Über Gesundheit in Schwartenpohl

Notizen über Gesundheit und Hygiene in der kleinen Bauernschaft Schwartenpohl zwischen Lingen und Nordhorn

Der Dorfschulmeister Albes hielt am 8. März 1935 (Bd. 1, S. 30) anlässlich einer

amtsärztlichen Untersuchung der Kinder fest: „Wer als Städter das erstemal seine in bekleidetem Zustande immerhin gesund und kräftig scheinenden Kinder entblößt vor sich sieht, ist sicherlich sehr enttäuscht.

Man glaubt eine teilweise unterernährte Großstadtkindergruppe vor sich zu haben.

Und nach den mannigfachen Erfahrungen muß man zu dem Urteil kommen, daß unsere Kinder – was Ernährung anbetrifft– nicht zu ihrem Recht kommen. Daß Sauberkeit des Körpers und der Wäsche bei einzelnen als recht dürftig bezeichnet werden muß, schließt das Bild nur ab. An Punkto Körperhygiene, Gesunderhaltung, Krankenpflege zeigen einige Bauern eine fast strafbare Gleichgültigkeit. Man darf bei den Bauern ja nicht alles auf Konto Unwissenheit setzen“.

Im Oktober 1937 vertiefte sein Nachfolger Joseph Hölscher, der sich in seinen Niederschriften als strammer Gefolgsmann Hitlers zeigt, diese Eindrücke in einem eigenen Kurzkapitel, das er mit „Land und Leute“ überschrieb (Bd. I, S. 44-46): „Als Fremdem fallen einem die guten und schlechten Seiten des hiesigen Menschenschlages besonders scharf auf. Eine hervorragende Eigenschaft des Schwartenpohlers wie des Emsländers wohl überhaupt, besonders auf dem Dorfe, ist seine Hilfsbereitschaft. Alle Nachbarn, etwa 6 Familien, helfen sich gegenseitig bei allen möglichen Gelegenheiten, auch dem Lehrer.

Wie häufig brachte uns ein Bauer von Lingen oder Wietmarschen die ihm aufgetragenen Sachen für Haushalt oder Schule gern mit. Zugegeben, es gibt Unterschiede unter den Leuten. Selbstverständlich wollen die Leute auch Entgegenkommen sehen. – Eine Eigenschaft haben die Leute, die in der ganzen Gegend verbreitet zu sein scheint. Sie heben bei jeder Gelegenheit hervor, daß die Leute hier gut und hilfsbereit sind. –

Noch ein Wort führen sie stets im Munde. Die Leute hier sind fest überzeugt, daß sie „gut gesund“ sind, und daß hier „gesunde Luft“ ist. Man muß im Stillen lächeln über diese Naivität. Was in anderen Gegenden unseres Vaterlandes eine Selbstverständlichkeit ist, redet man sich hier sehr eifrig vor, aus unbewußter Angst, daß es wahrscheinlich doch anders ist. Tun wir einen Blick in die Wirklichkeit. Der Menschenschlag hier ist im Allgemeinen von mittelgroßer Gestalt, hager, doch nicht sehr knochig und kräftig. Hünen von Gestalt und Kraft sind hier eine wahre Seltenheit. Gründe dafür sind wahrscheinlich eine ungesunde und kärgliche Ernährungsweise.

Das selbstgebackene Brot ist läppisch im Geschmack, da mit Milch u. ohne Sauerteig zubereitet, ferner nicht durchgebacken und zu teigig! Ich kann mir denken, daß lebenslanger Genuß solchen Brotes zu Störungen der Magentätigkeit führt. Von guter und schmackhafter, abwechselungsreicher Zubereitung von Speisen mit einfachen Mitteln scheint hier kaum eine Bauersfrau etwas zu verstehen. Das konnte auch im Kochunterricht der Schulmädchen festgestellt werden. – Tatsache ist, daß es hier in der Gegend allerlei Krebskranke und Schwindsüchtige gibt. Auch unter meinen Schulkindern sind eine Menge schwächliche und unterernährte Kinder. – Freilich, es ist zu verstehen.

Der Boden ist kärglich. Der Bauer muß sich quälen. Da muß er auch mit dem Essen sparsam sein. Doch ist das Sparen am verkehrten Ende. Die Kräftigung des Nachwuchses ist das Wichtigste. Leider wird da zu sehr gespart. – Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist oft übertrieben.

Die Eltern dürfen nicht die Hand auf die Kinder halten, wenn der Lehrer gerecht straft, und in Tränen des Mitleids ausbrechen.

Die Hygiene läßt sehr zu wünschen übrig. Die Kinder waschen sich z. Teil recht mangelhaft. Die Wäsche und Kleidung ist sehr häufig schmutzig.

Häufig sieht man chronischen Dreck. Zähneputzen kennt man nicht, außer einigen rühmlichen Ausnahmen. Badegelegenheit ist kaum vorhanden, wohl auch kaum ein Bedürfnis. Die Ordnungsliebe ist nicht sehr groß. Man sieht das in der Schule wie auf den Höfen, allerdings nur bei einem geringeren Prozentsatz. Bei Mädchen wurde Ungeziefer festgestellt.

All das wäre eine dankbare Aufgabe für Schule und Gesundheitspolizei. Doch wären nur drakonischste Maßnahmen angebracht“.

Dies ergänzte Hölscher 1937 an anderer Stelle durch folgende Notiz (Bd. 1, S. 71): „Am 3. Dezember war die 1. zahnärztliche Untersuchung durch Zahnarzt Dr. Hüer- Lingen. Der Gesundheitszustand der Zähne ist durchweg nicht der beste. Durch den Genuß allzu weichen und wenig durchgebackenen Brotes brauchen die Zähne zu wenig Kauarbeit zu leisten und daher wenig widerstandsfähig und werden schlecht.