Dr. Jürgen Kessel stellt sein neues Werk vor:
Mäßigkeitsbewegung, ein kurzes und kurioses Kapitel Dammer Geschichte
Mit leichtem Augenzwinkern stellten der Heimatbund für das Oldenburger Münsterland, vertreten durch Präsidentin Manuela Honkomp, und der Heimat- und Verschönerungsverein „Oldenburgische Schweiz“ mit dem Vorsitzenden Wolfgang Friemerding am 26. November 2025 Dr. Jürgen Kessels neuestes Werk „Zur Geschichte der Mäßigkeitsbewegung im Oldenburger Münsterland – am Beispiel des Dammer Mäßigkeitsvereins“ vor. Denn dies fand in der Traditionsgaststätte Butke-Bollmann statt, durchaus bei einem Gläschen Wein. Doch alles schön der Reihe nach…
Um diese Bewegung der Mäßigung zu verstehen, sollte man sich nach Jürgen Kessel zunächst einmal in die Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts versetzen, als der größte Teil der Bevölkerung verarmt war, namentlich der untersten bäuerlichen Schicht der Heuerleute angehörte. Angesichts manch festlicher Gelegenheiten konsumierten auch diese Leute alkoholische Getränke. Doch das billigste Getränk war seinerzeit der Branntwein. Folglich gab es 1818 allein im Dammer Kirchspiel 18 lizensierte Brennereien, von den privaten ganz zu schweigen. Neben vielen kirchlichen und öffentlichen Feiertagen gab es ohnehin ständig familiäre Anlässe wie Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse, bei denen reichlicher Alkoholkonsum üblich war.
Das führte schließlich dazu, was Kessel im Pfarrarchiv der katholischen Kirche St. Viktor zwischen alten Kirchenbüchern entdeckte: ein Protokollbuch des Dammer Mäßigkeitsvereins von 1842 mit über 1000 Namen, die einst dessen Mitglied waren. Dieses Dokument sei für den gesamten norddeutschen Raum einzigartig, denn Vergleichbares war bisher nicht bekannt. Der Anstoß dazu sei vonseiten der katholischen Kirche gekommen, weil die Sorge um den schädlichen Einfluss des Alkohols erhebliche gesellschaftliche Schäden verursacht habe.
Die Bewegung habe nun insbesondere durch den Osnabrücker Kaplan Johann Matthias Seling, den „Mäßigkeitsapostel“, Fahrt aufgenommen. Dieser habe über die Sorge für die Armen einen engagierten Feldzug gegen den Alkoholmissbrauch geführt. Als begabter „Propagandist“ wirkte er mit Reden, Predigten und seinen selbst gedichteten Liedern weit über Osnabrück hinaus bis ins Münsterland, Emsland und in den Oldenburger Raum. Seine Lieder sind gesammelt in der 1847 erschienenen „Rüstkammer gegen die Macht des Branntweins“. Insgesamt soll er 150 Städte und Dörfer besucht und 82000 Menschen zur Enthaltsamkeit verpflichtet haben.
Zweimal war Seling 1844 nach Damme gekommen, einmal sogar in seiner Mission fünf Tage lang. Seine Erfolge waren überwältigend, denn im März dieses Jahres zählte der Verein 1887 Mitglieder, im Mai schon 1910 „bekehrte Personen“. Da waren es allerdings nach einer Satzungsänderung auch Frauen und Kinder. Der Vereinsvorstand, der bald schon auf 17 Personen aufgestockt worden war, ging dabei sehr rigoros gegen „Missetäter“ vor, die beim Alkoholkonsum erwischt worden waren, wobei das Denunziantentum allerdings weit verbreitet war.
So heftig die Entwicklung zu Beginn der 1840er Jahre war, so schnell ging sie auch wieder vorüber. Spätestens mit der 1848er Revolution und dem schwindenden Einfluss von Klerus und Adel lief die Mäßigkeitsbewegung aus. Das aufgefundene Protokollbuch endet demnach 1851. Allerdings findet das Bestreben um Eindämmung übermäßigen Alkoholgenusses seine Fortsetzung in den Mäßigkeitsbruderschaften, deren Spuren sich dann in den Folgejahren ebenso verlieren.
Dr. Kessel führte am Schluss aus, dass dies seine endgültig letzte Buchvorstellung sei, da ihm das Lesen und Forschen durch irreparable Augenprobleme sehr erschwert werde. Der mittlerweile Achtzigjährige hat jedoch im Laufe seines Lebens der Dammer Geschichtsschreibung unschätzbare Dienste erwiesen, denn die Liste seiner Veröffentlichungen ist sehr lang und hat mehrere umfangreiche Forschungs-Schwerpunkte mit regionalem Bezug. In Anerkennung dafür ist ihm schon 2010 der Kulturpreis der Stadt Damme verliehen worden.
Das Buch ist erhältlich beim Heimatbund für das Oldenburger Münsterland, Bahnhofstr. 82, 49661 Cloppenburg, info@heimatbund-om.de sowie im Stadtmuseum Damme, Lindenstr. 20, 49401 Damme, stadtmuseum.damme@outlook.de

