Thema Besitzlose Landbevölkerung im deutschsprachigen Bereich in Niederbayern unterwegs gewesen, um u. a. die unterschiedlichen landwirtschaftlichen Betriebsgrößen zu untersuchen und die möglichen Wirkfaktoren dafür (wie z. B. Bodenqualitäten, historische Einflüsse, unterschiedliche Höhenlagen und mehr) zu ergründen.
Aufschlüsse dazu liefern Fachmuseen in dieser Region:
Niederbayerisches Landwirtschaftsmuseum in Regen (das beste Fachmuseum, das ich bisher besucht habe) http://nlm-regen.de/de-1.html
Ein Anschlussprojekt zum Buch Wenn der Bauer pfeift, müssen die Heuerleute kommen!
mit dem angedachten (zunächst vorläufigen) Titel:
Lieber ein Kind verlieren als eine Kuh!
Vom harten Leben unserer Vorfahren
(Eines von mehreren Belegbeispielen: Von oftmals geringer Wertschätzung auch der ehelichen Kinder zeugt die aus dem Landgericht Mitterfels überlieferte Aussage „… der Bauer sehe lieber sein Kind als sein Kalb zugrunde gehen“ in Niederbayrisches Landwirtschaftsmuseum, Zürich 1992, Seite 41
Ausgangslage:
Über 20 Jahre habe ich am Thema „Heuerleute in Nordwestdeutschland“ gearbeitet und dazu im November 2014 das Buch
Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!
mit Dr. Helmut Lensing auf den Markt gebracht, das nun in der 10. Auflage ausverkauft ist.
Hier hat sich deutlich gezeigt: Ein bedeutender Bevölkerungsanteil hat seine Wurzeln in der Landwirtschaft.
Vergleich mit anderen Regionen
Nach dem enorm hohen Interesse am bisherigen Tabuthema Heuerlingswesen habe ich „über den Tellerrand“ geschaut: Wie war die Lage der besitzlosen Landbevölkerung in anderen Teilen des deutschsprachigen Raumes?
Aus der breiten Untersuchung des Heuerlingswesens mit einer entsprechend umfangreich gesammelten Fachliteratur haben wir ja nun offenbar ein passendes Fundament für Nordwestdeutschland geschaffen, um Vergleiche mit anderen deutschsprachigen Regionen anzustellen.
Ein völlig überraschendes vorläufiges Ergebnis
Das Heuerlingswesen war offensichtlich – bei allen negativen Begleiterscheinungen – die beste Sozialisationsform für die Besitzlosen auf dem Lande, die bis etwa 1900 in vielen Orten die größte Bevölkerungsgruppe stellte.
Die abgehenden nordwestdeutschen Bauern- und Heuerleutekinder konnten mehrheitlich schon früh in den letzten Jahrhunderten jeweils heiraten, weil insbesondere durch den Hollandgang (saisonale Wanderarbeit) Geld „auf den Tisch“ kam.
Elementarer Unterschied
Das war das entscheidende Kriterium für die offensichtlich bessere Lage der Heuerleute im Vergleich zur besitzlosen ländlichen Bevölkerung in anderen Teilen Deutschlands, der Schweiz und Österreichs, wo in bestimmten Regionen bis zu 25 Prozent der heiratswilligen Knechte und Mägde keine Heiratsgenehmigung bekamen.
Zunächst habe ich in Ostfriesland Ausschau gehalten und dort mit älteren Gewährsleuten gesprochen. Dabei musste ich erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass hier die Landarbeiter ein deutlich schlechteres Los als die Heuerleute zu ertragen hatten. Ähnlich war die damalige Situation in der Lüneburger Heide.
Bisher vernachlässigter Vergleich: Industriearbeiter – Landarbeiter
Ich habe dann versucht, entsprechende Literatur über diese Bevölkerungsgruppe zu erhalten. Dabei musste ich feststellen, dass im Vergleich zu den Berichten und Untersuchungen über die damaligen abhängig Beschäftigten in der Industrie insbesondere durch die beiden schreibgewaltigen Sozialkritiker Friedrich Engels und Karl Marx mit einer enormen Sekundärliteratur die gleichfalls sehr armen ländlichen Unterschichten verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit in der Wissenschaft gefunden haben.
Ein „schwarzes Loch“ in der deutschen Geschichtsschreibung
Das wird auch von etlichen Fachwissenschaftlern selbstkritisch so gesehen. Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass Armut und ihre Bekämpfung in ländlichen Regionen bisher nur begrenzt die Aufmerksamkeit der Geschichtswissenschaften gefunden haben.
An anderer Stelle heißt es 1997 beispielhaft auf dem Umschlagtext zu dem Buch „Mägde – Knechte – Landarbeiter. Arbeitskräfte in der Landwirtschaft Süddeutschlands“: Über die Arbeits – und Lebensbedingungen der ländlichen Unterschicht, der Mägde, Knechte und Landarbeiter ist noch immer wenig bekannt. Dabei gab es Dienstboten früher in jedem Dorf.
Vergleichende Recherchen im deutschsprachigen Bereich
Nun bin ich seit zwei Jahren in verschiedenen Teilen Deutschlands unterwegs und interviewe ältere Menschen aus dem landwirtschaftlichen oder ländlichen Umfeld und schaue mir die Bauern(hof)museen der jeweiligen Regionen an.
Dabei erfahre ich ebenfalls Erstaunliches: Von Schleswig-Holstein über die deutschen Ostgebiete („Ostelbien“) bis hin nach Nieder- und Oberbayern waren die Knechte, Mägde und Tagelöhner zumeist in einer solch schlechten Anstellung bei den Bauern oder Gutsherrn, dass sie finanziell nicht in der Lage waren zu heiraten.
So ist insbesondere aus den Kirchenbüchern nachzuweisen, dass in diesen Gegenden bis zu 25 Prozent der Kinder von ledigen Mägden stammten. Häufig wurden die jungen unverheirateten Frauen aus dem Dienst geworfen oder sie mussten ihr Kind in fremde Hände geben. Dafür hatten sie allerdings zu zahlen, wobei nicht selten die Höhe der Abgaben dafür ziemlich genau den Einnahmen entsprach, die sie als Magd als Monatslohn für ihre Arbeit erhielten. Sie waren also in einer aussichtslosen Situation.
Österrreich: Das traurige Los der Schwabenkinder
Auch aus Österreich wird in mehreren Biografien die Lage auf dem Lande so beschrieben wie oben in süddeutschen Regionen. Ein erschreckender Beweis dafür ist die Geschichte der „Schwabenkinder“, die alljährlich nach einem langen Anmarsch aus verschieden Teilen des Alpenraumes auf den „Märkten“ in Oberschwaben (Schwerpunkt Ravensburg) wie beim Sklavenhandel unter den Bauern verschachert wurden als Billigstarbeitskräfte. Da jedoch die Not in der Heimat so groß war, konnten diese 7 bis 14jährigen Kinderarbeiter in Schwaben wenigstens satt werden. Dabei versäumten sie in den Sommermonaten die Schule…
Der Film und das gleichnamige Buch von Elmar Bereuter hat ein Millionenpublikum erreicht.
https://www.youtube.com/watch?v=0IPMZoQOJBQ
Das Verdingwesen belastet die Schweiz bis heute
In der Schweiz war es offensichtlich ebenso. Und das war wohl die Ausgangslage für das Verdingsystem.
Insbesondere die unehelichen Kinder von Mägden und Knechten waren betroffen.
Hier hat also der Staat das „Kinderproblem“ in die Hände genommen und scheinbar in nicht wenigen Fällen gründlich versagt. Wenn man dort im Internet recherchiert und sich den Film „Der Verdingbub“ anschaut, dann kommt man dahinter, dass dieses gesellschaftliche Problem der Schweiz immer noch in den Köpfen – und nicht nur latent – vorhanden ist.
Mein vorläufiger Eindruck ist allerdings: Die Grundidee war offenbar richtig, damit „aus Gesindekindern kein Gesindel“ wurde.
Auch hier hat der „Verdingbub – Film“ mit u.a. Katja Riemann für Bekanntheit gesorgt.
In dem Buch „Die Fertigmacher“ hat Arthur Honegger (1924 – 2017) seine schlimmen Erlebnisse dargestellt. Er hatte damit enormen Erfolg auf dem Buchmarkt.
Die Belastungen der Landlosen im Gutswesen des Ostens
Der mehrfach ausgezeichnete Film „Das weiße Band“ zeigt die Verhältnisse im deutschen Osten.
Hinter der Fassade streng gewahrter Ordnung offenbart sich das nachvollziehbare Leben in einem Dorf mit Einblick in die Abläufe auf einem Gutsbetrieb in Ostelbien vor dem ersten Weltkrieg.
Tragödien spielen sich dort ab, die durchweg ihren Hintergrund haben in der streng hierarchischen Struktur des Gutswesens im deutschen Osten.
Die Lage der besitzlosen Landbevölkerung steht zwar nicht im Vordergrund des Filmgeschehens, sie wird dennoch in ihrer menschlichen Erniedrigung klar skizziert. Somit werden verherrlichende Berichte aus Adelskreisen über das Zusammenleben deutlich konterkariert. Große Kritiker des Gutwesens wie Ernst Moritz Arndt, Fritz Reuter und Max Weber sind eher aus anderem Kontext bekannt.
Die nicht nur von mir ansonsten hoch verehrte Marion Gräfin Dönhoff hat hier deutlich „geschummelt“. Darüber wird später berichtet.
https://www.youtube.com/watch?v=mxvQXmMrzP8
Die Sonderrolle der Frau
Bei den über 20 jährigen Recherchen rund um das Heuerlingswesen fiel schon eine deutliche Vernachlässigung der Beschreibung der Rolle der Frau auf. Diese Erkenntnis ist offenbar voll übertragbar auf das jetzt sehr viel größere Untersuchungsgebiet. Dort erschließen sich zunächst in der Einzelschau bestimmter Themen bisher ungeahnte Unmenschlichkeiten, die in der Gesamtbetrachtung für uns heute nahezu unvorstellbar sind.
Hier hat der Film „Die Hebamme“ für Aufsehen zu einem weiteren Tabuthema gesorgt.
Anna Wimschneider war als Besitzende in einer „vergleichsweise günstigen“ Lage
Als Wegbereiter der Thematik des Schicksals der Landbevölkerung kann sicherlich das Buch und der Film „Herbstmilch“ von Anna Wimschneider gelten.
Hierzu heißt es bei Wikipedia:
Dieser in einfacher Erzählsprache verfasste Bericht über die Lebensgeschichte einer bis dahin unbekannten Person wurde zu einem der größten Erfolge in der Geschichte des deutschen Buchhandels. Die Autobiographie war über drei Jahre in den Bestsellerlisten.
Dabei muss festgestellt werden, dass Frau Wimschneider – bei allen Belastungen und Widrigkeiten ihres Lebens – mitbesitzende Bäuerin war, ein gesellschaftlicher Zustand, der für die zu der Zeit noch größte ländliche Bevölkerungsgruppe der Landlosen unerreichbar war.
U. a. im Böhlau Verlag gibt es eine Reihe von Veröffentlichungen von ehemaligen Mägden, die wahrscheinlich durchweg ihr noch härteres Los mit Anna Wimschneider gern getauscht hätten.
Es soll hier also eine Art
vergleichende Gesamtschau zum Leben und Arbeitender ländlichen Bevölkerung im deutschsprachigen Raum
entstehen, die es in der bisher gesichteten Fachliteratur offensichtlich in dieser Form noch nicht gibt.
Eine entsprechende Teilbasis für dieses angedachte Buchprojekt sollen nun diese bekannten und jeweils geographisch unterschiedlichen Spezialproblematiken der ländlichen Unterschichten behandelnde Filme aus dem deutschen Sprachraum zumindest den Hintergrund bilden.
Sie sollen – ähnlich wie Walter Kempowski es in seinem Werk Echolot angelegt hat – collagenartig übereinander gelegt werden und damit erstmals Kausalzusammenhänge der verschiedenen Wirkfaktoren auf das Leben und Schaffen der unterbäuerlichen Schichten erkennen lassen.
Eines soll dabei auch deutlich werden:
Das 18. und 19. Jahrhundert waren „vor Ort“ angehäuft mit einer Fülle von Kriminalfällen verschiedenster Art, die durch das verordnete „Schweigemilieu“ der besitzenden Landbevölkerung nachweislich nicht oder nur wenig geahndet wurden. Sie erscheinen auch nicht in offiziellen Archiven. Hier zeigt sich die Wichtigkeit der Befragung von älteren Gewährsleuten.
Zusammenfassung:
Im deutschen Nordwesten hat sich sehr deutlich gezeigt, welch enormes Interesse am bisher total vernachlässigten (Tabu) Thema Besitzlose Landbevölkerung besteht. Befragungen von Zeitzeugen in anderen Teilen des Landes (einschließlich Österreich und Schweiz) belegen eindeutig, dass auch dort diese Sozialisationsform bis heute unverarbeitet in den Köpfen steckt und dringend aufgearbeitet werden sollte.
Die oben aufgeführten erfolgreichen Filme haben jeweils brisante Teilthematiken beleuchtet. Hier drängt sich nun direkt auf, die einzelnen Wirkfaktoren zusammenfassend publikumswirksam ins Buch zu bringen und – wie im Nordwesten – einen Aha-Effekt zu erzeugen mit der Erkenntnis: So haben wir das ja gar nicht vermutet, aber so war es ja tatsächlich…
Ein Faktum könnte der Veröffentlichung noch entgegenstehen: Es hat sich in der bisherigen Bearbeitung dieses Themenkomplexen deutlich gezeigt, dass Historiker und Volkskundler als Entscheidungsträger – zumeist aus der gehobenen Mittelschicht stammend – weder im Studium noch im Alltagsleben auf diese Problematik der früher großen Gruppe der unterbäuerlichen Schichten gestoßen sind. Immer wieder kommt es bei meinen Vorträgen vor, dass insbesondere gymnasiale Historiker sich anschließend erstaunt melden und – unabhängig voneinander – berichten, dass ihnen diese von mir aufgezeigten logischen Kausalketten weder aus dem Studium noch aus den Schulbüchern bekannt seien.
Die guten Verkaufszahlen in Osnabrück, Bielefeld und Münster zeigen offensichtlich, dass dieser Themenkomplex nicht nur im ländlichen Bereich auf Interesse stößt. Schließlich findet der überaus größte Teil der angestammten Bevölkerung im dörflich agrarischen Bereich seine Vorfahren.
Bei meinen Fahrten und Begegnungen in anderen Regionen des deutschsprachigen Raumes erlebe ich das gleiche Interesse und die entsprechende Betroffenheit der Ansprechpartner bei diesem Thema: Unterdrückung und Ungerechtigkeiten werden nicht vergessen.
Oberste Devise auch bei diesem Buchprojekt soll sein:
Nach möglichst intensiven und wissenschaftlich abgesicherten Recherchen sollen die thematisch relevanten Daten und Fakten aus den verschiedenen Regionen im deutschsprachigen Bereich „nur“ beschrieben werden. Das darf nicht zu einer Anklage gegen Landbesitzende geraten…
Das Buch „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!“ über das Leben der ländlichen Unterschichten im nordwestdeutschen Raum hat 2014 einen Nerv getroffen: Rund 14 000-mal ist es seitdem verkauft worden. Jetzt liegt das Buch von Helmut Lensing und Bernd Robben in siebter Auflage vor.
2014 gaben der Hoferbe und pensionierte Rektor Robben aus Emsbüren und der aus der GrafschaftBentheim stammende Historiker Lensing das Buch heraus, welches sich erstmals mit dem Heuerlingswesen von der Entstehung in der frühen Neuzeit bis zum schnellen Untergang in der Nachkriegszeit beschäftigte.
Das Buch traf laut den Autoren offensichtlich einen Nerv der Zeit. Jahrelang war Robben zuvor bei Heimatvereinen auf Ablehnung gestoßen, wenn er über diese Zeit referieren wollte oder nach Zeitzeugenberichten suchte. Das Leben der Heuerleute und der vielfach aus dieser Schicht stammenden Mägde und Knechte war auf dem Land ein Tabuthema.
„Der Heuermann war ein Sklave bei den Bauern […] Keine Rücksicht wurde genommen an Samstagen, da mußte der bäuerliche Hofdraußen gesäubert werden, ohne Rücksicht, daß die Heuerleute-Frauen ihre Kinder auf den Sonntag vorbereiten konnten, ob ein Familientag war, wie Erstkommunionfeier, sie waren eben Heuermann, […] Heuerlingskinder wurden in allen Bereichen zurückgestellt […] Kinder bloß acht Jahre zu Schule, damit diese nicht zu klug wurden, sonst blieben keine mehr zur Ausbeutung“. Diese ungelenk-zornigen Zeilen fanden sich im Dezember 1971 in einem Leserbrief in Südoldenburg, als ein Artikel über das in den letzten Zügen liegende Heuerlingswesen veröffentlicht worden war.
Heimatvereine und andere Institutionen mieden deshalb das Thema, um keinen Streit im Dorf auszulösen. Die Kontroversen über die Beurteilung der damaligen Zustände zeigten sich nicht nur in regen Diskussionen im Anschluss an die vielen Vorträge insbesondere des Pensionärs Bernd Robben. Die unterschiedlichen Beurteilungen des Heuerlingssystems lösten nun zugleich zahlreiche Aktivitäten aus.
Dörfliche Heimatvereine erforschten das Heuerlingswesen, veröffentlichten neue Erkenntnisse oder Zeitzeugenberichte und kümmerten sich um die letzten Relikte dieser Zeit, die Heuerlingskotten. Das Interesse am Heuerlingsbuch schlug immer weitere Wellen. In kurzer Zeit erschienen stets leicht veränderte Auflagen, nun ist die siebte vor allem in der Bildauswahl leicht veränderte Ausgabe lieferbar.
Das seit Jahrzehnten erfolgreichste regionalgeschichtliche Buch, wie es der Präsident der Emsländischen Landschaft, Hermann Bröring, kürzlich bei der Verleihung der Landschaftsmedaille an Bernd Robben bezeichnete, ist im Buchhandel zum Preis von 24,90 Euro erhältlich oder kann direkt unter kontakt@emslandgeschichte.de (zzgl. Versandkosten) bestellt werden.
Auch das 2017 veröffentlichte Buch „Heuerhäuser im Wandel: Vom ärmlichen Kotten zum individuellen Traumhaus“ ist für 29,90 Euro weiter im Handel erhältlich. vb/pm
Beitrag in: Ems-Zeitung, Meppener Tagespost, Lingener Tagespost am 29. November 2018
Fotos: EHB/Tecklenburg
Aber er gehörte zu den entscheidenden Pionieren der Nachkriegszeit in der Landmaschinenbranche.
Dabei hatte er denkbar ungünstige Ausgangssitutionen:
Im Alter von drei Jahren starb sein Vater durch einen Unfall und mit neun Jahren verlor er seine Mutter, die an einer schweren Lungenkrankheit litt.
Danach lebte er – getrennt von seinen Geschwistern – in der Familie seiner Tante Paula in Hiddingsel südöstlich von Münster
Sein Onkel, der dort eine Dorfschmiede betrieb, hat den jungen Waisen sicherlich nicht gerade aufgebaut durch die Feststellung: Aus dem Jungen wird nichts!
Vor 50 Jahren gründeten Hermann und Agnes Paus ein Unternehmen. Dabei stieg man nicht in die Produktion von Landmaschinen ein, was das bisherige überaus erfolgreiche Arbeitsgebiet von Hermann Paus war.
So ist das Unternehmen seit 1968 im internationalen Maschinenbau tätig.
Vor wenigen Wochen wurde das 50 jährige Firmenjubiläum gefeiert.
Zu Beginn wurden Baumaschinen gefertigt.
Dabei erweiterte man das Produktprogramm stetig um die Entwicklung und Fertigung von Berg- und Tunnelbaufahrzeugen, Schrägaufzügen, Hubarbeitsbühnen und Kräne.
Zunehmend gingen die in Emsbüren entwickelten Maschinen in alle Welt, der Vertrieb wurde nach und nach über ein weltweites Händlernetz organisiert.
So liegt der Exportanteil des Unternehmens heute bei etwa 70 Prozent. Seit 2001 gibt es eine Repräsentanz in Moskau, 2003 folgte eine Vertriebsgesellschaft in Santiago de Chile.
Hier Besuch aus Indien. Rechts Sohn Hermann – Josef, der mit seinem Bruder Wolfgang heute das Unternehmen führt.
Tochter Lisa Paus ist Mitglied des Deutschen Bundestages
Sowohl im Betrieb als auch im Raum Emsbüren und darüber hinaus weiß man, welchen Anteil Ehefrau Agnes als Kauffrau an der rasanten Entwicklung des Betriebes hat.
Beide haben sowohl in platt als auch in hochdeutsch ein interessantes Interview gegeben:
Kinderarbeit gehörte einfach zum bäuerlichen Leben und war aus ihm nicht wegzudenken.
Daher gab es fast auf jedem Hof eine ganze Reihe von Kindern, wenn die erste Frau etwa im Kindbett gestorben war, mit einer zweiten Frau bis zur doppelten Zahl.
Kinder waren nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sondern auch Kapital, gewissermaßen ein bäuerliches Statussymbol.
Die Bauern dachten eben praktisch, wobei Kinderlosigkeit im gewissen Grade als Schande angesehen wurde. Man sagte, daß ein Bauer niemals bankrott gehen könne, wenn er viele Kinder habe.