Viele Heuerleute wanderten im 19. Jahrhundert aus – vornehmlich in die USA

Ein Beitrag von

in dem Buch auf Seite 299

Die allermeisten Heuerleute waren ja in die Neue  Welt aufgebrochen mit dem dringenden Wunsch, dort eine eigenständige und unabhängige Landwirtschaft betreiben zu können. Das konnte jedoch nicht in jedem Fall auf Anhieb gelingen, weil das nötige Kapital dafür nicht vorhanden war. So nahmen sie durchaus   in Kauf, dass sie sich zunächst in den sich sehr stark entwickelnden Städten (allen voran Cincinnati) ansie￾delten und dort einfache Arbeiten übernehmen mussten, um sich Kapital zu besorgen. Dabei passierte es auch, dass sie sich im nichtlandwirtschaftlichen Bereich beruflich qualifizieren konnten und sich so ins städtische Leben integrierten.

Andere jedoch blieben dennoch ihrem Vorsatz treu und ließen sich landwirtschaftliche Flächen ausweisen, die sie teilweise zu einem sehr geringen Kaufpreis erhielten. Sie rodeten den Wald und machten die Gegend urbar unter größtenteils schwierigsten Bedingungen. Das vorhandene oder geborgte Geld wurde also in aller Regel zum Kauf von Land angelegt. Die ersten Behausungen fielen dagegen eher kläglich aus, durchaus vergleichbar mit den ursprünglichen Hütten der Siedler in Papenburg oder den Moorsiedlern in Deutschland.
Der US-amerikanische Historiker Walter D. Kamphoefner (am 5. März 1948 in Missouri geboren)
untertitelt ein Foto, das u. a. seinen Urgroßvater – einen ehemaligen Heuermann aus dem Raum Melle
‒ abbildet, dessen Name 1846 zum ersten Mal in amerikanischen Akten auftaucht: Dieses Foto von
1896 zeigt das Ehepaar Ernst Heinrich Kamphoefner und Klara Elisabeth, geb. Rökers, beide fast 80
Jahre alt, mit Tochter, Schwiegersohn Thellmann und ihren Enkelkindern vor dem Blockhaus, das
mit Anbauten und Verbesserungen ihr ganzes Leben lang ihr zu Hause in Amerika war. Auf Grund von
weiteren überlieferten Fotos darf man also annehmen, dass zumindest ein Teil der Siedler in Nordamerika zunächst schlechter gewohnt hat als in seinen Heuerhäusern in der ehemaligen Heimat.

Fotos: Archiv Dr. Timothy Sodmann

Dr. Jürgen Kessel (Damme): Geschichte der Mäßigkeitsbewegung – eine Neuerscheinung

Dr. Jürgen Kessel stellt sein neues Werk vor:

Mäßigkeitsbewegung, ein kurzes und kurioses Kapitel Dammer Geschichte

Mit leichtem Augenzwinkern stellten der Heimatbund für das Oldenburger Münsterland, vertreten durch Präsidentin Manuela Honkomp, und der Heimat- und Verschönerungsverein „Oldenburgische Schweiz“ mit dem Vorsitzenden Wolfgang Friemerding am 26. November 2025 Dr. Jürgen Kessels neuestes Werk „Zur Geschichte der Mäßigkeitsbewegung im Oldenburger Münsterland – am Beispiel des Dammer Mäßigkeitsvereins“ vor. Denn dies fand in der Traditionsgaststätte Butke-Bollmann statt, durchaus bei einem Gläschen Wein. Doch alles schön der Reihe nach…

Um diese Bewegung der Mäßigung zu verstehen, sollte man sich nach Jürgen Kessel zunächst einmal in die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts versetzen, als der größte Teil der Bevölkerung verarmt war, namentlich der untersten bäuerlichen Schicht der Heuerleute angehörte. Angesichts manch festlicher Gelegenheiten konsumierten auch diese Leute alkoholische Getränke. Doch das billigste Getränk war seinerzeit der Branntwein. Folglich gab es 1818 allein im Dammer Kirchspiel 18 lizensierte Brennereien, von den privaten ganz zu schweigen. Neben vielen kirchlichen und öffentlichen Feiertagen gab es ohnehin ständig familiäre Anlässe wie Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse, bei denen reichlicher Alkoholkonsum üblich war.

Das führte schließlich dazu, was Kessel im Pfarrarchiv der katholischen Kirche St. Viktor zwischen alten Kirchenbüchern entdeckte: ein Protokollbuch des Dammer Mäßigkeitsvereins von 1842 mit über 1000 Namen, die einst dessen Mitglied waren. Dieses Dokument sei für den gesamten norddeutschen Raum einzigartig, denn Vergleichbares war bisher nicht bekannt. Der Anstoß dazu sei vonseiten der katholischen Kirche gekommen, weil die Sorge um den schädlichen Einfluss des Alkohols erhebliche gesellschaftliche Schäden verursacht habe.

Die Bewegung habe nun insbesondere durch den Osnabrücker Kaplan Johann Matthias Seling, den „Mäßigkeitsapostel“, Fahrt aufgenommen. Dieser habe über die Sorge für die Armen einen engagierten Feldzug gegen den Alkoholmissbrauch geführt. Als begabter „Propagandist“ wirkte er mit Reden, Predigten und seinen selbst gedichteten Liedern weit über Osnabrück hinaus bis ins Münsterland, Emsland und in den Oldenburger Raum. Seine Lieder sind gesammelt in der 1847 erschienenen „Rüstkammer gegen die Macht des Branntweins“. Insgesamt soll er 150 Städte und Dörfer besucht und 82000 Menschen zur Enthaltsamkeit verpflichtet haben.

Zweimal war Seling 1844 nach Damme gekommen, einmal sogar in seiner Mission fünf Tage lang. Seine Erfolge waren überwältigend, denn im März dieses Jahres zählte der Verein 1887 Mitglieder, im Mai schon 1910 „bekehrte Personen“. Da waren es allerdings nach einer Satzungsänderung auch Frauen und Kinder. Der Vereinsvorstand, der bald schon auf 17 Personen aufgestockt worden war, ging dabei sehr rigoros gegen „Missetäter“ vor, die beim Alkoholkonsum erwischt worden waren, wobei das Denunziantentum allerdings weit verbreitet war.

So heftig die Entwicklung zu Beginn der 1840er Jahre war, so schnell ging sie auch wieder vorüber. Spätestens mit der 1848er Revolution und dem schwindenden Einfluss von Klerus und Adel lief die Mäßigkeitsbewegung aus. Das aufgefundene Protokollbuch endet demnach 1851. Allerdings findet das Bestreben um Eindämmung übermäßigen Alkoholgenusses seine Fortsetzung in den Mäßigkeitsbruderschaften, deren Spuren sich dann in den Folgejahren ebenso verlieren.

Dr. Kessel führte am Schluss aus, dass dies seine endgültig letzte Buchvorstellung sei, da ihm das Lesen und Forschen durch irreparable Augenprobleme sehr erschwert werde. Der mittlerweile Achtzigjährige hat jedoch im Laufe seines Lebens der Dammer Geschichtsschreibung unschätzbare Dienste erwiesen, denn die Liste seiner Veröffentlichungen ist sehr lang und hat mehrere umfangreiche Forschungs-Schwerpunkte mit regionalem Bezug. In Anerkennung dafür ist ihm schon 2010 der Kulturpreis der Stadt Damme verliehen worden.

Das Buch ist erhältlich beim Heimatbund für das Oldenburger Münsterland, Bahnhofstr. 82, 49661 Cloppenburg, info@heimatbund-om.de sowie im Stadtmuseum Damme, Lindenstr. 20, 49401 Damme, stadtmuseum.damme@outlook.de

 

 

„Mittelalter und Moderne – Das Heuerlingswesen in der Weimarer Republik“ – Vortrag in Lohne

 

Vortrag im Industriemuseum Lohne:
„Mittelalter und Moderne – Das Heuerlingswesen in der Weimarer Republik“
Donnerstag, 5. Februar 2026, 19 Uhr

Lohne. – Das Industriemuseum Lohne lädt am Donnerstag, den 5. Februar 2026, um 19 Uhr zu einem spannenden historischen Vortrag ein. Unter dem Titel „Mittelalter und Moderne: Das Heuerlingswesen in der Weimarer Republik“ beleuchtet der Historiker Dr. Christian Westerhoff die Geschichte einer in der Forschung häufig übersehen unterbäuerlichen Schichten: die Heuerleute.

Westerhoff zeigt, wie konfliktreich die Situation im westlichen Niedersachsen nach dem Ersten Weltkrieg war. Die Inflation verleitete die Bauern zu Pachtsteigerungen, die viele Heuerleute nicht tragen konnten und wollten – Auseinandersetzungen und Kündigungen prägten den ländlichen Alltag.

Über drei Jahrhunderte war das Heuerlingswesen prägend für große Teile Nordwestdeutschlands: Landarbeiter pachteten Haus und Land von Bauern und waren im Gegenzug zur Arbeit auf deren Hof verpflichtet. Im 19. Jahrhundert stellten Heuerleute in einigen Teilen des Oldenburger Münsterlandes sogar mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Trotz ihrer sozialen und politischen Bedeutung wurden sie in der Forschung lange kaum beachtet.

Dr. Westerhoff zeigt in seinem Vortrag, wie sich diese unterbäuerliche Schicht nach der Novemberrevolution politisch organisierte und bemerkenswerte Erfolge erzielte. So setzte sie bereits 1920 die Pachtschutzordnung durch, die kurzfristige und ungerechte Kündigungen untersagte. Die Interessenverbände der Heuerleute – teils dem Zentrum, teils der SPD verbunden – entwickelten sich zu verlässlichen Stützen der jungen Demokratie. Der Historiker Benjamin Ziemann bezeichnet sie daher als „standhafte Befürworter und Verteidiger des republikanischen Staates“, eine „Ausnahme und eine Erfolgsgeschichte, die nicht vergessen werden sollte“.

Trotz politischer Fortschritte blieb die soziale Lage vieler Heuerleute jedoch schwierig. Arbeits- und Lebensbedingungen veränderten sich nur langsam und blieben teilweise bis in die 1950er Jahre hinein bestehen.

Mit seinem Vortrag eröffnet Dr. Westerhoff einen neuen Blick auf die Weimarer Republik – jenseits der großen Städte und bekannten politischen Akteure. Der Abend verspricht spannende Einblicke in ein Stück regionaler Sozialgeschichte, das bis heute nachwirkt.

Der Eintritt ist frei.

 

Klara – Heuerlingsleben nach 1850 von Inge Merkentrup

 

Als ihr Mann Wilhelm in Emstek 1866 eine Heuerstelle findet, ist Hedwig 24 Jahre alt. Die Zeiten sind ungünstig, denn die Bauernhöfe im Oldenburger Münsterland gehören nach den Agrarreformen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den ältesten Söhnen. Ihre Brüder müssen in der weiten Umgebung eine Arbeitsstelle bei einem Bauern suchen.

Das Heuerhaus von Wilhelm und Hedwig ist klein für sie und ihre drei Kinder Karl, Klara und Bernhard. Der Pachtvertrag beinhaltet große Verbindlichkeiten für die Eheleute. Werden sie die Pacht abbezahlen können?

Klara – „Kein Leben wie meine Mutter“

Nächste Lesebuch: Vechta – Heimatbücherei 28. 2. 2026     19 Uhr

Abbruch eines Heuerhauses in Lohne/Olbg.

Hier handelt es sich um eine seltenes Filmdokumentation: Ein ehemaliges Heuerhaus wird sorgsam abgebaut, um es anschließend wieder errichten zu können.

Der Großteil dieser Häuser wurden etwa ab 1960 zusammengeschoben oder abgebrannt. Man wollte nicht mehr an die Zeit des Heuerlingswesens erinnert werden.

Zur Geschichte der Mäßigkeitsbewegung – eine Neuerscheinung von Dr. Jürgen Kessel (Damme)

Im Jahr 1852 gründete sich im katholisch geprägten Damme ein Verein, der dem übermäßigen Alkoholkonsum entgegenwirken wollte – ein Spiegelbild der gesellschaftlichen, religiösen und politischen Umbrüche im 19 Jahrhundert.

Jürgen Kessel zeichnet erstmals die Geschichte dieser wenig bekannten Bewegung anhand des im Archiv des Bischöflichen Münsterschen Offizialates erhaltenen und im vorliegenden Werk vollständig transkribiertes Protokollbuches nach. Er beleuchtet Entstehung, Struktur und Wirkung der Dammer Mäßigungsvereins sowie die sozialen Netzwerkkonflikte einer dörflichen Gemeinschaft im Wandel. (Rüchwärtiger Klappentext)

Im nachfolgenden Videobeitrag  gibt Dr. Kessel einen Einblick in die sozio-ökonomischen Verhältnisse der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

https://www.youtube.com/watch?v=2Qjd_FXh07E&t=864s

 

 

 

Zur Geschichte der Mäßigkeitsbewegung – Ein Buch von Dr. Jürgen P. R: Kessel (Damme)

 

Im Jahre 1842 gründete sich im katholisch geprägten  Damme ein Verein, der dem übermäßigen Alkoholkonsum entgegen wirken  wollte – ein Spiegelbild der gesellschaftlichen, religiösen und politischen Umbrüche im 19. Jahrhundert.

Jürgen Kessel zeichnet erstmals die Geschichte dieser wenig bekannten Bewegung anhand des im Archiv des Bischöflichen Münsterschen offiziell hartes erhaltenen und im vorliegenden Werk vollständig transkribiertes Protokollbuches nach er beleuchtet Entstehung, Struktur und Wirkung des Dammer Mäßigungsvereins sowie die sozialen Netzwerke und Konflikte einer dörflichen Gemeinschaft im Wandel. (Text rückwärtiger Buchdeckel)

Wie Heinrich Schwarte seine Heimat in Niederlangen-Siedlung fand

Von Susanne Risius-Hartwig

Beitrag vom 24.02.2019 in der NOZ (Neue Osnabrücker Zeitung)

 

Heinrich Schwarte aus Niederlangen-Siedlung ist drei Jahre alt, als er mit seiner Familie von Ost-Brandenburg in die alte Heimat nahe Lingen flieht. Obwohl er sich nicht daran erinnern kann, sagt er, dass die Zeit ihn geprägt hat.

Mehr als 700 Kilometer hat die fünfköpfige Familie zu Fuß zurückgelegt. Für das Gepäck durften sie nur einen Handwagen mitnehmen. Drei Monate dauerte der Fußmarsch im Juli 1945 von Ost-Brandenburg in ihre alte Heimat nahe Lingen. Die Mutter hochschwanger, Sohn Heinrich erst drei Jahre alt. „Ich habe keine Erinnerung an diese Zeit,“ sagt der Landwirt im Ruhestand. Und doch hat das Erlebnis ihn und seine Familie geprägt.

Als Heinrich Schwarte 1942 geboren wurde, bauten sich seine Eltern gerade eine Existenz als Landwirte in Brandenburg, im heutigen Polen auf. 1928 war dort ein landwirtschaftliches Gut aufgeteilt und unter anderem auch an die Heuerleute aus dem Emsland verkauft worden. „14 bis 16 Hektar Fläche und Siedlungshäuser fast im Stil wie hier“, erzählt der 76-Jährige. Der Vater war vorgegangen, die Mutter folgte 1932 nach. Es wurde geheiratet, vier Kinder wurden geboren, eines starb mit einem halben Jahr.

Im Treck ging es bis Helmstedt. „Von da aus konnten wir mit der Bahn weiter.“ Ziel war der Hof der Großeltern mütterlicherseits in Gersten. Anfang Oktober wurde dort sein jüngerer Bruder geboren. „Es ist ein Wunder, dass wir alle zusammen geblieben und alle gesund angekommen sind,“ ist Schwarte dankbar.

Gelebte Nachbarschaftshilfe

In Gersten war Schwarte als Vierjähriger der Liebling seiner Oma, erinnert er sich lächelnd. Ein Jahr lang lebte die Familie Schwarte in Gersten als seine Eltern erneut die Möglichkeit ergriffen, urbares Ackerland in Niederlangen-Siedlung zu bekommen. „Die Eltern haben drei Jahre lang in einer Baracke gelebt. 1949 sind wir in das Haus eingezogen, in dem wir heute noch wohnen.“

Viele der Vertriebenen stammten ursprünglich aus dem Lingener Raum, hatten in Brandenburg zusammen gelebt und suchten jetzt wieder im Emsland eine Heimat. Einige trafen die Schwartes in Niederlangen-Siedlung wieder. Hier war der Zusammenhalt dann besonders groß. Man teilte sich zum Beispiel mit dem Nachbarn einen Trecker. „Hier haben alle bei Null angefangen, man hat sich geholfen, das war hundertprozentig.“

Kommunal-Politik klopfte an

Zuhause in Niederlangen hatte Heinrich Schwarte den elterlichen Betrieb übernommen. “Ich habe die Landwirtschaft gerne gemacht”, erzählt er. Mit 16 oder 17 Jahren ist er bei der Gründung der Landjugend dabei gewesen und hat im Vorstand mit angepackt. Schützen, Sportverein und später der Heimatverein konnten auf ihn zählen. Im Kirchenbauverein St.Johannis wurde er mit einbezogen, lange hat er in der Gemeinde als Lektor gewirkt. 1968 wurde Schwarte gebeten, für den Gemeinderat zu kandidieren, erinnert er sich. Mit 26 Jahren war er damals das jüngste Mitglied.

Die Kommunalpolitik klopfte an und als Ratsmitglied und stellvertretender Bürgermeister kandidierte Heinrich Schwarte 1991 für die Nachfolge von Bürgermeister Hermann Terhorst. “Das war eine interessante Zeit,” sagt Schwarte im Rückblick, denn “ich bin skeptisch empfangen worden.” Damals habe es noch Vorbehalte zwischen den Ortsteilen gegeben und es sei stets sein Bestreben gewesen, diese zu überwinden.

Ein Schicksalsschlag war der plötzliche Tod des Sohnes mit 29 Jahren. Ein Arbeitsunfall riss ihn aus dem Leben. Das war auch für die Geschwister nicht einfach, sagen die Schwartes. Sie besuchten ein Trauer-Seminar, stellten aber bald fest: “Wir schaffen das alleine.” Als Paar und zusammen mit Bekannten, die Ähnliches erlebt haben, stützen sie sich in der Trauer. “Das hat uns zusammengeschweißt und im Glauben bestärkt,” betont Schwarte.

Rentnerleben mit Ehrenamt

Beruflich veränderte sich Schwarte noch einmal, gab die Landwirtschaft auf und war als Fleisch-Kontrolleur des Landkreises beim Sögeler Schlachthof tätig. 2007 begann sein Rentner-Leben, das er heute mit Ehefrau Hanne, drei Kindern und vier Enkeln genießen kann. In seiner Freizeit pflegt er zusammen mit vier befreundeten Rentnern den Friedhof . Alle 14 Tage trifft man sich um Hecken zu pflanzen, das Pflaster auszubessern, eine Blumenwiese anzulegen oder Kreuze zum Maler zu bringen. Im Schutzgebiet Kapellenmoorgraben engagiert sich Schwarte ehrenamtlich bei der Pflege des schwarzbunten Niederungs-Rindes.

Die letzten 80 Jahre im Emsland

Dieses Buch erschien zum Ende des Jahres 2011, die zweite Auflage kam im Januar 2012 in den Markt.

Autor: Bernd Robben in Kooperation mit Theo Mönch-Tegeder

Diese Buch-Edition ist seit Mitte 2012 ausverkauft. Auf dieser Website soll nun dieses „etwas andere Geschichtsbuch“ zur Historie des Emslandes kostenlos angeboten werden.

Der Inhalt wird nach und nach hier folgen....




Vorwort von Theo Mönch-Tegeder

 

Zwei Lebensbeschreibungen in einem Buch – Bio­grafien zweier Männer, die einander zwar gekannt haben mögen, aber ansonsten keine wesentlichen Berührungspunkte aufweisen. Was verbindet sie so sehr miteinander, dass sie sich gemeinsam zwischen ein und denselben Buchdeckeln wiederfinden?

Bevor wir uns der Frage zuwenden, gebietet es schon die Höflichkeit, zunächst die beiden Protagonisten vorzustellen, um die es auf den folgenden Seiten ge­hen wird:

Heinrich Leveling, Jahrgang 1938, in Emsbüren und darüber hinaus besser bekannt als Pöttker Hinnerk, verdiente seinen Lebensunterhalt als Viehkaufmann, und unter den Vertretern dieses stark im Schwin­den begriffenen Berufsstandes gilt er als eines der letzten Originale. Jeder, der ihn kennt, schätzt sein verschmitztes Lächeln und seine plattdeutsche Er­zählkunst, die nicht selten damit beginnt: „Du hör äs, datt mo‘ck di effkes noch vertelln…“ Und gern schließt er seine Döönkes nach Lachsalven seiner Zu­hörer mit dem Satz: „Ick konn de wall en Book över schrieven.“ Er meint damit all das, was ihm im Lau­fe seines langen Lebens begegnet und widerfahren ist. Das soll nun geschehen und damit beantwortet sich die Eingangsfrage schon zu einem kleinen Teil.

Bernd Botterschulte, geboren 1933, stammt von ei­nem Elberger Bauernhof. Weithin ist er bekannt als Botterbernd und ebenfalls als Meister der Erzähl­kunst, die er gekonnt mit einer nur ihm eigenen Mi­mik und Gestik zu garnieren versteht. Beruflich ist es ihm gelungen – durch sein besonderes Können als regional angesehener Architekt wie auch durch sei­ne persönliche Ausstrahlung -, dass man viele seiner

Ideen heute als kirchliche und weltliche Bauten be­staunen kann.

In beiden verbindet sich das Besondere mit dem Ty­pischen. Sie sind nicht nur als Charaktere ungewöhn­lich markant – schon das wäre Grund genug, sich mit ihnen literarisch zu befassen -, sondern sie ver­körpern die sogenannte erste Nachkriegs-Generati­on – also derjenigen, die kurz vor oder während des Zweiten Weltkrieges geboren wurden, dann die Hit­ler-Diktatur noch als kindliche oder jugendliche Le­benserfahrung in sich aufnahmen, aber dann nach 1945 die gesamte soziale, politische und wirtschaft­liche Entwicklung durchliefen, die uns inzwischen ins 21. Jahrhundert geführt hat.

Je genauer man hinschaut, je tiefer man in die Zei-tenströme hineintaucht, umso stärker gilt: Geschich­te setzt sich zusammen aus vielen Einzelgeschichten. Dies gilt zumal für die emsländische Sonderentwick­lung, die spezielle Herausforderungen zu bestehen hatte: so zum Beispiel die Integration einer weit über­durchschnittlichen Zahl Heimatvertriebener, sodann die enorme wirtschaftliche Aufholjagd vom Armen­haus der Nation zur Vorzeigeregion – verbunden mit dem Namen „Emslandplan“ -, ebenfalls das Erblühen von Schule, Kultur und Bildung und schließlich die Öffnung nach außen, die Überwindung einer Isola­tion, welche dem Emsland über Jahrhunderte den Schimpfnamen Muffrika beschert hatte.

Heinrich Leveling und Bernhard Botterschulte haben jeder auf seine Weise Anteil an dieser besonderen his­torischen Phase. Sie können „pars pro toto“ stehen, als Einzelne für das Ganze. Wer sich mit ihrem Leben beschäftigt, dem entfaltet sich Schicht für Schicht die gesamte Zeitgeschichte. So ist dieses Buch auch zu lesen als eine Komposition aus verschiedenen Einzel­folien vom Individuellen bis zum ganz Allgemeinen. Übereinander gelegt ergeben sie ein mehrdimensi­onales Gesamtbild. Der große Schriftsteller Walter Kempowski (1929 – 2007) hat hierfür mit seinem Werk Echolot ein unübertroffenes Vorbild geliefert. Tagebücher, Briefe und andere Alltagszeugnisse aus ganz unterschiedlichen Quellen sind zu einem colla-genartigen Zeitengemälde verarbeitet. Oder anders ausgedrückt: Aus vielen kleinen Einzelstücken ergibt sich wie in einem Mosaik ein Gesamtbild.

Ähnlich ist Bernd Robben bei diesen Lebensbeschrei­bungen vorgegangen. Kann man ihn Autor nennen? Das auch, er hat Interviews geführt, recherchiert, Archive durchforstet, zusammengefasst, bewertet, geschrieben und fotografiert. Zutreffender aber ist in diesem Fall die Bezeichnung geistiger Urheber, denn aus den Einzelelementen seiner Sammel-Leidenschaft entstand am Ende in kreativer Kom­positionsarbeit etwas Neues. Der emsländischen Regionalgeschichte hat man sich schon auf manche Weise genähert, aber so noch nicht: vom Einzelnen ausgehend zum Allgemeinen. Die Bedeutung des Großen im Spiegel des individuellen Schicksals – mit seinen Chancen und Widrigkeiten, den Herausforde­rungen und Gefährdungen.

Ist es ein Zufall, dass Bernd Robben sich gerade in die­ser Form dem Thema nähert? Wie der Dichter Kem-powski war er bis zu seiner Pensionierung Pädagoge, Dorfschullehrer. Beide haben ihre eigenen Erfahrun­gen damit, was es erfordert, Erfahrung und Wissen in wohlschmeckenden, verdaubaren Portionen zu ser­vieren – und zwar so, dass sie zum Wohlergehen der Leser und Betrachter beitragen. Hier wird geistiges Slowfood serviert, nicht Fastfood.

So kann zum Beispiel jüngeren Lesern deutlich wer­den, dass vieles von dem, was man heute für selbst­verständlich hält, noch gar nicht so lange Bestand hat. Den Älteren wird vielleicht noch einmal ge­ballt vor Augen geführt, welch eine Leistung sie ge­meinsam vollbracht haben, indem sie ein durch den schrecklichsten Krieg aller Zeiten schwer zerstörtes Land in ein nie gekanntes Wirtschaftswunder führ­ten. Auch wenn unsere Gegend von den direkten Ver­wüstungen im Gegensatz zu den großen deutschen Städten weitgehend verschont wurde, waren doch fast in jeder Familie gewaltige innere Schäden zu verkraften. Söhne und Väter starben für die wahn­sinnige Idee eines Dritten Reiches. Die Tafeln mit den Namen der Gefallenen und Vermissten auf den Krie­gerehrenmalen jedes Dorfes geben Zeugnis davon. Andere, die zurückkamen, behielten zum Teil schlim-me Blessuren an Leib und Seele.

Botterbernd und Pöttker, wie sie nun im Buch genauso wie in ihrer vertrauten Umgebung gleichermaßen liebevoll und mit Achtung genannt werden, haben diese Zeit nur als Kinder miterlebt. Und doch: Wir werden erleben, welchen Einfluss diese frühen Erleb­nisse auf ihre Lebensgeschichte genommen haben.

Osnabrück, im Oktober 2011

Die Veröffentlichung dieses Buches aus dem Jahre 2011 auf dieser Plattform ist als ein besonderes Gedenken an Theo Mönch-Tegeder gedacht.

 

Die letzten 80 Jahre im Emsland